Einige spirituelle Opfer der Zwangsinflation

30.7.2012 – von Jörg Guido Hülsmann.

Prof. Dr. Guido Hülsmann

Durch Zwangsinflation wird die Kaufkraft des Geldes ständig gesenkt. In gewissem Maße ist es den Menschen möglich, ihre Ersparnisse gegen diesen Trend zu schüt­zen. Man benötigt dafür aber ein gründliches finanzielles Fachwissen, die Zeit, seine Investitionen ständig zu über­wachen, und eine gute Dosis Glück. Menschen, denen es an einer dieser „Zutaten“ mangelt, werden wahrschein­lich einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens verlieren. Die Ersparnisse eines ganzen Lebens lösen sich oft in den wenigen im Ruhestand verbrachten Jahren in Luft auf. Dann stellt sich leicht Verzweiflung ein, und alle morali­schen und gesellschaftlichen Normen werden über Bord geworfen. Aber es wäre falsch, daraus den Schluß zu zie­hen, daß die Inflation diese Wirkung hauptsächlich un­ter den Älteren hervorruft. Ein kompetenter Autor hält dagegen:

„Diese Wirkungen sind >unter Jugendlichen besonders stark. Sie lernen in der Gegenwart zu leben und verachten jene, die ihnen >altmodische< Moral und Sparsamkeit beizubringen ver­suchen< (Hervorhebung von mir). Inflation fördert auf diese Weise eine Mentalität des sofortigen Genusses, die eindeutig im Widerspruch zu jener Disziplin und jener an ewigen Maßstäben orientierten Sichtweise steht, ohne die es keine […] >Verwal­tung< im biblischen Sinne – z.B. in der Form langfristiger Inve­stitionen zugunsten zukünftiger Generationen – geben kann.“[1]

Selbst jenen Bürgern, die mit Wissen, Zeit und Glück gesegnet sind, gelingt es nicht, der schädlichen Wirkung der Inflation auszuweichen, weil sie Verhaltensweisen annehmen müssen, die sich nicht mit moralischer und spiritueller Gesundheit vertragen. Inflation zwingt sie, einen größeren Teil ihrer Zeit mit Gedanken über ihr Geld zu verbringen, als es sonst der Fall gewesen wäre. Wir haben schon festgestellt, daß die Art und Weise, wie ge­wöhnliche Bürger früher gespart haben, das Ansammeln von Bargeld war. Unter einer Zwangsinflation wäre diese Strategie selbstmörderisch. Sie müssen vielmehr in Ver­mögenswerte investieren, deren Wert im Verlauf der Infla­tion ansteigt; der praktischste Weg hierzu ist der Kauf von Aktien und Anleihen. Dies aber erfordert viele Stunden, die mit dem Vergleich und der Auswahl geeigneter Emis­sionen verbracht werden. Sie müssen die Finanznachrich­ten verfolgen und die Notierungen auf den Finanzmärkten beobachten.

Aus ebensolchen Gründen werden die Leute auch dazu neigen, die Erwerbsphase ihres Lebens zu verlängern. Und sie werden bei der Auswahl ihres Berufes Geldeinkünfte stärker gewichten als alle anderen Kriterien. Zum Beispiel wird so mancher, der von seiner Veranlagung her eher dem Beruf des Gärtners zuneigt, dennoch eine kaufmännische Anstellung anstreben, wenn bei ihr höhere langfristige Geldeinkünfte angeboten werden. Und mehr Menschen als unter einem natürlichen Geldsystem werden eine wohnort­ferne Stelle annehmen, wenn sie ihnen die Möglichkeit er­öffnet, nur ein wenig mehr zu verdienen.

Die spirituelle Dimension dieser durch Inflation indu­zierten Verhaltensweisen erscheint offensichtlich. Im Le­ben der Menschen spielen Geld und finanzielle Fragen eine zunehmend große Rolle. Inflation macht eine Gesellschaft materialistisch. Immer mehr Menschen streben auf Kosten ihres persönlichen Glücks nach Geldeinkünften. Durch Inflation induzierte geographische Mobilität schwächt auf künstliche Weise Familienbande und patriotische Loyali­tät. Viele von jenen, die ohnehin zur Gier, zum Neid und zum Geiz neigen, verfallen nun der Sünde. Selbst jene, die von Natur aus nicht dazu neigen, werden Versuchungen ausgesetzt sein, die sie sonst nicht gespürt hätten. Und weil die Wechselfälle der Finanzmärkte auch eine leichte Ausrede für übertriebene Sparamkeit bei der Verwendung des eigenen Geldes abgeben, sinken die Spenden für wohl­tätige Zwecke.

Dann gibt es die Tatsache, daß beständige Inflation eine tendenziell negative Wirkung auf die Produktquali­tät ausübt. Jeder Verkäufer weiß, daß es schwer ist, das­selbe physische Produkt zu höheren Preisen zu verkaufen als in den Jahren zuvor. Wenn aber die Geldmenge ei­nem steten Wachstum unterworfen ist, sind zunehmen­de Geldpreise unvermeidbar. Was also können Verkäufer tun? In vielen Fällen kommt die Rettung durch techni­sche Innovationen, die eine billigere Herstellung des Produktes ermöglichen, womit der Einfluß der Inflation neutralisiert oder sogar überkompensiert wird. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Computern und anderen Pro­dukten, die mit großem Einsatz an Informationstechno­logie hergestellt werden. In anderen Branchen jedoch spielt der technische Fortschritt eine viel geringere Rolle. Hier stehen die Verkäufer dem obenerwähnten Problem gegenüber. Sie stellen dann ein minderwertiges Produkt her und verkaufen es unter dem alten Namen, zusammen mit den Beschönigungen, die im kommerziellen Marke­ting üblich sind. Zum Beispiel könnten sie ihren Kunden „leichten“ Kaffee und „mildes“ Gemüse anbieten – was übersetzt dünner Kaffee und Gemüse ohne eine Spur von Geschmack wäre. Eine ähnliche Produktverschlechterung kann im Baugewerbe beobachtet werden. In Ländern, die unter beständiger Inflation leiden, scheint es besonders viele Häuser und Straßen zu geben, die ständig repariert werden müssen.

In einem solchen Umfeld entwickeln Menschen eine mehr als nachlässige Einstellung ihrer eigenen Sprache ge­genüber. Wenn die Dinge immer das sind, was sie gerade genannt werden, dann ist es schwer, den Unterschied zwi­schen Wahrheit und Lüge zu erklären. Inflation verleitet Menschen dazu, über ihre Produkte zu lügen, und bestän­dige Inflation fördert ein gewohnheitsmäßiges Lügen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die gewohnheitsmä­ßige Lüge im Teilreserve-Bankwesen, der grundlegenden Institution des modernen Zwangsgeldsystems, eine groß Rolle spielt. Anscheinend verbreitet Zwangsinflation diese Angewohnheit wie ein Krebsgeschwür auf den Rest der Wirtschaft.[2]

[1] Thomas Woods, „Money and Morality: The Christian Moral Tradition and the Best Monetary Regime“, Religion & Liberty, Bd. 13, Nr. 5 (Sept./Okt. 2003). Der Autor zitiert Ludwig von Mises. Siehe auch Gouge, A Short History of Paper Money and Banking, S. 94-101.

[2] Die Bezeichnung Zwangsinflation auf der einen und Sinnestäuschungen und Falschdarstellungen der Realität auf der anderen Seite ist in Paul Cantors Fallstudie „Hyperinflation and Hyperreality: Thomas Mann in Light of Austrian Economics“, Review of Austrian Economics, vol. 7, no. 1 (1994), glänzend diskutiert worden.

Auszug aus „Die Ethik der Geldproduktion“ von Jörg Guido Hülsmann – mit freundlicher Genehmigung  der „Manuscriptum Verlagsbuchhandlung“.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007).

Lesen Sie auch das Interview mit Prof. Hülsmann: Am Ende steht dann entweder eine Hyperinflation oder eine Währungsreform.

Hier gelangen Sie zur Internetseite von Prof. Hülsmann.

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