Das Problem der Staatskultur

9. Oktober 2026 – von Philipp Bagus

Warum kündigt ein Unternehmen einem unbequemen Mitarbeiter? Warum schließt eine private Plattform bestimmte Meinungen aus? Warum weigert sich ein Hotel, seinen Saal an einen Veranstalter zu vermieten? Ein Libertärer kann zunächst antworten: Der Eigentümer entscheidet, wen er beschäftigt und wem er Zugang zu seinem Eigentum gewährt. Ein Boykott oder eine verweigerte Einladung ist keine staatliche Zwangsmaßnahme. Das ist richtig, greift aber in einer Gesellschaft, deren Wertvorstellungen über Jahrzehnte vom Staat geprägt wurden, zu kurz. Genau hier setzt mein Beitrag „The Problem of State Culture“ im Journal of Libertarian Studies an.

Freiheit bedeutet nicht, von Kritik, Ablehnung oder gesellschaftlichen Erwartungen verschont zu bleiben. Wer seine Nachbarn unfreundlich behandelt, muss damit rechnen, nicht mehr eingeladen zu werden. Die Ablehnung durch andere verletzt sein Eigentum nicht. In diesem Punkt haben Libertäre recht, wenn sie John Stuart Mills Vorstellung einer „Tyrannei“ gesellschaftlicher Konventionen widersprechen. Zwischen sozialem Druck und physischem Zwang liegt ein meilenweiter Unterschied.

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Doch was geschieht, wenn der Staat zuvor die Vorstellungen der Menschen systematisch verändert hat? Man stelle sich vor, er zwinge einen Teil der Bevölkerung in ein Umerziehungsprogramm und bringe ihn dazu, Rothaarige zu hassen. Anschließend boykottieren private Geschäfte rothaarige Kunden. Die Geschäftsinhaber begrenzen den Zutritt zu ihrem Eigentum; der Boykott als solcher verletzt keine Eigentumsrechte. Dennoch liegt eine offensichtliche Ungerechtigkeit vor: Die Präferenzen, aus denen der Boykott erwächst, wurden durch staatlichen Zwang erzeugt. Man darf die späteren privaten Entscheidungen nicht isoliert von ihrer Entstehung beurteilen.

Ich nenne „Staatskultur“ eine soziale Ordnung, in der der Staat die vorherrschenden Normen, Werte und Deutungen der Wirklichkeit durch systematische Eingriffe in das Eigentum maßgeblich prägt. Dazu braucht er keine vollständige Kontrolle über Zeitungen oder Unternehmen. Es genügt, wenn Schulen, Hochschulen, öffentlich finanzierte Medien, Regulierung und Subventionen über lange Zeit beeinflussen, welche Begriffe selbstverständlich erscheinen, welche Anliegen als moralisch gelten und welche Ansichten als unanständig zurückgewiesen werden. Auch private Akteure übernehmen diese Maßstäbe. Wie stark diese Prägung im Einzelfall ist, lässt sich nicht a priori bestimmen; das ist eine historische Frage.

Die staatliche Prägung reicht weit über den Schulunterricht hinaus. Lizenzen, staatliche Anzeigen, Fördergelder und der Zugang zu politischen Entscheidungsträgern beeinflussen Medien. Unternehmen reagieren auf Regulierung, Subventionen und die Erwartung künftiger Eingriffe. Wer auf öffentliche Aufträge oder politisch begünstigte Finanzierung angewiesen ist, hat Gründe, sich der herrschenden Agenda anzupassen. ESG-Vorgaben („Environmental Social Governance“) und staatlich geförderte Programme für Diversität, Gleichheit und Inklusion (DEI) können auf diese Weise in vermeintlich private Entscheidungen eingehen. Selbst ohne ausdrückliches Verbot entsteht vorauseilender Gehorsam.

Auch die Wirtschaftsordnung formt die Kultur. Papiergeld und Inflation begünstigen kurzfristiges Denken; der Wohlfahrtsstaat verändert die Anreize zu Arbeit, Vorsorge und familiärer Verantwortung. Wenn staatliche Stellen Aufgaben übernehmen, die zuvor Familien, Kirchen und freiwillige Vereinigungen erfüllten, verlieren diese Institutionen an Gewicht. Über Generationen verändern solche Eingriffe die Gewohnheiten und moralischen Erwartungen einer Gesellschaft. Der Staat verändert damit den Rahmen, in dem Menschen überhaupt über Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit nachdenken.

Damit stellt sich eine unangenehme Frage für Libertäre. Wenn ein Unternehmen einen Regierungskritiker ausschließt oder eine Plattform staatskritische Meinungen unterdrückt, kann dies formal vom Eigentumsrecht gedeckt sein. Dennoch sollte man prüfen, ob das Unternehmen unabhängig entscheidet oder staatliche Anreize, Druck und eine von staatlichen Institutionen über Jahre geformte Moral reproduziert. Mein Argument richtet sich gegen die vorschnelle Schlussfolgerung, jede private Entscheidung sei Ausdruck einer frei entstandenen Kultur. Staatlich geprägte Cancel Culture kann moralisch kritisiert werden, auch wenn ein konkreter Boykott für sich genommen kein Rechtsbruch ist.

Wie lässt sich aus libertärer Sicht mit dem Problem der Staatskultur umgehen? Murray Rothbard stellte bei staatlichen Betrieben die Frage, wie man sie führen sollte, solange eine Privatisierung noch nicht möglich ist. Eine staatliche Bahn sollte ihre Fahrpreise möglichst an den Preisen eines freien Marktes ausrichten, statt Fahrten kostenlos anzubieten und Knappheiten zu erzeugen. Den genauen Marktpreis kann sie nicht kennen; die Annäherung dient indes als Maßstab, um Verzerrungen zu verringern. Diesen Gedanken übertrage ich auf die Kultur: Solange staatliche Einrichtungen wie staatliche finanzierte oder akkreditierte Schulen bestehen, sollten sie so geführt werden, dass sie die Normen einer freien Gesellschaft möglichst wenig verzerren, anstatt Bürger ideologisch zu erziehen oder abweichende Auffassungen zu unterdrücken.

Der Maßstab ist die hypothetische Kultur einer Gesellschaft ohne systematischen staatlichen Zwang. Sie lässt sich nicht exakt beobachten oder planen. Man kann aber fragen, welche Werte eine Ordnung aus freiem Eigentum und freiwilliger Zusammenarbeit begünstigen würde: Eigenverantwortung, Verlässlichkeit, Sparsamkeit, Wahrhaftigkeit, Achtung vor Leben und Eigentum sowie freiwillige Hilfe. Familie, Kirchen und freie Vereinigungen hätten mehr Raum, Werte weiterzugeben. Wissenschaftler und Künstler wären weniger von politischen Förderkriterien abhängig. Dieses Bild ist eine begründete Annäherung, keine exakte Vorhersage über sämtliche Lebensweisen einer freien Gesellschaft.

Die praktische Antwort beginnt mit Argumenten, Aufklärung und dem Aufbau unabhängiger Einrichtungen. In staatlichen Schulen, Universitäten und Medien sollten Libertäre der Indoktrination widersprechen. Eingriffe gegen formal private Akteure sind eine andere und schwierigere Frage. Im Aufsatz vertrete ich die kontroverse These, dass rechtliche Grenzen für private Zensur im äußersten Fall als zweitbeste Antwort vertretbar sein könnten, wenn diese Zensur Ausdruck von Staatskultur ist. Die private Zensur von Rothaarigen aufgrund des Indoktrinationsprogramms sollte verboten werden. Das ist kein allgemeiner Freibrief, Unternehmen staatliche Sprachregeln aufzuerlegen. Es verlangt die feine Unterscheidung zwischen eigenständiger Eigentümerentscheidung und der Fortsetzung staatlich erzeugten Drucks. Die Gefahr, mit neuen Eingriffen wiederum staatliche Macht auszuweiten, muss dabei ernst genommen werden.

Schließlich folgt aus der Analyse eine politische Folgerung. Libertäre sollten die kulturellen Voraussetzungen der Freiheit nicht für nebensächlich erklären. Wo Konservative Familie, freiwillige Bindungen und Verantwortung gegen die Ausweitung des Staates verteidigen, bestehen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Eine solche Allianz verdient Unterstützung, soweit sie Zwang langfristig vermindert; sie darf nicht in die Verteidigung eines anderen, konservativ gesteuerten Etatismus münden. Das langfristige Ziel bleibt eine Gesellschaft, deren Institutionen und Kultur ohne staatliche Lenkung wachsen können.

Die zentrale These lautet: Eigentumsrechte sind für Freiheit unverzichtbar. Um zu verstehen, wie frei eine Gesellschaft tatsächlich ist, müssen wir zusätzlich fragen, wie ihre Wertvorstellungen entstanden sind. Wer nur die „Momentaufnahme“ privater Zensur betrachtet, übersieht den „Film“ der Staatskultur, der ihr vorausging.

Der vollständige Beitrag: Philipp Bagus, „The Problem of State Culture“, Journal of Libertarian Studies 30 (2), 2026

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.  Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ (*) erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im September 2024 erschien sein Buch „Die Ära Milei“ (*).

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