Was ist an sinkenden Preisen eigentlich falsch?

4.4.2012 – von Peter D. Schiff und Andrew J. Schiff.

In der heutigen Volkswirtschaftslehre gibt es keinen größeren Propagandasieg als die vollständige Diskreditierung der Deflation (und die relative Akzeptanz der Inflation). Wenn man Volkswirte und Politiker fragt, ist Deflation – definiert als der gesamte Preisrückgang im Laufe der Zeit – das ökonomische Äquivalent zur Pest. Normalerweise setzen Regierungen schon beim leichtesten Hauch von Deflation Maßnehmen um, die die Preise wieder in die Höhe treiben sollen.

Aber was ist an sinkenden Preisen eigentlich falsch?

Wir haben uns an die stetig steigenden Preise schon derart gewöhnt, dass es so ziemlich jedermann schockieren würde, wenn er wüsste, dass die Preise in den Vereinigten Staaten fast 150 Jahre lang stetig gefallen sind… vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in das Jahr 1913! Aber während dieser Zeit haben wir mit das schnellste Wirtschaftswachstum in der Geschichte der Erde erlebt. […]

Die immense Produktivitätssteigerung durch die industrielle Revolution machte es möglich, dass sich Angehörige der Arbeiterklasse alle möglichen Waren leisten konnten – Polstermöbel, maßgeschneiderte Bekleidung, fließend Wasser und Verkehrsmittel mit Rädern, die davor nur den Reichen zur Verfügung gestanden hatten. Die Deflation bedeutete, dass man sich für 100 Dollar, die man im Jahr 1850 gespart hatte, im Jahr 1880 viel mehr Waren und Dienstleistungen kaufen konnte. Während  moderne Großeltern gewöhnlich darauf hinwiesen, wie viel billiger die Sachen waren, als sie noch Kinder waren, haben ihnen ihre Großeltern wahrscheinlich Geschichten darüber erzählt, wie viel teurer die Dinge in ihrer Jugend waren.

Doch trotz der offensichtlichen Vorzüge niedriger Preise haben wir Angst vor Deflation. Man erzählt uns, wenn die Preise fallen würden, dann würden die Menschen aufhören zu arbeiten, die Unternehmen würden kein Geld mehr ausgeben, die Arbeiter würden ihre Jobs verlieren und wir würden alle in das wirtschaftliche Mittelalter zurückfallen.

Aber wir alle sehen von Zeit zu Zeit und immer wieder, dass sinkende Preise bestimmten Branchen nicht schaden. Anfang des 20. Jahrhundertes machte Henry Ford ein Vermögen und seine Arbeiter wurden die bestbezahlten der Branche, indem er den Autopreis stetig senkte. In jüngerer Zeit verdient die Computerindustrie bergeweise Geld, obwohl ihre Produkte stets einer beträchtlichen Preisdeflation unterliegen. Trotz abstürzender Preise setzt sich die Computerrevolution unvermindert fort. Infolge dieser Effizienz der Konstruktion und Herstellung geben Millionen und Abermillionen von Menschen jedes Jahr immer weniger Geld dafür aus, die Wunder der Digitalisierung zu erleben.

Trotzdem gehen die meisten Menschen davon aus, dass Deflation in Ordnung ist, wenn sie sich auf eine bestimmte Branche beschränkt. Wie kommt das?

Moderne Volkswirte gehen fälschlicherweise davon aus, Ausgaben würden das Wachstum antreiben, und wenn Deflation vorliegt, würden die Menschen dazu neigen, Anschaffungen aufzuschieben (damit die Preise weiter sinken können). Und wenn sie doch etwas ausgäben, hätten die verminderten Preise geringere volkswirtschaftliche Auswirkungen. Das ist absurd.

Wie bereit gesagt, es kommt nicht auf die Ausgaben an. Was zählt,  ist die Produktion!

Man braucht die Menschen nicht davon zu überzeugen, dass sie Geld ausgeben sollten. Da die menschliche Nachfrage im Prinzip endlos ist, gibt es wahrscheinlich einen guten Grund, wenn Menschen etwas nicht haben wollen. Entweder taugt das Produkt nichts oder der Verbraucher kann es sich einfach nicht leisten. In beiden Fällen wird die Entscheidung, einen Kauf aufzuschieben oder zu sparen anstatt Geld auszugeben, aus rationalen Gründen getroffen und kommt tendenziell der gesamten Volkswirtschaft zugute.

Tatsächlich besteht die beste Möglichkeit, die Nachfrage anzuheizen, wenn die Verbraucher nichts ausgeben, darin, die Preise auf erschwinglichere Niveaus fallen zu lassen. Sam Walton hat mit diesem simplen Konzept Milliarden verdient.

Als die ersten Plasmafernseher herauskamen, haben nur wenige Amerikaner sie gekauft. Obwohl fast jeder einen haben wollte, konnten nicht viele die 10.000 Dollar aufbringen, die man brauchte, um sich einen ins Haus zu stellen. Als aber die Preise fielen, schlugen mehr Menschen zu, und die Profite stiegen, weil die niedrigeren Preise durch höhere Stückzahlen ausgeglichen wurden.

Für das Argument, sinkende Preise würden den Konsumenten schaden, braucht man schon einen begabten Volkswirt! Wären niedrigere Preise für Nahrungsmittel und Energie wirklich so schlimm? Müsste uns der Staat vor Gefahren schützen, wenn die gesundheitliche Versorgung oder die Bildung erschwinglicher würden?

Trotz aller entlastenden Indizien ist die Deflation nach wie vor der Wirtschaftsfeind Nummer 1. Das liegt daran, dass die Inflation (das Gegenteil von Deflation) der beste Freund aller Politiker ist.

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Der Beitrag ist entnommen aus dem Buch „Wie eine Volkwirtschaft wächst…und warum sie abstürzt“ von Peter D. Schiff und Andrew J. Schiff.

Der Abdruck erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Börsenbuchverlages.

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