„Aus dem Gelddrucken kommt man nicht mehr heraus. Leider sieht es so aus, als werde sich die Geschichte wiederholen.“

16.9.2013 – Interview mit Detlev S. Schlichter zu seinem Buch „Das Ende des Scheins: Warum auch unser Papiergeldsystem zusammenbricht.“

Herr Schlichter, Sie waren bis zum Jahr 2009 als Wertpapierhändler und Portfolio-Manager tätig. Wie hoch schätzen Sie den Anteil unter Ihren früheren Kollegen, die wirklich verstanden haben, wie unser Papiergeldsystem funktioniert?

Detlev S. Schlichter

Wahrscheinlich gering. Aber bedenken Sie Folgendes: Die meisten meiner Kollegen waren äußerst gut informiert über die für ihren Aufgabenbereich relevanten Abläufe in unserem Finanzsystem, oder über solche, die allgemein für relevant gehalten wurden. Dazu gehörten gewisse Aspekte der Zentralbankarbeit und des Geldschöpfungsprozesses. Andere Aspekte des Papiergeldsystems, und vor allem grundsätzliche Fragen bezüglich der Stabilität von Papiergeldsystemen, blieben aber unberücksichtigt. Finanzprofis sind in der Regel hochspezialisierte Experten und sie befassen sich hauptsächlich mit dem, was fürs Geldverdienen unmittelbar Bedeutung hat. Darin liegt kein Vorwurf. Finanzmärkte sind kein Ort für Grundsatzdiskussionen. In den vergangenen drei Jahrzehnten galt der heutige globale Papiergeldstandard – der in dieser Form ja erst seit 1971 existiert – als hinreichend stabil, damit dauerhaft und, besonders für Händler und Investoren, schlichtweg als nicht zu hinterfragen, als einfach gegeben. „So ist es nun Mal, und so bleibt es.“

Und die Finanzkrise hat in der Branche nicht mal zum Nachdenken angeregt?

Doch, das ändert sich jetzt, meiner Meinung nach. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben wir es weltweit zunehmend mit wachsender Instabilität zu tun, und wir treffen vermehrt auf Verwerfungen, die ganz eindeutig auf grundsätzliche, system-immanente Ursachen schließen lassen, und die letztlich nur mit einer fundamentalen Analyse unseres Systems elastischen Geldes zu erklären sind: die häufige Blasenbildung in den Märkten für Vermögensgüter, die wachsenden Schuldenberge, wackelnde Banken, immer extremere Rettungsmaßnahmen und Stimulierungsprogramme der Notenbanken. Diese Phänomene sind global zu beobachten, und sie haben deutlich zugenommen. Systemanalysen werden jetzt relevanter. Und ich glaube, hier wird mein Buch vielen Lesern – auch meinen früheren Kollegen in der Finanzindustrie – neue Einblicke und Perspektiven ermöglichen.

Welche Reaktionen gab es denn von Insider-Kreisen auf Ihr Buch?

Insgesamt äußerst positiv. Eines der  schönsten Komplimente habe ich von einem erfahrenen Bank-Volkswirt erhalten, der mir bescheinigte, dass mein Buch ihm viele Aspekte unseres Geldsystems verdeutlicht hat, die ihm so auch nicht klar waren.

Gab es auch negative Reaktionen?

Eigentlich kaum. Vor allem nicht aus der Branche. Nach der Finanzkrise hat es natürlich viele Artikel und Bücher gegeben, die die Banker angreifen und die Finanzindustrie verurteilen, oder dunkle Machenschaften aufdecken wollen. Zu dieser Kategorie gehört mein Buch ganz und gar nicht. Ich zeige Grundprobleme unseres Finanzsystems auf und fundamentale Irrtümer in den heute dominierenden Wirtschaftstheorien. Das Buch ist sachlich und frei von Polemik. Natürlich gibt es Leute, die glauben, beständig von ‚leichtem Geld‘ profitieren zu können und die jede Diskussion von auf hartem Geld basierenden Alternativen (wie z.B. einem Gold-Standard) grundsätzlich ablehnen. Gleichzeitig erkennen aber auch viele, dass das derzeitige System große Probleme verursacht. Von denjenigen, die bereit sind, sich auf eine Fundamentalanalyse einzulassen, war das Feedback durchweg positiv.

Und wie hoch ist ihrer Schätzung nach der Anteil an Unwissenheit in der Bevölkerung?

Ebenfalls groß. Aber auch hier gilt, dass einiges ganz gut verstanden wird, anderes nicht, und dass grundsätzlich ein skeptisches Hinterfragen des Systems in den vergangenen Jahrzehnten eben nicht notwendig schien. Das System schien stabil. Nun ist es aber so, dass die grundsätzlichen Probleme mit Papiergeldsystemen (oder besser: elastischen Geldsystemen, eben solchen mit ständiger Geldmengenexpansion) einige Zeit brauchen, um zu spürbaren Verwerfungen zu führen, die jeder mit dem bloßen Auge sehen kann. Hier gilt das Gleiche, was ich eben über die Finanzprofis sagte: Das System ist weit weniger stabil als es in den vergangenen Jahrzehnten zu sein schien. Ungleichgewichte haben sich im Stillen akkumuliert. Jetzt werden sie immer sichtbarer. Daher wächst das Interesse an fundamentalen Fragen.

… Interesse ist ja schon mal gut, meist verirren sich die Leute aber dann irgendwo …

Ja, zu den weitverbreiteten Irrtümern, die auch oft von Finanzmarktexperten geteilt werden, gehört beispielsweise der Glaube, dass es in der wachsenden Volkswirtschaft einer ständigen Geldmengenausweitung bedarf, und dass wir also einen Geldproduzenten brauchen. Das ist falsch. Grundsätzlich kann jedes Maß an wirtschaftlicher Aktivität mit jeder Menge des wie auch immer gearteten Geldstoffes abgewickelt werden, letztlich auch mit einer unveränderlichen Menge Gold. Beim Geld kommt es eben ganz auf den Preis an, auf die Kaufkraft, das Austauschverhältnis zu anderen Gütern, und eben nicht auf die verfügbare Menge des Geldstoffes. Dann scheint ein großer Teil der Bevölkerung zu glauben, dass der Staat dem Geld irgendwie Wert vermittelt, über eine irgendwie geartete Deckung. Auch das ist falsch. Unser Geld ist völlig ungedeckt. Im Goldstandard bestand noch eine Auszahlungspflicht der Zentralbanken in physisches Gold. Heute geben Ihnen Zentralbanken nur neue Papierscheine gegen alte. Das ist, für sich genommen, noch kein Problem. Jede Form von Geld hat nur einen Geldwert dadurch, dass die Öffentlichkeit es im Verkehr als Tauschmittel akzeptiert. Der Handel bestimmt, was Geld ist und wie viel es wert ist. Das ist beim Gold nicht anders. Das Problem mit dem Papiergeld, oder unserem heute noch viel verbreiteterem immateriellen Buchgeld, ist nicht, dass es nicht mehr auf einer ‚wertvollen‘ Rohware basiert, sondern dass die Geldmenge weitgehend rasch und beliebig ausgedehnt werden kann. Die Elastizität der Geldmenge ist das Kernproblem.

… und noch ein verbreiteter Irrtum ist, dass die Leute glauben, neues Geld entsteht nur bei der Zentralbanken.

Genau, das meiste Geld wird heute nicht von Zentralbanken produziert, sondern von den Geschäftsbanken im Rahmen ihres Kreditgeschäfts. Das geht aber in diesem Ausmaß nur, weil die Geschäftsbanken darin von den Zentralbanken und vom Staat unterstützt werden. Dieser Prozess ist politisch gewollt und wird von der Mehrheit der Finanzmarktakteure gutgeheißen. Mein Buch zeigt, worin die Probleme diese Systems liegen.

Bleiben wir bei Irrtümern. Eine Deflation, die gemeinhin mit fallenden Preisen definiert wird, wollen Notenbanken unbedingt vermeiden. Haben Sie etwas gegen fallende Preise?

Nein, grundsätzlich nicht. Aber wir müssen hier bedenken, dass in der öffentlichen Diskussion Deflation und fallende Preise nur noch als Krisenphänomene behandelt werden. Oft wird dann rasch auf die 1930er Jahre und die Weltwirtschaftskrise verwiesen. Das ist aber viel zu eng. Es wäre so, als würde ich die von den Zentralbanken heute angestrebte Inflation von 2 Prozent mit der Hyperinflation der Weimarer Republik gleichsetzen.

In einem System mit weitgehend unelastischer Geldmenge – wie z.B. einem Gold-Standard – ist über lange Zeiträume mit einer anhaltenden, mäßigen Deflation zu rechnen, d.h. die Kaufkraft des Geldes steigt langsam an. Die Preise fallen im Trend. Güter und Dienstleistungen werden im Zeitablauf erschwinglicher. Das ist schlichtweg Ausdruck des wirtschaftlichen Fortschritts, der steigenden Produktivität. Das ist überhaupt kein Problem. Die oft geäußerte Befürchtung, dass wir in Erwartung fallender Preise ständig Kaufentscheidungen verschieben würden, ist falsch, da sie das unserem Handeln zugrundeliegende Element der Zeitpräferenz ignoriert. Wer etwas will, will es eben nicht irgendwann in der Zukunft, sondern möglichst bald. Wir können das heute ganz einfach in den Märkten für Elektroartikel und Kommunikationsgeräte sehen, in denen i. d. R. auch leichte Deflation herrscht. Für den momentanen Absatz von Laptops, DVD-Spielern und iPhones ist die Tatsache, dass sie jedes Jahr etwas billiger werden, auch kein Problem.

Andererseits ist die ’schlechte‘ Deflation – die deflationäre Krise – stets eine Gegenbewegung zu einem vorhergegangenen inflationären Boom, der seinerseits wiederum durch starke Geld- und Kreditausweitung verursacht wurde. Jüngst herrschten Deflationsängste, weil Immobilienblasen platzten und viele Banken wackelten, da sie absurd aufgeblähte Bilanzen hatten. Aber das gefährliche Ausmaß dieser Phänomene – Immobilienblasen und Bankbilanzen – kann man eben nur mit der starken Kreditausweitung der Vorperiode erklären. Eine solche wäre in einem echten Hartgeldsystem aber eben schwer möglich. Wer aber heute Wachstum mit leichter Geldpolitik kaufen möchte, der kann sich morgen über die deflationäre Korrektur nicht wundern.

Sie widmen in Ihrem Buch bisherigen Papiergeldsystemen ein eigenes Kapitel und zeigen auf, dass all diese Experimente bisher ausnahmslos gescheitert sind. Auch Ludwig von Mises schreibt in seinem Werk Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, dass ‚die moderne Organisation des Tauschverkehrs in ihrem Innern bereits den Keim der Zerstörung trägt’. Warum will einfach niemand aus der Geschichte lernen?

Leider habe ich darauf keine richtige Antwort. Es scheint tatsächlich so, dass die Versuchung, den Staat über das Gelddrucken zu finanzieren, oder über das Gelddrucken kurzfristige Wirtschaftsaufschwünge zu initiieren, so groß ist, dass Gesellschaften ihr immer wieder erliegen. Die ewige Wiederkehr des Gleichen. Anmerken möchte ich hier nur, dass Vertreter des Mainstreams behaupten werden, dass wir ja sehr wohl aus der Vergangenheit gelernt hätten. Die Zentralbanken seien heute weitgehend politisch unabhängig und hätten strikt auf die Inflation zu achten. Das ist natürlich oberflächlich und naiv. Vor allem wird hier nicht beachtet, dass in unserem System, auch wenn es mit den besten Vorsätzen und Intentionen betrieben wird, die gewünschte Geldentwertung nur über die fortlaufende Ausweitung der Geldmengen zu erreichen ist, die aber immer ein Verzerren der Zinssignale bedeutet  und damit zu Fehlverwendungen von Kapital führt. Diese bedingen dann früher oder später Rezessionen, und wann immer diese ins Haus stehen, werden die Zinsen eben weiter gesenkt und wird noch rascher Geld gedruckt. Es ist bezeichnend, dass mittlerweile alle großen Zentralbanken bei Nullzinsen und einer Politik aggressiver Bilanzaufblähung angelangt sind, um ein überschuldetes Finanzsystem am schmerzlichen Gesundschrumpfen zu hindern. Auch mit den besten Vorsätzen hat man sich in die Ecke manövriert. Aus dem Gelddrucken kommt man nicht mehr heraus. Leider sieht es so aus, als werde sich die Geschichte wiederholen.

Wenn Sie alleine bestimmen dürften, wie würden Sie das Geldsystem organisieren?

Der freie Markt soll das Geldwesen organisieren. Das kann der Staat oder irgendeine Behörde oder eine Gruppe Volkswirte nicht. Auch ich kann es nicht. Ein zentral organisiertes und erst recht ein staatlich gelenktes Geldwesen ist mit der freien Marktwirtschaft völlig unvereinbar. Auch was Geld ist, muss am Ende der Markt entscheiden. Theorie und Geschichte lehren uns, dass der Markt stets hartes, unelastisches Geld wählt, eben solches, bei dem niemand die Geldmenge beliebig kontrolliert, oder beliebig Geld drucken kann. Ich glaube, der Markt würde wieder auf Gold und/oder Silber als Basis des Geldsystems zurück greifen, aber ich würde ihm das nicht vorschreiben wollen. Es gibt ja auch faszinierende neue Entwicklungen im Bereich unelastischer, immaterieller ‚Währungen‘, wie zum Beispiel Bitcoin.

Und wie könnten Sie sich einen Übergang in eine neue Geldordnung vorstellen?

Auch was den Übergang angeht, würde ich auf Marktkräfte setzen. Natürlich könnte man die Zentralbank anweisen, das Gelddrucken einzustellen, die Geldbasis stabil zu halten, und nach einiger Zeit der Anpassung die Geldbasis wieder mit Gold zu unterlegen – natürlich zu einem drastischen höheren Goldpreis. Das ist in der Vergangenheit auch so schon öfter gemacht worden. Dies wäre also eine Möglichkeit. In Anbetracht unseres durch Jahrzehnte des Gelddruckens drastisch aufgeblähten Finanzsystems ist das ein heikler Prozess und die Gefahr besteht, dass er von der Politik manipuliert wird. Daher scheint es mir sinnvoller, den Staat möglichst rasch aus dem Geldwesen rauszuziehen. Es kommt zu einer völligen Trennung von Staat und Geld, so wie wir in modernen Gesellschaften eine Trennung von Staat und Kirche haben. Die Zentralbank wird privatisiert, genauer gesagt werden Anteile an der Zentralbank an die Geschäftsbanken übertragen, und zwar proportional zur Einlagenbasis der Banken. Die Zentralbank erfüllt wichtige Funktionen für den Zahlungsverkehr. Die Banken brauchen sie daher. Gleichzeitig können die Aktiva der Zentralbank (einschließlich der Goldbestände) jetzt zumindest zum Teil – natürlich nur einem kleinen Teil – die Einlagen der Bankkunden decken. Das Ganze sieht zunächst aus wie ein Geschenk an die Banken. Aber der Staat hat jetzt jede Verantwortung für das Bankensystem abgegeben, einschließlich staatlicher Einlagensicherung und jeglicher Ausfallgarantien. Der Staat hat sich von Geld- und Bankenpolitik verabschiedet, und die Banken sind jetzt auf sich gestellt. Sie sind jetzt echte marktwirtschaftliche Unternehmen. Sie besitzen zwar die Notenpresse, aber in Abwesenheit des vom Steuerzahler bereitgestellten Netzes und doppelten Bodens, werden sie damit sehr vorsichtig umgehen. Ein erster Schritt zum Marktgeld wäre getan.

Das sind nur erste Skizzen. Ich habe mich mit diesen Fragestellungen nicht eingehend beschäftigt. Da gibt es noch Forschungsbedarf. Mein Ziel mit Das Ende des Scheins war es, den bestehenden geldtheoretischen und geldpolitischen Konsens aufzubrechen. Der Irrglaube, dass elastisches, staatliches Papiergeld unter der Aufsicht von Zentralbanken wirtschaftliche Stabilität garantiert und Wohlstand bringen kann, und somit Fortschritt bedeutet, ist immer noch das größte Hindernis auf dem Weg zu gutem Geld.

Haben Sie vielen Dank, Herr Schlichter.

Das Interview wurde per mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

Fotos: Remy Hunter

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Detlev S. Schlichter ist Autor und Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Er war 19 Jahre als Händler und Portfolio-Manager in Frankfurt und London für J. P. Morgan, Merrill Lynch und Western Asset Management tätig. Im Jahr 2009 gab er seine leitende Position als Portfoliomanager auf, um sich ganz auf sein erstes Buch Das Ende des Scheins konzentrieren zu können. Detlev Schlichter lebt mit seiner Frau und drei Kindern im Londoner Stadtteil Hampstead. Zur Website von Detlev S. Schlichter gelangen Sie hier.

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