Interview mit Rahim Taghizadegan zu seinem Buch „Wirtschaft wirklich verstehen“.

11.3.2012 – misesinfo: Herr Taghizadegan, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Ihr Buch „Wirtschaft wirklich verstehen“ ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass die Österreichische Schule die Gründe für das Entstehen der derzeitigen Krise liefern und Hilfe beim Verstehen der Gegenwart geben kann. Warum, glauben Sie, ist die „Österreichische Schule“ nicht bekannter?

Rahim Taghizadegan

Im Gegensatz zu anderen ökonomischen Schulen bietet die Österreichische keine Rationalisierungen für Gesellschaftsingenieure. Daher verschafft sie selbst Ökonomen kaum Macht und Einkommen. Die höchste Zahl an Ökonomen, die jemals in einem Staat beschäftigt waren, gab es in der Sowjetunion. Die Österreichische Schule hingegen erfordert keine Heere von Planern und Besserwissern. Darum widerspricht sie den persönlichen Interessen von Ökonomen und ihren potentiellen Arbeitgebern. Ludwig von Mises warnte einst seine Ehefrau: Ich werde zwar immer über Geld schreiben, aber nie viel Geld verdienen. Ökonomen, die materialistischen Anreizen nicht erliegen, sind gerade heute selten.

misesinfo: Deshalb wird den „Österreichern“ ja auch manchmal schelmisch vorgeworfen: „Wenn Ihr so klug seid, warum seid Ihr dann nicht reich?“ Was antwortet ein „Österreicher“ darauf?

Wenn ihr so reich seid, warum seid ihr dann nicht klug? In der Tat muß man, um sich das Ausmaß an Dummheit leisten zu können, das heute regiert, schon ziemlich reich sein. Leider wird von diesem vermeintlichen Reichtum bald nicht mehr viel übrig sein. Die kurzfristige Geldgier hat nämlich etwas Paradoxes an sich: sie macht arm. Erfolgreiche Unternehmer im Sinne der Österreichischen Schule streben das Geldverdienen nicht als Selbstzweck an, sondern dieses ist die Folge ihrer Fähigkeit, den Mitmenschen besser zu dienen. Ich kenne zahlreiche Vertreter der Österreichischen Schule, die zu hohem Wohlstand kamen. Der Lebensentwurf des ausschließlichen Gelehrten, wie ihn Mises lebte, war jedoch stets ein asketischer: Eben weil der langfristige Wissensgewinn den Vorrang vor jeder kurzfristigen Einkommens-maximierung hat. Die Rahmenbedingungen sind heute so verzerrt, daß große Reichtümer Menschen zufallen können, die nichts für ihre Mitmenschen leisten. Dieses Wettbewerbs um Inflationsgewinne, Beziehungen, politische Einkommen, Gaunerei sollte man sich als anständiger Mensch enthalten. Natürlich ist ein besseres Verständnis ökonomischer Dynamiken eine Grundlage der Vermögensmehrung und -sicherung. Ich kenne niemanden, der nach tieferer Auseinandersetzung mit den Ideen der Österreichischen Schule nicht auch diesbezüglich bessere Entscheidungen traf.

misesinfo: Es wird aktuell immer wieder davon gesprochen, wie man das „Raubtier Kapitalismus zähmen“ könnte. Dabei will man wohl den Menschen einreden, wir würden im Kapitalismus leben. Sie schreiben selbst in Ihrem Buch, dass „Kapitalismus“ für unsere derzeitige Wirtschaftsordnung ein denkbar schlechter Begriff ist. Was ist das überhaupt für ein System, in dem wir leben?

Ich würde es noch am ehesten Kreditismus nennen. Es handelt sich um das Ergebnis der teilweise paradoxen Folgen ideologischer Pläne und des spontanen Wirkens von Sachzwängen, Interessen und Anreizen. Wir haben es mit einer Konstruktion zu tun, die entgegen der besten Absichten der sich stets selbst überschätzenden Gesellschaftsingenieure nicht mehr beliebig steuerbar und keinesfalls nachhaltig ist. Mit den klassischen Gegensätzen Kapitalismus-Sozialismus oder Staat-Markt ist dieses Konstrukt, außer in der einfachen Traumwelt von Ideologen, nicht mehr erklärbar.

misesinfo: Sie nennen das System eine „nicht mehr steuerbare Konstruktion“ und vorhin sprachen Sie „von vermeintlichen Reichtum, von dem bald nicht mehr viel übrig sein wird“. Worauf müssen wir uns Ihrer Einschätzung nach einstellen?

Wir sollten uns einstellen auf eine massive „Umwertung der Werte“: Einerseits die mal schleichende, mal sprunghafte Enteignung des Mittelstandes durch eine zentralistische, sich immer totalitärer gebärdende Expertendiktatur, andererseits ein Wandel der Wirtschaftsstruktur von virtuellen Buchwerten und Blasenprojekten hin zu Realwerten. Im schlechtesten Fall werden wir durch Krieg vom Zusammenbruch des Systems abgelenkt, im besten Fall wächst rechtzeitig Besseres heran, das für möglichst viele Menschen einen nahezu unbemerkten Übergang ermöglicht. Der materielle Wohlstand wird zweifellos sinken, das muß aber kein allzu großer Verlust sein, denn der größte Teil unseres Wohlstands ist ohnehin illusionärer Scheinwohlstand, der über wirklich Wertvolles hinwegtäuscht.

misesinfo: Herr Taghizadegan, wir danken Ihnen für das Interview. Wir können Ihr Buch nur jedem empfehlen, der „Wirtschaft wirklich verstehen“ und sich darüber hinaus rechtzeitig auf bevorstehende Entwicklungen vorbereiten möchte.

 Rahim Taghizadegan ist Ökonom, Gründer und Präsident des Instituts für Wertewirtschaft in Wien.

Hier finden Sie das Buch „Wirtschaft wirklich verstehen“.

 

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