Der Risikoträger.

7.3.2012 – Was unterscheidet den Unternehmer vom Entscheider? Das Bekenntnis zum Haftungsprinzip. Denn ohne dieses verkommt vermeintlich unternehmerisches Handeln zu seinem Gegenteil – zum Schaden aller.

von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan

Für manche sind Unternehmer regelrechte Helden, jedenfalls wichtige Stützen der Wirtschaft. Andere wiederum sehen in ihnen bloss auf ihren Profit bedachte und dem Gemeinwohl schadende Egoisten. Dieses ambivalente Bild ergibt sich nicht zuletzt aus der Geschichte des Unternehmerbegriffs. Hier stösst man auf Glücksritter, Kriegsunternehmer wie Wallenstein oder sonstige Handlanger der Obrigkeit, die mit Privilegien und grossen Staatsaufträgen aller Art bedacht wurden. Angesichts der problematischen Geschichte jener, die als Unternehmer bezeichnet wurden und werden, überrascht es nicht, dass die positive – ökonomische – Funktion des Unter-nehmers oft ins Hintertreffen gerät.

Dass in einer realen Wirtschaft Risiko eine grosse Rolle spielt, wurde schon früh erkannt. Erste Erkenntnisse in systematischer Form wurden ab dem 13. Jahrhundert durch die Scholastik formuliert, allen voran durch Duns Scotus, Bernardin von Siena, Antonin von Florenz und Dominicus Soto. Die scholastische Ökonomie war aber stets Hilfswissenschaft der Ethik und hatte die Aufgabe, Massstäbe für die Welt zu liefern und nicht nur die Realität zu beschreiben, wie sie nun mal ist. Der historische Unternehmer hat diese Funktion oftmals nicht in einer Form wahrgenommen, die augenscheinlich dem Gemeinwohl diente. Im Gegenteil war er als Typus des grossen Risikoträgers oft daran beteiligt, künstliche Risiken zu schaffen und bestehende zu vergrössern. Wesentlich für dieses Missverhältnis war stets die Entkoppelung von Entscheidung und Haftung, die sich staatlichen bzw. standesgemässen Privilegien zu verdanken pflegte.

Mit dem Ende der Scholastik zu Beginn des 17. Jahrhunderts gerieten ihre wichtigen Erkenntnisse wieder in Vergessenheit. Paradoxerweise ging der Unternehmerbegriff also genau in jenem Moment verloren, als scheinbar das Unternehmertum im grossen Stil erst aufkam. Der Akzent liegt hier auf «scheinbar». Symptomatisch ist in dieser Hinsicht die Entwicklung in Grossbritannien. Im Englischen wird bis heute ein französisches Wort – «entrepreneur» – verwendet, denn das ursprüngliche, englische – «undertaker » – hatte seine Bedeutung verloren. Aus dem «Unternehmer» wurde so – und dies ist bis heute die Bedeutung des Begriffs – der «Totengräber». Hier hat die etymologische Entwicklung eine ökonomische nachvollzogen. In der Tat kann der Pseudounternehmer, der in grossen Projekten Entscheider spielt, ohne selbst die vollen Kosten zu tragen, als Totengräber echten Unternehmertums gelten, bei dem Entscheidung und Haftung zusammengehören.

Kein Wunder, dass auch in der Ökonomie die Bedeutung des Risikos aus den Augen verloren wurde. Die Klassik kannte mit ihrer Grundannahme des ökonomischen Gleichgewichts, das auf letztlich gleichbleibenden Präferenzen der Konsumenten basiert, keine Veränderungen; damit tauchten auch die Faktoren von Ungewissheit und Zeit – und damit von Risiko – im menschlichen Handeln nicht auf. Es sollte – abgesehen von den Schriften Richard Cantillons – lange dauern, bis in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie der Unternehmer als Risikoträger wieder zum Gegenstand ökonomischer Betrachtungen wurde.

Deren Begründer Carl Menger unterstrich hierbei das spezifische Wissen des Unternehmers sowie die Bedeutung von dessen Entscheidung, einen auf diesem Wissen basierenden Produktionsprozess auch tatsächlich umzusetzen. Diese Entscheidung erfordert aufgrund ihrer Ungewissheit und Unumkehrbarkeit einen besonderen Willensakt, für den der Unternehmer persönlich verantwortlich ist. Ludwig von Mises entwickelte diesen Willensaspekt unternehmerischen Handelns weiter. Das Wissen um die Zukunft ist auch dem Unternehmer nicht gegeben. Dessen Erwartungen über die Zukunft, die von jenen seiner Mitmenschen abweichen, sind die Motivation für das unternehmerische Handeln. Die Funktion des Unternehmers liegt somit in der Einschätzung zukünftiger ungewisser Ereignisse und im darauf basierenden Vorgehen. Da sämtliche Entscheidungen notwendigerweise von Ungewissheit begleitet sind, sieht von Mises auch jeden Menschen im weitesten Sinne als Unternehmer an, der im Hinblick auf einen ungewissen «Gewinn» (d.h. das Erreichen seiner Ziele) agiert und für den möglichen «Verlust» (d.h. die Untauglichkeit der Mittel zur Erreichung dieser Ziele) selbst einstehen muss.

Neben diesem weiten Unternehmerbegriff beschrieb von Mises auch einen engen, demzufolge der Unternehmer als «Triebkraft des Marktes» in einer Welt ungewisser und sich stetig wandelnder Bedürfnisse fungiert und die Produktionsstruktur den zukünftigen Konsumentenwünschen entsprechend umstellt. Unter diesen engen Unternehmerbegriff fallen nur noch Menschen, die «weiterblickend und wagemutiger als die anderen» und daher in der Lage und willens sind, grössere Ungewissheit auf sich zu nehmen – womit der Unternehmer im engeren Sinn als Träger von Verantwortung verstanden wird. Sein Handeln ist von besonderer Bedeutung, da es über die Formulierung «neuer» Ideen hinausgeht; entscheidend ist deren Umsetzung. Hierzu verzichtet er auf den sofortigen Konsum von Gütern, um sie langfristig einem Zweck zu widmen, also mit ihnen Kapital aufzubauen (durch den Ankauf oder die Anmietung von Produktionsmitteln).

Da die Produktionsmittel beschränkt sind, fehlen zur Erreichung eines Ziels eingesetzte Produktionsfaktoren notwendigerweise anderswo, weshalb diese Verantwortung entsprechend gross ist. Wenn die Zukunft sich anders entwickelt als erwartet, lassen sich die getroffenen Entscheidungen nicht mehr rückgängig machen. Der grösste Teil des Kapitals ist dann für immer verloren, und aus dem vorübergehenden Verzicht auf die zum Aufbau von Kapital eingesetzten Güter wird ein permanenter. Ein gescheiterter Unternehmer hat – aus Sicht der Konsumenten – Wertvolles verwendet und weniger Wertvolles daraus gemacht. Um die Vernichtung von Kapital zu verhindern, braucht es die disziplinierende Wirkung der Haftung als unternehmerische Verpflichtung, für ökonomischen Misserfolg einzustehen.

Die schwerwiegendste Folge der Haftung ist der Bankrott, die wichtigste Lektion des Wirtschaftslebens. Eine Gesellschaft, die ihn fürchtet und um jeden Preis zu verhindern versucht, indem sie anderen – heute den Steuerzahlern – die Konsequenzen für wirtschaftlichen Misserfolg aufbürdet, unterbindet verantwortliches Handeln und damit das Fällen ökonomisch sinnvoller Entscheidungen.

Durch das Fehlen von Haftung wird kein Wissen aus der Ungewissheit und dem Umgang mit ihr geschöpft. Das unternehmerische Handeln wird so seines Wesenselements – der Übernahme von Verantwortung – beraubt, stattdessen wird unüberlegtes, zügelloses, weil scheinbar ohne Konsequenzen bleibendes Handeln begünstigt. Denn wer nichts zu verlieren hat, weil ohnehin andere die Rechnung zahlen, hat auch keinen Anreiz, Mass zu halten. Schliesslich verhindert gerade das Wissen, für die eigenen Entscheidungen einstehen zu müssen, das Eingehen übertriebener Wagnisse und hält den Unternehmer dazu an, auf Grundlage seiner Erwartungen über zukünftige Entwicklungen die Balance zwischen übertriebenem Risiko und allzu passivem Verharren zu finden.

Das Unternehmerdasein ist untrennbar mit falschen Entscheidungen und dem aus ihnen eventuell folgenden Scheitern verbunden. Dieses schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Haupt des Unternehmers als eines persönlich Haftenden. Das Prinzip des Scheiterns selbst ist nichts Verwerfliches; im Gegenteil, Unternehmertum braucht vielmehr eine Kultur des Scheiterns. Das verlieren wir angesichts der gegenwärtigen oberflächlichen Überbetonung des finanziellen Erfolgs leicht aus den Augen, wenn der falsche Eindruck entsteht, dass der Gewinn einer ausgewählten Sorte Mensch spielend leicht zuteil wird. Eine Gesellschaft, die dem Erfolglosen und seinen Fehlern keinen Platz einräumt, zerstört damit zugleich die Grundbedingung für Erfolg und damit für Fortschritt. Unzählige Unternehmer scheitern bei ihrem ersten Anlauf, um beim zweiten oder dritten Mal zu reüssieren – sofern sie sich nicht entmutigen lassen und bereit sind, die Lehren aus ihren Erfahrungen, ihren Fehlern und deren Konsequenzen zu ziehen.

Der Unterschied zwischen dem langfristig erfolgreichen und dem langfristig erfolglosen Unternehmer liegt nicht in der Anzahl begangener Fehler, sondern darin, wie er mit diesen umgeht. Der erfolgreiche Unternehmer erhofft sich zwar den Erfolg und handelt in einer Weise, die ihm zu dessen Erreichung dienlich erscheint – aber er nimmt das Scheitern in Kauf und ist bereit, negative Erfahrungen in wertvolle Erkenntnisse zu verwandeln. Es sind genau diese Unternehmer, die unabhängig von ihren persönlichen Beweggründen zu Wohlstand und Fortschritt aller beitragen, ja diese überhaupt erst ermöglichen. Dazu muss man sie allerdings auch Verantwortung übernehmen und somit gegebenenfalls auch in Bankrott gehen lassen. Eine Gesellschaft, die das nicht zulässt, muss zu einer Betriebsführerwirtschaft werden, in der es keinen Platz für freie, eigene Entscheidungen gibt und der Befehl an die Stelle der Verantwortung tritt.

Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, wohin das Experiment führt, Entscheidung von Haftung zu entkoppeln. In unserem vermeintlichen «Kapitalismus» wirken Entscheider ohne Haftung als Totengräber des Unternehmertums – sie sind die sprichwörtlichen Kapitalisten Lenins, die den Galgen verkaufen, auf dem man sie aufknüpfen wird. Denn der Ungewissheit der Zukunft kann man nicht entkommen, irgendwann kommt stets der Zahltag.

Rahim Taghizadegan ist Ökonom, Gründer und Präsident des Instituts für Wertewirtschaft in Wien. Jüngst sind von ihm die beiden Bücher «Wirtschaft wirklich verstehen: Einführung in die Österreichische Schule der Ökonomie» und «Vom Systemtrottel zum Wutbürger» (zusammen mit Eugen Maria Schulak) erschienen.

Wir bedanken uns bei der Zeitschrift „Schweizer Monat“ für die Genehigung zur Veröffentlichung. Der Beitrag ist erschienen in der Schweizer Monat – Sonderpublikation „unternehmerische Verantwortung“. Hier können die Sie Publikation kostenfrei herunterladen.

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