„Die österreichische Schule wird nun auch in Deutschland gelehrt“

Interview vom November 2010 mit Thorsten Polleit, Professor und Chefvolkswirt Deutschland von Barclays Capital, über sein Verständnis von der Krise und einen neuen von ihm aufgelegten Studiengang.

Smart Investor: Herr Polleit, Sie wandeln gewissermaßen zwischen Theorie und Praxis: Sie arbeiten als Volkswirt einer Investment-Bank und lehren an der Frankfurt School of Finance & Management. Wurden Sie von den Geschehnissen der vergangenen zweieinhalb Jahren überrascht?
Polleit: Etwa im Jahr 2005 wurde mir zunehmend klar, dass das internationale Kredit- und Geldsystem auf eine große Erschütterung zuläuft. Diese Einschätzung speiste sich insbesondere aus der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, die sich mit Namen verbindet wie Carl Menger, Eugen Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Murray N. Rothbard. Die Symptome der anstehenden monetären Turbulenzen wurden unübersehbar, insbesondere die wachsende Verschuldung und die immer weiter ansteigenden Geldmengen bei immer niedrigeren Zinsen weltweit.

Smart Investor: Wie schätzen Sie die Folgen der Politik, insbesondere die Geldpolitik, ein, mit der nun versucht wird, die Krise zu bekämpfen?
Polleit: Die Krise wurde verursacht durch das Ausweiten der Geldmenge durch Kreditvergabe „aus dem Nichts“ durch künstlich gesenkte Zinsen. Die Politik, die Zinsen noch weiter abzusenken und die Geldmengen auszuweiten, indem die Zentralbanken Staatsanleihen aufkaufen, löst das zugrunde liegende Problem nicht, sondern wird die Probleme noch weiter vergrößern.

Smart Investor: Wird es Hyperinflation geben?
Polleit: Der Ausstieg aus dem heutigen „Fiat Money“-Regime ist ohne einen erheblichen Verlust der Kaufkraft des Geldes wohl nicht mehr möglich.

Smart Investor: Was ist denn die Lösung?
Polleit: Eine arbeitsteilige, produktive und friedliche Gesellschaft kann nicht ohne gutes Geld auskommen. Die Rückkehr zu gutem Geld, also das Privatisieren der Geldproduktion, ist notwendig. Die Wege dazu haben insbesondere Mises, Hayek und Rothbard ausgearbeitet.

Smart Investor: Sie werden im Sommersemester 2011 einen Kurs „The Austrian School of Economics – An Introduction“ an der Frankfurt School of Finance & Management in Frankfurt anbieten. Was hat Sie dazu bewogen?
Polleit: Zum einen die vielen Anfragen von Studenten, mehr über die Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zu erfahren. Zum anderen wird meines Wissens solch ein Lehrprogramm in Deutschland bislang nicht angeboten. Beides zusammen war gewissermaßen eine große Ermunterung, eine solche Lehrveranstaltung zu gestalten.

Smart Investor: Hat denn die Lehre der Österreichischen Schule Chancen, Gehör zu finden?
Polleit: Ja, denn sie ist unverkennbar auf dem Vormarsch. Immer mehr Menschen suchen ökonomische Antworten auf die jüngste Krise und ihre Ursachen – Antworten, die die heute verbreitete Form der Volkswirtschaftslehre nicht oder nur unzureichend gibt. Auch immer mehr Bücher beschäftigen sich mit der Lehre der Österreicher, und auch immer mehr Konferenzen finden statt, in den USA ohnehin – vor allem unter der Ägide des Ludwig von Mises Institute –, nun aber auch zusehends in Europa.

Smart Investor: Wie sieht denn der Kurs aus?
Polleit: Er wird als Wahlfach im Master-Studiengang im März/April 2011 angeboten. Er umfasst insgesamt 30 Lehrstunden und deckt eine Vielzahl von Themenbereichen ab, die zentrale Bausteine der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sind. Hierzu zählt die Epistemologie als Grundlage der Volkswirtschaftslehre ebenso wie zum Beispiel die Ethik des Privateigentums. Ein besonderer Schwerpunkt wird natürlich bei der Geldlehre der Österreicher gesetzt. Ein umfassendes Skript, das durch den Kurs führt, und ausgewählte Literaturquellen – alles per Internet abrufbar – werden die Studierenden unterstützen. Ich werde mich bemühen, die Lehre der Österreichischen Schule insbesondere auch in einem konstruktiv-kritischen Ansatz gegenüber den herrschenden Lehrmeinungen, mit denen die meisten Studierenden heute konfrontiert werden, darzulegen.

Smart Investor: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Thorsten Polleit:
wurde 1967 in Münster geboren. Er studierte von 1988 bis 1993 Wirtschaftswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, wo er sich auch 1995 bei Manfred Borchert promovierte. Er war von 1997 bis 2000 für ABN AMRO in Frankfurt am Main, London und Amsterdam tätig und war ab März 1998 Chief German Economist von ABN AMRO Deutschland AG. Im Oktober 2000 wurde er bei Barclays Capital Chief German Economist.

Er gründete im Jahr 2000 die ECB Observer, eine unabhängige Beobachtergruppe der Europäischen Zentralbank ist seit 2002 im sog. EZB-Schattenrat (Handelsblatt/Wall Street Journal Europe). 2003 erhielt er einen Ruf als Honorarprofessor an die Frankfurt School of Finance & Management. Er ist Mitglied der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft und des Forschungs-Netzwerks Research on Money in the Economy (ROME). Sein Hauptinteressengebiet liegt in den Bereichen monetäre Ökonomik, Geldtheorie und –politik, sowie Kapitalmarktheorie.

Interview: Ralf Flierl vom smartinvestor

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