Friedrich A. von Hayek’s Vorschlag zur „Entnationalisierung des Geldes“

von Friedrich A. Hayek.

Friedrich A. Hayek

Der konkrete Vorschlag für die nahe Zukunft – und damit der Anlass für die Untersuchung eines wesentlichen weiterreichenden Planes – besteht darin, dass die Länder des Gemeinsamen Marktes, möglichst einschließlich der neutralen Länder Europas (und vielleicht später der Länder Nordamerikas) sich gegenseitig durch formalen Vertrag verpflichten, in allen ihren Staatsgebieten dem freien Verkehr der Währungen (einschließlich Goldmünzen) aller beteiligten Länder sowie einer ebenso freien Ausübung des Bankgeschäfts seitens jeder in einem ihrer Länder gesetzlich niedergelassenen Bank keine Hindernisse in den Weg zu legen.

Dies würde zunächst bedeuten, dass jegliche Art von Devisenkontrolle oder Regulierung von Geldströmen zwischen diesen Ländern abgeschafft würde und dass hinsichtlich des Gebrauchs jeder dieser Währungen bei Abschluss von Verträgen und im Rechnungswesen volle Freiheit herrschte. Weiter würde es bedeuten, dass jede in einem dieser Länder ansässige Bank in jedem anderen Land Zweigstellen errichten könnte, und zwar zu denselben Bedingungen wie die dort niedergelassenen Banken.

  1. Freihandel mit Geld. Zweck dieses Planes ist es, den bestehenden, für Geld und Staatsfinanzen verantwortlichen Instanzen eine dringend nötige Disziplin aufzuerlegen, indem man es einer jeden, und für immer, unmöglich macht, ein Geld auszugeben, das wesentlich weniger verlässlich und nützlich ist als das Geld irgendeiner anderen. Sobald das Publikum mit den neuen Möglichkeiten vertraut geworden wäre, führte jede Abweichung vom geraden Pfad der Versorgung mit gutem Geld sofort dazu, dass das schlechte Geld rasch durch ein anderes verdrängt würde. Damit wäre den einzelnen Ländern die Möglichkeit zu den zahlreichen Winkelzügen genommen, mit deren Hilfe sie jetzt die Auswirkungen ihrer Handlungen durch Maßnahmen zum >>Schutz<< ihrer Währung vorübergehend verheimlichen können, und sie wären gezwungen, den Wert ihrer Währungen in erträglichem Maße stabil zu halten.
  1. Ein Vorschlag, praktikabler als eine utopische europäische Währung. Dieser Plan erscheint mir sowohl besser als auch praktikabler als der utopische Plan, eine neue, europäische Währung einzuführen, die letztlich, was das Geld anlangt, die Wurzel allen Übels – das Monopol der Regierung auf die Emission und Kontrolle des Geldes – nur noch befestigte. Außerdem ist zu vermuten, dass die Länder, wenn sie nicht bereit sind, den hier vorgebrachten begrenzteren Vorschlag anzunehmen, erst recht nicht bereit sein werden, eine gemeinsame europäische Währung zu akzeptieren. Die Idee, der Regierungsgewalt das uralte Vorrecht auf das Geldmonopol ganz und gar zu entziehen, ist den meisten Menschen noch zu ungewohnt, ja sogar besorgniserregend, und hat deshalb keine Aussicht, in naher Zukunft verwirklicht zu werden. Aber die Leute könnten lernen, die Vorteile zu sehen, wenn man, wenigstens anfänglich, die einzelstaatlichen Währungen um die Gunst des Publikums wetteifern ließe. Obwohl ich stark mit dem Wunsch sympathisiere, die ökonomische Einigung des westlichen Europa durch völlige Liberalisierung der in ihm fließenden Geldströme zu vervollständigen, habe ich ernste Bedenken, ob es wünschenswert ist, dies durch Schaffung einer neuen, europäischen Währung zu erreichen, die von irgendeiner überstaatlichen Instanz geleitet wird. Ganz abgesehen davon, dass die Mitgliedsländer sich höchst wahrscheinlich nicht werden darauf einigen können, welche Politik eine gemeinsame geldpolitische Instanz in der Praxis zu verfolgen hätte (und dass es praktisch unvermeidlich wäre, dass einige Länder ein schlechteres Geld bekämen, als sie jetzt haben), erscheint es selbst unter günstigen Umständen höchst unwahrscheinlich, dass die gemeinsame Währung besser verwaltet würde als die gegenwärtigen nationalen. Überdies ist eine einzige internationale Währung in vieler Hinsicht nicht besser, sondern schlechter als eine nationale Währung, falls sie nicht besser geleitet wird. Sie ließe einem Land mit finanziell erfahrenerem Publikum nicht einmal die Chance, den Konsequenzen der groben Vorurteile zu entgehen, die die Entscheidungen der anderen beherrschen. Der Vorteil einer internationalen Instanz sollte hauptsächlich darin liegen, einen Mitgliedstaat vor den schädlichen Maßnahmen anderer zu schützen, und nicht, ihn zu zwingen, ihre Torheiten mitzumachen.
  1. Freihandel in Bankgeschäften. Die vorgeschlagene Ausdehnung des Freihandels mit Geld (free trade in money) auf Freihandel bei Ausübung aller Bankgeschäfte (free trade in banking) ist ein absolut unentbehrlicher Teil des Planes, wenn er das, was beabsichtigt ist, erreichen soll. Erstens sind Bankdepositen über die mit Scheck (oder Überweisung) verfügt wird, die also eine Art privat geschaffenes Geld sind, heute natürlich Teil – und in den meisten Ländern bei weitem der größte Teil – der gesamten Menge an allgemein akzeptierten Tauschmitteln. Zweitens sind Expansion und Kontraktion des jeweiligen nationalen Überbaus an Bankeinlagen, die im Wege der Kreditgewährung geschaffen werden, zur Zeit der wichtigste Vorwand für eine staatliche Kontrolle der Basisgeldmenge. Bezüglich der Auswirkungen einer Annahme des Vorschlags will ich an dieser Stelle nur hinzufügen, dass natürlich beabsichtigt ist, die einzelstaatlichen geld- und finanzpolitischen Instanzen von vielen Handlungen abzuhalten, die zu unterlassen politisch unmöglich ist, solange sie die Macht dazu haben. Diese sind ausnahmslos schädlich und stehen dem langfristigen Interesse des betreffenden Landes entgegen, doch sind sie als Notbehelf bei akuten Schwierigkeiten politisch unvermeidlich. Es sind Maßnahmen, mit deren Hilfe Regierungen ganz leicht und schnell die Ursachen von Unzufriedenheit bestimmter Gruppen oder Wirtschaftszweige beseitigen können, Maßnahmen, die jedoch langfristig unweigerlich zur Störung und letztlich Zerstörung der Marktwirtschaft führen.
  1. Die Regierungen am Vertuschen einer Geldentwertung hindern. Der Hauptvorzug des vorgeschlagenen Plans ist, mit anderen Worten, dass er Regierungen daran hinderte, das von ihnen in Umlauf gebrachte Geld gegen schädliche Konsequenzen ihrer eigenen Maßnahmen zu >>schützen<< und sie folglich hinderte, solche schädlichen Mittel weiter einzusetzen. Die Regierungen würden außerstande gesetzt, die Entwertung des von ihnen ausgegeben Geldes zu vertuschen, den Abfluss von Geld, Kapital und anderen Ressourcen – eine Folge verschlechterter Bedingungen für ihre heimische Nutzung – zu verhindern oder Preise zu kontrollieren – lauter Maßnahmen, die natürlich auf eine Zerstörung des Gemeinsamen Marktes hinwirkten. Der Plan scheint in der Tat alle Erfordernisse eines gemeinsamen Marktes besser zu erfüllen als eine gemeinsame Währung, ohne die Errichtung einer neuen, internationalen Institution oder die Übertragung weiterer Befugnisse auf eine überstaatliche Instanz notwendig zu machen. Der Plan liefe praktisch nur dann auf eine Verdrängung der nationalen Währungen hinaus, wenn die nationalen geldpolitischen Instanzen sich falsch verhielten. Selbst dann könnten sie durch rasche Verhaltensänderung eine vollständige Verdrängung der nationalen Währung noch abwehren. Möglich ist, dass in einigen sehr kleinen Ländern mit ausgedehnten internationalen Handelsbeziehungen und Tourismus die Währung eines der größeren Länder allmählich überwiegen könnte, aber es gibt, unter der Annahme einer vernünftigen Politik, keinen Grund, warum die meisten der vorhandenen Währungen nicht weiterhin lange Zeit in Gebrauch bleiben sollten. (Es wäre natürlich wichtig, dass die Beteiligten keine stillschweigende Übereinkunft träfen, kein Geld anzubieten, das so gut wäre, dass die Bürger der anderen Staaten es vorzögen! Und der Verdacht auf schuldhaftes Handeln müsste sich natürlich immer gegen die Regierung richten, deren Geld das Publikum nicht will!) Ich glaube nicht, dass der Plan Regierungen von irgendetwas abhalten würde, was sie im Interesse einer gut funktionierenden Wirtschaft tun sollten oder was langfristig zum Wohle einer wesentlichen Gruppe wäre. Das allerdings wirft komplexe Fragen auf, die besser im Rahmen der vollständigen Entwicklung des zugrunde liegenden Prinzips diskutiert werden.

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Entnommen aus „Entnationalisierung des Geldes“ (1976) von Friedrich A. Hayek, erschienen im Verlag Mohr Siebeck, Tübingen

Herzlichen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

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