Der monetäre Hochseilakt

1.9.2014 – Vom Goldstandard zum Kreditismus

von Ronald Stöferle und Mark Valek.

Ronald Stöferle

Die vorherrschende Geldordnung hat im Laufe des 20. Jahrhunderts eine sukzessive Metamorphose, von einer goldgedeckten Währung zu einer mit Schulden gedeckten Währung, durchgemacht. Geld wird heute entweder durch die Vergabe von neuen Krediten von Geschäftsbanken geschöpft, oder von Zentralbanken durch eine Bilanzverlängerung (über Ankauf von Schuldtiteln) geschaffen.

Als direkte Konsequenz daraus hat sich das System der Marktwirtschaft sukzessive in einen „Kreditismus“ verwandelt.[1] Die Realwirtschaft ist von ständiger Kredit- und Geldmengausweitung (also Inflationierung) abhängig geworden. Daraus resultiert sowohl der heutige „Wachstumswahn“ als auch der „Inflationswahn“.

Die EZB definiert als Preisstabilität eine jährliche Geldentwertung (gemessen am Konsumentenpreisindex) von nahe zwei Prozent. Es scheint grundsätzlich paradox einen stabilen Zustand mittels einer Exponentialfunktion zu definieren, welche sich alle 70 Jahre vervierfacht. Gemäß herrschender Lehre ist ein wirklich stabiles Preisniveau (also etwa 0% Teuerung) nachteilhaft, weil unter solchen Umständen die Wirtschaft nicht prosperieren kann. Diese Aussage erweist sich im historischen Kontext eindeutig als falsch.

Mark Valek

Zutreffend ist viel eher, dass das monetäre Regime das Inflations-Paradigma vorgibt. Aus den Vereinigten Staaten steht zur Untermauerung dieser These aufschlussreiches, langfristiges Datenmaterial zur Verfügung. Anhand der Grafik erkennt man die annualisierten, realen Wachstumsraten (jeweils mit rotem Strich markiert – rechte Skala) und den Verbraucherpreisindex. Die unterschiedlichen farblichen Markierungen teilen den Zeitraum in drei unterschiedliche monetäre Phasen:

–    Vor 1913: Ausschließlich Gold (und Silber) dienen als Geldbasis[2]
–    1914-1971: Teilweise Golddeckung vorgeschrieben
–    Ab 1971: Keine Golddeckung mehr erforderlich (Fiat-Money Schuldgeld)

 

Bis zum Ende des klassischen Goldstandards (1913) hat sich das Ausbleiben stetiger Preisinflation nicht als wachstumshemmend erwiesen. Ganz im Gegenteil: die durchschnittlichen, realen Wachstumsraten sind mit dem Übergang auf den Gold-Devisen-Standard bzw. auf das heutige Schuldgeldsystem jeweils gesunken. Daraus könnte man ableiten: je konsequenter die Goldpreisdeckung, umso geringer die Teuerung und desto höher das Wirtschaftswachstum.[3]

Deflation aus Sicht der Österreichischen Schule

Vor dem „Deflationsgespenst“, der großen „Deflationsfalle“ und auch von verheerenden „Deflationsspiralen“ wird von Zentralbankern, Politikern und Finanzmedien regelmäßig gewarnt. Die Panikmache vor sinkenden Preisen erscheint jedoch verwunderlich, so begrüßt doch ein Großteil der Konsumenten fallende Preise. Dies ist im Technologiebereich, etwa bei Smartphones oder Fernsehern, oder auch bei Fernreisen seit Jahren evident. Aus Sicht der österreichischen Schule ist Preisdeflation ein Symptom, die fallende Geld- bzw. Kreditmengen ist die Ursache der gleichen. Es wird bei dieser oberflächlichen Argumentation, wonach das Preisniveau niemals fallen dürfe, die korrekte Kausalitätskette verschleiert!

Prof. Jörg Guido Hülsmann beschreibt, dass die Schädlichkeit der Preisdeflation heute eines der heiligen Dogmen der Geldpolitik darstellt. Theoretische und empirische Beweise zur Erhärtung dieser Vorwürfe sind gemäß Hülsmann jedoch entweder schwach oder sie fehlen ganz. Preisdeflation bedeutet stets eine ungeliebte Rosskur. Dies liegt in erster Linie daran, dass es im Rahmen der Überschuldung zu starken Vermögensverschiebungen kommen muss. Dass es mit Ausnahme der Großen Depression keinen empirischen Zusammenhang zwischen Deflationsphasen und Depressionen gibt, bestätigt auch eine umfassende historische Studie der Federal Reserve:

“Our main finding is that the only episode in which we find evidence of a link between deflation and depression is the Great Depression (1929-34). We find virtually no evidence of such a link in any other period….What is striking is that nearly 90% of the episodes with deflation did not have depression. In a broad historical context, beyond the Great Depression, the notion that deflation and depression are linked virtually disappears.”

Anhand der Grafik erkennt man, dass sich bis zur Gründung der Federal Reserve deflationäre und inflationäre Phasen abwechselten. Ab 1913 und insbesondere seit dem Ende des Bretton Woods-Abkommens hat sich dieses Bild jedoch radikal gewandelt: In lediglich 12% aller Jahre gab es auf Jahresvergleichsbasis Preisdeflation.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tatsache ist jedoch, dass in unserem heutigen, stark gehebelten Teilreserve-Schuldgeldsystem eine ausgeprägte Kreditdeflation erschütternde realwirtschaftliche Konsequenzen hätte. Die Entzugssymptome einer Schuldenliquidierung sind umso schlimmer, je stärker die Kreditabhängigkeit ausgeprägt ist. Sollte eine ungehemmte Umkehr der Kreditausweitung stattfinden, würde sich eine ausgeprägte Geldmengendeflation auf weite Teile des Bankensystems fatal auswirken. Die permanente Geld- und Kreditmengenausweitung wird daher für das Schuldgeldsystem zum Selbstzweck.

Dies ist der wahre Grund, warum Deflation heute die Nemesis eines jeden Notenbankers darstellt. Das Ziel jedes Organismus, jedes Menschen und jeder Bürokratie ist es, seine Überlebenschancen zu maximieren. Insofern ist Kreditdeflation für das aktuelle Geldsystem eine existentielle Bedrohung, welche es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Um die inhärente Instabilität des Kreditsystems zu kaschieren, wird die stattfindende Kredit-Deflation (Deleveraging) deshalb weiterhin von überaus expansiver Zentralbankpolitik kompensiert werden. Dies ist unserer Meinung nach ein Balanceakt auf Messers Schneide.

Zunehmende Inflationsakzeptanz seitens Politik und Notenbanken

Mittlerweile mehren sich deshalb auch die Stimmen, welche eine ausgeprägte Inflationierung als einzig gangbare Lösung zur Verringerung der Schuldenquoten ansehen. Um das Verhältnis von Gesamtverschuldung und Wirtschaftsleistung auf ein nachhaltigeres Niveau zu bringen, braucht es ein höheres nominelles BIP-Wachstum als Schuldenwachstum. Da sich nominelles Wachstum aus realem Wachstum und Preisinflation zusammensetzt, lässt sich höheres nominelles Wachstum durch zunehmende Preisinflation herbeiführen.

Kenneth Rogoff, ehem. Chefökonom des IWF schrieb bereits Ende 2008 im Central Banking Journal, dass eine höhere Teuerung von 5-6% für die nächsten Jahre gesünder sei, als Deflation in Höhe von 2-3%. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, so Rogoff. Es bleibe nur Inflation als „Exit-Strategie“. Auch der (leider) einflussreiche Nobelpreisträger Paul Krugman propagiert eine Anhebung der Inflationsziele. Er argumentiert, dass ein zu niedriges Inflationsziel den europäischen Notenbankern einen Vorwand liefert, keinerlei weitere monetärer Stimuli zu setzen. Er bezeichnete dies als “Selbstzufriedenheitsfalle”.

Die Geschichte lehrt uns jedoch: Weder die Mainstream-Ökonomie noch Notenbanker können die Spezifika der Inflationsdynamik steuern. Die kläglich scheiternden Versuche, das Teuerungsniveau wie ein Thermostat zu regulieren, zeugen von Hybris, mangelnder Urteilsfähigkeit und Naivität. Diese Anmaßung von Wissen ist gefährlich und wird schlussendlich scheitern. Teuerungswellen treten unerwartet und innerhalb relativ kurzer Zeit auf. Dies wird, wie am nachfolgenden Chart ersichtlich ist, durch zahlreiche Episoden der Geschichte bestätigt.

Künftige Wachstums- und Inflationsszenarien

Um die aktuelle wirtschaftliche Situation in einer Inflationsmatrix einordnen zu können sowie mögliche Entwicklungen darzustellen, soll uns die folgende Darstellung dienen. Die Grafik zeigt die möglichen Zukunftsszenarien anhand ihrer Wachstums- und Teuerungsraten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei Betrachtung der gegenwärtigen Lage lassen sich in manchen Regionen Ähnlichkeiten mit einer anfänglichen Stagflation beobachten. Die ökonomische Geschichte Japans mag sich als Vorbote zukünftiger Entwicklungen hinsichtlich stagnierender Wachstumszahlen erweisen. Hier zeigt sich, dass die vergangene keynesianische Fiskalpolitik nicht in der Lage war, die andauernde Stagnation zu beheben. Stattdessen verschuldete sich der japanische Staat enorm. Nach ausbleibendem Erfolg versucht man nun nach keynesianischer Logik[4],  den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, indem man im Rahmen von Abenomics größere Konjunkturpakete schnürt – gestützt durch außerordentlich lockere Geldpolitik.

Auch wenn die österreichische Schule keine konkreten zeitlichen Voraussagen zulässt, so spricht doch vieles dafür, dass die planwirtschaftliche Finanzelite im Zweifel immer stärkere inlfationäre Maßnahmen tätigen werden, sodass früher oder später die monetäre Inflation auch in noch stärkerer Konsumentenpreisinflation münden wird.

[1] Vgl. „Österreichische Schule für Anleger“, Taghizadegan, Stöferle, Valek

[2] In diesem Zeitraum war die Konvertierbarkeit zweimal temporär aufgehoben, sie wurde aber jeweils binnen einiger Jahre wiederhergestellt.

[3] Anmerkung: Dass der Goldstandard als rigide und unflexibel kritisiert wird ist im Kontext des mittlerweile extrem stark regulierten planwirtschaftlichen Geldsystems verständlich. Die Geldmengenbasis lässt sich nicht ohne Grenze inflationieren, ein Teilreservebankensystem welches nach einem künstlichen Kreditboom deflationär kollabiert, kann unter einer Gold-gedeckten Währung nicht reflationiert werden. Ludwig von Mises hat faszinierenderweise bereits vor über 100 Jahren auf die weitreichenden Konsequenzen des Teilreservebankensystems hingewiesen (Vgl. „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“).

[4] Nicht der keynesianische Ansatz sei falsch, sondern lediglich dessen Ausführung.

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Ronald Stöferle ist seit 2013 Managing Partner und Investment Manager bei der Incrementum AG, wo er Investmentsfonds auf Basis der Prinzipien der Österreichischen Schule der Nationalökonomie verwaltet. Zuvor war er sieben Jahre lang im Research-Team der Erste Group Wien und begann schon 2006 seine jährlich erscheinenden „In GOLD we TRUST“-Studien zu veröffentlichen, die u.a. vom Wall Street Journal als „Goldstandard aller Goldpublikationen“ bezeichnet wurden.

Mark Valek ist seit 2013 Partner und Investment Manager bei der Incrementum Liechtenstein AG, wo er Investmentsfonds auf Basis der Prinzipien der Österreichischen Schule der Nationalökonomie verwaltet. Davor war er über zehn Jahre lang bei Raiffeisen Capital Management tätig, zuletzt als Fondsmanager in der Abteilung Multi-Asset-Strategien, welche insgesamt über fünf Milliarden Euro verwaltete.

Im Juni ist das von ihnen und Rahim Taghizadegan verfasste Buch “Österreichische Schule für Anleger” im FinanzbuchVerlag erschienen – mehr Informationen hier.

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