„Der Euro hat sich als Enteignungsinstrument erwiesen”

8.4.2013 – Interview mit Professor Dr. Ulrich van Suntum.

Herr Professor van Suntum, in einem Video-Beitrag (http://www.youtube.com/channel/UCUO9eOK9HaLIEGUCYfOd-SA?feature=watch) haben Sie jüngst über eine Ausstiegsmöglichkeit aus dem Euro nachgedacht. Was war der Auslöser?

Ulrich van Suntum

Der Euro hat sich in doppelter Hinsicht als Enteignungsinstrument erwiesen: Zum einen erleiden die Sparer durch die finanzielle Repressionspolitik der EZB Vermögensverluste, da die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen nicht einmal mehr die Inflation ausgleichen. Zum anderen drucken Defizitländer wie Griechenland und Italien derzeit faktisch Geld, mit dem sie dann in den Überschussländern wie Deutschland einkaufen. Das wurde dadurch möglich, dass sie der EZB inzwischen fast unbegrenzt Staatsanleihen und marode Banktitel verkaufen können. Damit sind aber die ursprünglichen Regeln der Währungsunion, die monetäre Staatsfinanzierung ausdrücklich verboten haben, in ihr Gegenteil verkehrt worden. Die Geschäftsgrundlage der Währungsunion ist somit entfallen, und wir sollten sehen, wie wir da heraus kommen.

Sie denken an die Einführung von „Parallelwährungen“. Können Sie Ihren Vorschlag etwas näher erläutern?

Knall auf Fall auszutreten wird für den Hauptzahler Deutschland  kaum gehen, da dann die Finanzmärkte erzittern würden. Man könnte aber eine Neue D-Mark (NDM) quasi durch die Hintertür wieder einführen, erst einmal als Parallelwährung zum Euro. Dazu sollte nach meinem Vorschlag die Bundesbank sie im ersten Schritt als reines Buchgeld mit besonderer Wertsicherung einführen. D.h. sie bietet 1  NDM zum Kurs von 1 Euro an, verspricht aber die jederzeitige Rücknahme gegen 1 Euro plus der inzwischen aufgelaufenen Inflation (in Euro gemessen). Damit wäre die NDM absolut wertstabil und würde zunehmend als Wertaufbewahrungsmittel und Vertragswährung den Euro in Deutschland verdrängen. Die Sparer bekämen wieder eine reale Verzinsung, und die anderen Länder könnten das in Deutschland akzeptierte Geld nicht mehr beliebig drucken lassen. Da die NDM wertstabiler als der Euro ist, wird von dem garantierten Umtauschrecht in der Praxis kaum Gebrauch gemacht werden. Vielmehr wird sich die NDM hierzulande immer mehr gegenüber dem Euro durchsetzen und könnte schließlich auch als Bargeld eingeführt werden. So würde sich Deutschland schrittweise aus dem Euroraum wieder herausziehen, ohne vertragsbrüchig zu werden. Zudem hätten auch die Finanzmärkte genügend Zeit, sich anzupassen, ein schwerer Schock wie bei einem Sofortaustritt würde vermieden. Ähnlich Schritt für Schritt ist ja übrigens auch der Euro eingeführt worden, den es erst nur als Verrechnungseinheit (ECU), dann als Buchgeld und erst ab 2002 als Bargeld gab. Auch ein schwerer Exporteinbruch als Folge der neuen Währung wäre nicht zu befürchten. Denn erstens würde eben alles nur nach und nach passieren, und zweitens kommt es ja auf die realen und nicht auf die nominalen Wechselkurse an. Wenn also der Wertgewinn der NDM gegenüber dem Euro auf die Euro-Inflationsrate beschränkt bleibt, ändert sich an den Relationen der Außenhandelspreise erst mal gar nichts. Schließlich hatte Deutschland auch zu D-Mark-Zeiten fast immer hohe Exportüberschüsse.

Dann sammelt die Bundesbank also Euro auf der Aktivseite ihrer Bilanz an und weist Verbindlichkeiten in NDM auf der Passivseite aus, verstehe ich das richtig? Die NDM wäre also durch Euro „gedeckt“, die der Rat der Europäischen Zentralbank unter Herrn Mario Draghi munter vermehrt. Gäbe das nicht eine rasche Flucht aus dem Euro hinein in die NDM? Wer darf den Euro in NDM tauschen: alle Euro-Bürger oder nur hiesige Geldhalter?

Ich denke eher daran, dass die Bundesbank faule Staatsanleihen aus dem deutschen Bankensystem ankauft und diesen dafür neue D-Mark gutschreibt. Auf diese Weise erzielen wir sogar noch einen positiven Zusatzeffekt durch Einführung der Parallelwährung. Denn wir werden weniger erpressbar, was z.B. eine Italienpleite angeht, weil die Bundesbank im Gegensatz zu den Geschäftsbanken dadurch niemals insolvent werden kann. Ohnehin braucht man eigentlich keine wirkliche „Deckung“ der Währung, entscheindend ist allein ihre Wertbeständigkeit. Da die Bundesbank nur mit gebietsansässigen Banken Geschäfte macht, wird die neue D-Mark erst einmal nur in Deutschland in Umlauf kommen.Das schließt natürlich nicht aus, dass sie auch von ausländischen Banken erworben wird. Das ist aber bei der früheren D-Mark genauso gewesen und wäre normale Devisenhaltung. Entscheidend ist, dass man mit neuer D-Mark eben vorwiegend in Deutschland Güter und Dienstleistungen erwerben könnte. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte sie dann auch als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt und z.B. für Steuerzahlungen obligatorisch werden.

Mit Blick auf die Erkenntnisse der Österreichischen Schule der Nationalökonomie drängen sich mir an dieser Stelle zwei Fragen auf. Erstens: Sie wollen das Papier- bzw. Kreditgeldsystem erhalten, es verbessern durch einen Wettbewerb zwischen Währungen, die weiterhin von nationalen Zentralbanken ausgegeben werden sollen. Das würde uns im Grunde in die Zeit vor 1999 zurückbringen. Glauben Sie, die Zentralisierungs- bestrebungen der Geldproduktion, die bereits damals beobachtbar waren, und die dann zur Euro-Einführung – einem, wie Sie sagen, „Enteignungsinstrument“ – geführt haben, wären mit Ihrem Vorschlag erstickt? Zweitens: Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek würden Ihnen entgegnen: Zentralbanken und Geldschaffen durch Kreditgewährung sind die Grundübel, die es gilt, abzuschaffen. Was würden Sie den beiden Ökonomen entgegnen? 

Der Euro hätte theoretisch durchaus funktionieren können, wenn man sich an die Spielregeln gehalten hätte. Das war aber nicht der Fall, und vermutlich haben es einige Teilnehmerländer auch nie beabsichtigt.  Inzwischen sind mit deutscher Zustimmung alle Spielregeln der Währungsunion in ihr Gegenteil verkehrt worden. Damit ist viel mehr zerstört worden als nur die Gemeinschaftswährung. Das Vertrauen in die Verläßlichkeit selbst völkerrechtlich bindender Zusagen der Politik an die Bürger ist verlorengegangen. Niemand glaubt Herrn Schäuble mehr, dass Zypern ein einmaliger Fall war und dass die Sicherheit deutscher Spareinlagen gewährleistet ist. Solche Beteuerungen haben keinerlei Aussagewert mehr. Insofern habe ich Verständnis für die Überlegung, ein völlig politikfernes Geld wie z.B. eine Goldwährung einzuführen.

Andererseits muß man realistisch sein. Selbst eine Goldwährung kann politisch jederzeit wieder abgeschafft werden, wie man in der Geschichte gesehen hat. Das gleiche gilt für die Unabhängigkeit der Zentralbank, auf die wir Ordoliberalen immer so große Stücke gehalten haben. Ich glaube daher inzwischen, dass weder das Bundesverfassungsgericht noch sonst eine Institution die Bürger davor schützen kann, von den Politikern immer wieder gnadenlos belogen und betrogen zu werden. Das einzige, was helfen kann, ist eine in der Bevölkerung und Politik tief verwurzelte Kultur freiheitlicher und marktwirtschaftlicher Prinzipien, wie wir sie in Deutschland lange Zeit gehabt haben. Darum setze ich auch auf die Bundesbank, einen der letzten Horte stabilitätsorientierten Denkens in einer durch und durch keynesianisch verseuchten Welt. Thinktanks wie das Mises-Institut, die Initiative Neues Soziale Marktwirtschaft, die Hayek Gesellschaft oder auch die Bertelsmann Stiftung können und müssen dazu beitragen, dieses Denken auch wieder in der Öffentlichkeit hoffähig zu machen. Wenn das nicht gelingt, ist alles verloren. Dazu darf man aber nicht nur auf die Vergangenheit und hehre liberale Prinzipien verweisen, man muss auch ein bißchen pragmatisch und konstruktiv dabei vorgehen, um in der öffentlichen Diskussion in die Offensive zu kommen. So ist auch mein Parallelwährungsvorschlag letztlich gedacht.

Was halten Sie von dem Vorschlag, Parallelwährungen als private Währungen zu organisieren? Also nicht die Bundesbank als alternativen monopolistischen Geldanbieter (der NDM) zu etablieren, sondern für volle Freiheit im Markt für Geld zu sorgen, etwa, indem alle gesetzlichen Hindernisse abgebaut werden, die den Wettbewerb um das Geld behindern – wie zum Beispiel die Zahlkraftgesetze?

Die wissenschaftliche Diskussion um den Hayek-Vorschlag privater Geldanbieter in den 1980er Jahren hat ja im Wesentlichen nicht zu einer Unterstützung dieses Konzepts geführt. So wurde dagegen eingewandt, dass sich am Ende aufgrund von Netzwerkeffekten ohnehin nur wenige, vielleicht sogar nur ein Geldanbieter am Markt durchsetzen würde, womit die Wettbewerbsidee nicht mehr tragen würde. Inzwischen gibt es ja sogar private Geldformen wie z.B. die Bitcoins und zahlreiche Regionalwährungen in Deutschland. Ich persönlich glaube nicht, dass sich daraus eine echte Konkurrenz zu den etablierten Geldformen entwickeln wird, aber man soll ja nie nie sagen.

Herr Professor van Suntum, wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Gespräch mit Professor van Suntum führte Thorsten Polleit am 5. und 6. April 2013 per E-mail.

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Professor. Dr. Ulrich van Suntum lehrt Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er leitet dort das Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung. http://www.wiwi.uni-muenster.de/insiwo/organisation/17ulvs.html

 

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