Wie Inflation die Reichen oben und die Armen unten hält

27.6.2014 – von Jörg Guido Hülsmann.

Jörg Guido Hülsmann

Die Produktion des Geldes in einer freien Gesellschaft obliegt der freiwilligen Kooperation. Jeder – vom Minenarbeiter, über den Eigentümer der Mine und den Münzern, bis hin zu den Käufern der geprägten Münzen – profitiert von der Geldproduktion. Keiner von ihnen verletzt die Eigentumsrechte eines anderen, denn jedem steht es frei, in das Minen- und Münzgeschäft einzusteigen und niemand wird gezwungen, das Produkt zu kaufen.

Betrachten wir jedoch die Geldproduktion in interventionistischen Regimen, die für den größten Teil der letzten 150 Jahre in der westlichen Welt vorherrschend waren, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dabei sind insbesondere zwei Formen des monetären Interventionismus hervorzuheben: die (betrügerische) Teilreservedeckung der Geschäftsbanken und das Fiatgeld. Beiden Institutionen ist zu eigen, dass sie das Prinzip der freiwilligen Kooperation verletzen. Sie ermöglichen es den Papiergeldproduzenten, unter Verletzung der Eigentumsrechte dritter, die Geldmenge auszuweiten.

Wir reden von betrügerischen Bankgeschäften, wann immer Bankiers ungedeckte oder teilgedeckte Geldsubstitute verkaufen und diese für vollgedeckt ausgeben. Diese Bankiers verkaufen mehr Geldsubstitute, als sie unter einer 100-prozentigen Reservedeckung hätten ausstellen können.

Der Produzent von Fiatgeld (heutzutage typischerweise Papiergeld) verkauft ein Produkt, das gegen den Wettbewerb mit freien Marktgeldern, wie etwa Gold und Silber, nicht gewappnet wäre, und das die Menschen lediglich deshalb benutzen, weil der Gebrauch aller anderen Gelder erheblich eingeschränkt oder sogar gesetzlich verboten ist. Am deutlichsten zeigt sich dies im rechtlichen Status des Papiergeldes als gesetzliches Zahlungsmittel. Papiergeld ist Fiatgeld, da es sich niemals ohne staatlichen Eingriff auf freien Märkten hätte entwickeln können.

In jedem Falle wird es zu einer exzessiven Geldproduktion kommen, da diese nicht länger durch die freiwillige Inanspruchnahme des Geldes durch die Öffentlichkeit beschränkt wird. Auf einem freien Markt könnte sich ein Papiergeld nicht gegen die weitaus überlegeneren Edelmetallwährungen durchsetzen. Gemessen an den Standards einer freien Gesellschaft ist daher jede produzierte Menge an Papiergeld exzessiv. Ebenso führt ein Teilreservesystem zur exzessiven Herausgabe von Geldsubstituten, genau in dem Umfang, indem die Käufer nicht darüber informiert werden, dass sie nur teilgedeckte anstatt vollgedeckter Geldsubstitute erwerben.

In der Rothbard’schen Definition, die wir für diese Studie bemühen, stellt diese exzessive Produktion von Geld und Geldsubstituten Inflation dar. Inflation ist eine ungerechtfertigte Umverteilung von Wohlstand zugunsten jener, die das neu erschaffene Geld als erste erhalten, und gereicht all jenen zum Nachteil, die es zuletzt bekommen. In der Praxis gestaltet sich die Umverteilung immer zum Vorteil der Geldproduzenten selbst (die wir irreführenderweise Zentralbanken nennen), sowie ihren Partnern im Bankensektor und an der Börse. Und selbstverständlich gereicht die Inflation auch dem Staat und seinen engsten Verbündeten in der Geschäftswelt zum Vorteil. Die Inflation ist das Mittel, über das sich diese Individuen und Gruppen auf Kosten der allgemeinen Öffentlichkeit bereichern. Wenn der sozialistischen Karikatur des Kapitalismus, als einem System, indem die Armen zugunsten der Reichen ausgebeutet werden, auch nur ein Fünkchen Wahrheit innewohnt, dann ist dieser Funke in der inflationistischen Tendenz des Kapitalismus unserer Tage zu finden. Der unaufhörliche Zufluss von Papiergeld macht die Reichen und Mächtigen reicher und mächtiger, als sie wären, wenn sie ganz und gar auf die freiwillige Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen wären. Da sich das politische und wirtschaftliche Establishment über die Inflation auch vor Konkurrenz schützt, führt sie zu einer geringeren sozialen Mobilität. Die Reichen bleiben länger reich und die Armen länger arm als in einer freien Gesellschaft.

Der berühmte Ökonom Josef Schumpeter präsentierte die Inflation einst als den Vorboten der Innovation. Seiner Meinung nach würde die zusätzliche Ausgabe von Banknoten Unternehmen zur Finanzierung dienen, denen es an Kapital mangelt. Selbst wenn wir einmal vom fragwürdigen moralischen Aspekt dieses Vorschlags absähen, der darauf hinaus liefe, jeden selbsternannten Innovator auf Kosten aller anderen Mitglieder der Gesellschaft zu subventionieren, so bleibt Schumpeters Modell doch Wunschdenken. Kreditexpansion durch das Drucken neuen Geldes ist in der Praxis das Gegenteil eines Aufbegehrens gegen das wirtschaftliche Establishment. Sie ist vielmehr der bevorzugte Weg zur Absicherung des Establishments, das sich andernfalls nicht, oder nicht mehr, gegen die Konkurrenz durchsetzen könnte.

Es wäre nicht verfehlt, Inflation als großangelegten Raubzug der Wenigen, politisch gut verknüpften gegen die politisch hilflosen Massen zu charakterisieren. Sie geht immer einher mit der Konzentration von politischer Macht in den Händen jener, die eine Banklizenz besitzen und jenen, die die Monopolstellung der Produktion des Papiergeldes innehaben. Sie führt in eine endlose Schuldenspirale und legt das Schicksal der Gesellschaft in die Hände von geldpolitischen Autoritäten wie Zentralbanken. Am Ende steht die moralische Korrumpierung der Gesellschaft.

aus „Deflation & Liberty“ von Jörg Guido Hülsmann.

Aus dem Englischen übersetzt von Karl-Friedrich Israel.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, Alabama. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaften und Künste sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Zu seinen umfangreichen Interessen- und Forschungsgebieten zählen Geld-, Kapital- und Wachstumstheorie. Er ist Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises: The Last Knight of Liberalism» (2007). Zuletzt erschienen «Krise der Inflationskultur» (2013).

Seine Website ist guidohulsmann.com

 

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