„Ein Österreicher in Hamburg“.

28.2.2012 – Interview mit Dipl.-Kfm. Herwig Weise, Geschäftsführer der Mack & Weise Vermögensverwaltung, über Europa, Schulden und die Österreichische Schule.

Misesinfo: Herr Weise, Bundeskanzlerin Merkel betont immer wieder: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“. Sie haben kürzlich in einem Interview mit dem Deutschen Anlegerfernsehen gesagt: „Scheitert der Euro nicht, dann scheitert Europa“. Warum haben Sie hier eine völlig gegenteilige Meinung?

Dipl.-Kfm. Herwig Weise

Herwig Weise: Ich habe das Gefühl, dass Frau Merkel zur Rechtfertigung der Euro-Hilfen nichts weiter als Billigpropaganda verwendet. Es ist klar erkennbar, dass der Euro große ökonomische Ungleichgewichte in der Eurozone verursacht hat. Die Deutschen und die Eurokraten treten mittlerweile in Griechenland als Sparkommissare auf und schaffen dort die Demokratie ab. Das vereint Europa natürlich nicht und kommt sicher nicht dem Friedensprojekt Europa zu Gute. Ganz im Gegenteil, man sieht jetzt Frau Merkel in griechischen Zeitungen gar als Hitler-Abbild. Da wird klar, dass der Euro eher Unfrieden in Europa stiftet und dass wir jetzt Probleme haben, die wir vor der Euro-Einführung nicht hatten.

 

Misesinfo: Kann man aus Ihren Äußerungen schließen, dass für Sie der Euro keine Zukunft hat?

Herwig Weise: Der Euro hat nur dann eine Zukunft oder eine etwas längere Zukunft, wenn Europa in einer Transferunion vereint wird, mit der gleichzeitigen Abschaffung der Demokratie. Wenn nämlich der ESM so eingeführt wird, wie es derzeit geplant ist, werden die nationalen Staaten haushaltstechnisch quasi entmündigt. Das würde bedeuten, dass man dann eine Art Zentralkomitee in Brüssel hat, das den Weg in Europa bestimmt. Aber die Abschaffung der Demokratie, sagt jedenfalls der Eine oder Andere, werden die Menschen auf  dem Altar des Euros nicht so gerne opfern wollen. Und es stellt sich zudem die Frage: wie lange machen die Transfergeber das mit? Irgendwann wird die Bevölkerung merken, dass  uns diese Transferpolitik echtes Geld kostet, spätestens wenn dann in Deutschland Steuern erhöht oder staatliche Leistungen zurückgefahren werden . Die Frage ist auch: wie lange lassen es sich die Griechen oder andere gefallen, dass ein Zentralkomitee in Brüssel in die eigenen Länder hineinregiert. Wahrscheinlich ist Griechenland dann als erstes an der Reihe, über den Euro auf der Straße abzustimmen.

Misesinfo: Bewegen wir uns derzeit in Richtung einer monetären Planwirtschaft, speziell was die Märkte für Staatsanleihen betrifft?

Herwig Weise: Was die Anleihenmärkte betrifft, da ist die EZB ja bereits in die zentrale Planwirtschaft eingestiegen. Sie glaubt, beurteilen zu können, welche Renditen für ein Land risikogerecht sind und manipuliert den Markt durch ihre Aktionen in ungeheuerlicher Weise. Die Monopolisierung des Geldes durch die Notenbanken ist, wenn man darüber nachdenkt, die Hauptursache der heutigen Verschuldungskrise.

Misesinfo: Lassen Sie uns über das Verschuldungsproblem sprechen. Wir sind sicher einer Meinung, dass wir nicht nur ein Staatsschuldenproblem, sondern ein Verschuldungsproblem insgesamt haben, also auch bei den Unternehmen und den Privaten. Wir scheinen ein Aufschuldungsniveau erreicht zu haben, das kaum mehr steigerbar scheint. Alle Welt rechnet jetzt mit einer inflationären Lösung. Sehen Sie auch die Lösung über die Inflation?

Herwig Weise: Da sind wir uns einig. Das Überschuldungsproblem, das wir derzeit haben, ist historisch ohne Beispiel. Es ist auch ohne Zweifel, dass der Boom seit 1982 zu großen Teilen darauf zurückzuführen ist, dass sich die Haushalte, Unternehmen und Staaten gleichzeitig in gigantischer Weise verschuldet haben. Die Schulden sind aber weniger in Investitionen, sondern vor allem in den Konsum geflossen. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass Verschuldung nichts weiter als vorgezogener Konsum ist, der in Zukunft ausfällt. Und es stellt sich die Frage: Wie fällt er aus? Inflationär oder deflationär, das heißt: auf welche Weise platzt die Verschuldungsblase? Die Einfachökonomen sind natürlich schnell der Meinung, das funktioniert nur über Inflation, aber das Beispiel Japan zeigt, dass dies nicht so einfach ist. Wenn wir uns bewusst machen, dass wir in einem Kredit- und Schuldgeldsystem leben, in dem neues Geld eben durch neue Schulden in die Welt kommt, stellt sich die Frage: was passiert, wenn die Haushalte und Unternehmen keine Schulden mehr machen, weil sie eben nicht mehr investieren oder weil sie schon bis zur Halskrause verschuldet sind? Bleibt nur noch der Staat, der sich in der Finanzkrise durch Konjunkturhilfen und Banken-Bailouts aber bereits maßlos verausgabt hat. Verschulden sich aber die Staaten wirklich in dieser Weise weiter, um die Inflation in Gang zu bringen? Im Moment sieht es so aus, dass die Japaner und die USA diesen Weg gehen, während Europa eher das Gegenteil propagiert. Ich glaube, man darf den deflationären Druck, der im System ist, auf gar keinen Fall unterschätzen. Die Privathaushalte bauen derzeit Schulden ab, entweder dadurch, dass sie zurückzahlen oder pleite gehen. Im Moment gleicht der Staat das gerade so aus. Für mich ist der Ausgang noch völlig offen, ich glaube, dass wir kurzfristig ein bisschen näher auf der deflationären Seite unterwegs sind.

Misesinfo: Wenn ich Formulierungen höre, wie „Abschaffung der Demokratie“‚ „zentrale Planwirtschaft“, „Geld entsteht durch Kredit“: darf ich Sie als „Österreicher in Hamburg“ bezeichnen?

Herwig Weise: Ja, als Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie.

Misesinfo: Das lässt sich an Ihren Äußerungen auf jeden Fall erkennen. Warum glauben Sie, dass die Österreichische Schule so unbekannt ist, wo doch ihr Denken und Ihre Lehren so logisch sind?

Herwig Weise: Gute Frage. Die Logik erschließt sich bei der Lektüre der österreichischen Schule nicht für jeden automatisch. Sie ist intellektuell, wie ich glaube, viel anspruchsvoller als die keynesianische Schule, die – wie sie heute gelehrt wird – reine Formelmathematik ist. Aber man muss auf jeden Fall eines ganz klar erkennen: die keynesianische Theorie, so wie sie heute interpretiert wird, ist an der Wirklichkeit mehrfach gescheitert, während die Österreichische Schule in meinen Augen weder in der Theorie, noch in der Praxis bisher widerlegt worden ist. Es ist die beste Theorie, die wir haben. Dass sie für die Politiker unbequem ist, das ergibt sich von selbst und daher ist anzunehmen, dass die Österreichische Schule an den Staatsuniversitäten deshalb nicht gelehrt wird, weil sie unseren ausgabenfreudigen Politikern konträr entgegensteht.

Misesinfo: Herr Weise, vielen Dank für dieses Gespräch.

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