Interview mit Gregor Hochreiter zu seinem Buch „Krankes Geld, kranke Welt“

Mag. Gregor Hochreiter studierte Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien und  aufbauend European Studies in Aalborg, Dänemark. Danach Tätigkeit am Centre for European Studies in Brüssel. Gründer und ehemaliger Mitarbeiter des in Wien ansässigen „Institut für Wertewirtschaft“. Misesinfo hat mit Gregor Hochreiter über sein Buch „Krankes Geld, kranke Welt“ gesprochen.

misesinfo: Herr Hochreiter, vielen Dank, dass Sie die Zeit für dieses Interview nehmen. Ihr Buch trägt den Titel „Krankes Geld, kranke Welt“. Vielleicht sollten Sie unseren Lesern zunächst erklären, warum Sie der Ansicht sind, dass unser Geld „krank“ ist.

Das größte Problem am gegenwärtigen Geldsystem ist der Umstand, dass nahezu jede Geldmengenausweitung den Verschuldungsgrad der Gesellschaft erhöht. Das aus der Zentralbank und den Geschäftsbanken sich zusammensetzende Bankensystem erweitert die Geld-/Kreditmenge aus dem Nichts. So vergeben die Geschäftsbanken Kredite, denen keine Ersparnisse gegenüberstehen. Zudem entwert die inflationäre Geldmengenausweitung die Kaufkraft bestehender Geldvermögen, verteilt dieser Prozess Vermögen im großen Stil um vom einfachen Sparer hin zu den Banken und dem Staat und löst den Konjunkturzyklus aus. Eine gute Charakterisierung des neuzeitlichen Bankensystems ist somit die als institutionalisierte Instabilität.

misesinfo: Allein der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass man sich mit Hilfe von „Zirkulationskrediten“ – also aus Nichts geschaffenen Geld – nicht immer weiter verschulden kann. Würde das funktionieren, könnte man ja daraus ableiten, dass man mit Schulden dauerhaften Wohlstand finanzieren kann. Der kürzlich verstorbene Roland Baader, der auch das Vorwort zu Ihrem Buch geschrieben hat, sagte einmal: „Das, was wir vorausgefressen haben, werden wir nachhungern müssen“. Was erwartet uns?

Wir müssen zwei Effekte unterscheiden. Zum einen löst die künstliche Ausweitung der Kreditmenge den Konjunkturzyklus aus. Der Boom ist aus Sicht der Österreichischen Schule die Erkrankung, die Rezession die unabwendbare Heilungsphase. Anstatt die unausweichlichen Folgen der exzessiven Kreditmengenausweitung zu ertragen, haben wir uns wie ein Alkoholiker verhalten. Jedes Mal, wenn die Blase platzte, wurden die Kreditschleusen erneut geöffnet, indem die Zentralbanken den Leitzins senkten. Zum anderen muss das Problem der Überschuldung gelöst werden, wenn nicht weite Teile der Bevölkerung in eine Art Schuldknechtschaft fallen sollen. Ein Schuldenschnitt ist unvermeidbar. Das bedeutet aber andererseits, dass sich die Guthaben der Bevölkerung bei den Banken in Luft auflösen und die Gläubiger des Staates mit zum Teil deutlichen Verlusten zu rechnen haben.

misesinfo: Wir möchten noch einmal auf den Buchtitel zu sprechen kommen. Sie sprechen von einer „Kranken Welt“ und machen viele negative Entwicklungen in der Gesellschaft daran fest. Welche Entwicklungen sind für Sie am Auffälligsten und wo liegt der Zusammenhang zum Geld?

Die exzessive Bereitstellung nach Krediten begünstigt einen kurzfristigen Lebensstil. Der Kreditnehmer kann ja sein Konsumniveau künstlich ausweiten oder sein nominelles Investitionsvolumen kräftiger erhöhen als es ohne diese Zirkulationskredite möglich gewesen wäre. Man darf jedoch die gegenläufige Beeinflussung nicht außer Acht lassen. Die exzessive Nachfrage nach Krediten von Staat, Unternehmern und den privaten Haushalten verlangt nach einem Kreditsystem, das ein möglichst hohes Kreditvolumen zur Verfügung stellt. Die Bibel warnt dagegen: „Der Schuldner ist des Gläubigers Knecht“ (Spr 22, 7). Eine sehr vernünftige Haltung.

misesinfo: Hat mit der Staatsschuldenkrise die Endphase unseres jetzigen (Kredit-)Geldsystems begonnen, wenn ja, wie viel Zeit bleibt uns noch?

Die gegenwärtige Elite hat ein großes Interesse an der Aufrechterhaltung des Status Quo, daher werden sie versuchen, den Zusammenbruch möglichst lange hinauszuschieben. Dies allerdings um den Preis einer weiteren Verschärfung der unausweichlichen Rezession und Geldentwertung. Eine Möglichkeit der Lebensverlängerung des gegenwärtigen Geldsystems wäre z.B. die Fusionierung der wichtigsten Währungen etwa unter Federführung des Währungsfonds. Dies wäre die logische Fortsetzung der wirtschaftlichen und politischen Zentralisierung der vergangenen 200 Jahre hin zu einem Weltstaat mit einer Welteinheitswährung. Dessen ungeachtet tickt die Überschuldungsuhr erbarmungslos. Dieses anstehende Problem muss in Bälde gelöst werden.

Eines darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden. Dass etwas getan werden muss, ist zweifellos der ökonomischen Dynamik unseres zinsenbelasteten Schuldgeldsystems geschuldet. Wann und wie gehandelt wird, das fällt jedoch in den Bereich politischer Entscheidungen. Insbesondere Deutschland könnte, wenn es nur wollte, diesem Schrecken ein baldiges Ende bereiten.

misesinfo: Die Menschen heute sind mit dem jetzigen Geldsystem aufgewachsen. Wir haben festgestellt, dass unser Geld krank ist. Wie müssen wir uns aus Sicht der „Österreichische Schule der Nationalökonomie“ „gesundes Geld“ vorstellen und wird dieses gesunde Geld sich durchsetzen?

Das Kernproblem des gegenwärtigen Geldsystems ist der Umstand, dass eine Veränderung der Geldmenge zumeist in Form einer Veränderung der Kreditmenge umgesetzt wird. Die von bedeutsamen und unerwarteten Geldmengenveränderungen hervorgerufenen Probleme werden so noch verschärft. Diese Verschmelzung sollte unbedingt aufgelöst werden.

Die wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule befürworten eine Rückkehr zum Goldstandard. Diesem Vorschlag begegne ich jedoch mit einiger Skepsis. Eine Goldwährung ist fast notwendigerweise mit einer zentralen Lagerung der Goldreserven verbunden und fördert somit die politische Zentralisierung. Die Kaufkraft des Goldes ist speziell für den durchschnittlichen Einkauf der Konsumenten zu hoch. Zudem übersehen viele Befürworter den Umstand, dass der historische Goldstandard im 19./20.Jahrhundert niemals eine 100%-Deckung der umlaufenden Banknoten, wie von der Österreichischen Schule gefordert, aufwies und im Regelfall auch nicht aufweisen sollte.

Insofern würde ich meinen Buchtitel in doppelten Sinne umdrehen: „Gesunde Welt, gesundes Geld“. Eine in Gesundung begriffene Gesellschaft, die Maß hält und sich bescheidet, wird die Gesundung des Geldsystems vorantreiben. Vereinfacht formuliert: mit dem Wegfall der exzessiven Kreditnachfrage, weil die privaten Haushalte, die Unternehmer und die Regierung nicht systematisch mehr Geld ausgeben wollen als sie einnehmen, wäre ein wichtiger Schritt zur Gesundung des Geldes getan. Auf jeden Fall müssen wir uns von der Utopie eines dauerhaft perfekten Endzustandes verabschieden und uns von der Vorstellung lösen, dass die Institutionen unser Verhalten determinieren. Vielmehr müssen wir uns selbst ständig darum mühen, das Böse zu meiden und das Gute zu tun.

misesinfo: Ihren Ausführungen zur Folge sehen wir aufregenden Zeiten entgegen. Herr Hochreiter, vielen Dank für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben.

Hier geht’s zum Buch.

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