Der realwirtschaftliche Kern des Finanzmarktes und der Finanzkrisen

17.12.2012 – Einleitung

Richard von Strigl

Die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“ hat eine Reihe von sehr bedeutenden Denkern hervorgebracht. Einer davon ist Richard Ritter von Strigl (1891 – 1942).

Wenngleich er weitaus weniger bekannt ist als zum Beispiel Carl Menger (1840 – 1921), Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Friedrich August von Hayek (1899 – 1992), hat sich Strigl besonders verdient gemacht in der Erklärung der österreichischen Kapitaltheorie.

Strigl – der leider recht früh, ja viel zu früh, verstarb – war auch der letzte in Wien verbliebene Repräsentant der österreichischen Schule.

Doch auch heute noch lässt sich vor allem Strigls Hauptwerk Produktion und Kapital aus dem Jahr 1934 (englisch: Capital & Production) mit großem Gewinn studieren.

Dr. Eduard Braun ist ein Kenner der österreichischen Kapitaltheorie. Sein Beitrag, den er dem Ludwig von Mises Institut Deutschland großzügig zur Verfügung stellt, legt überaus wichtige Erkenntnisse zur Erklärung der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise offen: Ohne diese Erkenntnis der österreichischen Kapitaltheorie kann man nämlich die aktuelle weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise überhaupt nicht verstehen – geschweige denn lassen sich ohne diese österreichische Erkenntnisse, die Strigl so eindrücklich herausarbeitet und formuliert, Lösungsmaßnahmen ableiten.

Thorsten Polleit, Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland

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Der realwirtschaftliche Kern des Finanzmarktes und der Finanzkrisen

Richard von Strigls bleibender Beitrag zur Volkswirtschaftslehre

von Eduard Braun

Eduard Braun

Wer im Schatten berühmter Menschen steht, wird schnell vergessen. Die eigenen Leistungen verblassen, während die der anderen dadurch nur noch um so größer erscheinen. Einer, dem es so geht, ist Richard von Strigl (1891 – 1942).

Während Friedrich von Hayek (1899 – 1992) und Ludwig von Mises (1881 – 1973) regelmäßig zitiert werden und sich neuerdings sogar einiger Popularität jenseits von Universität und Wissenschaft erfreuen dürfen, ist Richard von Strigl sogar etlichen Sympathisanten der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, welcher er angehört, völlig unbekannt.

Sein geringer Bekanntheitsgrad läßt sich sicherlich unter anderem dadurch erklären, daß er Zeit seines Lebens kaum zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen Stellung bezogen hat. Heutige Liberale und Libertäre können bei Mises und Hayek Munition für gesellschaftspolitische Debatten finden. Bei Strigl dürften sie jedoch nicht so einfach fündig werden. Seine Beträge sind fast ausschließlich theoretischer Natur. Der folgende Artikel ist nun aber – der geneigte Leser sei beruhigt – nicht als dogmengeschichtliche Übung gedacht. Strigls Werk ist brandaktuell.

Seit einigen Jahren drehen sich viele der Grabenkämpfe zwischen den politischen Lagern um die Finanzkrise, ihre Ursachen und Auswirkungen sowie Maßnahmen, die ähnliche Krisen in Zukunft verhindern sollen.

Die Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie („Österreicher“) konzentrieren sich in dieser Debatte hauptsächlich auf zwei Punkte: (1) die Rolle des Geldsystems und (2) die Kapitaltheorie.

Was das Geldsystem betrifft, stehen sie für radikale „Reform“vorschläge. Je nach Couleur fordern sie eine hundertprozentige Reservepflicht der Banken für Giroguthaben, die Organisation des Geldwesens nach dem Konkurrenzprinzip und/oder die Rückkehr zum Goldstandard. Gemeinsam ist diesen Vorschlägen die strikte Ablehnung einer zentralen Verwaltung im Geldwesen. Die Zentralbank, so die einhellige Meinung, habe eine destabilisierende Wirkung auf die Volkswirtschaft, sei hauptverantwortlich für die Finanzkrise und müsse deshalb abgeschafft werden.

Um diese Forderung zu begründen, wird regelmäßig auf die Kapitaltheorie, den zweiten der oben genannten Punkte, zurückgegriffen. Laut den Österreichern hat die von den Zentralbanken durchgeführte Manipulation der Zinssätze Rückwirkungen auf die gesellschaftliche Kapitalstruktur. Eine durch Geldmengenerhöhung herbeigeführte künstliche Zinssenkung – ein typisches Instrument heutiger Zentralbanken zur Ankurbelung der Wirtschaft – führe über kurz oder lang zur Fehlallokation der Ersparnisse.

Ein niedrigstehender Zins hat demnach zur Folge, daß Unternehmer tendentiell langfristige und damit kapitalintensive Projekte starten. Diese Projekte hätten jedoch nur dann ihre Berechtigung, wenn ausreichend Ersparnisse vorhanden wären, diese für die Dauer der Investitionszeit zu finanzieren. Da die Zinssenkung nun aber nicht durch eine Erhöhung der Ersparnisse verursacht wurde, sondern künstlicher Natur war und durch eine Erhöhung der Geldmenge erreicht wurde, wären keine ausreichenden realwirtschaftlichen Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden. Auf Dauer müsse sich das in einem Steigen der Zinsen äußern, welches die langfristig gebundenen Unternehmer (oder ihre Banken) in Finanzierungsschwierigkeiten bringe und letztlich die allgemeine Krise auslöse.

Die Finanzkrise wird von den Österreichern also durch das Zusammenspiel von Zinsmanipulation und deren Rückwirkungen in der gesellschaftlichen Kapitalstruktur erklärt.

Strigls zentraler Beitrag besteht nun darin, diesem Zusammenspiel tiefer auf den Grund zu gehen als andere Autoren. Während sich Mises, Hayek und andere nämlich intensiv mit dem Geldwesen und der Geldtheorie auseinandersetzen, wird die Frage danach, was „reale“ Finanzierungsmöglichkeiten überhaupt sein sollen, nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Ist es nicht so, daß auch Ersparnisse letztlich in Geld bestehen? Was kann es da schaden, wenn die Zentralbanken Geld drucken, um über die damit verbundene Zinssenkung die Nachfrage nach Investitionsgütern anzukurbeln? Um den logischen Fehler in einer solchen Argumentation aufdecken zu können, muß man sich mit der Frage auseinandersetzen, was eigentlich hinter den Ersparnissen steckt und inwiefern sie sich von frisch gedrucktem Geld unterscheiden.

Was diesen Punkt betrifft, ragt Strigls 1934 veröffentlichtes Buch „Kapital und Produktion“ weit hervor. Seine Lektüre kann auch heute noch jedem ans Herz gelegt werden, der sich ernsthaft mit dem Wesen der Finanzmärkte und dem Konjunkturproblem auseinandersetzen möchte.

Was Strigl in diesem Buch vollbringt, ist nichts weniger als eine allgemeinverständliche Erklärung der Prozesse, die dem Wirken der Finanzmärkte, auf dem ja die Ersparnisse gehandelt werden, zugrunde liegen. Damit kann er selbst aus heutiger Sicht noch als Vorreiter für die Volkswirtschaftslehre gelten, die nicht viel dazu zu sagen hat, was sich eigentlich hinter den Geldgeschäften verbirgt, die man auf diesen Märkten beobachten kann.

Das Besondere an Strigls Buch ist, daß er den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt einer Finanzmarkttheorie stellt, von der man normalerweise annehmen würde, sie befasse sich nur mit unpersönlichen Transaktionen. Er erreicht das, indem er im ersten Teil seines Buches gänzlich vom Geld absieht und sich überlegt, was „Finanzieren“ in einer geldlosen Wirtschaft überhaupt bedeuten kann.

Strigl kommt zu dem Schluß, daß eine „Finanzierung“ der gesellschaftlichen Produktionsprozesse immer nur insoweit notwendig sei, als Menschen daran beteiligt sind. Nur Menschen haben Bedürfnisse, deren Befriedigung die Voraussetzung dafür darstellt, daß sie sich an der Produktion beteiligen. Alles andere, was in der Produktion sonst noch eine Rolle spielen mag, also Werkzeuge, Maschinen, Fabrikgebäude usw., hat dagegen keine Bedürfnisse und muß daher nicht finanziert werden. In gewisser Hinsicht, so könnte man seine Gedanken ausdrücken, handelt es sich ja nur um totes Material.

Es mag sein, daß Arbeiter notwendig sind, um diese Dinge zu produzieren oder in Schuß zu halten, aber dann ist es eben die Alimentierung dieser Arbeiter, die finanziert werden muß, und nicht das Material selbst. Strigl übernimmt diese Gedanken teilweise von den englischen Klassikern der Volkswirtschaftslehre. Diese haben bisweilen das Wort „Lohnfonds“ benutzt, wenn sie von Kapital sprachen. Was demnach die Finanzierung jedweder Produktion voraussetzt, ist ein Fonds an „Subsistenzmitteln“, der die Versorgung der an der Produktion Beteiligten, insbesondere der Arbeiter sichert.

Strigl wendet diese Gedanken nun auch konsequent auf die Finanzmärkte an. Seiner Meinung nach handelt es sich bei Geld prinzipiell um eine Anweisung auf Konsumgüter. Derjenige, der spart, verzichtet darauf, mit seinem Einkommen Konsumgüter zu kaufen, und ermöglicht es daher einem anderen, mit dem gesparten Geld seinerseits Konsumgüter nachzufragen. Wenn also gespart wird, und die entsprechenden Gelder auf dem Finanzmarkt gehandelt werden, bedeuten diese Gelder immer die Möglichkeit, damit Konsumgüter zu kaufen.

Auf dem Finanzmarkt werden mit den Ersparnissen demnach die Mittel gehandelt, die notwendig sind, um die am gesellschaftlichen Produktionsprozeß beteiligten Personen mit den zum Leben notwendigen Dingen zu versorgen. Wenn der Zinssatz niedrig ist, bedeutet das, daß genügend Mittel vorhanden sind, um mehr Arbeiter in zeitintensiven Investitionsprojekten zu versorgen. Ein hoher Zinssatz dagegen deutet hin auf die Knappheit solcher Mittel. Die Versorgung der an der Produktion Beteiligten ist dann nicht auf Dauer gesichert, weswegen nicht langfristig investiert werden sollte. Vielmehr ist in dieser Situation darauf zu achten, möglichst wieder solche Dinge herzustellen, mit denen Menschen versorgt werden können, also vor allem Konsumgüter.

Damit haben wir gesehen, wie es Strigl gelungen ist, die Ersparnisse, und damit die Finanzmärkte, realwirtschaftlich zu untermauern. Finanzieren bedeutet für ihn „Alimentieren“ von Menschen. Nur da, wo Menschen im Spiel sind, kommt es zu einem Finanzierungsbedarf, und dieser kann immer nur durch Konsumgüter oder, wie er es nennt, Subsistenzmittel gedeckt werden. Daß dieser Bedarf in der Realität nicht direkt durch Konsumgüter, sondern durch Geld gedeckt wird, ändert diese Logik nicht, weil er davon ausgeht, daß Geld seinem Wesen nach eine Anweisung auf Konsumgüter darstellt.

Auf dieser Grundlage erbaut Strigl seine eigene Fassung der österreichischen Konjunkturtheorie.

Auch hier stehen folgerichtig der Mensch und seine Versorgung mit dem Lebensnotwendigen im Vordergrund. Wenn die Zentralbanken am Zinssatz „herumspielen“, senden sie nach Strigls Theorie falsche Signale darüber aus, inwieweit die Versorgung der am Produktionsprozeß Beteiligten gesichert ist.

Durch Kreditexpansion künstlich gesenkte Zinsen erwecken den Eindruck, es stünde auf einmal eine größere Menge an Subsistenzmitteln zur Verfügung, die scheinbar eine billigere Versorgung der Arbeiter ermöglicht. Manch ein Investitionsobjekt erscheint dadurch als lohnend, von dem man bisher zurecht annahm, daß die Mittel zu knapp seien, um es durchzuführen.

Eine von der Zentralbank künstlich durchgeführte Zinssenkung führt also zu einer vermehrten Investitionstätigkeit, die sich eigentlich aufgrund der begrenzten Subsistenzmittel gar nicht finanzieren läßt. Irgendwann muß sich der Mangel an Subsistenzmitteln aber natürlich bemerkbar machen. Dieses Problem äußert sich in einem starken Anstieg der Konsumgüterpreise (Inflation) und damit in einer Entwertung der auf den Finanzmärkten zu erhaltenden Mittel – schließlich kann man jetzt mit derselben Menge Geld weniger Konsumgüter kaufen als vorher und damit auch weniger Menschen mit Subsistenzmitteln versorgen.

Der Kampf der Unternehmer um die nun notwendigen zusätzlichen Mittel läßt den Zinssatz ansteigen. Etliche der begonnenen Projekte werden dadurch unrentabel und müssen in der Folge abgebrochen werden. Es kommt zu Arbeitslosigkeit, Kreditnot und allgemeinem Mißtrauen. Die Krise bricht aus.

Der große Vorteil von Strigls Version der Theorie ist neben der systematischen Herangehensweise und der allgemeinverständlichen Darstellung vor allem seine ausführliche Erläuterung des Finanzierungsprozesses. Er bringt auch dem interessierten Laien nahe, was es mit den Finanzmärkten denn „eigentlich auf sich hat.“ Man sollte sich dabei nicht daran stören, daß er nicht ins Detail geht, sich also wenig um die tatsächlichen Institutionen kümmert.

Auch mag seine Darstellung der monetären Zusammenhänge im zweiten Teil dem einen oder anderen Leser als zu oberflächlich erscheinen. Beides kann wohl dadurch gerechtfertigt werden, daß er auf diese Weise ein hohes Maß an Zugänglichkeit erreicht. Die Lektüre seines Buches ist jedem zu empfehlen, der verstehen will, was eigentlich realwirtschaftlich hinter den unübersichtlichen Transaktionen auf den Finanzmärkten steckt. Ein großer Teil dessen, was Mises und Hayek in Bezug auf das Wesen des Finanzmarktes schuldig bleiben, findet sich bei Strigl.

Literatur

Einige Passagen dieses Beitrags entstammen dem am 7.2.2011 auf www.ef-magazin.de erschienenen Artikel „Richard von Strigl zum 120. Geburtstag: Kapital und Produktion“, der auch Informationen zur Biographie Strigls enthält.

Eine (noch unvollständige) Liste von Strigls Veröffentlichungen findet sich auf http://www.mises.de/public_home/topic/86.

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Dr. Eduard Braun hat im Jahr 2011 bei Professor Dr. Jörg Guido Hülsmann an der Universität Angers (Frankreich) promoviert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Dr. Mathias Erlei, Abteilung für Volkswirtschaftslehre, an der Universität Clausthal-Zellerfeld, (http://www.wiwi.tu-clausthal.de/index.php?id=430).

 

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