Michael von Prollius im Interview über sein Buch „Die Euro-Misere“

31.3.2012 – Herr von Prollius, in Ihrem Buch „Die Euro-Misere“ finden sich auch einige Beiträge zum Thema „Deflation“. Der Begriff „Deflation“ wird in der Öffentlichkeit aber fälschlicherweise meist mit „fallenden Preisen“ gleichgesetzt und sowohl Regierungen, als auch Notenbanken scheinen panische Angst vor Deflation zu haben. Räumen Sie für uns doch bitte mit dieser Begriffsverwirrung auf.

MIchael von Prollius

Fallende Preise sind wünschenswert – aus Sicht der Konsumenten, die im Mittelpunkt einer freien Marktwirtschaft stehen. Fallende Preise sind ein Indikator für steigende Produktivität. Die beschworenen Gefahren sinkender Preise für Produzenten sind weitgehend ein Mythos. Deflationszeiten waren Prosperitätsepochen, bekanntlich etwa Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland und den USA. Die destabilisierende „sekundäre Deflation“ der Weimarer Endphase ist eine rare Ausnahme, ein kumulativer Schrumpfungsprozess durch eine zu geringe Geldmenge angesichts einer tatsächlich größeren Geldnachfrage, die zu Arbeitslosigkeit führt, welche wiederum Arbeitslosigkeit hervorruft. Das Problem fallender US-Immobilienpreise heute liegt in der Geld- und Sozialpolitik der vorangegangenen Jahrzehnte, die vermeintliche Werte geschaffen, tatsächlich aber nur eine Blase aufgepumpt haben. Nun wurde der politische Schwindel aufgedeckt, auf den viele Menschen hereingefallen sind.

Die Furcht vor Deflation ist mit den heutigen Scheingeldsystemen naturgemäß verbunden. Der Goldstandard besaß noch einen festen Ankerpunkt, auf den eine zuvor künstlich aufgeblähte umlaufende Geldmenge zurück schrumpfen konnte: die vorhandene Goldmenge. Im heutigen Scheingeldsystem existiert jedoch kein solcher Ankerpunkt mehr – Geld wird aus dem Nichts geschaffen, vor allem durch Kredite. In unseren Staatsgeldsystemen birgt Deflation tatsächlich eine erhebliche Gefahr: Es kann eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden, deren Endpunkt nicht absehbar ist. So führt das Schrumpfen der Geldmenge unweigerlich zu Kreditausfällen. Banken verbuchen Verluste und gehen sogar Pleite. Dadurch verlieren Sparer ihre Sichteinlagen, und so schrumpft die Geldmenge weiter. Unternehmenspleiten lassen die Arbeitslosigkeit steigen, und das erhöht wiederum die Kreditausfälle und die Bankenpleiten. Die Abwärtsspirale dreht sich immer weiter. Das Staatsgeldsystem kann regelrecht implodieren, wenn auf einer vorangegangenen Inflation die Deflation folgt. Das mag erklären, warum Deflation im Staatsgeldsystem so gefürchtet und das Heil in fortwährendem Inflationieren gesucht wird. Wenn Sie so wollen beruhen die weltweit existierenden Scheingeldsysteme auf Inflation – Euro, Dollar, Pfund und Yen sind Inflationsgeld.

Im Hinblick auf Begriffsverwirrung gilt dies vice versa natürlich auch für den Begriff „Inflation“, wobei man hier seitens Regierung und Notenbank nicht gerade von Abneigung gegenüber „Inflation“ sprechen kann. Dabei trifft  – und dieser Tatsache haben Sie auch einen Beitrag gewidmet – die Inflation die (kleinen) Verbraucher besonders hart, warum?

Das liegt am sogenannten Cantillon-Effekt. Der irische Bankier Richard Cantillon (1680 – 1734) erkannte als erster öffentlichkeitswirksam die fatalen Folgen der Geldmengenausweitung. So können Finanzinstitute und all jene, die das neu geschaffene Geld zuerst in die Hände bekommen, mit dem frischen Geld arbeiten und zu unveränderten Preisen kaufen. Sie sind die Gewinner. Als Profiteure des Systems werden sie sich genauso wie Politiker für ein inflationäres Zentralbanksystem einsetzen und Preisniveaustabilität predigen. Diejenigen, die das frische Geld etwas später erhalten, können die Güter und Dienstleistungen nur noch zu bereits gestiegenen Preisen kaufen. Am Härtesten trifft Inflation die relativ armen Teile der Bevölkerung, weil bei Ihnen das zusätzliche Geld zuletzt ankommt und die Preise längst gestiegen sind. Sie sind die Verlierer. Wäre das anders, könnten wir uns reich drucken. Typischerweise gehören Rentner, Geringverdiener und Arbeitslose zu dieser Gruppe. Friedrich August von Hayek hat den Vorgang mit dem Ausgießen von dickflüssigem Honig verglichen, der sich ungleichmäßig verteilt und an der Stelle des Auftreffens eine kleine Erhebung bildet, die symbolisch für steigende Löhne und Preise steht. Nun wird auch klar, warum in Finanzmetropolen Gehälter, Preise und Mieten überdurchschnittlich ansteigen.

Die staatlich betriebene Inflation bewirkt letztlich eine Umverteilung von den armen, kapitallosen Schichten zu den wohlhabenden Schichten. Tauschtransaktionen, bei denen Geld verwendet wird, sind durch eine Geldmengenausweitung nicht mehr für alle Beteiligten gleichermaßen vorteilhaft. Im politisch korrekten Mainstreamjargon bedeutet das, Inflation ist sozial ungerecht.

Sie zitieren in ihrem Buch u.a. den berühmten Ökonomen Henry Hazlitt, der sagte „Preise müssen frei sein, um die Wahrheit zu sagen“. Warum ist dies, besonders im Hinblick auf das Gut „Geld“ so wichtig?

Geld ist ein Gut wie jedes andere auch, nur dass es die beste Tauschbarkeit aufweist. Geld tritt an die Stelle oder besser zwischen den direkten Tausch zweier Güter, etwa Fische gegen Stühle. Geld erleichtert diesen Tausch und erhöht zugleich die Tauschmöglichkeiten, weil nicht jeder einen getischlerten Stuhl gegen Fische eintauschen möchte. Auf das Tauschverhältnis selbst soll Geld aber keinen Einfluss ausüben, sonst würden Angebot und Nachfrage verfälscht werden. Die Folgen wären Fehlanreize etwas zu kaufen oder zu produzieren, Fehlinvestitionen, letztlich monetär bedingte Gewinner und Verlierer sowie krisenhafte Korrekturnotwendigkeiten. Schließlich kommt der Fehler raus, eine Bereinigungskrise ist die Folge mit Arbeitslosigkeit und dergleichen mehr.

Mit anderen Worten: Preise sagen uns, was wir zu tun haben. Sie sind kein absoluter, sondern ein relativer Wertanzeiger. Preise geben den Wert eines Gutes als Knappheitsverhältnis zu einem bestimmten Zeitpunkt an. Preise signalisieren also das relative Verhältnis von Ressourcen und Konsumentenwünschen. In der subjektiven Wertschätzung von Produzenten und Konsumenten für ein Gut liegt die Bedeutung des Grundsatzes: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Preise sind folglich keine Entlohnung, sondern ein Signal, das anzeigt, was im eigenen und im allgemeinen Interesse zu tun ist. Nur freie Preise ermöglichen eine bestmögliche Anpassung der Produktion an die Konsumentenwünsche. Nur so kann größtmöglicher Wohlstand entstehen.

In einer „idealen Österreichischen Welt“, so schreiben Sie, wäre die Alternative zur staatlichen Geldproduktion „Freies Marktgeld“ – wie muss man sich das vorstellen?

Einer Behörde ist es strukturell nicht möglich die Nachfrage nach Geld mit einem adäquaten Geldangebot zu befriedigen; es mangelt ihr am erforderlichen Wissen. Dieses Wissen hat nur der Markt. Märkte sind dezentral strukturiert. Bevor Regierungen Banken privilegiert haben und zu Zentralbanken machten, wurde Geld (stärker) dezentral von privaten Banken bereitgestellt. Außerdem handelte es sich nicht um heutiges Scheingeld, sondern bekanntlich überwiegend um Goldwährungen. Freies Marktgeld bedeutet, jedermann kann frei wählen, was er als Geld akzeptiert. Und jedermann kann versuchen Geld bereitzustellen, das als Tauschmittel akzeptiert wird. Die Geldnachfrager werden nur gutes Geld nachfragen, schlechtes wird vom Markt verdrängt. Geld wird also von Menschen auf Märkten und nicht von vermeintlichen Experten in Behörden bereitgestellt. Es ist die bekannte Wahl: Golf oder Trabbi?

Und wie könnte der Übergang zu „Freiem Marktgeld“ aussehen?

Freies Marktgeld entsteht bereits – in Form verschiedener Regionalwährungen, darunter beispielsweise Rheingold. Der Weg wäre richtig frei, sobald der Euro aufhören würde,  gesetzliches Zahlungsmittel zu sein. Dazu bedarf es „lediglich“ einer gesetzlichen Änderung: Artikel 128 Absatz 1 Satz3 AEUV*. Den Rest erledigt das Entdeckungs- und Entmachtungsverfahren des Wettbewerbs. Natürlich gibt es dann immer noch drastische Wettbewerbshürden, die mit dem Euro als Monopolgeld und der Privilegierung von Banken errichtet wurden, aber damit wäre schon viel gewonnen. Eine bessere Welt ist möglich.

[* Nach Art. 128 Abs. 1 S. 3 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), Art. 16 Abs. 1 S. 3 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank, Art. 10 S. 2 der Verordnung (EG) Nr. 974/98 über die Einführung des Euro sind Euro-Banknoten in allen teilnehmenden Mitgliedstaaten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.]

Die Fragen stellte Andreas Marquart, misesinfo.

Dr. phil. Michael von Prollius ist Publizist und Gründer der Internetplattform Forum Ordnungspolitik, die für eine Renaissance ordnungspolitischen Denkens und eine freie Gesellschaft wirbt. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Geldsystem. Seine finanzwissenschaftlichen Beiträge und Rezensionen erscheinen zumeist in wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Fuldaer Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung sowie in der Internetzeitung Die Freie Welt.

Hier geht’s zum Buch „Die Euro-Misere“.

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