Der Einfluss erwarteter Kaufkraftänderungen auf die Gestaltung der Kaufkraft

von Ludwig v. Mises

Ludwig von Mises

Geldnachfrage und Geldangebot werden unter Zugrundelegung der Preise von gestern gebildet. Die Kaufkraft des jüngstverflossenen Augenblicks ist der Ausgangspunkt für die Urteile, die die Marktparteien sich über die angemessene Grösse ihrer Kassenhaltung und über die Preise, die sie bewilligen und die sie fordern wollen, bilden. Hätten sie nicht die Möglichkeit, in dieser Weise an Preise der Vergangenheit anzuknüpfen, so wüssten sie nicht, wie sie sich dem Gelde gegenüber zu verhalten haben. Ein Tauschmittel oder ein Geld ohne Vergangenheit kann es nicht geben. Die Einführung eines Gutes in den Tauschmittel- und Gelddienst setzt voraus, dass es schon vorher wirtschaftliches Gut war und Tauschwert hatte.

Doch die überkommene Kaufkraft des Geldes wird durch Geldnachfrage und Geldangebot von heute umgestaltet. Wie alles menschliche Handeln immer auf die Zukunft gerichtet ist, mag es auch meist oder oft auch nur die Zukunft des nächsten Augenblicks sein, so ist auch das Handeln in Bezug auf das Geld auf die Zukunft gerichtet. In diesem Sinne kann man sagen, dass der Tauschwert des Geldes die Vorwegnahme seiner künftigen Kaufkraft ist.

Wer kauft, kauft für künftigen Gebrauch oder Verbrauch, mag er auch dabei in der Regel von der Annahme ausgehen, dass die Zukunft sich von der Vergangenheit überhaupt nicht oder nur wenig unterscheiden werde. Doch wenn und soweit er zu wissen meint, dass die Zukunft sich von der Vergangenheit unterscheiden wird, wird er sich auf sie einstellen und sich durch die Erinnerung an eine anders geartete Vergangenheit nicht beirren lassen. Das gilt wie vom Handeln in Bezug auf die übrigen wirtschaftlichen Güter so auch vom Handeln in Bezug auf das Geld.

Das Urteil über die Grösse der angemessen erscheinenden Kassenhaltung kann der Einzelne nur auf Grund der Kaufkraft der Vergangenheit bilden. Es gibt keinen anderen Ausgangspunkt für sein Denken über die Bedeutung eines Geldbetrages, und es kann keinen anderen geben. Doch für die Entscheidung über die Höhe der Kassenhaltung wird immer auch noch ein zweiter Gesichtspunkt in Betracht gezogen: die Meinung über die voraussichtliche Gestaltung der Preise in der Zukunft. Das schwächt die Bedeutung der überkommenen Kaufkraft für die Bildung der Kaufkraft der allernächsten Zukunft und für den Umfang der Kassenhaltung nicht ab. Denn auch alle Urteile über die voraussichtliche Kaufkraft der Zukunft müssen auf dem Wissen über die Kaufkraft der jüngstverflossenen Vergangenheit aufgebaut werden.

Wer meint, dass die Preise steigen werden, wird mehr kaufen als er sonst getan hätte, und daher bereit sein, die Kassenhaltung zu verringern. Wer meint, dass die Preise fallen werden, wird im Einkauf zurückhalten und daher bereit sein, die Kassenhaltung zu vergrössern. Solange die Meinung über voraussichtliche Preisveränderungen nur einzelne Waren betrifft, wird durch die Veränderungen der Kassenhaltung, die aus ihrer Berücksichtigung erfolgt, sich nichts anders ergeben als Vorwegnahme der erwarteten Preisveränderungen. Anders liegen die Dinge, wenn die Meinung eine allgemeine Verschiebung der Preise aller Kaufgüter gegenüber dem Gelde betrifft.

Wird allgemein Preisfall aller Güter gegenüber dem Gelde erwartet, dann wird die Zurückhaltung der Wirte die Abwärtsbewegung der Preise beschleunigen; wird umgekehrt allgemein Preissteigerung aller Güter gegenüber dem Geld erwartet, dann wird die gesteigerte Kauflust der Wirte die Aufwärtsbewegung der Preise beschleunigen. Das wird so lange fortgehen, bis der Punkt erreicht ist, über den hinaus weitere allgemeine Preisveränderung nach unten oder nach oben hin nicht mehr vermutet wird; die Kauflust wird dann wieder angeregt oder herabgemindert.

Wenn sich aber einmal die Auffassung gebildet hat, dass die Vermehrung der Geldmenge ohne absehbares Ende in grossem Umfange weiterschreiten wird und dass demgemäss auch die Geldpreise aller Waren und Dienstleistungen unaufhaltsam steigen werden, dann wird es das Bestreben der Wirte sein, so viel als möglich zu kaufen und die Kassenhaltung auf ein sehr geringes Mass herabzusetzen. Denn mit dem Halten von Kasse sind unter solchen Umständen nicht nur die Kosten verbunden, die man als Zins bezeichnet, sondern darüber hinaus sehr beträchtliche Verluste durch den Rückgang der Kaufkraft. Die Vorteile der Haltung eines Kassenstandes müssen durch Opfer erkauft werden, die so hoch erscheinen, dass man seinen Umfang mehr und mehr einschränkt. Das ist die Erscheinung, die man in den grossen Inflationen der Nachkriegszeit als „Flucht in die Sachwerte“ und als  „Katastrophenhausse“ bezeichnet hat. Die mathematisch-mechanistische Lehre ist nicht imstande, den Kausalzusammenhang zu erfassen, der hier zwischen der Vermehrung der Geldmenge und der „Beschleunigung der Umlaufsgeschwindigkeit“ besteht.

Nun ergibt sich folgendes: das allgemeine Verlangen nach Waren und nach Herabminderung der Kassenbestände treibt die Preise in die Höhe; die Wirkung der Geldmengenerhöhung auf die Preise wird durch die Herabsetzung des Geldbedarfs noch verstärkt. Betrachten wir an Hand von Umrechnungen des Binnengeldes in ein nicht unter dem Druck einer schnell fortschreitenden Inflation stehendes Geld des Auslandes Preise, Kassenhaltung und Gesamtgeldmenge im Wirtschaftsgefüge, in dem die Meinung besteht, dass die Inflation unaufhaltsam fortschreiten werde, dann kann man feststellen, dass die Kassenhaltung der Einzelnen und der Wert der Gesamtgeldmenge (in Auslandgeld ausgedrückt) beständig fallen, je mehr die Gesamtgeldmenge (in Binnengeld ausgedrückt) zunimmt. Es kommt schliesslich dazu, dass alle Umsätze in Binnengeld aufhören, da die Preise, zu denen sich die Besitzer von ihren Waren zu trennen bereit wären, so stark die erwartete weitere Geldentwertung vorwegnehmen, dass niemand sie zu bezahlen vermag, weil niemandem so grosse Beträge zur Verfügung stehen. Es ergibt sich dann, dass das Geld technisch nicht mehr dem Tauschmitteldienst gewachsen ist; das Geldwesen muss versagen. Das Ende der Währungspanik ist die vollkommene Entwertung des Geldes. Man geht zum Tauschhandel über oder zum Gebrauch eines neuen Geldes.

Der Gang einer fortschreitenden Senkung der Kaufkraft des Geldes stellt sich demnach folgendermassen dar: Die zusätzliche Geldmenge, die als neues Angebot auf den Markt tritt, treibt Preise und Löhne in die Höhe. Doch diese Preisbewegung ist, wie schon ausgeführt wurde, nicht gleichmässig und gleichzeitig. Es steigen zunächst nur die Preise einiger Waren und nur nach und nach auch die der übrigen Waren. Es gibt eine Zeitspanne (time lag) zwischen dem Auftreten der Preissteigerung bei den einzelnen Waren. (Da von der Preissteigerung in Ländern, die ein vom Auslandsgeld verschiedenes Binnengeld gebrauchen, zuerst die Preise des Auslandsgelds und die Preise der aus dem Ausland eingeführten Waren steigen, ergibt sich die Spannung zwischen den inländischen und den ausländischen Preisen, die die vielberufene einfuhrhemmende und ausfuhrfördernde Wirkung der Geldentwertung erklärt.) Solange dieser Prozess noch im Gange ist, kann man davon sprechen, dass es Preise gibt, die sich den durch die neue Lage des Angebots an Geld geschaffenen Verhältnissen noch nicht angepasst haben; es gibt Preise, die noch nicht gestiegen sind, aber später werden steigen müssen. Doch dann kommt es zum Umschlag. Die Katastrophenhausse lässt alle Preise über alles Mass steigen, weil man die künftigen Preissteigerungen vorwegnehmen will, weil man in jeder Kassenhaltung eine Verlustgefahr sieht und jede andere Ware – auch als Tauschmittel – dem alten Gelde vorzieht. Es ist nicht etwa ein Prozess, der zur Entwährung des Geldes führt; es ist schon selbst die Abziehung der Tauschmitteleigenschaft von einem Ding und ihre Übertragung auf andere.

Wenn ein Gut Geld bleiben soll, darf die öffentliche Meinung nicht glauben, dass mit einer schnellen und unaufhaltsamen Vermehrung seiner Menge zu rechnen ist.

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Auszug aus „Nationalökonomie – Theorie des Handelns und Wirtschaftens“ (1940) v. Ludwig von Mises, herausgegeben von Michael Kastner, buchausgabe.de

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