Interview mit Prof. Philipp Bagus zu seinem Buch “Die Tragödie des Euro”

5.2.2012 - Philipp Bagus studierte Volkswirtschaftslehre in Münster und Madrid. Er promovierte unter der Leitung von Prof. Huerta de Soto zum Thema Deflation. Zurzeit ist er Professor an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. Er ist Autor zahlreicher Aufsätze und mehrerer Bücher. Misesinfo hat mit ihm über sein jüngstes Buch “Die Tragödie des Euro” gesprochen.

misesinfo: Herr Bagus, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Sie schreiben in Ihrem Buch über den Kampf zweier Visionen in Europa, der “klassisch-liberalen” und der “sozialistischen Vision”, deren Ziel eine immer stärkere Machtkonzentration in Brüssel ist. Derzeit scheint in diesem Kampf die “sozialistische Vision” vorne zu liegen, uneinholbar vorne? Wenn nicht uneinholbar, was könnte diese Entwicklung aufhalten?

Der Euro, und dies ist kein Zufall, führt uns in einen europäischen Zentralstaat. Wie ich in meinem Buch darlege, reizt der dazu an, Schulden zu machen, für die letztlich Bürger anderer Mitgliedsstaaten geradestehen. Der Euro erlaubt eine monetäre Umverteilung zugunsten der Länder, die höhere Schulden machen. Die Konstruktion ist hoch explosiv und hat zur gegenwärtigen Staatsschuldenkrise geführt. Die kann nun als Vorwand für mehr Zentralisierung in Europa genutzt werden. Bei der Planung des Euros scheint dieser Aspekt auch eine wichtige Rolle gespielt zu haben – zumindest bei einigen Akteuren.
Eine Transferunion braucht neue zentrale Entscheidungsträger. Eine europäische Wirtschaftsregierung kann dann auch zur Gleichschaltung von Steuersätzen gebraucht werden. Davon haben wir beim Fall Irland oder dem Fiskalpakt schon erste Ansätze gesehen. Wird der Steuerwettbewerb erstmal ausgehebelt und werden neue Europasteuern eingeführt, wird die Macht Brüssels immer weiter wachsen. Es sieht also nicht gut aus für die klassisch-liberale Vision, die auf Freiheit und Privateigentum setzt und damit einem interventionistischen Zentralstaat gegenübersteht. Noch besteht aber Hoffnung. Wenn die Bürger in den Ländern scharf gegen Rettungspläne von Staaten protestieren, kann die Transferunion vielleicht noch abgewendet werden. Vielleicht wird in einigen Staaten der Druck aus der Bevölkerung so groß, dass es zu Austritten aus dem Euro kommt. Das wäre eine große Niederlage für die “sozialistische Vision”. Der Traum wäre erstmal ausgeträumt. Die Eurozone könnte zerbrechen. Die Zentralisierung wäre in Frage gestellt und die Entwicklung könnte recht schnell hin zu einer europäischen Freihandelszone gehen. Die liberale Vision könnte sich so noch durchsetzen. Aber der Druck muss dazu aus der Bevölkerung kommen, die sich gegen die Umverteilung und Rettungsaktionen stellt.

misesinfo: Die Entwicklung bei der EZB jedenfalls scheint den derzeit eingeschlagenen Weg zu bestätigen. Die letzten “Falken” Axel Weber und Jürgen Stark sind von Bord. Neuer EZB-Chefvolkswirt wurde überraschend der Belgier Peter Praet. Der Einfluss Deutschlands reduziert sich zusehends. Verliert die EZB ihre Unabhängigkeit?

Ja. Und diese Entwicklung ist auch kein Zufall. Die Bundesbank war in Europa gefürchtet, weil sie ihren relativ gemäßigten Inflationskurs anderen Notenbanken aufzwang. Diese mussten mitziehen, wollten sie nicht schmachvoll abwerten. Wie konnte man sich dieses Einflusses entledigen und Kontrolle über die deutsche Geldpolitik gewinnen? Richtig, mit einer gemeinsamen Währung, dem Euro. Dann könnten vor allem Frankreich und Italien ungehinderter inflationieren und Staatsausgaben durch die Notenpresse finanzieren. Um die deutsche Bevölkerung zu beruhigen, wurde die EZB formal unabhängig gemacht und symbolisch in Frankfurt positioniert. Frankreich und die anderen Club-Med Länder bekamen jedoch den Fuß in die geldpolitische Tür. Von nun an ging es darum, den deutschen Einfluss zurückzudrängen, was ganz einfach ist: Deutschland ist im EZB-Rat in der Minderheit und kann einfach überstimmt werden. Axel Weber und Jürgen Stark wurden schon hinausgedrängt. Der neue Chefvolkswirt wird ein Belgier. Er kommt aus dem Land, was nach Italien, dem Heimatland des EZB-Präsidenten, am nächsten am Bankrott steht. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Die EZB entwickelt sich immer mehr zum Handlanger der Politik, welche das Europrojekt am Leben erhalten will. Dafür werden Junkbonds akzeptiert und angekauft (Staatsanleihen aus der Peripherie), sowie eigene Regeln und Versprechen gebrochen. Von Unabhängigkeit kann also keine Rede sein.

misesinfo: Ein anderer Punkt ist die Komplexität des Geldsystems, die meisten Menschen können hier nicht mehr folgen, stellen es aber auch nicht in Frage, weil es als “status quo” betrachtet wird. Sie wundern sich nur noch, dass die Schulden immer weiter steigen. Ihnen ist schlichtweg nicht bewusst, wie Geld entsteht. Können Sie dies unseren Lesern in möglichst einfachen Worten erklären?

Unser heutiges Geld entsteht in zwei Stufen. Zunächst sind es die Zentralbanken, die neue Zentralbankreserven und Geldscheine herstellen. Die Scheine drucken sie einfach, die Reserven entstehen auf Knopfdruck im Computer. Die Zentralbanken bringen das neue Geld dann in den Umlauf, in dem sie zum Beispiel Kredite an Banken vergeben oder andere Gegenstände kaufen, vor allem Staatsanleihen, wodurch sie die Staatsausgaben finanzieren. Die Geschäftsbanken können in einem zweiten Schritt dann selbst Geld herstellen. Da sie keine Geldscheine ausgeben können, bleibt ihnen nur das Herstellen von Geld im PC. Eine Bank kann neues Geld herstellen und damit beispielsweise einen Kredit an einen Häuslebauer vergeben. Sie bedienen sich dabei der Sichteinlagen, die eigentlich zur Verwaltung und jederzeitigen Verfügung hinterlegt worden sind. Dies ist Geldschöpfung aus dem Nichts und ganz legal. Sie schreibt dem Häuslebauer dann einfach neues und zusätzliches Geld auf seinem Konto gut. Die Geldmenge und die Schuldenmenge steigen. Wer würde nicht gerne Geld aus dem Nichts schaffen können? Stellen Sie sich vor, Sie könnten einen Zettel nehmen und drauf schreiben, 1000€ und damit Güter bezahlen. Genau das können die Banken, in dem sie Geld im Computer schaffen. Die Banken haben dieses Privileg vom Staat erhalten. Die Staaten haben dieses Privileg ein wenig eingeschränkt, d.h. die Geldschaffung ist nicht unbegrenzt. Denn Banken müssen eine Mindestreserve in Bargeld oder auf ihrem Konto bei der Zentralbank halten. Wenn die Zentralbank in der ersten Stufe neues Zentralbankgeld schafft, und den Banken leiht oder ihnen Staatsanleihen abkauft, dann können die Geschäftsbanken in der zweiten Stufe die Geldmenge kräftig steigern, in dem sie selbst neues Geld per Knopfdruck kreieren.

misesinfo: Herr Bagus, Sie schreiben, dass “die Finanzkrise – mit Ihrem dramatischen Zuwachs an Staatsschulden – in gewissem Sinne ein Sprung nach vorn in Richtung des ohnehin unvermeidlichen Zusammenbruchs des Wohlfahrtsstaates sei”. Sehen Sie diesen Zusammenbruch der Wohlfahrtsstaaten generell oder glauben Sie, dass Deutschland die Kraft hat, sich dem zu entziehen?

Bereits vor der Finanzkrise waren die europäischen Wohlfahrtsstaaten hoffnungslos überschuldet und auf dem Weg in den Staatsbankrott oder die galoppierende Inflation. Vor allem die untragbaren Rentensysteme und die Überalterung der Gesellschaft, explodierende Kosten im staatlichen Gesundheitswesen, jedoch auch im Bildungssektor sind langfristig nicht tragbar. Die Finanzkrise hat die Staaten jetzt noch schneller vor die Entscheidung gestellt: Entweder den Wohlfahrtsstaat – besser wäre wohl der Ausdruck Schlechtfühlstaat -zurückstutzen, oder es kommt zum Staatsbankrott. Deutschland hat in diese Richtung vor allem durch die Agenda 2010 einige Schritte unternommen. Daher steht Deutschland bei den Arbeitslosen auch so gut da. Es reicht aber noch nicht. Und offensichtlich hat Deutschland keine Kraft, auch für die Wohlfahrtsstaaten der Peripherieländer aufzukommen. Daher müsste Deutschland, um einen Zusammenbruch zu vermeiden, auch aus dem Euro in seiner jetzigen Form aussteigen.

misesinfo: Herr Bagus, vielen Dank für das Interview. Wir können Ihr Buch “Die Tragödie des Euro” jedem empfehlen, der seinen Blick für die Entwicklungen in Europa schärfen und die Zusammenhänge verstehen möchte.

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