„Ein Ende des Einheitseuros mit Schrecken ist besser als ein Euroschrecken ohne Ende!“

20.4.2012 – Interview mit Hans-Olaf Henkel.

Hans-Olaf Henkel

Vielen Dank vorab, Herr Henkel, für dieses Interview. In einem Beitrag für die Zeitschrift „Schweizer Monat“ haben Sie kürzlich über sich selbst gesagt, Sie seien einst ein enthusiastischer Befürworter des Euro und ein romantischer Träumer von einem „Vaterland Europa“ gewesen. Seit wann und warum sind Sie vom Lager der Träumer zu den Realisten und Skeptikern gewechselt?

Ich hatte naiverweise geglaubt, dass sich die Politik an die Versprechen hält, die sie den Deutschen bei der Aufgabe der D-Mark gegeben hatte. Als die Regierung unter Kanzler Schröder und Finanzminister Eichel gegen meinen damals öffentlich vorgebrachten Protest Griechenland in den Euroverbund aufnahm, kam ich ins Grübeln. Als sie dann die Stabilitätskriterien brachen, wurde ich nervös. Als dann im Mai 2010 Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble die „No-Bail-Out-Klausel“ verletzten, die innerhalb der Eurozone die Unterstützung eines Landes durch ein anderes verboten hat, platzte mir der Kragen endgültig. Diese Klausel war die entscheidende Brandmauer zwischen den deutschen Steuerzahlern und ausgabefreudigen Politikern anderer Länder.

Sie sind nicht der Einzige, der mittlerweile vor einer weiteren Zentralisierung von Macht und Kompetenzen in Brüssel warnt. Warum will die Politik auf Mahner wie Sie nicht hören?

Die Politik hat sich entschieden, am Euro festzuhalten, weil sie sonst den begangenen Fehler zugeben und das Einheitseuroexperiment abblasen müsste. Um das zu verhindern, hat sie die Flucht nach vorn angetreten und nimmt als Folge in Kauf, dass als Nebenprodukt weiterer Eurorettungsaktionen ein zentralistisches Europa entsteht.

Niemand stellt mittlerweile mehr in Frage, dass die Euro-Zinsen für die Südländer zu niedrig waren und nur so die gigantischen Schuldenberge überhaupt angehäuft werden konnten. Sie plädieren dafür, den Euroraum in stärkere und schwächere Staaten aufzuteilen. Ist es dafür aufgrund der bereits eingegangenen Verpflichtungen Deutschlands aber nicht bereits zu spät?

Sicher wäre es besser gewesen, schon im Mai 2010 entweder Griechenland aus der Eurozone entlassen oder selbst den Weg aus der Eurozone gefunden zu haben. Heute ist es ungleich schwerer. Allerdings ist es in einem Jahr noch komplizierter als es heute wäre. Deshalb sage ich: „Ein Ende des Einheitseuros mit Schrecken ist besser als ein Euroschrecken ohne Ende!“.

Wie sehen Sie die jüngsten Liquiditätsspritzen der EZB an die Banken, die anschließend fleißig in Staatsanleihen investiert haben? Wird hier nicht unnötig Druck von den hochverschuldeten Ländern genommen, ihre Sparanstrengungen fortzuführen oder war es vielleicht mal wieder fünf vor zwölf?

Diese Aktion behandelt zwei Symptome: die Schwäche vieler Banken aufgrund der unbewältigten Folgen der Finanzkrise von 2008-2009 einerseits und die Überschuldung einiger Eurozonenstaaten andererseits. Es wird versucht, die Banken dazu zu bewegen, in Staatsanleihen maroder Südlander zu investieren. Dieses Geld ist durch Anwerfen der Notenpresse generiert worden und lindert, wie das Aspirin, die Schmerzen des Patienten, tut aber nichts zu seiner Genesung. Im Gegenteil, diese Geldschwemme macht den Patienten kränker. Beim nächsten Mal braucht es zwei Aspirin bzw. doppelt so viel Geld.

Wie beurteilen Sie diese Geldschöpfung der EZB im Hinblick auf die Entwicklung der Kaufkraft des Euros? 

Seit den Rücktritten des damaligen Präsidenten der Bundesbank, Axel Weber, und des damaligen Chef-Vokswirten der EZB, Jürgen Stark, ist die EZB  weniger der Bekämpfung der Inflation als der Rettung der Banken bzw. der überschuldeten Südländer verpflichtet. Was das für die Inflation in den Norländern bedeutet, kann sich jeder ausrechnen.

Bundeskanzlerin Merkel hat in Zusammenhang mit Mario Draghis „Dicker Bertha“ (*) gesagt, die Krisenländer hätten nun zwei bis drei Jahre Zeit, sich zu reformieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Für wie realistisch halten Sie diese Vorstellung?

Die Antwort auf diese Frage liegt in der Frage selbst: es wurde Zeit gekauft, mehr nicht. Wir sehen doch heute immer deutlicher, dass der Euro zu leicht für den Norden und zu schwer für den Süden ist. Das Ergebnis sind schrumpfende Volkswirtschaften, steigende Arbeitslosigkeit im Süden einerseits, eine immer mehr inakzeptable Inflationsrate im Norden. In der Geschichte hat es zahlreiche Umschuldungen à la Griechenland gegeben, aber noch nie eine ohne gleichzeitige Abwertung. Diese ist aber in einer Einheitswährung nicht möglich. Schon deshalb wird bereits das dritte Rettungspaket für Griechenland diskutiert.

Wenn Sie für ein paar Jahre auf eine einsame Insel gingen, womit würden Sie rechnen, wenn Sie nach Europa zurückkommen?

Den Euro wird es immer noch geben. Er wurde weiterhin zugunsten auch Spaniens, vielleicht sogar Italiens und Frankreichs, aber zu Lasten Deutschlands, Österreichs, Hollands und Finnlands „gerettet“. Die Wettbewerbsfähigkeit der Nordländer wurde beeinträchtigt, die Unterschiede innerhalb der Eurozone reduziert. Dafür hat die Eurozone insgesamt im Vergleich zu den Nichteuroländern Europas und im Vergleich zu Asien und  Amerika dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die Inflation hat den Wert des Euro bereits beschädigt. Die Steuer- und Abgabenlast der Deutschen hat zugenommen, um damit die durch die Übernahme von Schulden der Südländer verursachte Zinslast zu finanzieren. Der Euro ist gerettet, aber die Länder in der Eurozone sind schwer beschädigt.

Vielen Dank für das Interview, Herr Henkel.

* EZB-Chef Mario Draghi taufte die massiven Liquiditätsspritzen bezeichnenderweise „Dicke Bertha“ – in Anlehnung an ein schweres Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg.

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Hans-Olaf Henkel ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Er war Chef der IBM Europa, Mittlerer Osten und Afrika sowie Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Die Fragen stellte Andreas Marquart, misesinfo.

 

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