Sozialismus gerät mit unseren elementaren Freiheits- und Rechtsidealen in Widerspruch

8.8.2012 – von Michael von Prollius.

Michael von Prollius

Der Politiker und Publizist Eugen Richter hat bereits 1891 in seinem massenhaft aufgelegten Buch „Sozialdemokratische Zukunftsbilder“ das kollektivistische Ideal konsequent zu Ende gedacht. Sozialdemokraten erträumten sich damals wie heute gleiche Arbeits- und Lebensbedingungen; sie versprechen diese politisch zu gestalten. Was geschieht, wenn eine Gesellschaft im Namen der Gleichheit umgestaltet wird, beschreibt ein begeisterter Sozialdemokrat eindringlich anhand persönlicher Erlebnisse in einem fiktiven Tagebuch. Da werden zum Zwecke der Gleichheit Familien zerrissen und soziale Beziehungen zerstört, da verfällt die Arbeitsdisziplin und da müssen bald selbst Grundnahrungsmittel rationiert werden. Die Schäbigkeit und die Gleichförmigkeit des Alltagslebens sind schon für sich allein bedrückend; sie werden durch einen wachsenden Terror schließlich auch noch lebensbedrohlich.

Bemerkenswert ist, dass viele der Schilderungen Richters am Ende des 19. Jahrhunderts den Alltag kollektivistischer Systeme in der Sowjetunion, NS-Deutschland und der DDR vorwegnahmen. Mit der Ausschaltung des Preismechanismus und der Zerstörung der Trias Eigentum – Familie – Religion ist der Marsch in den Totalitarismus vorgezeichnet. Am Ende entscheidet nicht mehr der Gerichtsvollzieher, sondern der Scharfrichter. Die totale Abwertung und Indienstnahme der Familie und die Übertragung ihrer Funktionen an professionelle Regierungsinstitutionen dehnen den Handlungsspielraum des Staates bis in die Kinder- und Schlafzimmer aus. Mit Blick auf die aktuell diskutierte und angestrebte staatlich organisierte „Frühförderung“ ließe sich hinzufügen, dass dem Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz konsequent die Zwangsabgabe der Kinder folgt. Beschämend ist die Tristesse des sozialdemokratischen Alltags, die eine derartige „Spießerideologie“ hervorbringt, um einen Begriff Hermann Glasers für den Nationalsozialismus zu verwenden. Alles ist gleich. Alles wird zugeteilt. Es mangelt an allem. Wie in der DDR bestehen die einzigen Farbunterschiede in Schattierungen von Grau – Asphaltgrau, Graphitgrau, Mausgrau, Steingrau, Nebelgrau. Wer nach der Freiheitsrevolution 1989 und dem Fall der Mauer durch Ost-Berlin geradelt ist, weiß wie schön der Farbtupfer eines kapitalistischen Coca-Cola Plakats sein kann.

Sozialismus und die fundamentale Freiheit, über seinen Lebensweg selbst entscheiden zu können, sind unvereinbar. Im Sozialismus kann es nur eine wirtschaftliche Autorität geben, die über alles bestimmt, was mit der Produktion und ihrer Verteilung zusammenhängt, darunter auch die Zulassung zum Studium oder die von Büchern sowie die Erlaubnis zu malen, zu dichten und zu musizieren. Mit den Worten von Friedrich August von Hayek: „Das Kommando über die Güterproduktion ist das Kommando über das menschliche Leben schlechthin.“ Ray Bradbury illustriert in Fahrenheit 451, dass ein Verbot selbstständigen Denkens eine wesentliche Stütze jedes autoriäten Regimes ist.

Ein bisschen Kollektivismus ist nicht zu haben: er neigt zur schneeballartigen Ausbreitung und begräbt schließlich die individuelle Vielfalt unter einer Lawine. Wegen des ihm immanenten Interventionismus ist der sozialdemokratische Marsch in den Totalitarismus keine polemische Parole, sondern eine Frage der Zeit und der Wehrhaftigkeit seiner Gegner.

Überdies liegt die Vermutung nahe, dass der letzte Zweck überzeugter Sozialisten gar nicht die Gleichheit ist. Vielmehr ist die Herrschaft einer anderen Klasse das angestrebte Ziel, nämlich die Herrschaft der eigenen Horde. Und das bedeutet nichts anderes als die Ausbeutung der Bürger durch die Funktionäre. Damit entpuppt sich Gleichheit einerseits als Realität, nämlich als Gleichheit in Armut der Unterworfenen, andererseits als Phrase angesichts der ungleichen Behandlung der Menschen und der Drangsalierung Andersdenkender. „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher.“ stand als letztes und einziges Gebot an der Wand der Farm der Tiere. Mit Blick auf Orwells Novelle ist Sozialismus die Herrschaft der Schweine. Gleichheit wird zum Transmissionsriemen, zur Zwecklüge für den Herrschaftswechsel.

Der ungarische Philosoph Anthony de Jasay hat selbst die Forderung nach Chancengleichheit als Begriff ohne Bedeutung entlarvt. Um Chancengleichheit zu gewährleisten, müsste jeder persönliche Gewinn unverzüglich egalisiert werden, um nicht erneut Chancenungleichheit hervorzurufen. Die Forderung nach Chancengleichheit bedeute, auf einen Endzustand zu zielen, an dem niemand vorn liegt. Analytisch und praktisch bestehe kein Unterschied zur  Ergebnisgleichheit. Im Lichte einer genaueren Prüfung erweise sich Chancengleichheit – genauso wie Volkseigentum – als inhaltsleeres Wortgebilde oder schlimmer als etwas, das im gleichen Atemzug geleugnet wird.

Schließlich muss eine sozialistische Gesellschaft auch aus ethischen Gründen scheitern. Die moralischen Vorstellungen von Menschen, die in kleinen Gruppen leben, lassen sich nicht auf große, anonyme Gesellschaften übertragen. Die Moral des Stamms, der Sippe, der Horde eignet sich nicht für die „Große Gesellschaft“. Dabei spielt es keine Rolle, ob Stalin, Jesus oder Ludwig Erhard eine sozialistische Planwirtschaft betriebe. Die zentrale Planung kann in allen Lebensbereichen so gut wie keine oder kaum individuelle Wertmaßstäbe dulden und dementsprechend auch keine individuelle Moral. Beide stellen Störfaktoren in der vorausschauenden Planung dar. Rechtsstaatlichkeit ist aus demselben Grund mit Sozialismus unvereinbar, denn sie würde eine Selbstbeschränkung der Planungsbehörden erfordern. Was bleibt ist die willkürliche Herrschaft von Menschen über Menschen statt der Herrschaft des Rechts.

Der Sozialismus ist als Ideal untauglich. Gerade seine perfekte Realisierung bewirkt das Gegenteil dessen, was seine Anhänger propagieren. Aus der Forderung nach Freiheit von Not und einem gerecht verteiltem Wohlstand entsteht schließlich Elend, Armut und Unterdrückung. Allerdings erreichen diejenigen Verfechter des Sozialismus, die sein Wesen durchschaut haben und ihn dennoch propagieren, ihre persönlich angestrebten Vorteile: Nahezu unbeschränkte Macht, Herrschaft über Menschen und Wohlstand auf Kosten der Bevölkerung. Mit den Worten von Lord Acton: „Sozialismus nimmt den Despotismus hin. Er verlangt die stärkste Ausübung von Macht – Macht, die ausreicht, um in das Eigentum einzugreifen.“ Zu den wissentlichen Profiteuren gehört „Napoleon“ – der Berkshire-Eber von Orwells Schweinen – genauso wie „Quiekschnautz“ das Propaganda-Schwein. Überhaupt hat Orwell mit „Farm der Tiere“ die ruinöse (Selbst)Ausbeutung beispielhaft beschrieben. Das gilt auch für die nur durch Handel mit der kapitalistischen Welt überlebensfähige Enklave und die Propaganda, die auf der Farm zunehmend die Realität verdrängt, indem sie wahr und falsch bis zur Unkenntlichkeit durcheinander wirbelt.[1]

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung, die Marktwirtschaft müsse mit sozialistischen oder staatswirtschaftlichen Elementen angereichert werden, nicht nur kontraproduktiv, sondern geradezu unverständlich. Warum soll Sand ins Getriebe gestreut werden? Warum soll ein gut schmeckender Kuchen, der eine Prise Salz enthält, damit er seinen Geschmack voll entfalten kann, mit massenhaft Viehsalz verdorben werden?

[1]  Anders als Mises, schien George Orwell 1946 noch an den Fortbestand und die Prosperität des Tiersozialismus zu glauben, der grandiose Bauleistungen hervorbrachte und gleichzeitig die Bevölkerung hungern ließ.

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Dr. phil. Michael von Prollius ist Publizist und Gründer der Internetplattform Forum Ordnungspolitik, die für eine Renaissance ordnungspolitischen Denkens und eine freie Gesellschaft wirbt. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Geldsystem. Seine finanzwissenschaftlichen Beiträge und Rezensionen erscheinen zumeist in wissenschaftlichen Zeitschriften, aber auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Fuldaer Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung sowie in der Internetzeitung Die Freie Welt.