Das Wunder des Bleistifts

12.4.2012 – Kein einzelner Mensch weiss genau, wie ein Bleistift hergestellt wird. Und doch ist es das normalste Schreibzeug der Welt, das täglich millionenfach, produziert, gekauft und verkauft wird. Wie ist das möglich?

von Karen Horn

Karen Horn

Die amerikanische Immobilienkrise. Dann die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Und nun die Staatsschuldenkrise. Viele Menschen argwöhnen, dass die Mechanismen der Wirtschaft grundlegend fehljustiert seien.

Sie kreiden heutige Missstände den Wissenschaftswissenschaften ebenso an wie der Bankenlobby. Hatte die Linke also doch Recht? War der ganze «neoliberale» Forderungskanon von Privatisierung bis Deregulierung ein grosser Irrtum? Ist der Menschheit die Steuerung des wirtschaftlichen Geschehens entglitten?

Das Ganze ist so komplex und unübersichtlich geworden und sieht dermassen gefährlich aus, dass sich viele danach sehnen, ein kleineres Rad zu drehen.

Es stimmt: Märkte stecken voller Risiken. Und sie sind eine schwer durchschaubare Angelegenheit. Genau hierin besteht ihre Tragik – kaum jemand versteht sie, und deshalb fällt es vielen schwer, sie zu mögen. Die spontane, arbeitsteilige Koordination auf freien Märkten erregt Misstrauen, weil sie sich bewusster menschlicher Planung entzieht. Insofern hat sie zugleich etwas Staunenswertes. Friedrich August von Hayek sprach 1974 in seiner Nobelpreisrede von einem «marvel» – einem Wunderwerk.

Recht bedacht, ist die Arbeitsteilung durch Märkte eine Zivilisationsleistung ersten Ranges. Ohne Arbeitsteilung gäbe es keine Smartphones, keine Laptops, keine Autos, keine Velos – nicht einmal ein so bescheidenes Ding wie einen Bleistift. Selbst jene Menschen, die grosszügig erklären, auf den Wohlstand verzichten zu wollen, zehren letztlich von ihm.

Kleines Wunder

Über das Wunder der friedlichen Kooperation auf Wettbewerbsmärkten, das selbst in einem schlichten Bleistift noch seinen Niederschlag findet, hat Leonard Read, Gründer und langjähriger Präsident der Foundation for Economic Education (FEE), 1958 ein Kleinod von einem Essay veröffentlicht: «I, pencil»*. Für eine wirklich grosse Verbreitung dieser anschaulichen Geschichte sorgte dann Milton Friedman mit seinem Buch «Free to Choose» und in einer seiner vielen klugen Vorlesungen, die man sich bis heute auf Youtube anschauen kann.

Read verdeutlicht anhand eines Bleistifts, dass wir von Gegenständen umgeben sind, die wir für selbstverständlich halten, auf die wir aber in Autarkie verzichten müssten. Wer weiss schon, wie man einen Bleistift selber herstellt? Und wer wäre in der Lage, an die dafür notwendigen Materialien zu gelangen, wenn deren Beschaffung nicht auf eine Vielzahl spezialisierter Menschen verteilt wäre? Das Graphit für die Mine des Bleistifts pflückt man nicht vom Baum, es muss in Bergwerksstollen abgebaut werden. Um den Baum zu fällen und das Holz zuzuschneiden, das die Minenschächte abstützt, braucht man eine Säge; für eine Säge braucht man Stahl; um Stahl zu gewinnen, muss man Eisenerze abbauen und sie schmelzen. Und so weiter. Wenn man alle Arbeitsschritte zusammenzählt, sind Tausende von fremden Menschen an der Herstellung eines Bleistifts beteiligt – und das, ohne einander jemals persönlich zu begegnen.

Wie ist das möglich? Wie nur, um den deutschen Ökonomen Walter Eucken zu zitieren, «wird dieses riesige Getriebe, das da auf der Erdkruste abläuft und von dem die Existenz aller Menschen abhängt, gelenkt?» Wie kommt es zu dieser erstaunlichen «Company of Strangers», wie der britische Ökonom Paul Seabright sein zeitgenössisches Buch zu diesem Thema überschrieben hat, freiwillig und ganz ohne Zwang? Wieso vertrauen wir Fremden, gerade so, als wären sie unsere nächsten Nachbarn? Was ist die Grundlage der Kooperation freier Menschen zum gegenseitigen Vorteil? Warum spezialisieren wir uns und machen uns damit bewusst voneinander abhängig? Ganz einfach: weil es sich lohnt. Und zwar für alle Beteiligten.

Voraussetzung und Basis von alldem ist ein funktionierendes, unverzerrtes Preissystem, das auf freien und wettbewerblichen Märkten dafür sorgt, dass die Produktionsfaktoren zum besten Wirt gelangen. Freie Marktpreise sind ein hocheffizientes Kommunikationssystem. Sie vermitteln Informationen über relative Knappheiten, die das Leben auf dem Planeten Erde nun mal charakterisieren – und sie tun dies, ohne dass jemand im Hintergrund die Transaktionen plant, koordiniert und steuert; ohne dass Menschen sich darüber explizit abstimmen müssen. Und dennoch springt für alle Beteiligten etwas dabei heraus. Durch die Arbeitsteilung vergrössert sich der gesamtwirtschaftliche Kuchen, der zu verteilen ist. Das Ganze funktioniert nur deshalb, weil Individuen auf Märkten freiwillig Geschäfte abschliessen, mit denen sie ihr jeweiliges Los und ihre Lage zu verbessern trachten. So stellen sich alle besser. Aber nicht alle freuen sich darüber.

Denn ja, es stimmt: der Markt ist hart. Er ist hart, weil er gerecht ist, wie Justitita, die auf vielen Abbildungen eine Augenbinde übergestreift hat: auf dass Gerechtigkeit herrsche, ohne Ansehen von Person und Hintergrund. In diesem Sinne ist auch die Blindheit des Mercurius, des Gottes der Händler, eine gute Sache. Für den Abschluss dieser Geschäfte ist es unerheblich, welcher Abstammung, welcher Hautfarbe, welcher Religion oder welcher politischen Überzeugung ein Marktteilnehmer ist. Es ist gerade die Abstraktheit der Märkte, die allen eine Chance gibt und alle verbindet. Darum sprach Hayek treffend von der «Katallaxie» – von dem Raum des Tausches, in dem man den Fremden zum Freund gewinnt.

Erfunden, aber nicht geplant

Der Markt gehört wie die Sprache zu jenen Institutionen, die der Mensch erfunden, aber nicht bewusst geplant hat. Einer der Entdecker des Wunders der Arbeitsteilung war Adam Smith, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens hat sich der schottische Moralphilosoph mit der Frage beschäftigt, wie sich komplexe Systeme koordinieren – unter anderem die Wirtschaft. In seinem Werk «Vom Wohlstand der Nationen» hat er 1776 eine Vielzahl von bahnbrechenden Beobachtungen festgehalten. Am bekanntesten ist seine Feststellung, dass der Markt – ausgestattet mit einem angemessenen Ordnungsrahmen – einen Ausgleich zwischen den Eigeninteressen von Anbietern und Nachfragern herzustellen vermag. So wie ein Bäcker nicht deshalb wohlschmeckende Brötchen backt, weil sich die Menschheit gut ernähren soll, sondern weil er dafür bezahlt werden will, so erwirbt auch ein Reicher nicht deshalb kostspielige Uhren, weil er den Lebensstandard der Feinmechaniker heben will, sondern weil er sich am Luxus erfreut. Das Wunder des Marktes macht möglich, dass beides auf einen Streich geschieht. Wäre dieser Mechanismus bewusstes Menschenwerk, dann würde man ihn stolz als grossartige Erfindung preisen!

Die wundersame Arbeitsteilung erklärte Smith mit absoluten Kostenvorteilen. Die Erkenntnis, dass schon relative, also komparative Kostenvorteile ausreichen, damit sich eine Spezialisierung lohnt, fand erst mit David Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts Eingang in die Wirtschaftswissenschaften. Aber eines war auch Smith schon klar: die Arbeitsteilung reicht so weit wie der Markt. Je offener die Märkte, desto grösser die Skalenerträge, die sich in der Produktion erzielen lassen. Umso intensiver kann die Arbeitsteilung ausfallen und umso grösser die Wohlfahrtswirkung. Diese ergibt sich indes nicht nur aus den schieren Grössenvorteilen der Produktion, sondern, wie Hayek später herausgearbeitet hat, auch durch die Wissensteilung, die mit der Arbeitsteilung verbunden ist. Das Preissystem erlaubt nicht nur, dezentrales Wissen zusammenzuführen, sondern lässt neues Wissen entstehen. Das ist die Wurzel von Kreativität und Innovation. Und der Markt sorgt dafür, dass sich deren Wohltaten rasch über nationale und natürliche Grenzen hinweg verbreiten. Wenn ihn die Politik nicht daran hindert.

Die Rolle der Institutionen

Natürlich ist das Wirken der Arbeitsteilung nicht voraussetzungslos. Der Impuls zur Arbeitsteilung kommt zwar von selbst zustande. Doch damit sich die Arbeitsteilung über ein elementares Niveau erheben kann, braucht es angemessene Institutionen und Regelwerke. Genau diese Erkenntnis stand im Zentrum der ordnungstheoretischen Arbeiten der Freiburger Schule um Walter Eucken nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Setzung und Durchsetzung der Regeln, innerhalb derer der wettbewerbliche Wirtschaftsprozess zum Wohle der Allgemeinheit stattfinden kann, liegt in der Obhut des Staates. «In einer Wettbewerbsordnung fördert und erhält der Staat die Wirtschaftsordnung, nicht aber den alltäglichen Wirtschaftsprozess, der auf Grund freier Entscheidungen der Haushalte und Betriebe erfolgt», schrieb Eucken in dem noch heute als Hinführung zur Ökonomik empfehlenswerten Büchlein «Nationalökonomie wozu?».

Die Gestaltung des Ordnungsrahmens stellt allerdings erhebliche Anforderungen an die Kunst und Einsicht der Regierenden. Es scheint mit den modernen politischen Prozessen nicht vereinbar zu sein, sich auf die Setzung und Bewahrung von allgemeinen und abstrakten Regeln zu beschränken. Erst wenn die Arbeitsteilung – zumindest teilweise – so zusammenbricht wie jüngst in der globalen Wirtschaftskrise, wird für jedermann nachvollziehbar deutlich, wie verheerend sich ordnungspolitisches Versagen auswirkt.

Der Mensch als Zoon politicon lebt in der ständigen Versuchung, den Marktkräften ins Handwerk zu pfuschen. Dabei täten wir besser daran, das Wunder des Marktes zu Gunsten aller Menschen wirken zu lassen. Zu welch wundervollen Dinge dies führt, daran erinnert uns der Bleistift jeden Tag auf‘s Neue.

*Leonard E. Read: I, Pencil: My Family Tree as Told to Leonard E. Read. In: The Freeman, Dezember 1958.

 

Dr. Karen Horn ist Vorsitzende der Friedrich-A. von Hayek – Gesellschaft.

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Der Beitrag ist im Schweizer Monat Ausgabe 994 erschienen. Vielen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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Hier finden Sie die deutsche Übersetzung des Essay’s „I, pencil“.

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