Von der Unmöglichkeit des Sozialismus

6.5.2012 – Ludwig von Mises: Ein Unbeugsamer im Zeitalter der Verstaatlichung.

Ein "Unbeugsamer": Ludwig von Mises

von Hans-Hermann Hoppe.

Fast vierzig Jahre nach seinem Tod ist der österreichische Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker Ludwig von Mises heute bekannter und seine Lehre weiter verbreitet als zu seinen Lebzeiten. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß es mittlerweile so etwas wie eine blühende, stetig wachsende internationale Mises-Bewegung gibt. Das der Verbreitung und Weiterentwicklung seines Werks gewidmete, ausschließlich mit privaten Spenden finanzierte amerikanische Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, stellt in der amerikanischen Öffentlichkeit heute eine unüberhörbare und unverkennbare intellektuelle Kraft dar. Die Internetseite des Instituts (www.mises.org) gehört weltweit zu den meistgelesenen Seiten ihrer Art.

Ludwig von Mises wurde 1881 im galizischen Lemberg, am östlichen Rand des damaligen Habsburger Reiches, in eine der führenden jüdischen Familien geboren. (Ludwigs zwei Jahre jüngerer Bruder Richard wurde ein weltberühmter Mathematiker.) Lemberg war multiethnisch. Nach den Polen stellten die Juden die zweitgrößte Volksgruppe.

Die Mises-Familie gehörte seit Generationen zur Gruppe der assimilierten, aufgeklärten, anti-hassidischen, vollständig in die in Lemberg vorherrschende polnische Sprache und Kultur integrierten Juden. In Ludwigs Geburtsjahr wurde sein Ur-Großvater, Mayer Rachmiel Mises, von Kaiser Franz Joseph in den erblichen Adelsstand („Edler von“) erhoben.

Wenige Jahre nach Ludwigs Geburt übersiedelten seine Eltern wie die meisten Zweige der Mises-Familie von Lemberg nach Wien. Sein Vater, der Ingenieur Arthur von Mises, übernahm dort eine leitende Position im Eisenbahnministerium. Mises war so von Kind auf Mitglied der deutschen Kultur und betrachtete sich zeitlebens als solches. (Mises hielt wenig vom etatistischen Preußen-Deutschland aber er liebte, bei aller Kritik, Habsburg-Österreich, und er diente während des Ersten Weltkriegs als Artillerie-Offizier in der k.u.k. Armee an der russischen Front.) Nach Abschluß des Akademischen Gymnasiums, eines der Wiener Elitegymnasien, studierte er Rechte an der Universität Wien. Doch die Begegnung mit dem Werk Carl Mengers, des Begründers der österreichischen (Grenznutzen)-Schule der Ökonomie, machte aus Mises einen Ökonomen.

Mengers wichtigster Nachfolger im Vorkriegs-Wien war Eugen von Böhm-Bawerk (bis vor kurzem noch als k.u.k. Finanzminister auf dem österreichischen 100-Schilling-Schein zu sehen). Mises wurde neben Joseph A. Schumpeter zum herausragenden Schüler Böhm-Bawerks. Doch im republikanisch-sozialdemokratischen Nachkriegsösterreich blieb ihm eine reguläre akademische Karriere verwehrt. Er brachte es nur zum unbezahlten außerordentlichen Professor.

Grund hierfür war nicht seine jüdische Herkunft, sondern sein Ruf als klassisch Liberaler und, spätestens seit Erscheinen seines Buchs „Die Gemeinwirtschaft“ (1922), als der Anti-Sozialist Europas. Statt dessen stieg Mises zum Chefökonomen der Wiener Handelskammer auf, und er veranstaltete ein regelmäßiges Privatseminar, das über mehr als ein Jahrzehnt hinweg Dutzende später weltberühmter Intellektueller anzog (am bekanntesten Friedrich A. von Hayek, der 1974, im Jahr nach Mises‘ Tod, den Nobelpreis für die Entwicklung der Mises-Hayekschen Konjunkturtheorie erhielt). Mises war, auch wenn man nur selten auf ihn hörte, der Ökonom Österreichs.

Mises hatte die Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre und den Börsenkrach und die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre vorhergesehen und war zunehmend besorgt um die Zukunft Österreichs. Im Frühjahr 1934, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und zum Zeitpunkt der entscheidenden Straßenkämpfe zwischen der bäuerlich-konservativen Heimwehr und dem sozialistischen Schutzbund in Österreich, nahm Mises das Angebot eines Lehrstuhls am Genfer Institut Universitaire des Hautes Etudes Internationales an. Noch ehe er in Genf eintraf, kam es zur endgültigen Niederschlagung des Schutzbundes und anschließend zur Ermordung des Christlich-Sozialen Notstands-Kanzlers Engelbert Dollfuß (der – und dessen Kontakt zu Mussolini – von Mises wie von den meisten Liberalen jener Zeit als letzte Hoffnung für die Unabhängigkeit Österreichs betrachtet wurde).

Mises sagte Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise voraus

Unberührt von diesen Ereignissen blieb Mises‘ Verbindung zur Wiener Handelskammer bis zum Anschluß 1938 bestehen. Mises hielt seine Wiener Wohnung aufrecht und war häufig zu Dienstgeschäften in Wien. Am Abend des Anschluß drangen Nationalsozialisten in seine Wiener Wohnung ein und beschlagnahmten seine Bibliothek und Papiere. (Die Papiere tauchten Anfang der neunziger Jahre in einem vormaligen Geheimarchiv in Moskau wieder auf.)

1940 erschien in Genf Mises‘ magnum opus „Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens“. Doch in den Kriegswirren und vom deutschen Markt fast vollständig abgeschnitten ging das Buch spurlos unter und der Schweizer Verlag bankrott. Noch im selben Jahr verließ Mises auf Drängen seiner Frau die Schweiz und floh auf Umwegen über Südfrankreich, Spanien und Portugal von Lissabon aus nach New York.

Während jeder drittklassige Linksintellektuelle zu dieser Zeit eine ansehnliche akademische Stellung fand, zeigte man Mises, dem fast 60jährigen, international berühmten Theoretiker des Kapitalismus in den vermeintlich kapitalistischen USA die kalte Schulter. Ein paar Jahre schlug Mises sich mit Ersparnissen und Stipendien durch. Schließlich erhielt er eine Stellung als Gastprofessor an der New York University. Doch wurde sein Gehalt nicht von der Universität, sondern vom William Volker Fund, einer kleinen privaten Stiftung, bezahlt.

1949 erschien die amerikanische Version seines Hauptwerks, „Human Action“: 900 Seiten klare, dichte Prosa und unablässiges, rigoros-logisches, Schritt für Schritt vorgehendes Argumentieren und Erklären.

Die Reaktion des akademischen Establishments war frostig: Das Buch wurde entweder als „reaktionär“ verdammt oder ignoriert. Und doch wurde es ein für seinen Umfang und sein Anspruchsniveau einzigartiger Publikumserfolg und etablierte Mises in den Vereinigten Staaten als eine Berühmtheit. Das Buch ist seit 1949 immer im Druck gewesen und bis heute sind weit mehr als 500.000 Exemplare verkauft worden. Auch in New York veranstaltete Mises wieder ein Privatseminar, das über fast zwei Jahrzehnte hinweg herausragende Intellektuelle anzog (am bekanntesten Murray N. Rothbard, den Begründer der amerikanischen libertären Bewegung). 1969, im Alter von 87 Jahren, zog sich Mises von der Lehre zurück. Er starb am 10. Oktober 1973 in New York.

Mises ist zweifellos der größte Wirtschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Wir verdanken ihm fundamentale Einsichten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie, bezüglich der Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus und hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Grundlagen der Ökonomie als einer axiomatisch-deduktiven „Logik des Handelns.“ Mises hat, fast allein unter den Ökonomen seiner Zeit, alle Großereignisse des 20. Jahrhunderts vorausgesagt: die Weltwirtschaftskrise, das wirtschaftliche Versagen des Faschismus, des Nationalsozialismus und insbesondere des Sowjetkommunismus. Der von ihm ebenfalls vorausgesagte wirtschaftliche Kollaps der letzten sozialistischen Variante, der Sozialdemokratie (oder des amerikanischen Liberalismus), steht noch aus, aber es gibt unübersehbare Zeichen, daß wir uns ihm stetig nähern.

Mehr noch und vor allem: Mises ist ein Systematiker. Er hat alle Einzeleinsichten in eine systematisch geordnete Gesamtdarstellung und -sicht der sozialen Welt integriert und offeriert neben kritischen Analysen auch ein inspirierendes positives, liberales Programm (angesichts dessen Establishment-Liberale wie Milton Friedman und Friedrich Hayek als rechte Sozialdemokraten erscheinen – und mit Recht!): Privateigentum und auf Arbeitsteilung aufbauender wechselseitig vorteilhafter Tausch als Grundlagen von Moral und wirtschaftlichem Wohlstand; eine Regierung, deren ausschließliche Funktion die Sicherung und Durchsetzung dieser privaten Eigentumsrechte und der aus ihnen resultierenden Marktwirtschaft ist – die insbesondere weder in die sich als Ergebnis von Marktprozessen ergebende personelle Einkommens- und Vermögensverteilung noch in das Erziehungs- und Bildungswesen „korrigierend“ eingreift und die jederzeit mit einem uneingeschränkten Recht auf Sezession kleinerer von größeren Einheiten konfrontiert ist; sowie Freihandel und ein internationaler Goldstandard (statt staatlichen Papiergelds).

Gegenüber Mises erscheint Hayek als Sozialdemokrat

Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter des Sozialismus – in allen seinen Varianten. Wer so über den Sozialismus dachte wie Mises, der mußte Außenseiter bleiben. Der große Star der Wirtschaftstheoretiker wurde Mises‘ Altersgenosse John Maynard Keynes, von dem es pro-sowjetische, pro-nationalsozialistische und pro-sozialliberal-demokratische Bekundungen gibt und der auf diese Weise immer und überall im Einklang mit dem Zeitgeist stand. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nachdem alle Varianten des Sozialismus durchgespielt worden sind, liegt Keynes‘ System in Scherben und ist sein Stern verblaßt (von Marx gar nicht zu reden).

Dagegen wird die überragende Stellung Mises‘ und des von ihm propagierten liberal-kapitalistischen Systems immer offenkundiger. Um so mehr muß man Mises‘ innere Stärke bewundern, also das, was ihm seine Gegner zeitlebens als Intransigenz, Starrköpfigkeit, Intoleranz und Extremismus vorwarfen. Von allen Seiten angefeindet und ohne Aussicht auf absehbaren Erfolg, Reichtum oder Ruhm, schrieb und lehrte Mises dennoch für mehr als ein halbes Jahrhundert ungebrochen und unbeirrbar allein im Vertrauen auf die menschliche Vernunft und der Wahrheit zuliebe.

Der Beitrag erschien erstmals in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und wurde aktuell von Professor Hoppe überarbeitet.

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Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama sowie Gründer und Präsident der Property and Freedom Society.

Er ist ein prominenter Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und libertärer Philosoph. Der Titel seines zuletzt erschienenen Buches lautet „Der Wettbewerb der Gauner“ und ist im Holzinger-Verlag erschienen.

Leseempfehlung: Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe im Interview mit misesinfo: „Produzenten gegen Parasiten: Aufruf zum Klassenkampf“

Lesen Sie auch die Rezension zum Buch „Wettbewerb der Gauner“, sowie das Interview mit Professor Hoppe „Steuern sind Diebstahl“.

Weitere Informationen zu und von Prof. Dr. Hans-Hermann Hoppe auf „HansHoppe.com“ und „TheProperty and Freedom Society„.

 

 

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