Die systemische Siesta

4.6.2012 –

La Siesta (1890) von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

von Carolina Carmenes Cavia und David Howden.

Mit den Siegen über Deutschland bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 und der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gibt es kaum Zweifel, dass die Spanier auf dem Fußballfeld die Oberhand besitzen. Während die Spanier in der Fußballwelt die letzten fünf Jahre allen Grund zur Freude hatten, ist die wirtschaftliche Lage im Land eine komplett andere.

Die Arbeitslosenrate liegt in Spanien aktuell bei etwa 23 %, bei den Jugendlichen über 50 %. In Deutschland sind lediglich 6 % ohne Arbeit, nahezu das niedrigste Niveau seit der Wiedervereinigung. Diese Kluft verfestigt Spaniens Position unter den sich am schlechtesten entwickelnden Volkswirtschaften auf dem Kontinent, und Deutschland kann sich rühmen, unter den Besten zu sein.

Und dennoch erscheint die Situation paradox. Wirft man beispielsweise einen Blick auf die jeweiligen Arbeitslöhne, stellt man fest, dass sich die Löhne in Spanien auf deutlich niedrigerem Niveau befinden. Unternehmen, die bestrebt sind, ihre Gewinne zu maximieren, sollten dort ihre Kapazitäten ausbauen, um die Vorteile zu nutzen, die die Spanienkrise bietet und so den höheren Arbeitskosten in Deutschland aus dem Weg gehen.

Während die Betrachtung der rein nominellen Arbeitskosten für eine glänzende Zukunft Spaniens spricht, ergibt sich bei eingehender Analyse ein düstereres Bild.

Einer der Hauptunterschiede zwischen dem deutschen und spanischen Arbeitsmarkt ist die Höhe der Mindestlöhne. Ein spanischer Arbeiter mit Mindestlohn verdient ungefähr 633 Euro im Monat. In Deutschland dagegen gibt es keinen flächendeckenden Mindestlohn, mit wenigen Ausnahmen – in den Branchen der Bauarbeiter, Dachdecker und Elektriker beispielsweise.[1]

Deutsche Arbeitnehmer können ihre Löhne frei mit den Arbeitgebern aushandeln, ohne preisfestlegende Eingriffe und Reglementierung der Löhne seitens der Regierung. (Das bedeutet nicht, dass der deutsche Arbeitsmarkt völlig unreguliert ist – es existieren Tarifverträge für einzelne Branchen.)

Betrachten wir beispielhaft für die Situation in Deutschland die Baubranche. In den neuen Bundesländern erhalten Bauarbeiter einen Mindestlohn von ungefähr neun Euro pro Stunde, in den alten Bundesländern dagegen deutlich mehr – nämlich etwa elf Euro die Stunde.[2] Diese Differenz erlaubt es, dass unterschiedlich hohe Produktivität oder örtliche Angebots- und Nachfrageunterschiede das Lohnniveau beeinflussen. Fünf Tage Arbeit mit jeweils acht Arbeitsstunden ergeben für den deutschen Arbeiter somit einen Lohn zwischen 360 Euro und 440 Euro.

Es ist sofort erkennbar, dass ein Wochenlohn in Deutschland nahezu so hoch ist wie ein Monatslohn in Spanien. Was weniger einleuchtend ist, dass die deutschen Unternehmer daher ihre Kapazitäten nicht in das kostengünstigere Spanien verlegen.

Ein altes Sprichwort sagt „Je teurer die Entlassung, desto teurer die Einstellung“. Wenn sich ein spanisches Unternehmen entscheidet, einen Arbeitnehmer zu entlassen, liegt die Abfindung meist bei 32 Tageslöhnen für jedes Jahr, das der Arbeitnehmer beim Unternehmen beschäftigt war. Obwohl eine Entlassung in Deutschland auch nicht einfach ist, gibt es jedoch keine gesetzliche Abfindungsregelung. Stellt eine spanische Firma einen Arbeitnehmer ein, der seine Arbeitsleistung nicht wie erwartet erbringt, laufen enorme Kosten auf, um den Arbeitnehmer wieder zu entlassen. Arbeitgeber sind sich dessen bewusst und lassen bei Einstellungen entsprechende Vorsicht walten.

Dies macht die wahrgenommenen und zu erwartenden Arbeitskosten bisweilen höher als in Deutschland, obzwar sie nominal in Euro gesehen gegenwärtig niedriger sind. Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt seit der Einführung der gemeinsamen Währung vor über zehn Jahren. Wie im unteren Chart zu sehen ist, sind die durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland seit dem Jahr 2000 nahezu unverändert, während die  spanischen um ca. 25 % gestiegen sind.

Entwicklung der Arbeitskosten ausgewählter Euroländer - Quelle: Eurostat

Bei der Einstellung eines Arbeitnehmers ist der nominale Lohn aber nur die eine Seite der Medaille. Der Arbeitgeber muss auch wissen, wie produktiv der Arbeitnehmer sein wird. Auch nachdem wir die zusätzlichen Arbeitskosten in Spanien betrachtet haben, ein deutscher Arbeitnehmer könnte dennoch kostspieliger sein. Ein Unternehmen wird aber in der Regel immer den Arbeitnehmer einstellen, dessen Produktivität höher ist.

Wie wir anhand der beiden unteren Charts sehen können, hat sich über die letzten zehn Jahre eine deutliche Abweichung zwischen beiden Ländern ergeben. Während die Produktivität in Deutschland mehr oder weniger mit den leicht angestiegenen Arbeitskosten Schritt gehalten hat, ist die Situation in Spanien eine völlig andere. Die Produktivität hinkt hinterher, was bedeutet, dass ein spanischer Arbeiter auf realer Basis deutlich teurer ist, als er es vor zehn Jahren war.

Entwicklung von Produktivität und Arbeitskosten - Quelle: Eurostat

 

In seinem Buch Die Tragödie des Euro, erwähnt Philipp Bagus ein ähnliches Phänomen. Bagus verweist auf die Kombination aus (1) steigenden Arbeitskosten als Folge der Inflation in der Eurozone und (2) sich auseinander entwickelnder Produktivität zwischen den Ländern als Grund für die bestehenden Ungleichgewichte. In der Tat, Inflation war eine der Triebkräfte für steigende (und destabilisierende) Löhne in der Peripherie von Europa, vor allem in Spanien. Aber es sind auch, wie bereits erwähnt, Mindestlöhne, regulatorische Hemmnisse und Abfindungsregelungen, die die potenziellen Arbeitskosten in die Höhe treiben.

In beiden Fällen ist der Effekt der gleiche: Lohnniveaus spiegeln nicht unbedingt die wirklichen Arbeitskosten wieder, aber die sie umgebenden Bestimmungen und Regulierungen. In Spanien führt dies zu nicht wettbewerbsfähigen Löhnen. Eines ist jedoch wichtig zu wissen: dies bedeutet nicht, dass die Arbeit selbst nicht wettbewerbsfähig ist, es ist der Preis, von dem am Ende alles abhängt.

Jedes Gut hat seinen Preis, auch das Gut „Arbeit“. Wenn man Preise daran hindert, sich Angebot und Nachfrage anzupassen, entstehen Ungleichgewichte. Auf Arbeitsmärkten sind Ungleichgewichte gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit. Regelungen wie flächendeckende Mindestlöhne und großzügige Abfindungsregelungen behindern eine Marktbereinigung bei den spanischen Arbeitskosten.

Bevor die bestehenden Regelungen nicht gelockert werden, wird der spanische Arbeitsmarkt nicht wettbewerbsfähig werden. Und bevor der spanische Arbeitsmarkt nicht wettbewerbsfähig ist, wird das spanische Volk notwendigerweise eine erdrückende Arbeitslosigkeit zu ertragen haben.

[1]Minimum wage deal for German construction sector
[2] ebenda

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Der Artikel ist am 25. Mai 2012 auf mises.org erschienen – hier finden Sie den Originalbeitrag.

Übersetzung durch Andreas Marquart.

Carolina Carmenes Cavia studiert International Business an der St. Louis University, Madrid, Spanien.

David Howden ist Professor an der St. Louis University, Madrid, Spanien und Gewinner des Mises-Institut – „Douglas E. French“ Preises und Koautor mit Philipp Bagus von „Deep Freeze- Iceland´s Economic Collapse“.

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