Prof. Dr. Gerd Habermann im Interview: „Es zieht ein Sturm auf.“

15.5.2012 –

Prof. Dr. Gerd Habermann

Herr Professor Habermann, Sie haben mit Ihrem Buch „Freiheit oder Knechtschaft – ein Handlexikon für liberale Streiter“ verfasst. Es geht Ihnen vor allem darum, mit Begriffsverwirrungen aufzuräumen. Die meisten begriffsverfälschenden Schlagworte in Ihrem Lexikon beginnen mit „sozial“. Hayek schrieb einmal: „sozial“ sei ein „Wieselwort“ par excellence. Was hat er damit gemeint und was, glauben Sie, würde er heute – 20 Jahre nach seinem Tod – sagen?

Das Wieselwort („weasel-word“) haben, wie Hayek schreibt, die Amerikaner nach dem Wiesel benannt, das angeblich ein Ei so geschickt aussaugen kann, dass zwar die Schale unversehrt scheint, aber das Ei jedes Inhalts entleert ist. „Sozial“ ist ein solches Wieselwort, das, wenn man es einem anderen Wort hinzufügt, dieses jeden Inhalts und jeder Bedeutung beraubt. Soziale Marktwirtschaft ist dann offenbar keine eigentliche Marktwirtschaft, sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, soziale Demokratie keine Demokratie, sondern irgendetwas Schwammiges, schwer Fassbares. Die Situation, der kultisch-religiöse Missbrauch dieses Wortes  „sozial“ hat sich noch verschärft – und die dezidierten intellektuellen Gegenpositionen werden in der öffentlichen Diskussion  immer schwächer. Ohne ein liberales Revival, wie wir es mit der Hayek-Gesellschaft betreiben, sehe ich schwarz. Denken Sie allein an den Unfug, der sich inzwischen mit dem „Gendern“ und der Antidiskriminierung verbunden hat, auch dies als Ausdruck einer egalitären „Sozial“religion.

Mit „Gender Mainstreaming“ packen Sie ein heißes Eisen an, viele weibliche Fans gewinnen Sie damit nicht. Warum stellen Sie sich gegen eine Politik zur „Gleichberechtigung der Frauen“?

„Gender Mainstreaming“ – das ist nicht das Anliegen d e r Frauen, sondern einiger egalitärer Fanatikerinnen, die kein Vertrauen in die Kraft der Frauen haben, ihre Interessen selber wahrzunehmen, sondern meinen, sie brauchten dazu die Zwangsgewalt des Staates. Im Grunde eine Armutserklärung. Die meisten Frauen suchen nicht so wie diese Fanatikerinnen den absoluten Machtkampf mit den Männern, sie sträuben sich dagegen, dass man ihnen Rollen und Verhaltensmuster aufzwingen will, die nach der männlichen Schablone geformt sind, sondern möchten ihren eigenen weiblichen Weg gehen. Es geht hier nicht um liberale Gleichberechtigung, die seit langem durchgesetzt ist, sondern um sozialistische Gleichmacherei. Hayek würde hier von „Konstruktivismus“ sprechen, der in diesem Punkt genauso scheitern wird wie ähnliche Versuche auf anderen Gebieten. Jede selbstbewusste Frau ist von dieser Art sexistischem Protektionismus beschämt. Die Botschaft lautet ja: Du bist so schwach, dass Dir mit staatlichen Zwangsmitteln beigestanden werden muss.

Günter Ederer zeichnet im Vorwort zu Ihrem Buch ein Bild: „Mir kommt es so vor, als ob die Staatsgläubigen sich die Obrigkeit als eine wunderschöne junge Frau vorstellen, mit der sie abends trunken vom Nebel der Erwatungen ins Bett gehen, um am nächsten Morgen aufzuwachen, um neben sich einen geifernden Amtmann mit Paragrafen in den Augen und dicken Gesetzbüchern im Arm vorzufinden.“ Er kommt zum Schluss, dass die Freiheitlichen es bisher nicht verstanden haben, die Erfolge der Freiheit und den Wohlstand, den sie schafft, zu vermitteln. Ist der Kampf gegen die „Illusion vom Schlaraffenland“ überhaupt zu gewinnen?

Nun, dieser Kampf wurde immer wieder gewonnen, aber man soll sich nicht einbilden, er  sei irgendwann definitiv entschieden. Freiheit ist immer gefährdet – durch falsche Ideen, fragwürdige, aber wirksame Persönlichkeiten oder ungünstige historische Konstellation (z.B. Deutschland nach 1918) Aber schließlich kann man die ganze europäische Geschichte als Geschichte der Freiheit auffassen, wie das Hegel oder Croce getan haben. Große Zeiten für die Freiheit waren die Renaissance, dann wieder die Aufklärung, dann das unvergleichliche neunzehnte Jahrhundert mit seinem Siegeszug auch der wirtschaftlichen Freiheit  in Deutschland bis der geniale Bismarck die Wende einleitete (Arbeiterversicherung, Zölle). Schließlich: wo sind Hitler , Stalin, diese großen Massenmörder, was geschieht in China, wo ist die DDR? Also bitte nicht eine so kleinmütige Geschichtsbetrachtung! Die größte Herausforderung für die Freiheit liegt aber gegenwärtig in der Tat im Wohlfahrtsstaat mit seinem schleichenden Sozialismus und in der Herrschaft der Politik über ein manipuliertes Papiergeld.

Mit „manipuliertes Papiergeld“ geben Sie ein gutes Stichwort. Ist es nicht so, dass eben dieses Papiergeld – von Ihnen in einem Artikel auch einmal als „politisiertes Geld“ bezeichnet – ein elementares Grundproblem in einer freien Marktwirtschaft darstellt?

Ja, auf diesen „Geldsozialismus“ gehen schließlich die dramatischen booms und busts zurück, welche die Marktwirtschaft immer wieder erschüttern . Geld war eine Erfindung der Märkte, die von den Regierungen immer gern angeeignet und monopolisiert wurde, auch in der Zeit als es sich noch um ein echtes Warengeld handelte (Gold oder Silber). Ein wunderbares, unwiderstehliches Mittel zur Bereicherung durch Inflation. Darum ist die Brechung dieses Monopols das derzeit wichtigste Anliegen für einen echten Liberalen. Mir wird schwindlig bei der Beobachtung dessen, was gerade vor sich geht, in den USA wie in Europa wie in Japan. Bald wird die Parole aufkommen: rette sich, wer kann. Unter den Wissenden ist sie bereits sehr laut zu hören. Und wer muss dafür bezahlen: vor allem der berühmte kleine Mann, der wenig hat und wenig Übersicht besitzt. Es ist besonders enttäuschend, dass eine demokratische Führung dieses Fiasko herbeiführt, die doch die Interessen der Massen
sichern sollte.

Womit wir bei der „Politik“ angekommen wären. „Politiker“, so schreiben Sie in Ihrem Lexikon, „leben heute in der Regel von, nicht für die Politik.“ Heißt also: „Schlechtes Geld“ und „Schlechte Politiker“ – die denkbar ungünstigste Kombination. Was darf der Bürger denn hier überhaupt noch für Erwartungen haben?

Ja, sehen Sie nur auf die Entwicklung der EU, speziell der EWU, das reine Irrenhaus. Sehen Sie unsere deutsche Politik seit Jahren – die chronische Unfähigkeit oder Feigheit unserer Politiker, die Probleme auch nur beim Namen zu nennen. Sie kämpfen stattdessen mit Schwierigkeiten, die wir ohne ihr verworrenes Intervenieren gar nicht hätten. Es ist jetzt der Punkt erreicht, wo der wohlfahrtsstaatliche Wagen mit ziemlicher Wucht gegen die Wand prallen muss. Dann muss ein liberales Reformkonzept vorliegen und von überzeugenden, vor allem mutigen und kompetenten Politikern durchgesetzt werden. Das erste ist da, das zweite wird sich unter Problemdruck auch finden, ein neuer Politikertyp. Wenigstens im England und Neuseeland der großen Reformen waren sie da, oder Gorbatschow in der früheren Sowjetunion oder der unvergleichliche Ludwig Erhard.

Wie muss ich mir als Bürger „an die Wand prallen“ vorstellen?

Inflation, Arbeitslosigkeit, sich zuspitzende Umverteilungskämpfe, sozialer und politischer Aufruhr und Rückgang des Lebenskomforts – reicht das??

Danke, das reicht. Vielleicht zum Abschluss ein Rat von Ihnen an den Bürger. Was kann der Einzelne tun?

Es zieht offenbar ein Sturm auf – da heißt es das Haus sichern, und: nicht alle Eier in einen Korb! Sachvermögen, Immobilien, Gold und Silber, Aktien, ggfs. Fremdwährung – so wird das Schlimmste – die drastische Reduzierung, gar Vernichtung der Geldvermögen – verhindert.

Haben Sie vielen Dank für das Interview, Herr Professor Habermann.

Die Fragen stellte Andreas Marquart, misesinfo.

„Freiheit oder Knechtschaft – Ein Handlexikon für liberale Streiter“ erschienen im Olzog-Verlag

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Gerd Habermann ist liberaler Wirtschaftsphilosoph und Publizist. Er ist Initiator und Sekretär der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und Vorstandsvorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft, ferner Honorarprofessor an der Universität Potsdam und ordnungspolitischer Berater der Familienunternehmer – ASU, deren Unternehmerinstitut er bis 2010 geleitet hat.

Gerd Habermann ist Mitglied der Mont Pelerin Society und Autor von über 400 Publikationen – darunter: Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs (3. Aufl. in Vorbereitung), Philospohie der Freiheit – ein Friedrich August von Hayek-Brevier (4. Aufl. 2005) und Mitherausgeber des Bandes „Der Liberalismus – eine zeitlose Idee“. Er ist ferner regelmäßig Autor in der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Welt.

Zur Internetseite der Hayek-Gesellschaft gelangen Sie hier.

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