Cancel Culture – Symptom einer reaktionären Gesellschaft

23.10.2026 – von Adrian Pfranger

Seit 2013 fand die Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Instituts Deutschland im Hotel „Bayerischer Hof“ statt. Für 2027 muss sich das Ludwig von Mises Institut aber andere Räume suchen. Denn der „Bayerische Hof“ will dem Institut künftig keine Räume mehr zur Verfügung stellen. Dies steht im Zusammenhang mit zwei Artikeln eines Münchener Boulevardblattes aus 2024 und 2026.

Der Bayerische Hof äußerte sich zur Entscheidung wie folgt: Das Hotel stehe „für Weltoffenheit, Toleranz, Vielfalt sowie die Grundwerte einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft“.

Cancel Culture vs. Zensur

Gemäß Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG) hat jeder das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Die Meinungsäußerungsfreiheit ist ein Abwehrrecht des Bürgers gegen den Staat. Nach Art. 5 I S. 2 GG findet keine Zensur statt. Zensur ist in diesem Sinne eine (grundrechtlich verbotene) staatliche Maßnahme.

Davon ist der Begriff der Cancel Culture zu unterscheiden. Cancel Culture ist keine Zensur im Sinne des Art. 5 GG. Cancel Culture ist vielmehr ein massenpsychologisches Phänomen von privaten Akteuren, das darauf gerichtet ist, bestimmte Meinungen und bestimmte Personen ins Abseits zu befördern. Dabei bedienen sich die Akteure dieser Bewegung sowohl Aufrufen zu sozialer Ausgrenzung, wirtschaftlicher Boykottierung oder sogar Gewalt.

Das Phänomen der Cancel Culture benötigt bestimmte Voraussetzungen. Hierzu benötigt es eine ideell-einheitliche, dynamische Menschenmasse. Diese ist durch ideologische Überzeugung geeint. Jene ideell-einheitliche Menschenmasse benötigt zudem einen Gegner. Jener Gegner wird von einem – aus Sicht jener Menschenmasse – „Träger der Deutungshoheit“ bestimmt. Der Gegner wird dabei stets als moralisch schlecht bezeichnet und beschrieben. Jener Träger der Deutungshoheit ruft dann dazu auf, diesen Gegner zu ignorieren, zu diffamieren, zu kündigen oder sonstige Konsequenzen folgen zu lassen. Vor dem Hintergrund der moralisch schlechten Gegnerschaft scheint die Reaktion der „Strafe“ gerechtfertigt zu sein.

Hierunter lässt sich das Vorgehen subsumieren: Das Münchner Boulevardblatt erblickt im Ludwig von Mises Institut Deutschland einen Gegner. Die Ideen des Instituts sind abzulehnen und moralisch schlecht. Mit dem Vorwurf, dass der Bayerische Hof diesem eine Bühne bietet, wird sozialer Druck aufgebaut und zugleich kommt – wenn auch nur implizit – die Forderung zur Aufkündigung der künftigen Geschäftsbeziehung, welcher der Bayerische Hof nachgekommen ist.

Rein formal ist ein normaler privater Vorgang zu beobachten. Zwei Parteien schließen seit 14 Jahren einen Bewirtungs- und Beherbergungsvertrag. Für das 15. Jahr sagt die eine Partei einen weiteren Vertragsschluss ab. Auf der Handlungsebene ist das ein freiwilliger Vorgang. Die Problematik an dieser Sache erklärt sich durch eine Auseinandersetzung mit der Idee der Cancel Culture.

Cancel Culture als Symptom einer degenerierenden Gesellschaft 

In Diskussionen um Cancel Culture wird häufig angeführt, dass man zwar jede Meinung vertreten könne, man sich aber auch nicht über eine (negative) Reaktion darauf wundern dürfe. Mit Ablehnung der eigenen Position habe man zu rechnen. Solche Reaktionen seien also hinzunehmen. Die Meinungsfreiheit des Grundgesetzes wird durch Reaktionen wie „Debanking“, Verweigerung künftiger Zusammenarbeit, Jobkündigungen, soziale Isolation und dergleichen nicht verletzt. Es besteht also gar kein Problem!

Es ist zwar richtig, dass es keine Frage der verfassungsrechtlich verankerten Meinungsfreiheit ist, wenn ein Hotel entscheidet, dass es mit dem Ludwig von Mises Institut Deutschland in der Zukunft keine Verträge mehr schließen wird, weil dieses bestimmte Ideen verbreitet. Es ist auch keine Frage der verfassungsrechtlich verankerten Meinungsfreiheit, wenn eine Person die Meinung einer anderen Person im Privaten nicht akzeptiert und die Person aus diesem Grund meidet oder sogar diffamiert. Diese Form des Verhaltens konnte besonders gut während der sogenannten Corona-Zeit beobachtet werden. Menschen, die sich in der „Impffrage“ anders entschieden haben oder Kritik in Bezug auf staatliche Maßnahmen äußerten, wurden auch im Privaten schnell ins Abseits gedrängt.

Es betrifft auch nicht die Frage der verfassungsrechtlich verankerten Meinungsfreiheit, wenn eine Person einer anderen Person kündigt, weil er dessen Meinung nicht akzeptiert, wenn das Bankkonto gekündigt wird, weil man der „falschen“ Partei angehört, wenn bestimmte Magazine nicht mehr in Supermarktfilialen angeboten werden oder wenn vermeintlich „rechte“ Reporter von Linksextremen gewaltsam angegriffen werden.

Auch wenn die vorgenannten Fälle aufgrund des privaten und nicht staatlichen Bezugs die verfassungsrechtliche Meinungsfreiheit nicht betreffen, ist es dennoch ein Problem. Bei der Cancel Culture handelt es sich um eine Kultur, die auf andere beziehungsweise aus deren Sicht „falsche“ Meinungen und Ansichten mit Ablehnung, Diffamierung und in einzelnen Fällen sogar mit Gewalt – also mit „Strafe“ – reagiert. Diese Form des Umgangs kennt man aus einer eigentlich als vergangen geglaubten Zeit, in der Strafe als pädagogisch geeignetes Mittel erschien. In der sogenannten traditionellen Erziehung stellte die Strafe in Form von Liebesentzug oder körperlicher Züchtigung ein erzieherisches Mittel dar. So sollten ungehorsame und unartige Kinder zur Ordnung gebracht werden. Damit sagt die Reaktion des „Cancelns“ mehr über die Anwender aus als über die „Gecancelten“. Zum einen, dass sie sich selbst hierarchisch auf einer höheren Stufe sehen – wie Lehrer gegenüber den Schülern oder Eltern gegenüber dem Kind. Zum anderen, dass ihre Vorstellung von „adäquatem Verhalten“ korrekt ist und der Bestrafte falsch handelte. Und zudem, dass die Strafe die adäquate, angemessene Reaktion auf das „Fehlverhalten“ ist.

Damit ist die Cancel Culture ein Symptom einer degenerierenden Gesellschaft, die sich längst von ihren aufklärerischen und humanistischen Werten entfernt hat. Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts forderte selbständiges Denken und geistigen Austausch. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist ein Kerngedanke der Aufklärung, den Immanuel Kant (1724 – 1804) 1784 in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung“ formulierte. In anderen Meinungen und Ansichten sahen die Aufklärer eine Chance zur Erkenntnis. Evelyn Beatrice Hall (1868 – 1956) fasste in ihrer Biografie über den berühmten französischen Aufklärer Voltaire (1694 – 1778) dessen Haltung wie folgt zusammen:

Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, daß Sie sie äußern dürfen.

Die Meinungsfreiheit, oder besser gesagt eine Kultur des offenen Austausches war und ist eine Grundvoraussetzung der Aufklärung.

Die Cancel Culture wirkt vor diesem Hintergrund wie ein schlechter Scherz. Die Cancel Culture fordert ein Mitläufertum, das selbständiges Denken verbietet. Auf Sachargumente gehen die Cancelnden nicht ein. Die Cancel Culture maßt sich vollständiges Wissen an, weswegen im Dialog kein Mittel zur Erkenntnis gesehen wird. Der Dialog bietet der Gegenseite eine Bühne, ihre verwerfliche, bestenfalls falsche Meinung zu verkünden, weshalb er keinesfalls stattfinden darf. Der Cancelnde sieht sich auf einer höheren Stufe der Erkenntnis stehend, sieht sich als erzieherische Autorität. Indem er mit Strafe reagiert (soziale Isolation, Kündigung, Deplatforming, Debanking etc.), will er den anderen zur „richtigen“ Einstellung bringen.

Die Cancel Culture ist auch nicht in der Lage zu differenzieren. Während die Aufklärung zwischen Mensch und Meinung unterschied, setzt die Cancel Culture Mensch und Meinung gleich. Der Mensch, der eine „schlechte Meinung“ äußert, ist auch ein schlechter Mensch.

Durch eine solche Kultur wird das Grundrecht der Meinungsfreiheit ad absurdum geführt. Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930 – 2019) schrieb 1964:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

Eine Gesellschaft, in der die Kultur der Cancel Culture herrscht, in welcher die Bedeutung der Meinungsfreiheit vollständig verkannt wird, braucht erst keine Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit wird erst dann relevant, wenn ein Mensch, den man nicht mag, etwas sagt, das man nicht mag.

Dass es mit NGOs, politischen Parteien und staatlichen Medien auch noch oftmals staatlich finanzierte Organisationen sind, die den „zulässigen Meinungskorridor“ abstecken, der dann von nicht-staatlichen Presse-Aktivisten „geschützt“ wird, kommt noch erschwerend hinzu.

Mit anderen Worten: Eine Kultur der Cancel Culture bildet das Fundament für totalitäre Zustände. Meinungsfreiheit kann es nur geben, wenn innerhalb der Gesellschaft eine Kultur des offenen Austausches herrscht.

Mit Aufklärung gegen Cancel Culture

Von außen betrachtet lässt sich die Cancel Culture zwar als Massenphänomen erklären, doch der Handelnde ist immer der Einzelne. Das Massenphänomen lässt sich erklären, wenn wir auf die Ebene der Ideen blicken. Ideen sind den Handlungen immer vorgelagert. So manifestiert sich beispielsweise die Idee von einem gesunden Leben in der Realität, indem man im Supermarkt Wasser der Cola vorzieht und Gemüse den Süßigkeiten. Auch der Cancelnde folgt einer Idee, nach welcher es adäquat erscheint, anderen Menschen blind zu folgen, nicht nachzudenken und auf „falsche“ Meinungen mit Strafe zu reagieren. Schlechte Ideen lassen sich aber nur durch das Angebot besserer Ideen ablösen.

Man kann auf konträre oder andere Meinungen auch anders als mit Strafe reagieren. Hierzu ist folgende Differenzierung notwendig. Bei einer Meinungsäußerung gilt es immer zwischen der Tatsachen- und der Bewertungsebene zu unterscheiden. Die Tatsachenebene ist entweder falsch oder richtig, es geht um einen historischen Sachverhalt und um dessen wertfreie Interpretation. Auf Bewertungsebene äußert der Einzelne seine subjektive Einschätzung, äußert ein Dafür- oder Dagegenhalten, äußert eine Meinung. Eine Meinung im Sinne eines Werturteils kann nicht falsch oder richtig sein, man kann eine Meinung entweder teilen oder ablehnen. In einem Austausch ist daher der Fokus auf die Tatsachenebene wichtig. Haben die Gesprächsteilnehmer dieselben Vorstellungen vom Sachverhalt oder gibt es Diskrepanzen? Hier bietet sich eine „Lücke“ für einen erkenntnisreichen Dialog. Und unter Umständen verändert sich nach Veränderung der Tatsachenebene auch die Bewertungsebene.

Die Meinung des Gegenübers auszuhalten und zu respektieren, heißt, die Individualität des anderen Menschen zu respektieren. Den Menschen aber aufgrund seiner Meinung in der Folge zu canceln, heißt gleichzeitig diesen Menschen abzulehnen. Die Cancel Culture ist damit zutiefst inhuman. Die Andersartigkeit wird verachtet, Diversität wird abgelehnt. Die Idee der Cancelnden will Uninformiertheit. Die Cancel Culture ist damit sogar ein gewaltiger Rückschritt gegenüber der Haltung des absolutistischen und autoritären Preußen-Königs Friedrich II., die Kant in seiner Schrift von 1784 wie folgt beschrieb: „räsoniert, so viel ihr wollt; aber gehorcht!“ Freies Denken und öffentliches Räsonieren in Wissenschaft, Philosophie und Religion war sogar erwünscht, solange man den staatlichen Gesetzen und Anordnungen gehorchte. Die heutige Cancel Culture kann selbst nach der Sichtweise des „großen“ Preußenkönigs nur als reaktionär eingeordnet werden.

Eine Kultur der Aufklärung bedeutet lebhaften Austausch und Diskurs. Die Menschen sind grundverschieden, und so wird es zeitlebens unterschiedliche Meinungen geben, die sich durchaus widersprechen können. In einer aufgeklärten Kultur des offenen Austausches einigt man sich in Streitfällen darauf, dass man sich nicht einigen konnte, und trinkt zum Abschluss ein Bier.

Die Cancelnden denken, dass sie ihre Wahrheitsansprüche schützen müssen, indem sie Dissidenten bestrafen. Dabei übersehen sie, dass sowohl der Glaube an die Wahrheit ihrer Ideen als auch die Unterdrückung abweichender Ideen einen Rückschritt in totalitäre, vor-aufklärerische Zeiten bedeutet. Ihr pseudo-wissenschaftlicher Szientismus ist genauso unwissenschaftlich wie ihr pseudo-moralisches Aufspielen als Gesinnungspolizei unmoralisch ist.

Wer – wie der Bayerische Hof über sich selbst schreibt – behauptet, er stehe für „Weltoffenheit“ und „Toleranz“, der müsste sich mit aller Kraft gegen die Cancel Culture stellen, anstatt sich in diese einzureihen. Dass in diesem Falle auch noch ein liberales oder libertäres Institut gecancelt wurde, setzt dem Fass die Krone auf.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Adrian Pfranger studierte in Regensburg Rechtswissenschaften (1. Staatsexamen). Derzeit ist er als Jurist in einer Kanzlei beschäftigt. Seit 2022 veröffentlicht er Artikel über seinen Blog auf Substack.

 

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Das Ludwig von Mises Institut Deutschland e.V. setzt sich seit Jahren für die Verbreitung der Lehre der Österreichischen Schule der Nationalökonomie ein. Freiheit gibt es nicht geschenkt, sie muss stets neu errungen und erhalten werden. Bitte unterstützen Sie daher das Ludwig von Mises Institut Deutschland mit einer Spende, damit wir uns weiterhin für unser aller Freiheit einsetzen können!

Spendenkonto:

Ludwig von Mises Institut Deutschland e. V.

IBAN: DE68 7003 0400 0000 1061 78

BIC: MEFIDEMM

Merck Finck A Quintet Private Bank (Europe) S.A. branch

Verwendungszweck: Spende

Titelbild: Adobe Stock Fotos (bearbeitet)

Soziale Medien:
Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Beginnen Sie mit der Eingabe und drücken Sie Enter, um zu suchen