Lord Acton: Die bleibende Aktualität seines Werks

9.5.2012 – von Alexander Dörrbecker (Herausgeber von „Geschichte und Freiheit, ein Lord Acton Brevier“ – Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2010)

Lord Acton (1834-1902) – ein Privatgelehrter und Historiker des 19. Jahrhunderts – war zugleich Vordenker für die Freiheit und akribischer Forscher nach historischen Wahrheiten. Was bedeutet er für uns heute? Ist er nicht längst ein vergessener, vom Wandel der Zeit verschlungener Historiker? Wurden seine Schriften nicht längst durch neuere Aussagen und Feststellungen überholt?

Lord Acton - Foto: Mises-Institute

Richtig ist, dass das 20. Jahrhundert viele neue Entwicklungen gebracht hat. Auch die historische Forschung und die politischen Verhältnisse haben sich stark verändert. Trotz einiger aus liberaler Sicht sicherlich zu bedauernden neuer politischen Strömungen haben sich im 20. Jahrhundert durchaus auch viele Vordenker für die Freiheit hervorgetan. Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek sind Beispiele für solche Denker. Gerade im Falle Hayeks sehen wir jedoch, dass er viele Überlegungen Lord Actons aufgreift und sogar ausdrücklich auf ihn verweist. Allein in seinem Hauptwerk „Die Verfassung der Freiheit“ aus dem Jahre 1960 finden wir circa 20 Zitate oder ausdrückliche Hinweise auf Acton. Wurden also liberale Ideen im 20. Jahrhundert durch ausgezeichnete Interpreten der liberalen Schule immer wieder neu formuliert und weiter entwickelt, besitzen dennoch Actons Schriften für uns heute weiterhin grosse Aktualität. Es ist geradezu frappierend, festzustellen, dass Acton Zusammenhänge darstellt, deren Entdeckung wir erst unserer Zeit zuschreiben. Die Erkenntnisse über die Entwicklung der Freiheit, die Lord Acton bereits im 19. Jahrhundert angesammelt hat, scheinen teilweise schon wieder verloren.

Actons Entdeckung der ersten Keime der Freiheit im Israel des alten Testaments und in der Antike und ihre Fortentwicklung über die Jahrhunderte ist sehr eindrucksvoll und nach wie vor aktuell. Denn Geschichtsschreibung wird auch heute massgeblich aus einer der Freiheit wenig zugeneigten Richtung betrieben. Nicht umsonst beschrieb sich Lord Acton selbst häufig als „Anhänger sinkender Schiffe“. Wie damals lässt auch die heutige Geschichtsschreibung mangels entsprechender Schwerpunktsetzung den Aspekt der Freiheitsentstehung aussen vor. Häufig wird nur die heutige Zeit als frei beschrieben und die Vergangenheit gilt als unfreie graue Vorzeit. Diese Tendenz lässt sich besonders gut am Beispiel des Mittelalters festmachen. Acton sah in ihm eine Hochphase für die Entfaltung individueller Kräfte und keinesfalls ein dunkles Zeitalter.

Es ist äusserst bedauerlich, dass Acton seine geplante grosse „Geschichte der Freiheit“ nie verwirklicht hat. Aber nur schon aus seinen fragmentarischen Schriften lässt sich bereits vieles ableiten. Überlegungen, die auch heute aktueller nicht sein können.

Argwohn gegenüber der Macht

Acton sah die Macht als den entscheidenden Faktor an, der die Freiheit der Menschen gefährden kann. Freiheit und damit Liberalismus bestand nach Acton nur zu jenen Zeiten, in denen niemand absolute Macht ausüben konnte. Deshalb prägte er den Grundsatz, „Sei gegenüber der Macht argwöhnischer als gegenüber dem Laster“. Sein Ausspruch „Macht zielt darauf ab zu korrumpieren und absolute Macht korrumpiert vollständig“ ist gar berühmt geworden. Und dies nicht umsonst. Denn nach Acton kann sich Freiheit nur dort entwickeln, wo es mehrere widerstreitende Machtfaktoren gibt. Machtbeschränkung ist daher für ihn ein wesentliches Element, um einer schleichenden Freiheitseinschränkung entgegenzuwirken. Deshalb gibt er die Empfehlung: „Zerstöre niemals eine Kraft, wenn sie nicht dominiert, sie mag dazu dienen, die Vorherrschaft [einer anderen Macht] zu kontrollieren.“ Aus der Geschichte leitet er auch ab, dass Macht eine stetige Tendenz besitzt, sich auszudehnen. Diese Beobachtung, die er auch in der modernen Welt seiner Zeit macht, lässt sich uneingeschränkt auf unsere heutige Zeit übertragen. Daraus lernen wir, dass wir stets neue Anstrengungen unternehmen müssen, Macht an einer weiteren Ausdehnung zu hindern, oder sie gar zurückzudrängen.

Ein anderes Mittel, um die Macht zu beschränken, ist für Acton deren Teilung. So sagt er, „Freiheit hängt von der Teilung der Macht ab“. Und er warnt uns auch, dass die Demokratie eine Tendenz in sich trage, Macht zu konzentrieren und einer Gewaltenteilung entgegenzuwirken. Eine Begrenzung der Macht muss also bei den staatlichen Organen ansetzen, und die einzelnen Verwaltungsorgane strikt trennen. Nur eine solche strikte Trennung führt nach Acton zu einer effektiven Gewaltenteilung. Zu den Hilfsmitteln hierfür zählt auch der Föderalismus. Ein föderaler Staat, der funktionsfähig ist, schafft es, eine Machtkonzentration im Zentrum zu verhindern. So sah Acton im US-amerikanischen Kongress der damaligen Zeit eine solche Gewaltenteilung zumindest teilweise gewährleistet. Denn zu seiner Zeit wurde die erste Kammer (das Repräsentantenhaus) des amerikanischen Kongresses vom Volk gewählt und die zweite Kammer (der Senat) von den Parlamenten der Einzelstaaten bestimmt. Erst 1913 wurde mit dem 17. Amendment zur amerikanischen Verfassung diese Trennung abgeschafft und aus dem Senat quasi ein zweites Repräsentantenhaus gemacht. Denn seither werden auch die Senatoren von der Bevölkerung aller Staaten gewählt. Erst im November 2010 regte der Richter am US Supreme Court Antonin Scalia an, genau dieses 17. Amendment wieder aufzuheben, mit dem Ziel der Machtbegrenzung. Denn die USA erleben spätestens seit den 1930er Jahren eine spürbare Konzentration sämtlicher Machtbefugnisse in der Regierungszentrale Washington.

Vermutung gegen den Staat

Acton erkannte bereits im 19. Jahrhundert, dass sich ein freies Gemeinwesen nicht ausschliesslich auf den Staat verlassen darf. Er hat gesehen, wie auch beim Staat eine Tendenz darin besteht, seine Macht auszudehnen. Um ein freiheitliches Gemeinwesen zu entwickeln, bestehe daher stets eine Ausgangsvermutung gegen den Staat. Der Staat, so sagt er, „hat dort nichts zu suchen, wo er nicht beweisen kann, dass etwas seine Aufgabe ist. Der Staat muss zurückgewiesen werden, es sei denn, es handelt sich um Geschäfte, die offensichtlich seine eigenen sind.“ Hier spielt Acton auch Funktionen an, die nach seiner Erfahrung des 19. Jahrhunderts eben nur durch den Staat wahrgenommen werden können. Hierzu zählen insbesondere die innere Sicherheit (Polizei) oder der Ausgleich politischer Interessen.

So sieht Acton die Aufgabe des Staates nicht darin, die Wirtschaft zu beeinflussen oder gar zu steuern. Er meint sogar, dass die „Politische Ökonomie“ von den Staatsmännern weit überschätzt würde. „Politische Ökonomie ist ein Thema, das für ein weites politisches Wissen notwendig ist, das aber wiederum nicht so wichtig ist, wie es unsere modernen Staatsmänner anzunehmen scheinen.“ So bringt er auch der formalen Verteilung von Gütern grosse Vorbehalte entgegen. Vielmehr ist er der Ansicht, dass die Wirtschaft aus sich heraus Wohlstand schafft. Er warnt ausdrücklich vor dem Versuch der Politiker, nicht vorhandenen Wohlstand zu verteilen: „Das Mischen der Karten ist von geringem Nutzen, wenn alle Trümpfe entnommen sind.“

Die grössten Feinde der Freiheit sieht Acton in den Theorien des Egalitarismus, des Kommunismus und des Nationalismus. Letzterer war nach den italienischen  Unabhängigkeitskriegen und den deutschen Einigungskriegen der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts damals die modernste. Der Egalitarismus hatte seinen Höhepunkt in der französischen Revolution gefunden und auch die Vorstellungen vom Kommunismus waren damals in Frankreich entwickelt worden. Die ausgefeilte Dialektik des Marx’schen Sozialismus als Vorstufe zum Kommunismus wurde zu Actons Zeiten noch eher als eine Nebenströmung angesehen.

Erstaunlich ist, dass Acton bereits den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Sozialismus erkannte. Als grosse Gefahr bezeichnet er früh, dass der Sozialismus auf dem Rücken einer durchaus berechtigten Forderung – nämlich indem er vorgibt, eine Abhilfe gegen das Elend der Arbeiter zu bieten – an Popularität gewinnt. Denn selbst wenn er dieses kurzfristige Ziel der Armutsbekämpfung erreiche, würde er immer auch die Freiheit abschaffen. Dieses Ziel könne, so Acton, nur durch Despotismus erreicht werden. In seinem Verlangen, die stärkste Ausübung von Macht zu etablieren, nimmt der Sozialismus nach Acton den Despotismus und damit die Abschaffung jeder Freiheit in Kauf. Actons historische Forschungen bezeugen, dass die Ideen des Sozialismus im Laufe der Geschichte immer wieder aufkamen und zu despotischen Herrschaften führten, welche wirtschaftlich niemals Blütezeiten waren. So entdeckt er den Sozialismus im griechischen Sparta, bei den Inkas in Amerika oder in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der russischen Provinz. Genau dort, wo Bakunin und andere Anarchisten des 19. Jahrhunderts ebenfalls die Wurzel ihres zu verwirklichenden Kommunismus und Anarchismus gesehen haben.

Plädoyer für die Freiheit

Actons Werk ist für uns heute deshalb so interessant, weil er ein uneingeschränktes Plädoyer für die Freiheit abgibt. So stellt er fest, dass Freiheit und eine gute Regierung sich zwar nicht gegenseitig bedingen, sie aber durchaus zusammentreffen können. Freiheit ist ein Garant für das Individuum, nicht für das Funktionieren des Staates. Diese Präzisierung ist Acton wichtig. Für das Funktionieren einer guten Verwaltung meint Acton, benötigen wir nicht die Freiheit. „Wir benötigen sie aber zur Absicherung und Verfolgung der höchsten Ziele der Zivilgesellschaft und des Privatlebens.“ Und dies ist für Acton selbst dann von höchstem Wert, wenn unter Umständen der Zuwachs der Freiheit einer Mittelmässigkeit Vorschub leisten würde.

Eine übermässige Betätigung und Einflussnahme des Staates in das Handeln der Individuen und damit in die Gesellschaft ist für Acton absolut verwerflich. Sie führt nach seiner Ansicht stets zur Bürokratie, und Bürokratie leistet dem Absolutismus uneingeschränkt Vorschub. Durch Bürokratie versuche der Staat, die gesamte Bevölkerung zu kontrollieren. So führt Acton aus, „Wenn die gesamte Bevölkerung in Registern geführt, ihre Beschäftigungen und ihr Bedarf verzeichnet und ihre körperlichen Fähigkeiten gekennzeichnet werden, und sie sich selbst in Intervallen der Einberufungsmaschinerie unterwirft, dann beginnen wir die Anwesenheit einer bürokratischen Behörde zu erkennen, die sich in die Familie einmischt und das Leben der Nation dirigiert“.

Auch jeder öffentlichen Erziehung liegt für Acton eine gefährliche Tendenz zur Bürokratisierung inne. Diese Bürokratisierung beschwört eine Entwicklung herauf, an deren Ende die Menschen nicht mehr selbsttätig denken und sich vollständig der staatlichen Verwaltung unterwerfen. „Vom Erziehungswesen bis hin zu anderen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens versuchen die Bürokraten zu klassifizieren. Zur gleichen Zeit verändert [die Bürokratie] ihre Pflichten den Bürgern gegenüber, sodass sie mehr für ihre Bezahlung beanspruchen kann und einen Vorwand für ihre Erweiterung hat. Sie versucht stets, die Menschen entlang willkürlicher Grenzen zu verändern, auf künstlichen Klassifikationen und arithmetischen – nicht menschlichen – Prinzipien zu beruhen. Sie trägt der Geschichte und den Gewohnheiten der Menschen keine Rechnung“. Bürokratie kann nach Acton nur dadurch eingeschränkt werden, dass die Menschen versuchen, sich möglichst viel Unabhängigkeit in allen Bereichen zu erhalten („so vielen Bereichen des Lebens wie möglich“).

Acton spricht Probleme sehr deutlich an, die uns bis heute beschäftigen und immer wieder in neuen Facetten auftreten. Und er mahnt uns beständig, dass Freiheit in der Geschichte nie von langer Dauer war. Sie muss immer wieder von Neuem erkämpft und erarbeitet werden. „Fortschritt der Freiheit: Der Konflikt für und gegen sie ist Bestandteil der Antiken und der modernen Geschichte. Dies haben Athen, Rom, die Gemeinwesen während der Völkerwanderungen, Philosophie und Kirche, der Konflikt zwischen Kirche und Staat, zwischen Kirche und Kirche, zwischen der Christenheit und ihren Feinden gemeinsam.“

Sein Eintreten für die Freiheit und der Wunsch, dass jeder erkenne, dass er als göttliches Geschöpf zur Freiheit geboren ist, sind auch heute brandaktuell. Seine Kritik an staatlicher Armenhilfe könnte auch heute gegenüber dem modernen Staat vorgebracht werden: „Sie schafft auf künstliche Weise ein Proletariat, eine klassenlose Gruppe, die auf dauerhafte Unterstützung derjenigen baut, die für sie sorgen.“

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Dieser Beitrag ist erschienen bei „Liberales Institut„, Zürich – vielen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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