Alles ruft nach Exporten

22.8.2012 – von Henry Hazlitt.

Henry Hazlitt

Das schon pathologische Streben nach Exporten wird nur noch von der ebenfalls krankhaften Furcht vor Importen übertroffen, die alle Nationen befallen hat. Aber logisch betrachtet, kann eigentlich nichts widersprüchlicher sein. Auf lange Sicht müssen sich Im- und Exporte ausgleichen; beide Begriffe sind dabei sehr weit gefasst und umfassen auch die „unsichtbaren“ Posten wie die Ausgaben der Touristen, Übersee-Frachtgebühren und alle ande­ren Positionen der „Zahlungsbilanz“. Die Exporte kommen für die Importe auf, und umgekehrt. Je größer unsere Exporte sind, desto mehr müssen wir importieren, wenn wir jemals erwarten, unser Geld zu sehen. Je kleiner unsere Importe sind, desto weni­ger können wir auch exportierten. Ohne Importe können wir nichts exportieren, denn den Ausländern fehlt es an den Mitteln, mit denen sie Waren von uns kaufen können. Wenn wir uns ent­schließen, unsere Einfuhren zu drosseln, entscheiden wir uns in Wahrheit auch dafür, unsere Ausfuhren zu verringern. Und wenn wir uns vornehmen, unsere Exporte zu steigern, bezwecken wir damit in Wahrheit auch, unsere Importe anzukurbeln.

Das hat einen ganz elementaren Grund. Ein amerikanischer Exporteur verkauft seine Erzeugnisse an einen britischen Impor­teur und bekommt als Bezahlung englische Pfund. Aber mit englischen Pfund kann er weder seine Arbeiter bezahlen noch seiner Frau Kleider oder Theaterkarten kaufen. Dafür braucht er amerikanische Dollars. Die britischen Pfunde nützen ihm also nichts, es sei denn, er kauft selbst englische Waren dafür oder verkauft sie (etwa über eine Bank) an irgendeinen amerikani­schen Importeur, der damit englische Produkte erwerben will. Gleichgültig wofür er sich entschließt, die Transaktion ist erst dann abgeschlossen, wenn die amerikanischen Ausfuhren durch Einfuhren in gleichem Umfang bezahlt sind.

Die Situation wäre die gleiche, wenn das Geschäft in amerika­nischen Dollars und nicht in englischen Pfunden abgewickelt worden wäre. Der britische Importeur kann den amerikanischen Exporteur erst dann in Dollars bezahlen, wenn irgendein ande­rer britischer Exporteur in den USA ein Dollarguthaben als Folge eines früheren Verkaufs dorthin erworben hat. Der Devisen­tausch ist mit anderen Worten ein Verrechnungsgeschäft, bei dem in den Vereinigten Staaten die Schulden der Ausländer in Dollars gegen ihre Dollarguthaben aufgerechnet werden. In Eng­land werden die Schulden der Ausländer in Pfund gegen ihre Pfundguthaben aufgerechnet.

Es ist nicht nötig, auf die technischen Einzelheiten näher ein­zugehen, über die man sich in jedem guten Lehrbuch über Devi­sen informieren kann. Aber wir sollten doch hervorheben, dass nichts Geheimnisvolles dahintersteckt (obwohl es oft so geheim­nisvoll verpackt wird) und dass es keine grundsätzlichen Unter­schiede zum heimischen Handel gibt. Auch wir müssen etwas verkaufen, wenngleich das bei den meisten eher Dienstleistun­gen als Güter sein dürften, um uns die Kaufkraft zu verschaffen, mit der wir etwas erwerben können. Auch der heimische Handel läuft im wesentlichen so ab, dass Schecks und andere Forderungen über eine Clearingstelle miteinander verrechnet werden.

Es ist zwar zutreffend, dass unter dem internationalen Gold­standard größere Differenzen in den Export- und Importbi­lanzen gelegentlich durch das Überstellen von Gold ausgeglichen wurden. Aber man hätte genausogut Baumwolle, Stahl, Whisky, Parfüm oder irgendein anderes Erzeugnis nehmen können. Der Hauptunterschied liegt darin, dass bei Bestehen eines Goldstan­dards die Nachfrage nach Gold beinahe unbegrenzt ausgedehnt werden kann, weil es eher als ein anderes Gut als internationales „Geld“ akzeptiert wird und die Staaten dem Empfang von Gold keine künstlichen Hindernisse entgegenstellen, wie sie es bei fast allen anderen Produkten tun. (Später sind sie dann dazu über­gegangen, den Export von Gold in einer Weise zu erschweren, wie das bei keinem anderen Erzeugnis der Fall war, doch das ist eine andere Geschichte.)

Nun können die gleichen Leute, die in Fragen des Binnen­handels kühl und klar urteilen, unglaublich emotional und wirr reagieren, wenn es um den Außenhandel geht. Bei Angelegen­heiten des Außenhandels sind sie imstande, allen Ernstes Grund­sätze zu befürworten oder ruhig hinzunehmen, die auf inlän­dische Geschäfte anzuwenden sie für hellen Wahnsinn halten würden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Ansicht, die Regie­rung sollte anderen Ländern beträchtliche Darlehen gewähren, um die eigenen Exporte zu fördern, gleichgültig, ob diese Dar­lehen jemals zurückgezahlt werden oder nicht.

Dem einzelnen Bürger sollte es natürlich erlaubt sein, sein Geld auf eigenes Risiko ins Ausland zu verleihen. Die Regierung sollte keine willkürlichen Hindernisse aufrichten, um das Ge­währen privater Darlehen an Länder zu verhindern, mit denen man in Frieden lebt. Wir als einzelne sollten bereit sein, den Menschen aus rein humanitären Gründen großzügig etwas zu­kommen zu lassen, die große Not leiden und vom Verhungern bedroht sind. Aber wir sollten immer ganz genau wissen, was wir tun. Es wäre sehr unklug, Menschen im Ausland mit Nächsten­liebe zu bedenken und dabei zu glauben, man mache harte Ge­schäfte allein aus Gründen des eigenen Vorteils. Das kann nur zu Missverständnissen und später dann zu schlechten Beziehungen führen.

Aber unter den Überlegungen, die zugunsten von Großdar­lehen an das Ausland vorgebracht werden, findet sich an vorder­ster Stelle immer ein Denkfehler, dem folgendes zugrunde liegt: Selbst wenn die Hälfte der Darlehen (oder alle) sich als Fehlschlag erweist und nicht zurückgezahlt wird, hat das Geberland doch gut daran getan, sie zu gewähren, weil sie seine Ausfuhren kräftig steigen lassen werden.

Es müsste doch eigentlich jedem einsichtig sein: Wenn wir dem Ausland Kredite geben, damit es unsere Erzeugnisse kaufen kann, und wenn diese Kredite nicht zurückgezahlt werden, verschen­ken wir die Waren. Und kein Land wird dadurch reicher, dass es Waren verschenkt. Es kann nur ärmer werden.

Niemand würde das anzweifeln, wenn man es auf den priva­ten Bereich bezöge. Wenn eine Automobilfirma jemandem 10000 Mark leiht, damit er sich einen Wagen dieses Preises kau­fen kann, und dieser Kredit nicht zurückgezahlt wird, stellt sich der Automobilhersteller nicht etwa besser, weil er den Wagen „verkauft“ hat. Er hat vielmehr den Betrag eingebüßt, den ihn die Herstellung des Wagens gekostet hat. Falls die Produktions­kosten bei 8000 Mark liegen und nur die Hälfte des Darlehens zurückgezahlt wird, hat die Firma 8000 minus 5000, also 3000 Mark, verloren. Sie hat durch das Geschäft nicht das herein­geholt, was sie durch den geplatzten Kredit verloren hat.

Wenn dieser Gedanke so einfach nachzuvollziehen ist, sofern man ihn auf ein privatwirtschaftliches Unternehmen anwendet, wieso haben dann offensichtlich intelligente Menschen solche Schwierigkeiten mit ihm, wenn man ihn auf ein Land bezieht? Der Grund ist der, dass der Vorgang dann im Geist über mehrere Stufen verfolgt werden muss. Eine Gruppe erzielt vielleicht durchaus Gewinne – aber alle anderen tragen die Verluste.

Es stimmt zum Beispiel, dass Personen, die ausschließlich oder überwiegend Exportgeschäfte betreiben, als Folge notleidender Kredite an das Ausland Gewinne machen können. Das Land würde bei diesen Transaktionen mit Sicherheit Verlust machen, der sich jedoch unter Umständen so verteilt, dass man es nur schwer verfolgen kann. Wer privat Geld verleiht, hätte die Ver­luste direkt zu tragen. Die Verluste aus Staatsdarlehen würden letztlich über höhere Steuern bezahlt, die alle treffen. Doch durch die Auswirkungen dieser direkten Verluste auf die Volkswirt­schaft würden sich auch zahlreiche indirekte Verluste einstellen.

Langfristig gesehen schaden Kredite an das Ausland, die nicht zurückgezahlt werden, dem Handel und der Beschäftigung des geldgebenden Landes. Für jede zusätzliche Mark, welche die ausländischen Käufer hätten und zum Kauf deutscher Erzeug­nisse ausgeben könnten, hätten die deutschen Käufer letztlich eine Mark weniger. Geschäfte, die vom Binnenhandel abhängen, würden daher langfristig in dem Umfang beeinträchtigt, in wel­chem dem Export geholfen würde. Selbst viele exportierende Unternehmen würden geschädigt. Die amerikanischen Automo­bilhersteller haben beispielweise 1975 etwa 15 Prozent ihrer Pro­duktion auf dem Auslandsmarkt abgesetzt. Es hätte ihnen keinen Vorteil gebracht, 20 Prozent ihrer Produktion als Ergebnis not­leidender Darlehen an das Ausland zu exportieren, wenn sie dadurch vielleicht 10 Prozent ihrer Inlandsverkäufe eingebüßt hätten, weil den amerikanischen Käufern zusätzliche Steuern auferlegt wurden, um die nicht zurückgezahlten Auslandskredite auszugleichen.

All das heißt nicht, wie ich noch einmal betonen möchte, dass es für private Investoren unklug wäre, Ausländern Kredite zu geben; sondern nur, dass wir nicht reich werden können, wenn wir Darlehen geben, die nicht zurückgezahlt werden.

Aus dem gleichen Grund, aus dem es Dummheit ist, dem Export durch schlechte Kredite oder regelrechte Geschenke an das Ausland eine falsche Spritze zu geben, ist es auch Dummheit, das durch Exportsubventionen zu versuchen. Dabei erhält der Ausländer ganz eindeutig etwas ohne Gegenleistung, denn wir verkaufen ihm Waren, für die wir weniger verlangen, als sie uns in der Herstellung kosten. Auch das ist wieder einer der Versuche, dadurch reich zu werden, dass man etwas verschenkt.

Trotz alledem hat beispielsweise die Regierung der Vereinigten Staaten jahrelang ein Programm der „Wirtschaftshilfe für das Ausland“ verfolgt, das zum größten Teil aus milliardenschweren Geschenken von Staat zu Staat bestand. An dieser Stelle interes­siert uns nur ein Aspekt dieses Programms – der naive Glaube vieler seiner Befürworter, dass dies eine kluge und sogar notwen­dige Methode sei, „die Exporte zu steigern“ und dadurch Wohl­stand und Arbeitsplätze zu erhalten. Auch hier wieder eine Form jenes Irrglaubens, dass ein Land reich werden könne, wenn es etwas verschenkt. Was den vielen Förderern dieses Programms den Blick für die Wahrheit trübt, ist, dass das, was direkt verschenkt wird, nicht die Exporte selbst sind, sondern das Geld, mit dem sie gekauft werden. Es ist daher durchaus möglich, dass einzelne Ex­porteure von dem Verlust des Landes profitieren – wenn nämlich ihr Gewinn aus den Exporten größer ist als der Anteil an Steuern, die sie für das Programm zahlen.

Dies ist wieder nur ein weiteres Beispiel für den Fehler, nur die unmittelbaren Auswirkungen einer Maßnahme auf eine be­stimmte Gruppe zu sehen und nicht die Geduld oder Einsicht zu haben, um die langfristigen Folgen der Maßnahme für alle zu beachten.

Wenn wir diesen langfristigen Folgen für alle nachgehen, kom­men wir zu einer zusätzlichen Schlussfolgerung – dem genauen Gegenteil jener Lehre, die jahrhundertelang das Denken der meisten Staatsbeamten beherrscht hat. Dass nämlich, wie John Stuart Mill ganz klar herausgestellt hat, der eigentliche Gewinn des Außenhandels für jedes Land nicht in seinen Ausfuhren, son­dern in seinen Einfuhren liegt. Die Verbraucher können aus dem Ausland entweder Güter zu einem niedrigeren Preis erwerben, als sie für entsprechende heimische Erzeugnisse zahlen müssten, oder solche Güter erwerben, die sie bei den inländischen Produ­zenten überhaupt nicht bekommen können. Klassische Beispiele für die USA sind Kaffee und Tee. Global betrachtet, liegt der eigentliche Grund, warum ein Land Exporte braucht, darin, dass es seine Importe bezahlen kann.

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Auszug aus „Economics“ von Henry Hazlitt – Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des „Olzog-Verlages„.

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