Das Fiasko des Fiat-Geldes

25.6.2012 – von Thorsten Polleit.

Prof. Dr. Thorsten Polleit

I.

Beim heute weltweit anzutreffenden Papier- oder „Fiat“-Geldsystem handelt es sich um ein wirtschaftlich- und gesellschaftspolitisch zerstörerisches System – mit überaus weitreichenden Folgen; Folgen, die über die Vorstellung vieler Menschen hinausgehen dürften.

Fiat-Geld ist inflationär; es begünstigt einige wenige auf Kosten vieler; es verursacht „Boom-and-Bust“-Zyklen; es verursacht eine Überschuldung; es untergräbt die gesellschaftliche Moral; und es führt letzten Endes in eine große Depression.

Doch all diese Erkenntnisse – die von den Repräsentanten der Österreichischen Schule der Ökonomie bereits vor Jahrzehnten aufgezeigt wurden – spielen bei Mainstream-Ökonomen, Zentralbankräten, Politikern und Bürokraten in ihren Bemühungen, die Gründe für die gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise zu erklären, keine Rolle – und auch nicht, um geeignete Lösungsmaßnahmen zu formulieren und zu ergreifen.

Dies ist nicht allzu überraschend, sehen doch die politischen Entscheidungsträger und ihre einflussreichen „Experten“ – die auch als öffentliche Meinungsmacher dienen – es bewusst oder unbewusst als ihre Aufgabe an, mit ihren Empfehlungen das Fiat-Geldregime in Gang zu halten, zu welchem (langfristigen) Preis auch immer.

II.

Das Fiat-Geldregime basiert auf einem Zentralbanksystem – also einer staatlichen Zentralbank mit dem Monopol der Geldproduktion – und einem Teilreserve-Banksystem, das es den Banken ermöglicht, Geld aus dem Nichts (oder „ex nihilo“) zu schaffen.

In seinem Buch „The Mystery of Banking“ (1983) interpretiert Murray N. Rothbard (1926 – 1995) das Fiat-Geldsystem – mit seiner Zentralbank und seinen Teilreservebanken – als eine Form des systematischen Diebstahls.[1]

Rothbards Erkenntnis bedarf vermutlich der Erklärung – weil Mainstream-Ökonomen das System des Fiat-Geldes heute als wirtschaftlich und politisch erstrebenswert, tragfähig und als das fortschrittlichste System überhaupt betrachten.

Um die Herkunft und die Folgen des Fiat-Geldsystems zu verstehen, bedarf es zunächst der Erkenntnis, was Geld ist und welche Bedeutung es in einer auf Arbeitsteilung, Spezialisierung und Tausch basierenden Wirtschaft hat.

Geld ist das allgemeine, universell akzeptierte Tauschmittel. Ludwig von Mises (1881 – 1973) betont, dass Geld nur eine Funktion hat: die Funktion als Tauschmittel. Alle anderen Funktionen, die Geld üblicherweise zugeschrieben werden, sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion des Geldes.[2]

Die Tatsache, dass Geld ein Tauschmittel ist, bedeutet, dass eine Ausweitung der Geldmenge nicht zur Vermehrung des Wohlstandes führt, nicht führen kann. Die einzige Folge ist – und sie ist zwangsläufig – eine Reduzierung der Kaufkraft einer Geldeinheit – und zwar im Vergleich zur Situation, in der die Geldmenge unverändert geblieben wäre.

Darüber hinaus kann ein Ansteigen der Geldmenge niemals „gerecht“ sein. Zwangsläufig werden diejenigen begünstigt, die das neu geschaffene Geld zuerst empfangen, auf Kosten derer, die das Geld als Letzte erhalten, oder auf Kosten derer, die nichts von der neuen Geldmenge abbekommen – dieser Effekt ist als „Cantillon-Effekt“ bekannt.

Weil ein Anstieg der Geldmenge vor allem den Produzenten des Geldes selbst begünstigt – er verfügt schließlich als Erster über das Geld – möchte jeder rational denkende Mensch unter den Geldproduzenten sein; oder noch besser: der einzige Geldproduzent sein.

Diejenigen, die willens sind, die Prinzipien des freien Marktes (dies bedeutet uneingeschränkter Respekt vor dem Privateigentum) zu missachten, werden versuchen, die volle Kontrolle über die Geldproduktion zu erhalten (das heißt, das Monopol über die Geldproduktion zu erhalten).

Sobald man die Menschen davon überzeugt hat, der Staat – definiert als territorialer Monopolist der letzten Entscheidung mit dem Recht zur Besteuerung – sei ihnen wohl gesonnen und unverzichtbar, wird die Geldproduktion früher oder später von ihm monopolisiert.

Der (zugegeben ziemlich langsame) Prozess, durch den der Staat sich die Geldproduktion aneignet hat, wurde von Rothbard in „What Has Government Done to Our Money?“ (1963) dargelegt.[3]

Hat er das Monopol über die Geldproduktion erst einmal erhalten, wird der Staat das Warengeld (beispielsweise Gold und Silber) durch Fiat-Geld ersetzen, das von seiner eigenen Zentralbank monopolisiert ausgegeben wird, und das Spiel legalisierter Falschmünzerei beginnt.

Die Geschäftsbanken werden auf ein Teilreserve-Banksystem drängen, dass es ihnen gesetzlich erlaubt wird, die Fiat-Geldmenge zu erhöhen, indem sie Kredite vergeben, die die Einlagen ihrer Kunden übersteigen.

Das Teilreserve-Banksystem ist nämlich für die Kreditgeber ein sehr einträgliches Geschäftsmodell; und es versorgt Regierungen mit billigem Kredit, um Ausgaben zu finanzieren, für die die regulären Steuereinnahmen nicht ausreichen.

Fiat-Geld wird mittels Zirkulationskrediten in Umlauf gebracht: Banken weiten das Kreditvolumen aus und schöpfen auf diese Weise neues Geld, das nicht mit echten Ersparnissen gedeckt ist.

Die künstliche Kreditausweitung drückt den Zins künstlich unter das Niveau, das herrschen würde, wäre die Kredit- und Geldmengen nicht künstlich ausgeweitet worden; sich zu verschulden wird über Gebühr attraktiv, vor allem für den Staat.

Es ist das künstlich niedrige Zinsniveau, das einen Scheinaufschwung („Boom“) herbeiführt, zu übermäßigem Konsum und Fehlinvestitionen führt, und der letztlich in einem Zusammenbruch („Bust“) enden muss. Mises bringt es präzise auf den Punkt: 

„Der Boom kann nicht unendlich andauern. Es gibt zwei Alternativen. Entweder die Banken führen die Kreditausweitung uneingeschränkt  fort, was zu dauerhaft steigenden Preisen und zu einem immer größeren Spekulationsboom führt, der – wie immer in Fällen unbeschränkter Geldmengenausweitung – in einer „Katastrophenhausse“ und in einem Kollaps des Geld- und Kreditsystems endet. Oder die Banken beenden die Kreditausweitung, bevor dieser Punkt erreicht ist und verursachen so die Krise. Die Depression ist in beiden Fällen unausweichlich.“[4]

III.

Das Funktionieren eines Fiat-Geldsystems hängt entscheidend von der Nachfrage nach Geld ab. Solange die Nachfrage nach Fiat-Geld Schritt mit dem Angebot von Fiat-Geld hält, scheint das System reibungslos zu funktionieren.

Denn dann geht die Ausweitung der Fiat-Geldmenge nicht mit einem Preisanstieg aller Güter und Dienstleistungen einher – und es bleibt weitgehend unbemerkt, dass die Preise hätten fallen müssen, wäre die Fiat-Geldmenge nicht ausgeweitet worden.

Wenn allerdings die Fiat-Geldnachfrage relativ zum Anstieg der Fiat-Geldmenge absinkt, gerät das System in Turbulenzen. Denn dann zeigt sich der Anstieg der Geldmenge in Preisanstiegen, seien es Verbraucher- und/oder Güterpreise.

Steigende Preise, vor allem wenn sich der Preisanstieg beschleunigt, bringen die bisher „unsichtbare“ Umverteilung von Einkommen und Wohlstand zum Vorschein. Sobald die Bevölkerung erkennt, dass Fiat-Geld inflationär ist, beginnt die Nachfrage nach Geld noch weiter abzunehmen.

Sollte die Bevölkerung eine immer stärkere Geldmengenausweitung erwarten, so wird die Nachfrage nach Geld (immer drastischer) immer stärker  abnehmen relativ zum Fiat-Geldangebot. Dies kann im Extremfall eine „Katastrophenhausse“ auslösen, wie Mises es nannte.

Die Bevölkerung tauscht verzweifelt Geld in käufliche Waren, treibt dadurch die Preise für Güter und Dienstleistungen nach oben und löst so eine Abwärtsspirale aus, die die Kaufkraft des Geldes immer weiter zerstört.

In einem Extremszenario kann die Kaufkraft des Geldes gänzlich zerstört werden. Genau das passierte 1923 in der Hyperinflation in der Weimarer Republik, als die deutsche Regierung die Geldmenge immer stärker ausweitete, so dass letztlich niemand mehr die Reichsmark als Geld akzeptierte.[5]

Um ein Fiat-Geldsystem in Gang zu halten, bedarf es des Vertrauens der Bevölkerung. Daher kommt einer durch die Regierung unterstützten öffentlichen Meinungsbildung zur Aufrechterhaltung des Fiat-Geldsystems eine entscheidende Rolle zu.

Speziell im Bereich der Geldpolitik unternehmen regierungsnahe Ökonomen große Anstrengungen, um die Bevölkerung von den Vorteilen des Fiat-Geldsystems – und somit vom Zentralbank- und Teilreservebanksystem – zu überzeugen.

Überdies muss die Bevölkerung glauben, vom Fiat-Geld zu profitieren, und dass es keine ernstzunehmende Alternative zum staatlichen Geldsystem gibt und dass eine Abschaffung bzw. Ersetzen dessen durch Warengeld desaströse wirtschaftliche Folgen hätte.

Und es gibt einen weiteren, nicht weniger entscheidenden Faktor, der das Fortführen des Fiat-Geldsystems begünstigt. Man könnte dies als „kollektive Korruption“ bezeichnen: Früher oder später wird eine immer größere Anzahl von Menschen ein vitales Interesse daran haben, das Fiat-Geldsystem am Leben zu erhalten.[6]

Denn in einem Fiat-Geldsystem kann sich der Staat immer weiter ausdehnen und wird dabei immer mehr Menschen korrumpieren: Die Menschen streben nach (angeblich prestigevollen) Jobs im Staatssektor, großzügigen Staatszuwendungen und mehr und mehr Unternehmer hängen von staatlichen Begünstigungen und Aufträgen ab.

Die Menschen verbandeln sich zunehmend mit dem Staat, machen ihre persönliche Karriere und ihren geschäftlichen Erfolg zunehmend abhängig von der Ausdehnung des Staatsapparates. Und große Teile der Bevölkerung beginnen, ihre Ersparnisse in „sicheren“ Staatanleihen zu investieren.

Früher oder später wird daher ein Staatsbankrott gewissermaßen zur Unmöglichkeit. Um in der Krise die Staatsfinanzen (und damit den Umverteilungsstaat) zu stützen, wird das Drucken von immer mehr Geld als die Politik des kleinsten Übels angesehen.

Die große Anzahl derer, die vom Staatsapparat abhängig geworden sind, wird es vorziehen, die leeren Staatskassen mit der Druckerpresse zu füllen, statt den überstrapazierten öffentlichen Sektor und die Banken in die Pleite zu schicken.

Die ökonomischen Anreize, die im Fiat-Geldsystem freigesetzt werden, führen es in seinen Niedergang. Mit anderen Worten: Fiat-Geld wird zunächst zu hoher Inflation – vielleicht sogar Hyperinflation – führen, bevor es zur Depression kommt.

Ein Fiat-Geldsystem kann nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden, denn es untergräbt durch immer mehr staatliche Eingriffe die Grundsäulen der freien Marktwirtschaft: das Privateigentum. Mises fasst diese Einsicht so:

Es wäre ein Irrtum, wollte man annehmen, dass die moderne Organisation der Tauschwirtschaft zwangsläufig weiter existiert. Sie trägt den Keim ihrer eigenen Zerstörung in sich; die Entwicklung des fiduziären Umlaufsmittels muss notwendigerweise zu ihrer Zerstörung führen“.[7]

Das Aushöhlen der freien Marktwirtschaft bringt einen Rückgang der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit mit sich; dabei wird es für Schuldner zunehmend unmöglich, ihre Schulden zu bedienen, was wiederum den Anreiz erhöht, die Druckerpresse anzuwerfen.

Wie die Ökonomen der Österreichischen Schule aufgezeigt haben, gibt es kein Entrinnen vor den desaströsen, wirtschaftlichen Konsequenzen, die durch Fiat-Geld ausgelöst werden; und auch hohe Inflation oder Hyperinflation sind nicht die Lösung. In Wahrheit machen sie die Schäden der unausweichlichen Depression nur noch größer.

Je eher dem Fiat-Geldboom ein Ende gesetzt wird, umso niedriger werden die Kosten der folgenden Depression sein – eine grundlegende Erkenntnis, die der Preußische Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) in seinem Werk „Prolegomena“ (1783) folgendermaßen fasste:  „Es ist niemals zu spät, vernünftig und weise zu werden; es ist aber jederzeit schwerer, wenn die Einsicht spät kommt, sie in Gang zu bringen.“[8]

Literatur

[1] Siehe Rothbard, M. N. (1983), The Mystery of Banking, insbesondere Kapitel 7, Deposit Banking, S. 87–109. Insbesondere S. 98: „Commercial banks – that is, fractional reserve banks – create money out of thin air. Essentially they do it in the way as counterfeiters. Counterfeiters, too, create money out of thin air by printing something masquerading as money or as a money warehouse receipt for money. In this way, they fraudulently extract resources from the public, form the people who have genuinely earned their money.“

[2] Siehe Mises, L .v. (1953), The Theory of Money and Credit, S. 29–37.

[3] Siehe Rothbard, M.N. (1990 [1963]), What Has Government Done to Our Money?, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Rothbard wendete das „Progressionstheorem“ an (ein Begriff, den Professor Joseph T. Salerno prägte) im Zuge der „Historischen Methode“ der Österreichischen Schule, wie sie von Ludwig von Mises entwickelt wurde. Siehe hierzu J. T. Salernos Einführung zu Rothbards „A History of Money and Banking in the United States (2005)“, Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, S. 7–43.

[4] Mises, L. v. (1940), Interventionism, S. 40.

[5] Siehe Mises, L. v. (1996), Human Action, S. 427.

[6] Zur „kollektiven Korruption“ siehe Polleit, T. (2011), Fiat Money and Collective Corruption, Quarterly Journal of Austrian Economics, Vol. 14, No. 4, Winter, S. 397–415.

[7] Mises, L. v. (1953), The Theory of Money and Credit, S. 409.

[8] Kant, I. (1989 [1783]), Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, S. 6.

Eine Audio-Version des Originalartikels findet sich hier: http://mises.org/media/7638/The-Fiasco-of-Fiat-Money, gelesen von Harold Fritsche, mit Musik von Kevin MacLeod.

———————————————————————————————————————————————————————-

Thorsten Polleit, 44, ist Chefökonom der Degussa Goldhandel GmbH und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. In 2012 erhielt er den P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship. Seine Website ist: www.thorsten-polleit.com.


Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search