Es geht auch ohne Geldschöpfung – für ein stabiles Finanzsystem

12.10.2012 – von Jesús Huerta de Soto und Philipp Bagus.

Prof. Jesús Huerta de Soto

Die Finanzkrise hat uns die Instabili­tät unseres heutigen Bankensystems vor Augen geführt. Die Ursachen lie­gen tief: Banken halten nur eine Teil­deckung für die bei ihnen hinterleg­ten Gelder. Sie besitzen das Privileg der Geldschöpfung, das sie meist zur Ausweitung der Kreditmenge nut­zen. Doch nachhaltiges Wachstum braucht reale Ersparnisse. Die Pro­duktionsfaktoren müssen bis zum Ende des Produktionsprozesses ver­sorgt werden. Durch die Teildeckung ist es aber möglich, dass Unter­nehmen neue Kredite bekommen, ohne dass die realen Ersparnisse an­gestiegen wären. Die Zinssätze fal­len unter ihr andernfalls erreichtes und durch reale Ersparnisse gerecht­fertigtes Niveau.

Investitionsprojekte erscheinen nun rentabel, die es ohne Kreditaus­weitung nicht gewesen wären. Es kommt zum künstlichen Boom. Frü­her oder später wird es jedoch offen­sichtlich, dass nicht genug reale Er­sparnisse vorhanden sind, um alle begonnenen Investitionsprojekte er­folgreich zu beenden. Sie waren eben nicht durch einen Anstieg der realen Ersparnisse, sondern durch Geldschöpfung finanziert worden. Die Krise der Realwirtschaft führt zu Verlusten bei den Banken. Sobald die Vermögenswerte der Banken an Wert verlieren, beginnen auch die Einleger ihre Gelder abzuziehen. Es kommt zur Banken- und Finanz­krise. Die Reaktion auf die letzte Krise war, an den Symptomen her­umzudoktern und die Banken noch mehr zu regulieren, anstatt das Pro­blem bei der Wurzel zu packen: bei der Geldschöpfung des Teildeckungsbankensystems.

Marktwirtschaftliches Geld

Zur Lösung des Problems benötigt es ein marktwirtschaftliches Geldsy­stem, welches auf drei Hauptpfeilern ruht: (1) eine vollständige Wahlfrei­heit der Währung; (2) ein Bankfrei­heitssystem und die Abschaffung der Zentralbank; und am wichtigsten (3) eine hundertprozentige Reserve­pflicht für die Banken. Welche Vor­teile hätte ein solches Volldeckungssystem, etwa ein hundertprozenti­ger Goldstandard?

1. Ein Volldeckungssystem verhin­dert Bankkrisen. Bei einer Volldeckungspflicht können Banken per definitionem nicht in Liquidi­tätsschwierigkeiten kommen. Ein­leger können ihre Gelder immer abziehen, ohne dass die Bank zah­lungsunfähig wird.

Prof. Philipp Bagus

2. Das vorgeschlagene System ver­hindert das zyklische Auftreten von Wirtschaftskrisen. Das Privi­leg der Banken mit Teildeckung zu operieren, erlaubt es ihnen, Geld aus dem Nichts zu schaffen und Kredite zu vergeben, die nicht mit realen Ersparnissen gedeckt sind. Diese Kreditauswei­tung führt zu einem künstlichen Aufschwung, der sich früher oder später in einer Rezession um­kehrt. Die Volldeckung macht eine solche Kreditausweitung un­möglich.

3. Eine Volldeckung steht in vollster Harmonie mit dem Konzept des Privateigentums. Durch die Volldeckungspflicht werden die traditionellen Prinzipien des Eigentumsrechts auch auf Bankeinlagen angewendet. Banken können das bei ihnen hinterlegte Geld nicht mehr verleihen.

4. Das vorgeschlagene Modell eines hundertprozentigen Goldstandards fördert stabiles und nachhaltiges Wachstum. Verluste durch gehäufte Fehlinvestitionen werden vermieden. Bei einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg der Goldproduktion von etwa 2% und einem Wirtschaftswachstum von 3% käme es zu einem stetigen Preisverfall von etwa 1% pro Jahr. Dies führte zu Reallohnerhöhungen ohne spannungsgeladene Lohnverhandlungen. Die Wirtschaftssubjekte müssten auch weniger Zeit dafür verwenden, an den Finanzmärkten nach Anlagemöglichkeiten zu suchen, um sich gegen die kontinuierliche Teuerung zu schützen. Sie könnten einfach ihr Geld beiseitelegen und sich eines stetigen Kaufkraftgewinns erfreuen.

5. Das System würde der fieberhaften Finanzspekulation ein Ende setzten. Die Geldschöpfung durch die Banken bringt die Möglichkeit, sich schnell zu bereichern. Die Versuchung zu skrupellosen und betrügerischen Verhalten ist groß. Der Anreiz zu ehrlichen, verantwortungsvollen und langfristigen Schaffen wird durch den schnellen Reichtum, der durch die Geldschöpfung auf Kosten anderen möglich wird, beschädigt.

6. Ein hundertprozentiger Goldstandard beschränkt den Staat. Ein großer Teil der Staatsausgaben wird heute indirekt über Geldschöpfung finanziert. Zentralbank und Banken schöpfen neues Geld und verleihen es an den Staat. Wird diese Möglichkeit beschränkt, muss der Staat sich einschränken und dem Privatsektor einen größeren Raum überlassen. Bei einer Volldeckung kann zudem die Zentralbank abgeschafft werden.

7. Das vorgeschlagene System fördert den Frieden. Ohne die Möglichkeit, Geld aus dem Nichts zu schaffen und so die Kosten von militärischen Konflikten vor der Bevölkerung zu verbergen, hätten die Kriege der letzten zwei Jahrhunderte vielleicht verhindert oder zumindest verkürzt werden können.

Wachstumstreiber

Sogar ein jüngst erschienenes Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds, mit dessen Methodik wir freilich nicht übereinstimmen, bescheinigt der Volldeckung, einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 10% zu ermöglichen. Dabei ist noch nicht einmal der Kapitalverlust durch Fehlinvestitionen berücksichtigt. Es gibt jedoch auch Einwände gegen das goldene Volldeckungssystem. Eine Hauptkritik ist, dass es die verfügbare Kreditmenge erheblich verringern, dadurch die Zinssätze nach  oben treiben und somit die wirtschaftliche
Entwicklung behindern würde.

In der Tat schränkt die Volldeckung die Kreditausweitung ein. Jedoch ist das gerade der große Vorteil eines solchen Systems. Es würden nur noch solche Kredite vergeben, denen ein reales Sparen vorausgegangen ist. Nicht jedes mögliche Investitionsprojekt sollte finanziert werden, sondern nur jene, die durch reale Ersparnisse gedeckt sind und damit auch erfolgreich beendet werden können. Eine Wirtschaft mit einem Volldeckungsbankensystem wäre weniger abhängig von Bankkrediten. Eigenkapitalfinanzierung und auch Finanzierung durch einbehaltene Gewinne würden eine erheblich größere Rolle spielen als im heutigen System, welches sich der Kreditdroge verschrieben hat.

Ein weiteres häufig vorgebrachtes Argument gegen einen hundertprozentigen Goldstandard ist, dass die Geldmenge nicht mit der gleichen Rate wie die Wirtschaft wachsen würde. Es ist jedoch ein alter Mythos, dass Wirtschaftswachstum einen gewissen Anstieg der Geldmenge und Inflation benötigt. Das Drucken von Papiergeld schafft keinen realen Reichtum. In einem Goldstandard, in dem die Geldmenge langsamer steigt als die Wirtschaft wächst, kommt es zu einem stetigen Kaufkraftanstieg. Genauso wie sich die Wirtschaftssubjekte an das heutige System des kontinuierlichen Kaufkraftverlustes gewöhnt haben, würden sie sich ebenso an eine Welt anpassen, in der die Preise kontinuierlich fallen, wie es heute bei einigen Technologieprodukten der Fall ist. Für die Zukunft der Menschheit wäre ein vollgedeckter Goldstandard ein wichtiger Schritt. Ein solches System würde nicht nur viel Unheil und Unrecht abwenden, sondern auch nachhaltiges und stabiles Wachstum ermöglichen.

Literatur: Jesús Huerta de Soto (2011): Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen; Lucius&Lucius. Philipp Bagus (2011): Die Tragödie des Euro. Ein System zerstört sich selbst; Finanzbuchverlag

Dieser Beitrag ist am 14.9.2012 in der Börsen-Zeitung erschienen.

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Jesús Huerta de Soto ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. Er errang die Doktorwürde der Volkswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaften durch die Universität Complutense in Madrid. Im Jahr 1983 wurde er mit dem Internationalen „Rey Juan Carlos“ Preis ausgezeichnet. Der „Adam Smith“ Preis wurde ihm durch das C.N.E. in Brüssel (2005); der „Franz Cuhel Memorial Prize for Excellence in Economic Education“ durch die Prager Wirtschaftsuniversität angetragen. Mehrere Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Zu seinen zahlreichen Werken gehören: Socialism, Economic Calculation and Entrepreneurship; Money, Bank Credit and Economic Cycles (auch in Deutsch erschienen: Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklen – Verlag Lucius u. Lucius), The Austrian School: Market Order and Entrepreneurial Creativity and The Theory of Dynamic Efficency.

Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps („Deep Freeze: Island’s Economics Collapse“ mit David Howden). Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ erscheint in 12 Sprachen.

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