Liberalismus und Kapitalismus

21.5.2012 – von Ludwig v. Mises

Ludwig von Mises

Eine Gesellschaft, in der die liberalen Grundsätze durchgeführt sind, pflegen wir die kapitalistische Gesellschaft zu nennen, und den Gesellschaftszustand als Kapitalismus zu bezeichnen. Da wir überall in der Wirtschaftspolitik nur mehr oder weniger Annäherung an den Liberalismus haben, so gibt uns der Zustand, der heute in der Welt herrscht, nur ein unvollkommenes Bild von dem, was vollausgebildeter Kapitalismus bedeuten und leisten könnte. Aber immerhin ist es durchaus gerechtfertigt, unser Zeitalter das Zeitalter des Kapitalismus zu nennen, weil alles das, was den Reichtum unserer Zeit geschaffen hat, auf die kapitalistischen Institutionen zurückzuführen ist. Nur dem, was von liberalen Ideen in unserer Gesellschaft lebendig ist, was unsere Gesellschaft an Kapitalismus enthält, danken wir es, dass die große Masse unserer Zeitgenossen eine Lebenshaltung führen kann, die hoch über der steht, die noch vor wenigen Menschenaltern dem Reichen und besonders Begünstigten möglich war.

Die übliche demagogische Phrase stellt das freilich ganz anders dar. Hört man sie, dann könnte man glauben, dass alle Fortschritte der Produktionstechnik ausschließlich einer schmalen Schichte zugute kommen, wohingegen die Massen immer mehr und mehr verelenden. Es bedarf aber nur eines kurzen Augenblickes der Überlegung, um zu erkennen, dass die Ergebnisse aller technischen und industriellen Neuerungen sich in einer Verbesserung der Bedürfnisbefriedigung der Massen auswirken. Alle Großindustrien, die Endprodukte erzeugen, arbeiten unmittelbar für das Wohl der breiten Massen. Die großen industriellen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte haben, geradeso wie die großen industriellen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, die man mit einem nicht gerade glücklich gewählten Worte als „industrielle Revolution“ bezeichnet, in erster Linie eine bessere Befriedigung des Massenbedarfes bewirkt. Die Entwicklung der Konfektionsindustrie, der mechanischen Schuhwarenerzeugung und der Lebensmittelindustrie sind ihrer ganzen Natur nach den breitesten Massen zugute gekommen; sie haben es bewirkt, dass die Massen heute weit besser genährt und gekleidet sind als je vorher. Aber die Massenerzeugung sorgt nicht nur für Nahrung, Wohnung und Kleidung, sondern auch für andere Bedürfnisse der großen Menge. Die Presse ist geradeso Massenindustrie  wie die Filmindustrie, und selbst die Theater und ähnliche Kunststätten werden von Tag zu Tag mehr zu Stätten des Massenbesuches.

Nichtsdestoweniger verbindet man heute, dank einer die Tatschen auf den Kopf stellenden eifrigen Agitation der antiliberalen Parteien, mit den Begriffen Liberalismus und Kapitalismus die Vorstellung wachsender Verelendung und um sich greifender Pauperisierung der Welt.  Zwar konnte es aller Demagogie nicht ganz gelingen, die Ausdrücke liberal und Liberalismus so zu entwerten, wie sie es gerne gewünscht hätte. Man kann sich schließlich nicht darüber hinwegsetzen, dass in diesen Ausdrücken, ungeachtet aller Bemühungen der antiliberalen Agitation, etwas mitschwingt von dem, was jeder gesunde Mensch empfindet, wenn er das Wort Freiheit hört. Die antiliberale Agitation verzichtet daher darauf, das Wort Liberalismus zu viel in den Mund zu nehmen und zieht es vor, die Schändlichkeiten, die sie dem System andichtet, in Verbindung mit dem Ausdruck Kapitalismus zu bringen. Bei dem Worte Kapitalismus schwingt die Vorstellung eines hartherzigen Kapitalisten mit, der an nichts anderes denkt als an seine Bereicherung, sei sie auch nur durch die Ausbeutung der Mitmenschen möglich. Dass eine wahrhaft liberal organisierte kapitalistische Gesellschaftsordnung so beschaffen ist, dass für den Unternehmer und Kapitalisten der Weg zum Reichtum ausschließlich  über die bessere Versorgung seiner Mitmenschen mit dem, was sie selbst zu benötigen glauben, führt, wird den wenigsten bewusst, wenn sie sich die Vorstellung vom Kapitalisten bilden. Statt von Kapitalismus zu sprechen, wenn man die gewaltigen Fortschritte in der Lebenshaltung der Massen erwähnt, spricht die antiliberale Agitation von Kapitalismus immer nur denn, wenn sie irgendeine jener Erscheinungen erwähnt, die nur möglich wurden, weil der Liberalismus zurückgedrängt wurde. Dass der Kapitalismus den weiten Massen ein schmackhaftes Genuß- und Nahrungsmittel in der Gestalt des Zuckers zur Verfügung gestellt hat, wird nicht gesagt.  Von Kapitalismus wird in Verbindung mit dem Zucker nur dann gesprochen, wenn in einem Lande durch ein Kartell der Zuckerpreis über den Weltmarktpreis erhöht wird. Als ob dies bei Durchführung der liberalen Grundsätze überhaupt denkbar wäre! Im liberal verwalteten Staat, in dem es keine Zölle gibt, wären auch keine Kartelle, die den Preis einer Ware über den Weltmarktpreis hinauftreiben können, denkbar.

Der Gedankengang, auf dem die antiliberale Demagogie dazu gelangt, alle Ausschreitungen und bösen Konsequenzen der antiliberalen Politik gerade dem Liberalismus und Kapitalismus in die Schuhe zu schieben, ist folgender: Man geht davon aus, die Behauptung aufzustellen, die liberalen Grundsätze bezwecken Förderung der Interessen der Kapitalisten und Unternehmer gegen die Interessen der übrigen Schichten der Bevölkerung; Liberalismus sei eine Politik zugunsten der Reichen gegen die Armen. Nun sieht man, dass zahlreiche Unternehmer und Kapitalisten unter gewissen Voraussetzungen für Schutzzölle, andere wieder, nämlich die Erzeuger von Waffen, für Kriegsrüstungen eintreten, und man ist schnell bei der Hand, dies als kapitalistische Politik zu erklären. In Wahrheit liegt die Sache ganz anders. Der Liberalismus ist keine Politik im Interesse irgendeiner Sonderschicht, sondern eine Politik im Interesse der Gesamtheit. Es ist daher nicht richtig, dass die Unternehmer und Kapitalisten irgendein besonderes Interesse hätten, für den Liberalismus einzutreten. Ihr Interesse, für den Liberalismus einzutreten, ist genau dasselbe, das jeder andere Mensch hat. Es mag sein, dass in einem einzelnen Fall das Sonderinteresse einiger Unternehmer oder Kapitalisten sich mit dem Programm des Liberalismus deckt; aber immer stehen die Sonderinteressen anderer Unternehmer oder Kapitalisten dagegen. So einfach liegen die Dinge überhaupt nicht, wie die, die überall „Interessen“ und „Interessenten“ wittern, es sich vorstellen. Dass z.B. ein Staat Eisenzölle einführt, kann man nicht „einfach“ aus dem Umstande erklären, dass dies den Eisenindustriellen nützt. Es gibt im Lande auch anders Interessierte, auch unter den Unternehmern, und jedenfalls sind die Nutznießer des Eisenzolles eine verschwindende Minderheit. Auch Bestechung kenn es nicht gewesen sein, denn auch die Bestochenen können nur eine Minderheit sein, und dann: warum bestechen nur die einen, die Schutzzöllner, nicht auch ihre Gegner, die Freihändler? Die Ideologie, die den Schutzzoll möglich macht, schaffen eben weder die „Interessenten“ noch die von ihnen Gekauften, sondern die Ideologen, die der Welt die Ideen geben, nach denen alles sich richtet.

In unserem Zeitalter, in dem die antiliberalen Ideen herrschen, denken alle antiliberal, so wie vor hundert Jahren die meisten liberal gedacht haben. Wenn viele Unternehmer heute für Schutzzölle eintreten, so ist das eben nichts anders als die Gestalt, die der Antiliberalismus bei ihnen annimmt. Mit Liberalismus hat es nichts zu tun.

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Auszug aus „Liberalismus“ – Ludwig v. Mises (1927) – mit freundlicher Genehmigung des Academia-Verlages.

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