Der demokratische Staatsmann, der daran geht, das Wirtschaftsleben zu planen, wird bald vor die Wahl gestellt sein, sich entweder zum Diktator aufzuwerfen oder aber seine Pläne aufzugeben

31.12.2012 – 1944 veröffentliche Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) sein Buch „The Road to Serfdom“, das 1945 in deutscher Sprache unter dem Titel „Der Weg zur Knechtschaft“ erschien. Eine der Hauptthesen darin lautet: Der Kollektivismus-Sozialismus führt in den Totalitarismus, und zwar notwendigerweise. Diese Erkenntnis hat auch für die heutigen demokratischen Gesellschaftsformen Bestand, in denen der „Wohlfahrts- und Umverteilungsstaat“ sich immer weiter ausdehnt zu Lasten der Freiheiten des Einzelnen. Wer glaubt, dass in diesem System das ultimative Übel – der Totalitarismus – durch die Wahl von „(auf-)richtigen“ Politiker(-innen) abgewendet werden kann, wird enttäuscht werden – denn, so zeigt Hayek auf, nicht nur im Kollektivismus-Sozialismus, sondern auch in der „Wohlfahrts- und Umverteilungsdemokratie“ gelangen „die Schlimmsten“ an die Hebel der Macht. Gerade auch mit Blick auf die aktuellen „Rettungspolitiken“ im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise hat Hayeks Botschaft in „Der Weg zur Knechtschaft“ nichts an Aktualität eingebüßt. Nachstehend Teile aus Kapitel 10 des Buches.

Thorsten Polleit

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Kapitel 10

DER TRIUMPH DER MENSCHLICHEN GEMEINHEIT

Macht korrumpiert,

absolute Macht korrumpiert absolut.

Lord Acton

 

Friedrich A. von Hayek

Wir müssen nun eine Anschauung untersuchen, mit der viele, die den Totalitarismus für zwangsläufig halten, sich trösten, ei­ne Anschauung, die den Widerstand vieler anderer, die ihn mit aller Macht bekämpfen würden, wenn sie sich über sein Wesen völlig klar wären, in gefährlicher Weise schwächt. Nach dieser Ansicht wären die abstoßendsten Züge der totalitären Staaten auf die historische Zufälligkeit zurückzuführen, daß diese von Erpresser- und Gaunergesindel begründet worden sind. Wenn mit dem totalitären Regime, so argumentiert man, in Deutsch­land Leute wie Streicher, Killinger, Ley, Heines, Himmler und Heydrich an die Macht kamen, so möge das zwar für die Ver­worfenheit des deutschen Charakters sprechen, aber es beweise nicht, daß der Aufstieg solcher Menschen die notwendige Folge eines totalitären Regimes sei. Warum sollte es nicht möglich sein, daß anständige Menschen ein derartiges System zum ge­meinen Besten verwenden, wenn es zur Erreichung wichtiger Ziele unvermeidlich ist?

Wir dürfen uns nicht einreden, daß alle rechtschaffenen Menschen Demokraten sein oder unbedingt den Wunsch ha­ben müßten, sich an der Regierung des Landes zu beteiligen. Viele würden es ohne Zweifel vorziehen, jemand anders damit zu betrauen, den sie für geeigneter halten. Es ist nicht schlecht oder ehrenrührig, eine Diktatur der Guten zu billigen, wenn es auch unklug sein mag. Wir bekommen bereits heute zu hören, daß Totalitarismus ein machtvolles System zum Guten wie zum Bösen sei und daß es ausschließlich von den Diktatoren abhänge, zu welchem Zweck es gebraucht werden würde. Und diejenigen, die glauben, daß wir nicht das System als solches zu fürchten brauchen, sondern nur die Gefahr, daß es in die Hände von schlechten Menschen fallen könnte, möchten sogar auf den verführerischen Gedanken kommen, daß man, um je­ne Gefahr abzuwenden, dafür sorgen müsse, daß der Totalitarismus zur rechten Zeit von den Guten begründet wird.

Zweifellos würde ein englisches „faschistisches” System sich stark von dem italienischen oder deutschen Vorbild unter­scheiden, und sicherlich könnten wir damit rechnen, daß uns als Führer ein besserer Typ beschieden sein würde, vorausge­setzt, daß der Übergang nicht gewaltsam erfolgt. Und wenn ich schon unter einem faschistischen Regime leben müßte, so würde ich zweifellos lieber unter einem englischen Faschis­mus als unter dem irgendeiner anderen Nation leben. Doch all dies bedeutet nicht etwa, daß ein englisches faschistisches Sy­stem sich nach unsern heutigen Wertmaßstäben letzten Endes sehr von seinen Vorbildern unterscheiden oder sehr viel er­träglicher als diese sein würde. Alles spricht dafür, daß die Dinge, die uns als die übelsten Seiten der heutigen totalitären Systeme in die Augen fallen, keine zufälligen Nebenprodukte sind, sondern Erscheinungen, die der Totalitarismus früher oder später unweigerlich hervorbringen muß. So wie der de­mokratische Staatsmann, der daran geht, das Wirtschaftsleben zu planen, bald vor die Wahl gestellt sein wird, sich entweder zum Diktator aufzuwerfen oder aber seine Pläne aufzugeben, so würde der totalitäre Diktator bald nur noch die Wahl haben zwischen dem Bruch mit den gewöhnlichen Gesetzen der Ethik und seinem Fiasko. Gerade aus diesem Grunde ist es wahrscheinlicher, daß in einer Gesellschaft, die sich zum To­talitarismus entwickelt, die Skrupellosen und Abenteurer in ihrem Element sein werden. Wer das nicht sieht, hat noch im­mer nicht ganz begriffen, welch tiefer Abgrund den Totalita­rismus von einem liberalen Regime trennt und welch unüber­brückbarer Graben zwischen der ganzen geistig-moralischen Atmosphäre des Kollektivismus und der im Kerne individuali­stischen Kultur des Abendlandes klafft.

Über die „moralische Grundlage des Kollektivismus” ist in der Vergangenheit natürlich viel diskutiert worden; aber in die­sem Zusammenhang interessieren uns nicht seine moralischen Grundlagen, sondern seine moralischen Folgen. Die landläufi­gen Diskussionen über die ethischen Aspekte des Kollektivis­mus betreffen die Frage, ob die heutigen moralischen Überzeu­gungen den Kollektivismus fordern oder was für moralische Überzeugungen erforderlich wären, wenn der Kollektivismus die erhofften Ergebnisse zeitigen soll. Die Frage, die wir stel­len, lautet jedoch, zu was für Moralanschauungen eine kollekti­vistisch organisierte Gesellschaft gelangen wird oder was für Ansichten in ihr vorherrschen werden. Die Wechselwirkung zwischen Moral und sozialen Institutionen könnte sehr wohl da­zu führen, daß die durch den Kollektivismus geschaffene Ethik nichts mehr mit den moralischen Ideen gemein hat, die das Ver­langen nach dem Kollektivismus hervorrufen. Man sollte ei­gentlich meinen, ein solches System müsse ein Nährboden für die höchsten Tugenden sein, da der Wunsch nach einem kollek­tivistischen System edlen moralischen Motiven entspringt. Aber in Wahrheit spricht nichts dafür, daß irgendein Gesellschaftssy­stem notwendigerweise solche Charaktereigenschaften stärkt, die dem Ziele dieses Systems entsprechen. Die herrschenden Moralanschauungen werden zum Teil von den Eigenschaften abhängen, die den Individuen in einem kollektivistischen oder totalitären System zum Erfolg verhelfen, und zum anderen Teil davon, was der totalitäre Apparat erfordert.

Wo ein gemeinsames, alles beherrschendes Ziel vorhanden ist, da bleibt kein Platz für irgendwelche allgemeinen Moralvor­schriften oder Normen. In begrenztem Maße machen wir in Kriegszeiten diese Erfahrung an uns selber. Doch selbst der Krieg und die größte Gefahr haben bei uns nur zu einem schüch­ternen Anfang mit dem Totalitarismus geführt, zu einer sehr ge­ringen Vernachlässigung aller anderen Werte trotz der Verfol­gung eines einzigen Zieles. Aber wenn einige besondere Ziele die gesamte Gesellschaft beherrschen, läßt es sich nicht vermei­den, daß Grausamkeit gelegentlich zur Pflicht werden kann, daß Handlungen, gegen die sich alles in uns sträubt, wie die Er­schießung von Geiseln oder das Töten von Greisen oder Kran­ken, als bloße Maßnahmen der Zweckmäßigkeit behandelt wer­den, daß die zwangsweise Entwurzelung und Umsiedlung von Hunderttausenden zu einem Mittel der Politik wird, die, abgese­hen von den Opfern, fast allgemeine Billigung findet, oder daß Vorschläge wie der einer „Mobilmachung der Frauen zu Gebär­zwecken” ernsthaft in Erwägung gezogen werden können. Vom Standpunkt des Kollektivisten aus gibt es immer ein höheres Ziel, dem diese Handlungen dienen und das sie in seinen Augen rechtfertigt, da die Verfolgung des Kollektivzweckes nicht vor den individuellen Rechten oder Werten Halt machen darf.

Aber während die breite Masse der Bürger des totalitären Staates oft aus selbstloser Hingabe an ein Ideal, das für uns zwar abstoßend sein mag, solche Taten gutheißt und sogar selber be­geht, kann man diese mildernden Umstände nicht für die leiten­den Politiker gelten lassen. Um in der Hierarchie eines totalitä­ren Staates seinen Platz auszufüllen, genügt es nicht, daß ein Mann bereit ist, eine oberflächliche Rechtfertigung verwerflicher Akte zu akzeptieren, vielmehr muß er selber bereit sein, sich in seinen Handlungen über jeden Grundsatz der Moral, der jemals für ihn Geltung hatte, hinwegzusetzen, wenn dies zur Erreichung des ihm gesetzten Zieles notwendig erscheint. Da ausschließlich der oberste Führer die Ziele bestimmt, dürfen seine Werkzeuge keine eigene Moralauffassung haben. Das Allerwichtigste ist, daß sie der Person des Führers mit Leib und Seele ergeben sind; aber das Zweitwichtigste ist, daß sie völlig prinzipienlos und buchstäblich jeder Handlung fähig sein müssen. Sie dürfen kei­ne eigenen Ideale haben, die sie verwirklichen möchten, keine Vorstellungen darüber, was recht oder unrecht ist, die mit den Absichten des Führers in Widerspruch geraten könnten. Die Machtstellungen haben also wenig Anziehendes für Menschen mit moralischen Überzeugungen, wie sie für die Völker Europas in der Vergangenheit maßgebend waren, sie bieten wenig Kom­pensationen für die Widerwärtigkeit besonderer Aufgaben und wenig Möglichkeiten für die Befriedigung idealeren Strebens als Ausgleich für das unbestreitbare Risiko und für den Verzicht auf die meisten Freuden des Privatlebens wie auf die persönliche Unabhängigkeit, den eine Stellung mit großer Verantwortung mit sich bringt. Die einzigen Instinkte, die befriedigt werden, sind der Machtinstinkt schlechthin, das Vergnügen, zu befehlen, und Teil eines gut funktionierenden und ungeheuer mächtigen Appa­rates zu sein, dem sich alles andere unterordnen muß.

Aber wenn ein solcher Apparat des Totalitarismus für Men­schen, die wir nach unsern Moralbegriffen als gut bezeichnen, wenig bietet, was sie verführen könnte, sich um leitende Stel­lungen zu bemühen, sondern für sie nur höchst abschreckend sein kann, so ergibt sich hier dagegen die große Gelegenheit für die Rohlinge und Gewissenlosen. Es sind Dinge zu tun, von de­nen jeder weiß, daß sie als solche verwerflich sind, die aber für ein höheres Ziel getan werden müssen und zu ihrer Ausführung ebenso viel Sachkenntnis und Gründlichkeit wie andere Dinge erfordern. Da nun notwendigerweise Geschäfte besorgt werden müssen, die schlechthin verwerflich sind und die jeder noch durch die traditionelle Moral beeinflußte Mensch nur widerwil­lig auf sich nehmen wird, so wird die Bereitschaft zum Bösen ein Weg zu Aufstieg und Macht. Zahlreich sind in einer tota­litären Gesellschaft die Stellungen, in denen es notwendig wird, Grausamkeiten zu begehen, einzuschüchtern, bewußt zu betrügen und zu spionieren. Weder die Gestapo noch die Lei­tung eines Konzentrationslagers, weder das Propagandamini­sterium noch die SA noch die SS (oder ihre italienischen oder russischen Gegenstücke) sind geeignete Plätze, um sich in hu­manitären Gefühlen zu üben. Aber gerade von solchen Stel­lungen aus führt der Weg zu den höchsten Stufen des tota­litären Staates. Es ist nur allzu wahr, wenn ein bedeutender amerikanischer Nationalökonom aus einer ähnlichen kurzen Aufzählung der Pflichten des kollektivistischen Staatsleiters den Schluß zieht: „Sie sind zu diesen Dingen gezwungen, ob sie wollen oder nicht, und die Wahrscheinlichkeit, daß die Machthaber Individuen sind, die den Besitz und die Ausübung der Macht verabscheuen, ist ungefähr so groß wie diejenige, daß ein ungewöhnlich zart besaiteter Mensch die Stelle eines Peitschenmeisters auf einer Sklavenplantage erhält.” * (Seite 191 bis 193, Olzog-Verlag, 2011)

* F. H. Knight in: The Journal of Political Economy, Dezember 1938, S. 869.