„Das politische Personal unterliegt in der modernen Parteiendemokratie einer Negativauslese!“

13.6.2012 – Interview mit André F. Lichtschlag, Herausgeber und Chefredakteur von „eigentümlich frei“.

André F. Lichtschlag

Herr Lichtschlag, „eigentümlich frei“ gibt es nun bald 15 Jahre. Ihr Schlusswort im Editorial lautet stets: „Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern! Mehr netto!“ An dieser Stelle ein großes Kompliment: „eigentümlich frei“ leistet hervorragende Arbeit. Aber die reale Entwicklung in der Geldbörse der Bürger der letzten Jahre zeigt eher das Gegenteil: nämlich weniger netto – woran liegt’s?

An immer mehr Staat. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder weniger Staat und mehr netto, also weniger Staatslenkung und mehr Eigenverantwortung der Bürger. Oder immer mehr politischen Dirigismus und Entmündigung, also weniger netto. Das eine bedingt das andere. Und wie jeder weiß: Die Staatsausgaben wachsen sogar noch schneller als die Staatseinnahmen. Die damit auch immer höhere Zahl der Nettostaatsprofiteure übertrifft inzwischen vermutlich bereits die Zahl der Nettosteuerzahler. Dann ist auf demokratischem Weg eigentlich gar keine Umkehr mehr möglich. Deutschland ist vielleicht das erste Land der Welt, in dem eine Partei, die Steuersenkungen verspricht, dafür keine Mehrheiten erhält. Das sagt alles. Insofern bieten wir mit eigentümlich frei ein, wenn man so will, klassenkämpferisches Nischenprogramm für die Ausgebeuteten und Entrechteten – den gebeutelten Mittelstand also.

Unter Politikern dürften Sie nicht allzu viele Abonnenten haben. Im einem der letzten Hefte findet sich eine Aussage Ihres Autors Edgar L. Gärtner „Früher wurde gelogen um des Überlebens willen. Heute lügen Politiker, um den Selbstmord Europas zu vertuschen“. Steht es so schlimm um uns?

Auch der selige Papst Johannes Paul II. sprach von der herrschenden „Kultur des Todes“. Kein Wunder, wir leben im schleichenden Sozialismus. Und am Ende ist Sozialismus immer gleichbedeutend mit Tod. Der russische Mathematiker und Philosoph Igor Schafarewitsch hat das wie kein anderer tiefgreifend analysiert in seinem Buch „Der Todestrieb in der Geschichte – Erscheinungsformen des Sozialismus“. Ein Beispiel: Paragraph 4 Absatz 4 der Tierschutz-Hundeverordnung besagt: „Ein Welpe darf erst im Alter von über acht Wochen vom Muttertier getrennt werden.“ Warum? Weil das Welpen ansonsten schwere Verhaltensstörungen – der langsame Tod – entwickelt. Oder die Nahrungsaufnahme vollständig verweigert und stirbt – der schnelle Tod. Acht Wochen im Leben eines Hundes entsprechen nach gängiger Faustformel einem guten Menschenjahr. Und dies ist die Minimalforderung im Tierschutzgesetz. Nach dem Willen unserer Politiker dürfte Mutter dann schon wieder arbeiten und das Kind in der Verwahranstalt Krippe abliefern. Und das ist nur ein Beispiel für den Tod als Weg der sozialistischen Gleichheit, wie er sich unter anderem auch in der nordkoreanischen Grassuppe zur Volksbeköstigung präsentiert. Oder in mehr als 100 Millionen Ermordeten als Opfer der rotsozialistischen Experimente. Oder in der Nach-uns-die-Sintflut-Einstellung des Lebens und Verzehrens im Jetzt auf Kosten von Zukunft und Vergangenheit, was Keynes bekanntlich mit dem sozialdemokratisch-programmatischen Satz umschrieb: „Auf lange Sicht sind wir alle tot.“

Noch eine Aussage – die stammt von Ihnen: „Nie zuvor war das Volk so frustriert und abgrundtief politikverdrossen wie heute.“ Worin sehen Sie die Hauptursachen hierfür?

Das politische Personal unterliegt in der modernen Parteiendemokratie einer Negativauslese, die nun seit Jahrzehnten wirkt. Entsprechend sind die Ergebnisse. Nicht einmal mehr die Show ist gut, sondern eben nur noch abstoßend. Wie sagte unser Österreichischer Autor Andreas Tögel jüngst so schön: „Die politische Klasse rangiert hinsichtlich ihrer Wertschätzung auf dem Niveau von Hütchenspielern,  Zuhältern und Karussellbremsern.“ Welcher moralisch integre Mensch sucht sich einen Beruf, in dem er mit billigen Versprechungen auf andererleuts Kosten hausieren geht? Wer tut sich die Ochsentour in nächtelangen Klüngelsitzungen mit sogenannten Parteifreunden an? Ausnahmen bestätigen immer die Regel, aber wenn wir uns die Parteiführungen so anschauen, dann sind wir wohl langsam beim allerletzten Aufgebot angekommen, der Karikatur einer ursprünglichen Elite. Wie kann man da nicht politikverdrossen sein? Und das, ganz ohne überhaupt von den Inhalten zu reden, von den ständig zunehmenden Eingriffen der Politik in die persönlichen Angelegenheiten, von den Interventionsspiralen, steigenden Abgaben, Verschuldungsorgien und so weiter.

Kürzlich haben Sie in „eigentümlich frei“ einen Auszug aus dem Buch „Beyond democracy“ von Frank Karsten und Karl Beckmann abgedruckt.

Das im August auf Deutsch erscheinen wird, woran ich nicht ganz unschuldig bin.

Die beiden Autoren behaupten, „Demokratie“ bedeute nicht Freiheit und lasse die Tür offen für immer weiter zunehmende Staatseingriffe. So wie die Mehrheit der Menschen „Demokratie“ interpretieren dürfte, ein Widerspruch, oder?

Die meisten Menschen verwechseln Demokratie mit Freiheit. Sie halten sie für Synonyme. Dabei sind es eigentlich Gegensätze. Demokratie bedeutet, dass der Nachbar über die Höhe meines Gehalts abstimmt. Es bedeutet Mitbestimmung von Fremden über meine persönlichen Belange. Freiheit bedeutet Selbsteigentum und Selbstbestimmung in eigenen Belangen. Es ist kein Zufall, dass die Sozialisten ihr Diebstahlprogramm gerne mit der Forderung nach der „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ – oder wie Willy Brandt es sagte: „Mehr Demokratie wagen!“ – schmücken. Demokratie weckt niederste Instinkte, vor allem den Neid. Demokratie ist eine Form des Kollektivismus. Und ein Mittel des schleichenden Sozialismus. Die großen alten griechischen Philosophen und die amerikanischen Gründerväter verachteten die Demokratie. Klingt verrückt? Weil die Huldigung der Demokratie in unseren Tagen zur Ersatzreligion wurde, zum Gott, der aber keiner ist, wie der Ökonom Hans-Hermann Hoppe so schön titelte.

Wenn es die Demokratie ist, die diese Fehlentwicklungen hervorbringt, was ist dann die Alternative? Wie sehen Sie die Privatrechtsgesellschaft, die Professor Hoppe u.a. in seinem neuen Buch „Wettbewerb der Gauner“ beschreibt?

Hoppe entlarvt wie kaum ein anderer die Fehler und Probleme der Demokratie. Und er stellt heraus, warum im Zweifel eine traditionelle Erbmonarchie weniger schädlich ist. Hoppe steht in der Tradition der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und erkennt mit deren Methoden, warum ein Staat immer die Tendenz hat, seine Kompetenzen Schritt für Schritt auf Kosten der Freiheit auszuweiten, auch und gerade in einer Demokratie. Insofern zeigt er, warum der Glaube an einen liberalen Minimal- oder Nachtwächterstaat naiv sein muss. Denn auch dieser wird sich ausweiten. Andererseits erscheint mir bei allem Erkenntnisgewinn auch die Hoffnung auf eine natürliche, staatsfreie Ordnung in gewisser Weise naiv zu sein. Denn jedes Kind in einer Spielgruppe weiß, dass dort, wo ein Machtvakuum entsteht, es sich unweigerlich wieder füllt. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass einige nach Macht und Gewalt streben, sobald sich die Möglichkeit ergibt. Und andere, noch mehr an der Zahl, wollen beherrscht werden und fürchten Eigenverantwortung. Wenn das alles eine menschliche Konstante ist, wovon ich ausgehe, dann sollten wir in Demut nach den kleinen Lösungen suchen. Eine Rückkehr zum Monarchen von Gottes Gnaden – immerhin eine Ordnung, die über die Jahrtausende funktionierte – wird es nach 1789 und den vielschichtigen Folgen so ohne weiteres auch nicht geben. Insofern ist vielleicht am Ende die Demokratie dann doch wieder – wie Churchill einwarf – „die schlechteste aller Regierungsformen, ausgenommen alle anderen“. Und in ihrem Rahmen sollten wir so gut es geht nach kleineren, überschaubaren politischen und wirtschaftlichen Einheiten streben und „weniger Politik wagen“. Das fängt bei uns selbst, beim Einzelnen an. Ein wenig anarchische Ideen, republikanische Praxis und monarchischer Geist könnten dabei helfen.

Also doch ganz im Rahmen der bestehenden Demokratie?

Ich fürchte, was nach der Demokratie kommt, wird noch wesentlich schlimmer werden. Der Soziologe Erich Weede hat nachgewiesen, dass in Punkto Freiheitsbeschneidung und Eigentumsbeschädigung die Demokratien zu einer mittleren Position neigen und sich untereinander nur wenig unterscheiden. Autoritäre Regime können zurückhaltender sein wie in Liechtenstein oder Dubai. Meist sind das dann die letzten verbliebenen Erbmonarchien. Oder aber noch weit schlimmer als Demokratien werden – wie die großen totalitären Experimenten des 20. Jahrhunderts oder heute die Regime in Nordkorea oder Kuba. Wenn wir uns aktuell die ESM-Ermächtigungsgesetze und die Machenschaften der Kommissarsclique in Brüssel anschauen, dann spricht leider vieles dafür, dass wir bereits auf dem Weg zu einer neosozialistischen Diktatur sind, die um einiges gefährlicher für den Einzelnen sein wird, als unsere verkommene jetzige Parteiendemokratie. Denn bei aller Kritik – einen ganz großen Vorteil hat die Demokratie zumindest in der Theorie: Sie setzt Meinungsfreiheit voraus. Und zumindest in den USA hält man sich auch noch weitgehend an diese Vorgabe.

Mir fällt übrigens spontan kein anderes Printmedium ein, dass sich derart vom Mainstream abhebt wie „eigentümlich frei“. Wenn der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler als Euro-Rebell bezeichnet wird, dann darf man Sie sicher als Rebell in der Medienszene bezeichnen. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Ehrlich gesagt: Mir macht sie große Freude!

Eine Frage zum Abschluss: André Lichtschlag geht für drei Jahre auf eine einsame Insel. Was erwartet er bei seiner Rückkehr hinsichtlich der politischen und wirtschaftlichen Lage in Europa? Best case und worst case, bitte.

Best case: Unser Finanzsystem und im Anschluss die politische Ordnung wie wir sie kannten, sind vor knapp drei Jahren zusammengebrochen. Nach sehr schwierigen und oft chaotischen Monaten bessert sich langsam die Lage. Tatkraft und Werte zählen wieder. Und viele Menschen bauen auf. Optimismus macht sich breit. Und man ist sich über das untergegangene schleichend-sozialistische System einig: Nie wieder!

Worst case: Mit immer neuen Rettungsschirmen und schuldenfinanzierten „Konjunkturprogrammen“ haben sich Banken und Politik bis heute über Wasser gehalten. Damit einher gingen weitere Beschneidungen der persönlichen Freiheit. Die EUdSSR wird nicht mehr in Anführungsstrichen geschrieben, sie ist Realität. Genosse Schulz lenkt von Brüssel aus die Neo-Sowjetunion, die inzwischen von gut bewachten Grenzanlagen umzäunt ist. Aber jeder Sozialismus bricht irgendwann zusammen. Die nötigen wirtschaftlichen Bereinigungen und das entstehende Chaos werden nun allerdings noch schwerwiegender sein. Und die Befreiung wird teurer. In jeder Beziehung.

Herr Lichtschlag, vielen Dank für Ihre offenen Antworten.

Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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André F. Lichtschlag ist Herausgeber und Chefredaktuer von „eigentümlich frei“.

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