„Das Finden einer Geldordnung kann durchaus dem dezentralen Entdeckungsprozess überlassen werden!“

Interview mit Rahim Taghizadegan vom Institut für Wertewirtschaft, Wien: Das staatliche Geldmonopol und die staatliche Geldpolitik sind nicht alternativlos, sondern sollten immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden.

Die weltweite Schuldenkrise hat die Märkte seit Jahren fest im Griff. Eine vielleicht ironisch anmutende, aber ernst gemeinte Frage: Verfügen wir über ein gutes Geldsystem?

Verstehen wir unter einem guten Geldsystem ein Geldsystem, das keinen politischen und wirtschaftlichen Sonderinteressen auf Kosten der Allgemeinheit dient, das die Ersparnisse der Menschen nicht mehr und mehr mindert, das Anreize bietet, Kapital aufzubauen und nicht, Kapital zu verbrauchen, das keinen Konjunkturzyklus in Gang setzt, und das keiner fortwährenden Korrekturen bedarf, um ein weiteres Jahr überleben zu können – dann muss die Antwort lauten, nein, wir haben ganz offensichtlich kein gutes Geldsystem.

Inwieweit destabilisiert unsere Geldordnung die Marktwirtschaft und vernichtet Wohlstand?

Einerseits gibt es eine indirekte Vernichtung von Wohlstand – tatsächlichem und potentiellen Wohlstand – über die von mir genannten Punkte: Verunsicherung der Gesamtwirtschaft, Verhinderung von Kapitalaufbau, Förderung von Investitionen an den falschen Stellen. Auf der anderen Seite steht die direkte Wohlstandsvernichtung durch Inflation, durch die Ausdehnung der Geldmenge und die daraus resultierende Geldentwertung. Man muss sich vorstellen, dass bereits bei der gering scheinenden jährlichen Inflationsrate von 3% binnen zweier Jahrzehnte die Hälfte eines Geldvermögens verlorengeht. Bei 5% dauert es nur noch ein Jahrzehnt. In einigen Bereichen haben die nominellen Europreise bereits die alten D-Mark-Preise erreicht – ohne dass die Löhne entsprechend gestiegen wären.

Die grundsätzliche Frage ist natürlich, ob eine Wirtschaftsordnung mit einem nicht-marktwirtschaftlichen, nämlich einem zentral gesteuerten Geldsystem überhaupt eine Markt-wirtschaft sein kann. Und wenn das derzeitige System den Leuten als Marktwirtschaft verkauft wird, und die Krise daher eine marktwirtschaftliche Krise sein muss, dann ist klar, wohin die Reise geht.

Welche Bedeutung ist alternativen Geldexperimenten beizumessen?

Zunächst befindet sich jedes gesellschaftliche oder wirtschaftliche Experiment in der Gefahr, von falschen Voraussetzungen auszugehen, Lösungen für Probleme zu bieten, die keine sind, aus den tatsächlichen Problemen aber die falschen Schlüsse zu ziehen, und daher über kurz oder lang zu scheitern. Daher ist das oberste Gebot jedes Experiments das der Freiwilligkeit: Niemand darf gezwungen werden, ein Geld zu verwenden, das er nicht verwenden will.

Natürlich verletzt der Staat dieses Gebot; auch wenn mein Einkommen vielleicht aus Krähwinkler Vierteltalern besteht, verlangt der Staat, dass ich ihm meine Steuern in Euros der Europäischen Zentralbank leiste. Der Wert alternativer Geldexperimente ist daher unter heutigen Bedingungen wohl zum größten Teil ein aufklärender: dass das staatliche Geldmonopol und die staatliche Geldpolitik nicht, um mit Frau Merkel zu sprechen, „alternativlos“ sind, sondern dass das Finden einer Geldordnung durchaus dem dezentralen Entdeckungsprozess überlassen werden kann, dass diese Experimente funktionieren können – wenn sie funktionieren!

Sind angesichts globaler Probleme lokale Lösungen überhaupt eine Option?

Sind überhaupt menschengemachte soziale und wirtschaftliche Probleme denkbar, die nur global gelöst werden können? Ist der Lösungsansatz einer kleineren Gruppe notwendig zum Scheitern verurteilt, weil er sich nicht auf globale Verhältnisse umlegen lässt? Sicher ist eine gute globale Lösung besser als eine schlechte lokale. Und man mag auch argumentieren, dass großen Systemen und Institutionen ein gewisser Konservatismus anhaftet. Verrückte Ideen haben es leichter, sich im Kleinen durchzusetzen als dort, wo sie etwa dem moderierenden Einfluss eines behäbigen Apparates ausgesetzt sind. Für gute Ideen, für gute Lösungen gilt aber das gleiche. Und wenn sich schlechte Lösungen im Großen durchsetzen, dann brennt ohnehin der globale Hut, und zwar für lange Zeit.

Was kann/muss der Einzelne tun, um die Lage zu verbessern?

Der Einzelne kann nur versuchen, seine eigene Lage und die seines unmittelbaren Umfelds zu verbessern. Das ist mühsam und der Erfolg ist ungewiss. Am bequemsten ist es, zu glauben, sich der Verantwortung für sich und die Seinen durch das Abgeben seiner Stimme entledigt zu haben. Mögen andere – Politiker – sich darum kümmern, was gut für mich ist, mich vor mir selbst schützen, und mögen wiederum andere – die Steuerzahler – dafür aufkommen! Nein, um die Lage wirklich und langfristig zu verbessern, dazu ist der Rückgriff, ist die Rückbesinnung auf das Eigene nötig, auf den Einzelnen selbst und auf seine Umgebung. Warum sich dazu nicht der alten Kaufmannstugenden besinnen? Solidität, Ehrlichkeit, Vorsorge. Schulden meiden und Kapital aufbauen. Vertrauen schaffen und, wo berechtigt, geben. Und, um zum Geldthema zurückzukehren, das Geld, ob gutes oder schlechtes Geld, als das sehen, was es ist: ein Mittel, zwar ein wichtiges, aber doch nur ein Mittel, das nicht zum Selbstzweck werden sollte.

Die Fragen stellte Helge Rehbein.

Rahim Taghizadegan lebt und arbeitet als austroiranischer Wirtschaftsphilosoph in Wien. In seinem von ihm gegründeten Institut für Wertewirtschaft analysiert er die Krise der westlichen Gesellschaft und will Wege aufzeigen, wie heute wertvolles Wirtschaften und sinnvolles Leben aussehen könnten. Der studierte Technische Physiker mit Spezialisierung in Atomphysik begann sich früh für Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und insbesondere die Wiener Schule der Ökonomie zu interessieren und setzt sich nach eigener Darstellung für „die Freilegung verlorenen Wissens und die Verknüpfung der zahllosen aufgetrennten Fäden heutigen Denkens“ ein. Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist Taghizadegan durch Buchveröffentlichungen wie „Der Anti-Steingart“: Systematisch widerlegt er darin die Thesen des „Spiegel“-Journalisten Gabor Steingart. Eines seiner jüngsten Bücher „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ fordert die Bürger auf, sich entschlossen des eigenen Verstandes zu bedienen.

Dieser Artikel stammt aus der Sonderpublikation „Währungsreform und neue Geldsysteme“. Vielen Dank an die BörseGo AG für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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