Ein unorthodoxer Weg zur Knechtschaft

5.10.2012 – Über die „Lockerung“ der Geldpolitik nach Keynes.

Prof. Dr. Guido Hülsmann

von Jörg Guido Hülsmann.

Eine neue Arznei ermöglicht Linderung oder Heilung in bestimmten Fällen, die zuvor nicht behandelt werden konnten. Dagegen besteht eine als neu angekündigte „Arznei in der Wirtschaftspolitik“ in aller Regel lediglich darin, dass bestimmte Grenzen, die dem staatlichen Interventionismus bislang gesetzt waren, verletzt oder außer Kraft gesetzt werden. Der Interventionismus wird dadurch ausgeweitet und durchdringt Wirtschaft und Gesellschaft stärker also zuvor. Aber er ist weiterhin ungeeignet zur Lösung gesamtwirtschaftlicher Probleme. Ein Beispiel ist die sogenannte „unorthodoxe Geldpolitik“, die von Zentralbanken seit Krisenbeginn beschworen und zum Teil auch schon umgesetzt wurde.

Das Wort „unorthodox“ wird in der Sprache der keynesianischen Ökonomen, deren Denken seit langer Zeit die Geldpolitik beherrscht, in besonderer Weise verstanden. Für Keynes war das Wort „orthodox“ eine Kurzform für praktisch alles, was ihm als irgendwie schlecht galt – Alter,  Dogmatismus, Religion, Mittelalter, Irrationalität, Naturrecht, Laissezfaire und vieles mehr. Dagegen war ihm der Ausdruck „unorthodox“ ein Banner, unter dem er erstrebenswerte Dinge wie Jugend, Pragmatismus, Moderne, Agnostizismus, Rationalismus oder regulierte Wirtschaft zusammenfasste. Diesem Sprachgebrauch der 1920er Jahre ist das verknöcherte Denken seiner Nachfolger im Großen und Ganzen treu geblieben. Wenn daher in unseren Tagen wieder mal eine „unorthodoxe Geldpolitik“ angekündigt wird, so ist dies nicht ohne weiteres so zu verstehen, als würden hier völlig neue Wege des Denkens und Handelns ausgelotet. Vielmehr ist in der Regel ein „weiter so, nur noch viel mehr“ gemeint.

Die orthodoxe Geldpolitik bildete sich im Gefolge des Peel’s Act aus dem Jahr 1844 heraus. Sie stand ursprünglich ganz unter dem Einfluss der klassischen Ökonomie mit ihren großen Stärken und auch mit ihren Schwächen. Hume, Smith und Ricardo hatten mit Nachdruck unterstrichen, dass Veränderungen der Geldmenge keine gesamtwirtschaftlichen Vor oder Nachteile bieten. Sie beeinflussen lediglich die Verteilung der Einkommen und Vermögen. Ein immaterielles Zwangsgeld bietet die Möglichkeit zur unbegrenzten Erhöhung der Geldmenge, aber daraus entstehen keine irgendwie gearteten gesamtwirtschaftlichen Vorteile. Die Gefahr ist lediglich groß, dass auf diese Weise ein Teil der Bevölkerung zugunsten eines anderen Teiles ausgeraubt wird. Insbesondere besteht die Gefahr, dass immaterielles Zwangsgeld zur schrankenlosen Staatsfinanzierung missbraucht und der Staat auf diese Weise tyrannisch wird. Daher traten Ricardo und seine geistigen Erben für eine Warenwährung – den Goldstandard – ein, und sie taten alles, um die Produktion immateriellen Geldes so weit wie möglich zu begrenzen. Der Peel’s Act verlieh der Bank von England ein Notenmonopol, um auf diese Weise die Notenausgabe aller anderen Banken zu unterbinden. Gleichzeitig wurde die ungedeckte Notenemission der Zentralbank auf einem niedrigen Niveau eingefroren.

In den Folgejahren, als der Einfluss des ricardianischen Denkens zurückwich, blieb der Grundgedanke der Beschränkung der Zentralbankaktivität aus allgemeinen politischen Erwägungen erhalten. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Keynesianismus seinen Siegeszug antrat, änderte sich daran nichts. Auch in unseren Tagen finden wir noch zahlreiche Beschränkungen. Sie betreffen insbesondere die Art, Güte und Laufzeit der Wertpapiere, die Zentralbanken erwerben oder die sie als Pfand annehmen dürfen, die Art und Anzahl der Marktteilnehmer, mit denen sie Geschäftsbeziehungen aufnehmen dürfen (zum Beispiel kein direkter Ankauf von Staatspapieren), die Zielsetzung ihrer Tätigkeit (im Eurosystem: Preisniveaustabilität) sowie die Verpflichtung auf eine bankmäßige (ertragsorientierte beziehungsweise kostenpflichtige) Kreditvergabe.

Diese Beschränkungen waren natürlich viel zu vage, um eine expansive Geldpolitik à la Keynes zu unterbinden. Aber sie waren stark genug, um einen totalitären Durchmarsch der Zentralbanken zu verhindern. Das könnte sich nun im Zeichen der „unorthodoxen Geldpolitik“ ändern. Ein Anfang wurde gemacht durch die Nullzinspolitik und den direkten Ankauf von Staatspapieren. Es folgten die fiktive Bewertung von zum Pfand akzeptierten Staatsanleihen und die Billigung der gleichen Praxis durch die Geschäftsbanken. Am Ende dieses Weges steht die völlige Aufgabe des Prinzips der bankmäßigen Geldproduktion. Die Zentralbanken geben dann jeden neuen Euro oder Dollar direkt und kostenlos an die betreffenden Finanzministerien weiter. Zur Staatsverschuldung besteht dann kein Anlass mehr. Wenn überhaupt, wird es sie nur noch in sehr begrenztem Umfang zur Bereicherung einer Gruppe ausgewählter „Gläubiger“ geben. Ohne Zweifel wäre dies ein „unorthodoxer Weg“. Zur Tyrannei.

Eine Lösung gesamtwirtschaftlicher Probleme wäre es sicher nicht.

Dieser Beitrag ist im Magazin „eigentümlich frei“ Nr. 115 erschienen. Die Konditionen für ein Abonnement von „eigentümlich frei“ finden Sie hier.

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Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich und Autor von «Ethik der Geldproduktion» (2007) und «Mises. The Last Knight of Liberalism» (2007).

Lesen Sie auch das Interview mit Prof. Hülsmann: Am Ende steht dann entweder eine Hyperinflation oder eine Währungsreform.

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