Sozialismus einst und jetzt – der Todestrieb in der Geschichte
12. Oktober 2026 – von Andreas Tögel
Nicht wenige meinen, dass der Sozialismus erst durch Karl Marx, seine Mitstreiter und Epigonen in die Welt kam. Das ist falsch! Schon im frühen 19. Jahrhundert gab es einschlägige sozialistische Experimente – beispielsweise initiiert durch Robert Owen (1771 – 1858) in Schottland. Ihm schwebte eine „gerechtere“ Produktions- und Lebensweise vor, die er in der Fabriksiedlung New Lenark umsetzte. Derselbe Mann gründete später in Indiana in den USA die kommunistische Kommune „New Harmony“ – inklusive der Abschaffung von Privateigentum und Beendigung jeden Wettbewerbs. Bereits zwei Jahre nach seiner Gründung scheiterte dieses erste kommunistische Experiment der Neuzeit.
Charles Fourier (1772 – 1837) entwarf als erster sogenannte „Phalanstères“, große kommunale Wohn‑ und Arbeitsgemeinschaften. Alle Umsetzungsversuche in Frankreich und in den USA schlugen bereits nach kurzer Zeit fehl. Fourier gilt dennoch (oder gerade deswegen?) als einer der bedeutendsten utopischen Sozialisten.
Henri de Saint‑Simon (1760 – 1825) war mit seiner Vorstellung eines „Nouveau Christianisme“ einer der ersten systematischen Theoretiker eines industriellen Sozialismus. Seine Anhänger, die „Saint-Simonisten“, bildeten sektenartige Gemeinschaften, in denen frühsozialistische Organisationsformen praktiziert wurden. All diese Projekte misslangen nach kurzer Zeit aufgrund ihrer inneren Widersprüche und der praktischen Undurchführbarkeit.
Étienne Cabet (1788 – 1856), der ebenfalls zu den utopischen Sozialisten gezählt wird, gründete ab 1848 mehrere kommunistische Siedlungen, die sogenannten „Icaria“, in den USA. Dort herrschten striktes Gemeineigentum und eine egalitäre Lebensweise. Einige der Ikarier‑Gemeinden existierten immerhin bis in die 1870er Jahre.
Noch früheren Phänomenen, wie der Getreideverteilung durch Gaius Graccus (153 – 121 v. Chr.) in der Spätzeit der römischen Republik oder den mittelalterlichen Gütergemeinschaften, fehlten sämtliche theoretischen Grundlagen und umfassende Geltungsansprüche, um als „sozialistisch“ in der heutigen Wortbedeutung eingeordnet zu werden. Auch utopische Entwürfe wie die von Thomas Morus (1478 – 1535), der im Jahr 1516 sein „Utopia“ publizierte, können allenfalls als theoretische Vorläufer des neuzeitlichen Sozialismus gesehen werden. Die Rolle des theologisch, nicht aber systematisch ökonomisch orientierten Thomas Müntzer (1489 – 1525) während der Bauerkriege, kann gleichfalls nur als die eines Vorläufers des modernen Sozialismus eingeordnet werden.
Karl Marx (1818 – 1883) verfasste seine grundlegenden theoretischen Schriften ab dem Jahr 1844, als er in Paris seine ökonomisch-philosophischen Manuskripte ausarbeitete, die zu seinen Lebzeiten gar nicht publiziert wurden. Darin wird, wie zuvor schon von Adam Smith, die Arbeit als Quelle des Werts identifiziert („Arbeitswerttheorie“). Es folgten 1847 „Das Elend der Philosophie“, 1848 das zusammen mit Friedrich Engels verfasste „Manifest der kommunistischen Partei“, 1859 „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ und 1867 schließlich „Das Kapital“.
Den Kern seiner Theorie bildet die Analyse, dass die ökonomische Struktur einer Gesellschaft alle anderen gesellschaftlichen Bereiche dominiert. Der „Kapitalismus“ müsse aufgrund seiner inneren Widersprüche und der zahlenmäßig überlegenen „pauperisierten“ proletarischen Massen unausweichlich in eine sozialistische und schließlich in eine kommunistische Gesellschaft übergehen. Die Abschaffung der Klassen, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, in der der Staat letztendlich „abstirbt“, waren die – im Detail nebulos gebliebenen – Ziele. Wie die „Diktatur des Proletariats“ in der Praxis aussehen würde und was davon konkret zu erwarten war, hat Karl Marx der Nachwelt nie verraten.
Vladimir Lenin (1870 – 1924) und seine Nachfolger hatten dagegen recht klare Vorstellungen von den Erfordernissen zur Umsetzung der Theorie des Trierer Philosophen. Da nicht wenige Russen dem Fortschritt auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft halsstarrig im Wege standen, war es geboten, Gewalt anzuwenden. Ein von der durch Leo Trotzki (1879 – 1940) organisierten Roten Armee gegen die zaristischen Anhänger der alten Ordnung geführter Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Bolschewiken endete, forderte, je nach Quelle, zwischen sechs und zehn Millionen Todesopfer. Die meisten davon starben allerdings nicht durch Kampfhandlungen, sondern durch Hunger und Seuchen. „Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.“
Diesen Satz sagte sinngemäß Lenins Nachfolger, Josef Stalin (1878 – 1953), der das von Lenin begonnene Kollektivierungswerk fortsetzte, wobei er mit beispielloser Brutalität vorging. Nach gesicherten Quellen (1991 in Russland freigegebenes Archivmaterial) wurden bis 1953 knapp 800.000 Exekutionen vorgenommen, bis zu 1,7 Millionen Menschen starben im Gulag-System, 390.000 infolge der „Entkulakisierung“ und bis zu 400.000 bei Deportationen während der 1940er-Jahre. Diese Zahlen gelten als Mindestwerte, da sie nur die von der Bürokratie erfassten Todesfälle enthalten. Hinzu kommen die Opfer künstlich herbeigeführter Hungersnöte wie dem Holodomor in der Ukraine und in anderen Regionen, die sich auf bis zu 6,5 Millionen Menschen summieren. Während des „Großen Terrors“ von 1936 – 1938 kam es zu rund 700.000 Erschießungen und etwa einer Million Deportationen in die Gulags. Insgesamt geht die Forschung von zwischen sechs und zehn Millionen Todesopfern aus, die auf Stalins Konto gehen.
Mit einem radikalen Kollektivierungs- und Industrialisierungsprogramm trieb Stalin die Modernisierung des rückständigen Riesenreiches ungestüm voran. Der Ausbau der Schwerindustrie wurde damit zum zentralen Prestigeobjekt des Regimes. Im Mittelpunkt des Programmes standen die Stahlproduktion, die Kohleförderung, der Maschinenbau, die chemische Industrie und die Energieproduktion – letztere hauptsächlich durch Wasserkraft.
Von 1958 bis 1962 versuchte Mao Zedong (1893 – 1976) mit dem „Großen Sprung nach vorn“ in China dem sowjetischen Beispiel der erzwungenen Industrialisierung nachzueifern. Fazit, je nach Quelle: 30 – 45 Millionen Tote.
Immerhin ist den Kommunisten in der UdSSR und in der Volksrepublik China zuzubilligen, dass sie ein erstrebenswertes Ziel, nämlich die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen durch Modernisierung, im Sinn hatten, wobei sie allerdings vor dem rücksichtslosen Einsatz unmenschlicher Mittel keinen Moment lang zurückschreckten. Einzelne Menschenleben bedeuten in sozialistischen Systemen eben nichts.
Die Sozialisten dieser Tage, die sich meist selbst nicht als solche, sondern als Grüne, als „Woke“, als Umwelt-, LGBTQ- und Klimaaktivisten, als Feministen oder als Kämpfer für Gendergerechtigkeit und soziale Gleichheit verstehen, sind aus völlig anderem Holz geschnitzt. Von klassisch-sozialistischer Literatur aus den Federn der oben genannten Theoretiker oder den Überlegungen von Proudhon, Lasalle, Luxemburg oder Gramsci haben sie in aller Regel weder gehört noch gelesen. Was sie dennoch zu wissen glauben, ist, dass die traditionelle Religion (insbesondere das Christentum!), die Familie, das Privateigentum und der „Kapitalismus“ „überwunden“ werden müssen. Darüber, was nach deren vollendeter „Dekonstruktion“ an deren Stelle treten soll, herrscht unter Linken traditionell Ratlosigkeit. Kein Wunder, hat doch meist keiner von ihnen jemals im Interesse ihrer Mitmenschen produktiv gearbeitet oder in irgendeiner Weise einen messbaren Beitrag zur Wertschöpfung geleistet! Von der Produktion haben sie daher allesamt zwar keine Ahnung, dafür aber umso mehr von der Umverteilung gestohlener Werte.
„Degrowth“ ist ein in diesem Milieu beliebtes Schlagwort: Schrumpfen. Mit dem vorgeblichen Ziel der Bewahrung des Planeten vor der Verkochung, das durch zwangsverordnete Senkung des Energieverbrauchs erreicht werden soll. Das läuft – zu Ende gedacht – auf die radikale Dezimierung der Weltbevölkerung hinaus und ein Zurück in die ungeheizte Steinzeithöhle, womit manch extremistische Protagonisten der selbsternannten Weltverbessrungselite nicht einmal hinter dem Berg halten. Lastenrad und Muskelkraft statt Magnetschwebebahn und Hyperschalljet. Wer´s nicht glaubt, der lese die Schriften oder lausche den Predigten von Leuten wie Ulrike Herrmann & Genossen.
Einigendes Element aller linken Strömungen unserer Tage ist der abgrundtiefe Hass auf das Eigene und die umfassende Vergötzung alles Fremden – je „rückständiger“, desto besser.
Den Sozialisten/Kommunisten der Vergangenheit muss man den Versuch vorwerfen, die erratische Theorie eines Scharlatans mit Gewalt und Mord umzusetzen. Den neidgetriebenen Neo-Sozialisten dieser Tage ihren Kulturrelativismus, ihren Nihilismus und den Versuch der Zerstörung unserer in Jahrtausenden gewachsenen abendländischen Zivilisation. Weltrettung mittels Dezimierung des Menschengeschlechts – so scheint ihr Zielbild auszusehen.
Der große konservative britische Philosoph Roger Scruton (1944 – 2020) bezeichnete die linken Denker des 20. Jahrhunderts – namentlich die Protagonisten der „Frankfurter Schule“ Adorno, Habermas, Horkheimer und weiters Sartre, Foucault und Lukács – als „Narren, Schwindler und Unruhestifter“. Der Mathematiker und Sowjetdissident Igor Schafarewitsch (1923 – 2017) beschrieb die verschiedenen Erscheinungsformen des Sozialismus gar als „Todestrieb in der Geschichte“.
In der Tat ist von den zwischen ultrarot, rot, braun oder grün chargierenden Sozialisten in allen Parteien auch dieser Tage nichts anderes zu erwarten, als die Herbeiführung von Mangel, Elend und Not sowie am Ende ihres Weges der Tod von unzähligen unschuldigen Menschen. Und so tragisch das ist, ist es nichts Neues unter der Sonne.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter ‚Austrian‘. Ende März 2022 ist sein Buch Inflation: Warum das Leben immer teurer wird (*) erschienen.
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