Der Zypern-Deal entzaubert das Teilreserve-Banksystem

24.4.2013 – von Joseph T. Salerno.

Joseph T. Salerno

Der „Zypern-Deal“ – so jedenfalls wurde er in den Medien bezeichnet – könnte der vorletzte Akt im schleichenden Kollaps des Teilreserve-Banksystems sein, der mit der Saving-and-Loan-Krise Ende der 80er Jahre in den USA seinen Anfang nahm. Diese Entwicklung setzte sich mit den Währungskrisen in Russland, Mexiko, Asien und Argentinien in den 90er Jahren fort, in denen das Teilreserve-Banksystem eine entscheidende Rolle spielte. Während des Beinahe-Zusammenbruchs des Finanzsystems im Jahr 2008, der Bank-Runs auf einige große und auf die am meisten verwundbaren Finanzinstitute der Welt auslöste, wurde die Funktionsweise des Papiergeldsystems mehr und mehr auch Kleinanlegern klar. Der finale Zusammenbruch konnte nur durch eine milliardenschwere Rettungsaktion durch die amerikanische Notenbank verhindert werden.

Noch mehr als die beispiellose Finanzkrise von 2008 könnten jedoch die Ereignisse in Zypern dem Papiergeldsystem letztendlich den Todesstoß versetzen. Denn ein Teilreserve-Banksystem kann nur bestehen, solange die Sparer hundertprozentiges Vertrauen haben, jederzeit zu 100 % über ihre Einlagen verfügen und diese zurückfordern zu können – ohne Rücksicht auf die finanziellen Nöte der Bank, der sie ihre Einlagen anvertraut haben. Seit dem zweiten Weltkrieg wurde die gesetzliche Einlagensicherung – rückgedeckt durch die Notenbank und ihre Fähigkeit, Geld zu drucken – stets als unerschütterliche Garantie erachtet; sie ließ dieses Vertrauen entstehen. So wurde das Teilreserve-Banksystem von den Sparern als Vollreserve-Banksystem wahrgenommen und sie verhielten sich, als wären ihre Einlagen stets „auf der Bank“, dank der Fähigkeit der Notenbanken, Geld aus dem Nichts herbeizuzaubern. Trotzdem das Finanzsystem seit Ende der 80er Jahre immer wieder von Krisen heimgesucht wurde, verstärkte sich (im Grunde paradoxerweise) diese Wahrnehmung unter den Sparern, weil in Schwierigkeiten geratene Banken und Sparkassen immer gerettet wurden – besonders die größten und instabilsten unter ihnen. Das ließ den Glaubenssatz „too-big-to-fail“ aufkommen. Diese Doktrin führte schließlich zur Rettung aller Investoren und Anleihegläubigern, wenn eine große Bank scheiterte, weil man verstanden hatte, dass das Vertrauen in das gesamte Bankensystem äußerst anfällig ist und es zerstört und sich in Luft auflösen würde, sollte auch nur eine einzige große Bank Bankrott gehen.

Kommen wir zurück zum Zypern-Deal, der aus Sicht eines freien Marktes nicht gerade eine Ideallösung darstellt. Bei einer Lösung, die konform mit einem freien Markt ginge, gäbe es keine eingeschränkten Barabhebungen, würden ausländischen und inländischen Investoren keine Kapitalverkehrskontrollen auferlegt, würden die Steuerzahler der restlichen Eurozone nicht gezwungen, bei einem Bail-out in einer Größenordnung von 10 Milliarden Euro mitzuwirken. Gleichwohl übermittelt der „Zypern-Deal“ aber auch eine heilsame Botschaft an Bankanleger und Bankgläubiger auf der ganzen Welt. Dies durch die Tatsache, dass auch die Halter von erstrangigen Anleihen und ungesicherten Einlagen Zyprischer Banken gezwungen werden, einen Teil der Rettungskosten zu tragen. Die Anleihegläubiger der zwei größten Banken werden ihre Ansprüche verlieren. Wie berichtet wird, könnten auch größere Einlagen (die nicht durch die Einlagensicherung abgedeckten Guthaben von mehr als 100.000 Euro) bei der Laiki Bank ebenfalls komplett verloren gehen. Das entspräche Verlusten in einer Größenordnung von etwa 4,2 Milliarden Euro; bei der Bank of Cyprus würden Anleger zwischen 30 und 60 Prozent ihrer Einlagen verlieren. Kleinanleger mit Guthaben bis 100.000 Euro sollen bei beiden Banken ihre Anlagen in voller Höhe behalten.

Das Gute daran ist, dass Gläubiger von Banken, egal ob ihre Einlagen unter eine Einlagensicherung fallen oder nicht, in Europa und weltweit vorsichtig oder gar misstrauisch werden, wenn sie künftig Geschäfte mit Teilreserve-Banken machen. Sie werden sich bei den kleinsten Gerüchten und Hinweisen auf irgendwelche Instabilitäten mit ihren Einlagen auf und davon machen. Das wird die Banken veranlassen, ihre Refinanzierungsquellen radikal zu verändern, weg von Einlagen hin zu mehr Eigenkapital. Entsprechende Berichte waren bereits zu lesen, und viele Analysten erwarten dies bereits:

Eine mögliche Auswirkung der gestrigen Vereinbarung ist ein gewisser Dominoeffekt auf die Bankenfinanzierung. Banken finanzieren sich typischerweise mit einer Kombination aus Einlagen, Eigenkapital, Schuldverschreibungen, nachrangigen Schuldverschreibungen und Pfandbriefen (wobei letztere gedeckt sind durch erstklassige Anlagen, die auf der Aktivseite der Bankbilanz zu finden sind).

Die Konsequenzen des Zypern-Bail-outs könnten sein, dass Banken vermehrt Contingent Convertible Bonds (eine neuartige Form von Wandelanleihen, die automatisch bei Eintreten eines vorher festgelegten Ereignisses in eine vorher festgelegte Menge an Aktien gewandelt werden – das sind die „Contingent-Convertible“-Anleihen, auch „CoCos“ genannt) nutzen, um sich zu refinanzieren, nachdem die Möglichkeit, Pfandbriefe zu emittieren durch gesetzliche Obergrenzen eingeschränkt ist, sagte Chris Bowie, Head of credit portfolio management bei Ignis, eine Firma, die rund 110 Milliarden US-Dollar verwaltet.

Wir erwarten, dass einiges an Einlagen umgeschichtet werden wird, in eine Kombination aus Pfandbriefen, echtes Eigenkapital und eigenkapitalähnliche Einlagen, so Bowie. 

Wenn dies tatsächlich so eintritt, wäre das ein bedeutender Schritt hin zu einem marktwirtschaftlichen Geldsystem, in dem die massive Fristeninkongruenz von Aktiva und Passiva hinsichtlich von Sichteinlagen ein für allemal ihr Ende findet. Es bedarf nur noch einiger Bankenkrisen in der Eurozone – vor allem eine, in der Einlagen unterhalb der Grenze der staatlichen Einlagensicherung in Form einer sogenannten „Bail-in“-Rettung mit einbezogen werden – und der Glaube an die Einlagensicherung würde sich wahrscheinlich in Luft auflösen, zusammen mit dem Vertrauen in das Teilreserve-Banksystem. Hieraus könnte sich dann auf natürlichem Weg ein System entwickeln, in dem Eigenkapital, Anleihen und Einlagen mit vereinbarten Laufzeiten, die nicht vor Fälligkeit verfügt werden können, zu einer Finanzierungsquelle für Bankdarlehen und Investments werden. Für Sichteinlagen gäbe es spezielle Depositenbanken, die eine Reserve von 100% halten und Dienstleistungen anbieten, die von Geldautomaten bis Kreditkarten reichen. Auch wenn dies alles sehr optimistisch klingt, der „Zypern-Deal“ hat uns dem sicherlich ein ganzes Stück näher gebracht. Natürlich wären wir noch einen Schritt weiter, hätte es überhaupt keinen Bail-out gegeben hätte und die ganze Last der Bankpleiten wäre von den Gläubigern und Anlegern getragen worden, statt zum Teil von den Steuerzahlern.

Letzteres hätte die wahre Natur des Teilreserve-Banksystems endgültig und vollständig für alle sichtbar werden lassen.

Dieser Beitrag wurde am 28.3.2013 unter dem Titel „Cyprus and the Unraveling of Fractional-Reserve Banking“ veröffentlicht –  http://mises.org/daily/6394/Cyprus-and-the-Unraveling-of-FractionalReserve-Banking. Der Beitrag wurde übersetzt von Andreas Marquart.

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Dr. Joseph T. Salerno ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Pace Universtity, New York. Er ist zudem Academic Vice President des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.

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