Ist gut gemeint wirklich immer gut?

13.2.2012 – von Philipp Vorndran.

Philipp Vorndran

Wenn ich mit Menschen über meine Passion, die Analyse wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen spreche, ernte ich von meinen Gesprächspartnern einerseits oft höchste Aufmerksamkeit, andererseits aber regelmäßig auch die Aussage, dass sie selbst von solchen Themen leider „absolut gar nichts“ verstünden. Diese Bemerkung empfinde ich als irritierend. Nicht etwa deshalb, weil meine Gesprächspartner mein Interesse an wirtschaftlichen Sachverhalten nicht teilen würden, sondern weil sich mir der Verdacht aufdrängt, dass diese Abwehrhaltung großer Teile unserer Bevölkerung eine direkte Folge der untergeordneten Rolle von „Wirtschaft“ in unserem Bildungssystem ist.

Die meisten Bürger haben meiner Meinung nach primär deshalb keinerlei konstruktiven Zugang zu ökonomischen Themen, weil sie die Grundlagen dafür einfach nie gelernt haben. Warum wir wirtschaftliche Fragestellungen so stark aus unserem Bildungssystem ausgrenzen, darüber kann ich nur spekulieren. Faktum ist jedenfalls, dass Schüler ein Vielfaches mehr über Biologie, Geografie, Geschichte, Chemie oder Religion erlernen als über das Funktionieren unseres Wirtschaftssystems. Nicht, dass ein breites Grundwissen kein entscheidendes Faustpfand für die Zukunft einer Nation wäre – nicht umsonst werden wir von vielen Staaten darum beneidet. Aber neben der erstklassigen philosophischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung ist der schulische Rucksack in kaufmännischen Fragen vernichtend dünn bestückt.

Was aber sind die Folgen des Mangels? Ein Großteil der Bevölkerung verdrängt wirtschaftliche Themenstellungen so weit wie möglich aus seinem persönlichen Alltag. Eine Reaktion, die nicht verwundert, denn fehlende Grundlagenkenntnis führt verständlicherweise zu Verdrängungsreaktionen, denn berechtigterweise hat man Angst, aus Unwissen etwas falsch zu entscheiden. In vielen Bereichen unseres Lebens ist diese instinktive Reaktion auch völlig richtig. Wer nicht reiten kann, hat zu Recht Angst, vom Pferd zu stürzen und sich schmerzhafte Blessuren zuzuziehen – konsequenterweise wird er sich nicht auf den Rücken eines Pferdes begeben. Anders als vor 200 Jahren ist es in der heutigen Zeit nicht mehr wirklich relevant, ob man reiten kann oder nicht, das persönliche Wohlergehen wird dadurch nur wenig beeinflusst. Eine Vogel-Strauß-Politik gegenüber wirtschaftlichen Themen ist hingegen heute genauso hochgradig problematisch wie früher, denn hier geht es nicht zuletzt darum, sein hart erlerntes Wissen am Markt optimal einzusetzen und mit dem verdienten Lohn vernünftig zu wirtschaften. Nicht dass wir uns missverstehen, ähnlich wie Friedrich von Hayek bin ich nicht davon überzeugt, dass die Ökonomie durch Formulierung, Kenntnis und Anwendung von Formeln ähnlich der Physik zu einer „exakten Wissenschaft“ aufgewertet werden kann, aber wir müssen zumindest in der Lage sein, bewusst eigene Entscheide zu treffen und die Entscheide anderer aktiv zu hinterfragen.

Unser aktuelles Wirtschaftssystem muss man nicht lieben. Nein, man darf es sogar hassen, aber man sollte wissen, warum! Wer Sachverhalte nicht versteht, kann sie nicht vernünftig bewerten. Die latent in der Bevölkerung zu beobachtende Einstellung, unser Wirtschaftssystem sei unfair, basiert sicher zu einem gewissen Teil auch darauf, dass man emotional dazu tendiert, etwas zu verwerfen, das man nicht versteht. Durch mangelndes Wissen verunmöglicht man nicht nur eine faire Analyse, man bringt sich auch persönlich um das konsequente Ausnutzen von Chancen für sich und die Gesellschaft.

Wer die Grundlagen einer Wissenschaft nicht selbst erlernt, dem verbleiben konsequenterweise nur drei realistische Handlungsalternativen. Er muss sich entweder aus dem Bereich komplett zurückziehen, er ist auf gute Berater angewiesen oder er spielt einfach Roulette. Sich wirtschaftlichen Themen vollständig zu entziehen, können sich heute wohl nur noch ganz wenige Menschen leisten. Glaubwürdige, wirklich unabhängige Berater zu finden ist sehr schwierig und beim Roulette verdient langfristig immer nur die Bank. Sinnvoller wäre es dann wohl doch dazuzulernen – vielleicht kommt ja mit dem Essen sogar der Appetit -, das ist der einzige verlässliche Schlüssel, der die Türe öffnet, um wirtschaftliche Chancen und Risiken sinnvoll abschätzen zu können. Damit begrenzt man nicht nur die Gefahren, die eigene wirtschaftliche Situation falsch einzuschätzen, sondern ist als Bürger auch in der Lage, unseren Volksvertretern und den verantwortlichen Managern von Großunternahmen glaubhaft auf die Finger zu schauen. Derjenige, der nicht weiß, welche positive, aber auch zerstörerische Wirkung der Zinseszins haben kann, der ist sich der Risiken eines Privatkredites genauso wenig bewusst wie der möglichen katastrophalen Wirkungen für unsere Staatshaushalte.

Zugegeben, ein bisschen Zeit muss man schon „investieren“, gut eingesetzte Zeit für sich selbst, aber auch für die Zukunft unseres Staatswesens. Denn nur dann können wir wirklich abschätzen, ob das, was gut gemeint ist, wirklich Sinn macht … oder eher das Gegenteil von gut ist. Nur wer über eine solide ökonomische Wissensbasis verfügt, kann Aussagen der Politik wie „der Euro nutzt uns allen“ oder „die Rettung der Banken ist alternativlos“ glaubhaft verifizieren. Zusammen mit dem gesunden Menschenverstand verfügt man dann über einen verlässlichen Kompass, um sich auch in einem scheinbar immer komplexer werdenden wirtschaftlichen Umfeld zurechtzufinden. Denn gerade dort, wo komplexe Formeln an die Stelle von guten Argumenten treten, ist oft Gefahr im Verzug. Das konsequente Umsetzen genau dieses gesunden Menschenverstandes als Basis eines theoretische Rahmens hat sich die Österreichische Schule zum Ziel gesetzt. Lange Zeit vergessen, erlebt ihr Ansatz des „Wirtschaft wirklich verstehen“ endlich seine längst überfällige Renaissance. Wirtschaft verstehen kann Spaß machen – auch wenn es nicht gleich zur Passion ausarten muss.

Unter nachfolgendem Link finden Sie nähere Informationen zum Buch „Wirtschaft wirklich verstehen“.

Quellenangabe: Vorwort aus „Wirtschaft wirklich verstehen“ von Rahim Taghizadegan
Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Muenchner Verlagsgruppe GmbH.

Lesen Sie auch das Interview mit Rahim Taghizadegan zum Buch. Zum Interview finden Sie hier.

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