Die Verteidigung des Euro: ein österreichischer Ansatz

25.6.2012 – Mit einer Kritik der Fehler der EZB und des Interventionismus aus Brüssel.

von Jesús Huerta de Soto.

Prof. Jesús Huerta de Soto

(Anmerkung: nachfolgend finden Sie die Einleitung und die Schlussfolgerung eines Aufsatzes von Jesús Huerta des Soto – den Aufsatz in kompletter Länge können Sie am Ende des Beitrages herunterladen)

1. Einleitung: das ideale Geldsystem

Die Theoretiker der Österreichischen Schule haben große Anstrengungen unternommen, um das ideale Geldsystem einer Marktwirtschaft zu erläutern. Auf theoretischer Ebene haben sie eine Konjunkturtheorie entwickelt, die erklärt, wie ein wiederkehrender Zyklus durch eine nicht durch reale Ersparnisse gedeckte Kreditausweitung generiert wird. Diese Kreditausweitung durch ein auf Teildeckung operierendes Bankensystem wird von den Zentralbanken organisiert. Aus historischer Perspektive haben die Theoretiker das evolutionäre Entstehen des Geldes erklärt und ausgeführt wie die Zwangseingriffe des Staates angefeuert von mächtigen Interessengruppen die natürliche Evolution der Bankinstitutionen vom Markt entfernt und korrumpiert haben. Aus ethischer Perspektive haben sie die juristischen Erfordernisse und Prinzipien des Eigentumsrechts im Hinblick auf  Bankverträge gezeigt. Diese Prinzipien entstehen aus dem Marktgeschehen selbst und sind gleichzeitig für sein Funktionieren unerlässlich.[1]

Die Schlussfolgerung der theoretischen Analyse ist, dass das aktuelle Geld- und Bankensystem mit einer echten Marktwirtschaft nicht kompatibel ist, an allen durch das Unmöglichkeitstheorem des Sozialismus erklärten Defekten leidet und eine kontinuierliche Quelle von finanzieller Instabilität und wirtschaftlichen Störungen ist. Mithin ist ein grundlegender Neuentwurf des globalen Geld- und Finanzsystems unerlässlich, welcher die uns quälenden Probleme bei der Wurzel packt. Dieser Entwurf sollte auf den folgenden drei Reformen basieren: (a) eine Wiedereinführung einer 100 prozentigen Reservedeckung als essentielles Prinzip des Privateigentumsrechts in Hinblick auf alle Gelddepositen und ihre Äquivalente; (b) die Abschaffung aller Zentralbanken, welche nach der vorherigen Reform (a) zu unnötigen Kreditgebern letzter Instanz werden und die als wahrhaftige Organe zentraler Finanzplanwirtschaft eine kontinuierliche Quelle von Instabilität sind. Dabei müssen auch die Regelungen für ein gesetzliches Zahlungsmittel und das sich kontinuierlich ändernde Gewirr an administrativen Regulierungen verschwinden, welches sich aus diesen ableitet; und (c) die Rückkehr zum klassischen Goldstandard, als einzigen weltweiten Geldstandard, der eine durch die staatlichen Kräfte nicht manipulierbare monetäre Basis bietet und fähig ist, den Inflationsgelüsten der verschiedenen sozialen Akteure ein Korsett anzulegen und sie zu disziplinieren.[2]

Die vorstehenden Ansätze erlauben nicht nur, wie gezeigt worden ist, die uns quälenden Probleme an der Wurzel zu lösen und damit ein noch nie dagewesenes ökonomisches und soziales Wachstum nachhaltiger Art anzustoßen, sondern haben auch den Vorteil zu indizieren, ob Reformenteilstücke in die richtige Richtung weisen. Zudem erlauben die Vorschläge ein besseres Urteil über die verschiedenen Alternativen der Wirtschaftspolitik für die uns umgebende reale Welt. Ausschließlich aus dieser Perspektive, aus den konjunkturellen Gegebenheiten und dem „Machbaren“,  ist unsere Analyse der relativen „Unterstützung“ des Euro zu verstehen. Die vorliegende Arbeit versucht  aus der Sicht der Österreichischen Schule ein solche Analyse zu entwickeln.

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7. Schlussfolgerung: Hayek versus Keynes

Genau wie seinerzeit beim Goldstandard gibt es unzählige Kritiker des Euro, die diesen wegen seiner größten Tugend hassen: Die Fähigkeit, verschwenderische Politiker und Interessengruppen zu disziplinieren. Es ist offensichtlich, dass der Euro in keiner Weise der ideale Geldstandard ist. Das ideale Geldsystem ließe sich nur mit einem klassischen Goldstandard, einer Reservevolldeckung für Sichteinlagen und der Abschaffung der Zentralbanken erreichen. Und so ist es sehr gut möglich, dass sobald etwas Zeit verflossen ist und die geschichtliche Erinnerung über die jüngsten monetären und finanziellen Ereignisse verblasst sind, die Europäische Zentralbank erneut ihre alten Fehler begeht und eine neue Blase der Kreditausweitung antreibt und pflegt.[3] Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Sünden der Federal Reserve und der Bank von England noch viel schwerwiegender gewesen sind, und dass zumindest in Kontinentaleuropa der Euro dem monetären Nationalismus ein Ende gesetzt hat und für die Staaten der Währungsunion als ein „Proxy“ des Goldstandards (auch wenn es ein zurückhaltender Proxy ist) fungiert. Somit treibt der Euro zu haushälterischer Strenge, tendenziell die Wettbewerbsfähigkeit erhöhenden Reformen und setzt den Missbräuchen des Wohlfahrtsstaates und der politischen Demagogie ein Ende.

In jedem Fall ist es wichtig anzuerkennen, dass wir uns an einem historischen Punkt befinden.[4] Vom Überleben des Euro hängt es ab, ob ganz Europa die traditionelle germanische Geldstabilität verinnerlicht und sich zu Eigen macht. Diese Stabilität ist in der Praxis der einzige und unersetzbare disziplinarische Rahmen, unter dem kurz- und mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum der Europäischen Union angetrieben werden kann. Aus internationaler Sicht wird das Überleben und die Konsolidierung des Euro es zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ermöglichen, dass eine Währung entsteht, die effektiv mit dem Dollarmonopol als Weltreservewährung konkurrieren kann und daher die Fähigkeit Nordamerikas diszipliniert, systemische Finanzkrisen wieder anzustoßen, die wie jene von 2007 die Ordnung der Weltwirtschaft gefährden.

Vor ein wenig mehr als achtzig Jahren befand sich die Welt in einem sehr ähnlichen historischen Kontext, als man debattierte, ob es besser sei, beim Goldstandard zu bleiben und mit ihm sich der Haushaltsausterität, den flexiblen Arbeitsmärkten und dem freien und friedfertigen Handel anheim zu geben, oder aber den Goldstandard zu verlassen und somit allerorten den monetären Nationalismus, inflationäre Politik, Starrheit der Arbeitsmärkte, Interventionismus, „Wirtschaftsfaschismus“ und Handelsprotektionismus einzuführen. Hayek und die Österreichischen Ökonomen – allen voran Mises – unternahmen eine titanische intellektuelle Anstrengung, indem sie die Vorteile des Goldstandards und der Handelsfreiheit analysierten, erklärten und verteidigten. Sie taten dies gegenüber Theoretikern – angeführt von Keynes und den Monetaristen -, die darauf setzten, die monetären und fiskalischen Fundamente der liberalen Wirtschaft zu sprengen, die bis dahin die Industrielle Revolution und den Fortschritt der Zivilisation angetrieben hatten.[5] In diesem Fall entwickelte sich das ökonomische Denken schließlich auf ganz anderen Pfaden als den von Mises und Hayek verteidigten mit den unheilvollen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen, die wir alle kennen. Als Konsequenz dessen ist erstaunlicherweise die Welt heute im Einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch mit finanzieller Instabilität, einem Fehlen an Haushaltsdisziplin und  politischer Demagogie behaftet. Aus all diesen Gründen und vor allem, weil die Weltwirtschaft dies dringend benötigt, verdienen es bei dieser neuen Gelegenheit Mises und Hayek[6] endlich zu triumphieren, und der Euro (zumindest provisorisch bis er definitiv durch einen Goldstandard abgelöst wird) verdient es zu überleben.[7]

[1]Die wichtigsten Autoren und theoretischen Entwicklungen sind in Huerta de Soto 2011a [1998] zu finden.

[2]Ibidem, Kapitel 9.

[3]An anderer Stelle habe ich mich auf die inkrementellen Reformen bezogen, die, wie beispielsweise die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken (vom Typ Glass Steagal Act) den Euro ein wenig verbessern könnten. Andererseits ist es jedoch in Großbritannien gewesen, wo paradoxerweise (oder auch nicht, wenn man  den verheerenden sozialen Schaden bedenkt, der durch die britische Bankenkrise verursacht wird), meine Vorschläge auf das größte Echo gestoßen sind und sogar ein Gesetzesvorschlag in das britische Parlament eingebracht wurde, um das Peelsche Bankgesetz von 1844 (welches kurioserweise immer noch gültig ist) zu komplettieren, indem die Volldeckung auf Sichteinlagen ausgedehnt wird. Der dort erreichte Konsensus zur Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken muss als ein (sehr scheuer) Schritt in die richtige Richtung angesehen werden (Huerta de Soto 2010 und 2011b).

[4]Mein politischer Pate, der navarresische Unternehmer Javier Vidal Sario, vollkommen klar und aktiv mit seinen 93 Jahren, bestätigt mir, dass er in seinem ausgedehnten Leben niemals Zeuge – nicht einmal während der Jahre des Stabilisierungsplans von 1959 – einer ähnlichen kollektiven Anstrengung von Haushaltsdisziplin, institutioneller Strenge und ökonomischer Gesundung wie der heutigen gewesen ist. Dazu kommt noch der historische Wert, dass sich diese Anstrengung nicht auf ein konkretes Land (zum Beispiel Spanien) bezieht, noch auf eine spezifische Währung (zum Beispiel die Peseta), sondern sich auf ganz Europa erstreckt mit einigen hundert Millionen Menschen und im Rahmen einer Einheitswährung (des Euro).

[5]Schon 1924 schrieb der große nordamerikanische Ökonom Benjamin M. Anderson folgendes: “Economical living, prudent financial policy, debt reduction rather than debt creation – all these things are imperative if Europe is to be restored. And all these are consistent with a greatly improved standard of living in Europe, if real activity be set going once more. The gold standard, together with natural discount and interest rates, can supply the most solid possible foundation for such a course of events in Europe”. Zweifellos wiederholt sich die Geschichte ein weiteres Mal (Anderson 1924). Ich danke meinem Mitarbeiter Antonio Zanella, der mich auf dieses Zitat aufmerksam gemacht hat.

[6]Der historische Wendepunkt reproduziert sich außerdem in aller Schärfe in China, dessen Volkswirtschaft sich in diesen Momenten am Rande eines expansiven und inflationären Zusammenbruchs steht. Vgl. “Keynes versus Hayek in China”, The Economist, 30. Dezember 2011.

[7]Wie wir bereits gesehen haben, stellte sich auch Mises, der große Verteidiger des Goldstandards und der Bankfreiheit mit 100 prozentiger Reservedeckung in den 1960er Jahren frontal gegen die Theoretiker der flexiblen Wechselkurse mit Milton Friedman an ihrer Spitze. Mises prangerte das Verhalten seines Schülers Machlup an, als dieser die Verteidiger fester Wechselkurse im Stich ließ. Heute, fünfzig Jahre später und im Zusammenhang mit dem Euro, wiederholt sich die Geschichte: bei jener Gelegenheit triumphierten die Epigonen des monetären Nationalismus und der Instabilität der Wechselkurse mit den heute bekannten Folgen. Dieses Mal hoffen wir, dass die Lektion verstanden worden ist, und dass Mises letztlich triumphiert. Der Welt braucht dies, und er verdient es.

 Hier herunterladen: „Die Verteidigung des Euro – ein österreichischer Ansatz„.

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Jesús Huerta de Soto ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. Er errang die Doktorwürde der Volkswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaften durch die Universität Complutense in Madrid. Im Jahr 1983 wurde er mit dem Internationalen „Rey Juan Carlos“ Preis ausgezeichnet. Der „Adam Smith“ Preis wurde ihm durch das C.N.E. in Brüssel (2005); der „Franz Cuhel Memorial Prize for Excellence in Economic Education“ durch die Prager Wirtschaftsuniversität angetragen. Mehrere Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Zu seinen zahlreichen Werken gehören: Socialism, Economic Calculation and Entrepreneurship; Money, Bank Credit and Economic Cycles (auch in Deutsch erschienen: Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen – Verlag Lucius u. Lucius), The Austrian School: Market Order and Entrepreneurial Creativity and The Theory of Dynamic Efficency.

 

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