Die ideale „österreichische Welt“ (Teil I)

24.8.2012 – von Ralph Bärligea.

Ralph Bärligea

Genau vor zwei Jahren im August 2010 erschien der folgende Beitrag als Titelstory für das Börsenmagazin Smart Investor. Seit damals ist die (Basis-)Geldmenge reflektiert durch die Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank wie angekündigt weiter exponentiell gestiegen: Und zwar um 50 Prozent von rund 2000 Milliarden auf 3000 Milliarden Euro (Vgl. z. B. Polleit 2012, S. 1-2). Seit damals, als es „nur“ um die Bankenrettung und noch nicht um die Staatenrettung ging, haben sich wie angekündigt die Krisensymptome weiter verschlimmert. Die Zentralbank hat darauf entsprechend ihrer keynesianischen Ankurbelungsdoktrin wie erwartet durch Leitzinssenkung und Geldmengenausweitung reagiert und so das Ausmaß der Krise weiter verschärft. Die in zwei Teile gegliederte Onlineveröffentlichung auf misesde.org bietet nun die Möglichkeit, die damals geschilderte Theorie und daraus abgeleitete Prognose mit dem tatsächlich Geschehenen zu vergleichen.

Im ersten Teil wird die grundsätzliche Funktionsweise einer wettbewerblichen bzw. marktwirtschaftlichen Geldordnung zur Lösung der Krise in Hinblick auf Nachhaltigkeit und Haftungsfragen erläutert. Im kommende Woche erscheinenden zweiten Teil wird gezeigt, wie die marktwirtschaftliche Geldordnung die Ursachen konkreter wirtschaftspolitisch unerwünschter Krisensymptome („Kettenreaktionen“, Fehlinvestitionen, Monopolstrukturen, „Macht der Banken“, Intransparenz des Finanzsystems) beseitigen würde. Alle Erläuterungen sind stets in Gegenüberstellung zu den heutigen Ausprägungen im sogenannten Fiat-Geldsystem gefasst. Schließlich wird ein Ausblick gegeben: Die zwangsläufige Rückkehr zur marktwirtschaftlichen Geldordnung.

Die großen sozialen und ökonomischen Probleme unserer Zeit wurzeln in einem Geldsystem, einer Geldunordnung gegen die Realität, gegen wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, das Auseinanderreißen der Schere zwischen Arm und Reich, die zunehmende Verantwortungslosigkeit und auch das schwindende Wohlstandsniveau in den Industriestaaten sind darauf zurückzuführen. Geld als Schuld, das ist ein Schneeballsystem, in dem alte Schulden nur durch neue Kreditaufnahme bedient werden können, und führt, ähnlich wie beim Bakterienwachstum, zu exponentieller, am Ende explosionsartiger Geldvermehrung. Dies endet im Zusammenbruch derartig konstruierter Währungen und führt zurück zu einer wettbewerblichen Geldordnung, so wie sie die Vertreter der Österreichischen Schule seit jeher fordern.

Funktionsweise der wettbewerblichen Geldordnung

Unter einer wettbewerblichen Geldordnung ist zu verstehen, dass sich die Menschen frei für dasjenige Geld entscheiden, welches sich aus der Summe ihrer subjektiven Einschätzungen als das beste Tauschmittel eignet. Dies wird in der Regel Gold sein, da es die in jedem Lehrbuch genannten Geld-Eigenschaften Homogenität, Teilbarkeit, Seltenheit und Haltbarkeit bestmöglich erfüllt.

Für deckungsloses, mit Zahlen bedrucktes Papier würde sich allerdings niemand entscheiden. Mit Gold allein lassen sich aber noch kein vernünftiger Zahlungsverkehr und keine sinnvolle Lenkung von Ersparnissen in Investitionen organisieren. Banken als Vermittler von Transaktionen ohne physische Geldübertragung und als Finanzintermediäre wären weiterhin notwendig. Die Menschen tragen ihr Gold zur Bank und bekommen dafür frei nach Wahl Sichtguthaben auf einem Girokonto, ein Depot oder handliche Scheine und Münzen der Bank, die auf Gold lauten.

All das stellt einen bestimmten Rechtsanspruch auf Gold gegenüber der Bank dar. Mit diesen Instrumenten können die Bürger, so wie bisher gewohnt, bequem bezahlen. Nur die durch Geldmengenausweitung verursachte Teuerung fällt dann weg. Denn Gold oder andere Geldstoffe, als Ergebnis der Suche im Wettbewerb nach dem stabilsten Geld, kennt keine immanente Inflation.

Der Weg zur Geldwertstabilität ist einfach, denn ein stabiles Tauschmittel setzt sich bei freier Wahlmöglichkeit und Wettbewerb schon allein deswegen durch, weil es der Unternehmens- und Haushaltsrechnung optimal dient. Wer nämlich in einer inflationären Währung abrechnet, wird mögliche Gewinne überschätzen und so Fehlinvestitionen tätigen und Verluste erleiden. Wer in einer deflationären Währung abrechnet, wird Gewinne unterschätzen und so Chancen verpassen. Bei instabilem Geld muss man die Inflation oder Deflation in der Bilanz mühsam über ein Indexverfahren herausrechnen, was derzeit zwar geschieht, aber hohe Kosten verursacht und immer ungenau bleibt.

Zurück zum Prinzip der Nachhaltigkeit

Für Ersparnisse, die die Bank an Investoren weiter verleiht, bekommen die Anleger Zinsen. Marktübliche Zinsen sind gerecht und notwendig, weil Geldverleihen immer ein Risiko und einen Verzicht auf sofortigen Konsum darstellt. Für beides muss es eine Gegenleistung geben, den Zins. Natürlich muss es dann auch eine Rechtsordnung geben, in der jeder für die freiwillig eingegangenen Risiken selbst verantwortlich ist und mit seinem Vermögen voll haftet. Derzeit realisierte staatliche Garantien und Bailouts hingegen, die vor allem über die Möglichkeit der Kreditgeldschaffung aus dem Nichts finanziert werden, erzeugen verantwortungslosen Wagemut (Moral Hazard) und damit Fehlinvestitionen.

Beliebige Geldvermehrung ist in einer wettbewerblichen Geldordnung nicht möglich, womit dieser systematische Fehlanreiz reduziert wird. Die natürliche Vorsicht führt dann zu einem verantwortungsvollen, maßvollen und nachhaltigen Umgang bei der Kreditvergabe und Investitionstätigkeit unter Berücksichtigung der Knappheit realer Ressourcen. Die Funktionsweise einer solchen Ordnung begründet sich durch die Bildung des Zinssatzes als freier Gleichgewichtspreis und Ausdruck der Zeitpräferenz, bestimmt durch Angebot und Nachfrage entsprechend der realen Kapitalversorgung der Volkswirtschaft. Ist reales Kapital knapp, steigen automatisch die Zinsen, so dass nur absolut notwendige Projekte durchgeführt werden. Ist reales Kapital dagegen im Überfluss vorhanden, sinken die Zinsen, sodass experimentelle Forschungs-, Entdeckungs- und Luxusinvestitionen möglich sind, die der Gesellschaft in einem dynamisch evolutionären Prozess Fortschritt in allen Lebensbereichen bescheren.

Das derzeitige Geldmonopol aber schadet allen. Denn wenn Geld durch eine Zentralbank von realen Werten entfesselt ist und der Zinssatz somit beliebig manipuliert werden kann, können die genannten gesunden Mechanismen nicht einsetzen. Im Gegenteil entstehen so wirtschaftliche und soziale Krisen, Verantwortungslosigkeit und Ungerechtigkeit. Gerade in Krisenzeiten senkt die Zentralbank Kraft ihres Monopols, begründet durch ihre keynesianische Ankurbelungsdoktrin, künstlich die Zinsen und verführt so zu Verschwendung von Ressourcen. Umgekehrt werden in Zeiten der Prosperität die Zinsen nach willkürlicher Einschätzung erhöht, ohne dass die Zentralbank Kenntnis über die wirklich freien, realen Kapazitäten der Volkswirtschaft hat. Diese Politik hemmt Innovationen und vernichtet Wohlstand. Es handelt sich dabei um eine Kapitalvernichtungspolitik und damit schädliche Fehlfunktion in der Führung eines Staates, die abgestellt werden muss.

Keine Investitionen ohne private Haftung

Die Besteuerung von nominalen, durch die Inflation verursachten Scheingewinnen und damit Substanzenteignung der Unternehmen bewirkt zudem, dass sich nachhaltige Investitionen kaum noch lohnen. Dagegen setzen sich kreditfinanzierte Desinvestitionen durch, die auf legaler Basis das Ausschütten von Scheingewinnen ermöglichen: Immobilienkredite oder Staatsanleihen beispielsweise. Diese werden von der Zentralbank (in der Rolle des Prinzipals) als Sicherheit für die Vergabe von eigentumslosem Zentralbankfremdkapital aus dem Nichts anerkannt und dürfen dementsprechend auch als „sicher“ bilanziert werden. Sie dienen als Investitionsdummies, die die Praxis, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, erst ermöglichen. Zinsdifferenzen zwischen aufgenommenem Zentralbankkredit und weitergegebenen Krediten werden einfach als „Gewinn“ ausgeschüttet, obwohl die Rückzahlung der Gesamtforderung unsicher ist.

Wenn in Folge dessen Banken pleitegehen, geht nur eine Rechtsform pleite, die Agenten im Hintergrund verdienen daran. Am Ende trägt „der Staat“, also der Steuerzahler, auch noch die Verluste. Höhere Eigenkapitalquoten lösen dieses Problem nicht. Ob das Kapital aus Krediten oder Einlagen von direkten Eigentümern stammt, spielt nämlich keine Rolle, solange hinter dem Kapital selbst keine voll haftenden Eigentümer stehen. Dies ist bei öffentlich geschöpftem Kreditgeld aus dem Nichts der Fall, wodurch es zu Fehlinvestitionen, Verschwendung von Kapital, Krisen und Wohlstandsverlusten kommt.

Der Versuch, dieses Problem über Regulierung zu lösen, ist irrig. Am Ende müsste so die gesamte Wirtschaft planwirtschaftlich gesteuert werden. Dies scheitert, weil eine solche „Wirtschaftsführung“ die individuellen Nachfragebedürfnisse der Menschen nicht befriedigen kann. Dies ist nur durch freie Preisbildung und dadurch gelenkte, freie Investitionstätigkeit in einer Marktwirtschaft möglich. Wenn das Notenbankmonopol und damit die Kreditvergabe aus dem Nichts in sich zusammenbricht oder frühzeitig aufgegeben wird, wird dieser schädliche Prozess gestoppt. Es gibt dann keine Investitionen ohne voll haftende Eigentümer mehr.

Teil II erscheint am 31.8.2012.

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