Arbeitsbeschaffung kostet Arbeitsplätze

1.10.2012 – von Henry Hazlitt.

Henry Hazlitt

Es gibt gegenwärtig keinen hartnäckigeren und stärkeren Glau­ben in der Welt als den Glauben an die Staatsausgaben. Wo man hinsieht, werden Staatsausgaben als ein Allheilmittel gegen alle unsere wirtschaftlichen Gebrechen hingestellt. Tritt die Privat­wirtschaft in einigen Bereichen auf der Stelle? Mit Staatsausgaben bekommen wir das schon wieder hin. Herrscht Arbeitslosigkeit? Das ist offensichtlich die Folge „ungenügender privater Kauf­kraft“. Und über die Abhilfe gibt es ebenfalls keinen Zweifel. Die Regierung muss nur genug ausgeben, um den „Ausfall“ wieder wettzumachen.

Eine Unmenge Bücher baut auf diesem Irrtum auf. Und wie so oft bei Leitsätzen dieser Art, ist er Teil eines verworrenen Netzes von Trugschlüssen geworden, die sich gegenseitig hochschau­keln. Das ganze Netz lässt sich an dieser Stelle nicht erklären, aber wir werden später auf einige seiner Verästelungen zurückkom­men. Untersuchen können wir hier jedoch den Ur-Irrtum, der all diese Nachkommen in die Welt gesetzt hat, den Stammbaum des gesamten Netzes an Irrtümern.

Alles, was wir außer den unentgeltlichen Gaben der Natur be­kommen, müssen wir in irgendeiner Form bezahlen. Es wimmelt jedoch von sogenannten Wirtschaftsexperten, in deren Köpfen es wiederum von Theorien wimmelt, wie man etwas für nichts bekommen kann. Sie erzählen uns, dass der Staat unentwegt Geld ausgeben kann, ohne auch nur einen Pfennig Steuern erheben zu müssen, dass er immer neue Schulden anhäufen kann, ohne sie je zurückzahlen zu müssen, weil „wir uns das ja selbst schul­den“. Auf diese ausgefallenen Ansichten kommen wir an anderer Stelle zurück. Hier müssen wir, wie ich fürchte, dogmatisch vor­gehen und darauf verweisen, dass angenehme Träume dieser Art bisher noch immer durch Staatsbankrotte oder eine galoppierende Inflation zerstört worden sind. Hier müssen wir einfach festhalten, dass sämtliche Staatsausgaben letztlich aus dem Steu­eraufkommen bezahlt werden müssen, dass die Inflation selbst lediglich eine Sonderform der Besteuerung ist, und zwar eine besonders heimtückische.

Wir stellen also zunächst einmal bis auf weiteres das Netz von Trugschlüssen zurück, die auf der schleichenden Staatsverschul­dung und Inflation beruhen. Im vorliegenden Kapitel sehen wir es als erwiesen an, dass jede vom Staat ausgegebene Mark ent­weder sofort oder später durch eine Mark aus Steuergeldern finanziert werden muss. Sobald wir die Sache so betrachten, er­scheinen die angeblichen Wunder der Staatsausgaben in einem ganz neuen Licht.

In einem gewissen Umfang sind öffentliche Ausgaben notwen­dig, damit der Staat grundlegende Aufgaben erfüllen kann. Auch öffentliche Arbeiten sind in einem gewissen Umfang notwendig, damit wichtige staatliche Dienstleistungen erbracht werden kön­nen – der Bau von Straßen, Brücken und Tunnels, von Rüstungs­betrieben und Marineschulen, von Gebäuden für die Parlamente, die Polizei und die Feuerwehr. Um diese öffentlichen Arbeiten, die um ihrer selbst willen erforderlich sind und allein aus diesem Grund gerechtfertigt sind, geht es mir hier nicht. Mir geht es um die öffentlichen Arbeiten, die als Mittel betrachtet werden, „Arbeitsplätze zu schaffen“ oder der Gemeinschaft zu Wohlstand zu verhelfen, zu dem sie sonst nicht kommen würde.

Eine Brücke wird gebaut. Dagegen lässt sich nichts einwenden, wenn sie gebaut wird, um eine dringende öffentliche Nachfrage zu befriedigen; wenn sie ein ansonsten unlösbares Verkehrs- oder Transportproblem ausräumt; wenn sie, kurz gesagt, für die Steuerzahler insgesamt wichtiger ist als jene Dinge, für die sie sonst einzeln ihr Geld ausgegeben hätten, wenn es nicht durch die Steuer abgeschöpft worden wäre. Aber eine Brücke, die gebaut wird, „um Arbeitsplätze zu schaffen“, ist eine Brücke anderer Art. Wenn das Beschaffen von Arbeitsplätzen der Zweck ist, wird der Bedarf zu einer untergeordneten Frage. „Projekte“ müssen erfun­den werden. Anstatt nur darüber nachzudenken, wo Brücken ge­baut werden müssen, fängt man bei der öffentlichen Hand an, sich darüber Gedanken zu machen, wo man Brücken bauen könnte. Sind für die Beamten triftige Gründe denkbar, warum es zwischen A und B eine Brücke geben sollte? Es wird sehr bald zu einer zwin­genden Notwendigkeit. Und diejenigen, die das bezweifeln, wer­den als rückständige Querulanten abgeschoben.

Zwei Argumente werden für die Brücke vorgebracht. Das eine hört man im allgemeinen, bevor die Brücke gebaut wird, das an­dere meistens, wenn sie fertiggestellt ist. Das erste Argument lau­tet, die Brücke schaffe Arbeitsplätze, gebe beispielsweise 500 Leu­ten ein Jahr lang Arbeit. Es wird stillschweigend unterstellt, dass dies Arbeitsplätze sind, die andernfalls nicht entstanden wären.

Das wird sofort gesehen. Aber wenn wir es uns angewöhnt haben, nicht nur die unmittelbaren, sondern auch die mittelbaren Folgen zu sehen, und nicht nur den Personenkreis, der direkt von dem öffentlichen Projekt profitiert, sondern auch den, der in­direkt betroffen ist, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Es ist richtig, dass einige Brückenarbeiter unter Umständen mehr Arbeit be­kommen als im anderen Fall. Aber die Brücke muss mit Steuer­geldern bezahlt werden. Jede Mark, die für die Brücke ausgegeben wird, wird den Steuerzahlern abgenommen. Wenn die Brücke 10 Millionen Mark kostet, verlieren die Steuerzahler 10 Millionen Mark. Man nimmt ihnen Geld ab, das sie andernfalls für die Dinge ausgegeben hätten, die sie am dringendsten brauchten.

Es ist also für jeden Arbeitsplatz, der durch das öffentliche Brückenbauprojekt geschaffen wurde, irgendwo anders ein pri­vater Arbeitsplatz vernichtet worden. Wir können die bei der Brücke beschäftigten Männer sehen. Wir können ihnen bei der Arbeit zuschauen. Das Beschäftigungsargument der öffentlichen Hand wird augenscheinlich, und für die meisten Menschen wahrscheinlich auch überzeugend. Aber da gibt es noch etwas anderes, das wir nicht sehen, weil bedauerlicherweise verhindert wurde, dass es entsteht. Das sind die Arbeitsplätze, die durch die 10 Millionen Mark vernichtet wurden, die man den Steuerzah­lern abgenommen hat. Bestenfalls hat es also durch das Projekt eine Umlenkung von Beschäftigung gegeben. Mehr Brücken­bauarbeiter – weniger Automobilarbeiter, Fernsehtechniker, Be­schäftigte in der Bekleidungsindustrie, Bauern.

Aber nun zum zweiten Argument. Die Brücke ist fertig. Es ist, wie wir annehmen wollen, eine schöne, keine hässliche Brücke. Die magischen Staatsausgaben haben sie entstehen lassen. Wo wäre sie, wenn es nach den rückständigen Querulanten gegangen wäre? Es gäbe gar keine Brücke. Das Land wäre um eben das ärmer.

Wieder sind hier die staatlichen Stellen, die das Geld bewilli­gen, im Besitz des besseren Arguments, jedenfalls bei denen, die nur das erkennen, was sie leibhaftig vor sich sehen. Sie können die Brücke sehen. Aber wenn sie gelernt haben, die indirekten wie die direkten Folgen zu berücksichtigen, können sie vor ihrem geistigen Auge noch einmal die Möglichkeiten sehen, die nie eine Chance hatten, verwirklicht zu werden. Sie können die nicht ge­bauten Häuser sehen, die nicht produzierten Autos und Wasch­maschinen, die nicht genähten Kleider und Mäntel und vielleicht auch die nicht gewachsenen und nicht verkauften Nahrungsmit­tel. Um diese nicht erzeugten Waren sehen zu können, braucht man eine gewisse Vorstellungskraft, die nur wenige Menschen haben. Wir können uns – vielleicht – diese nicht existierenden Güter vorstellen, aber wir haben sie nicht so augenfällig vor uns wie die Brücke, über die wir jeden Tag fahren. Geschehen ist lediglich dies: ein Produkt ist anstelle anderer entstanden.

Die gleichen Überlegungen gelten selbstverständlich für jede andere Form öffentlicher Arbeiten. So zum Beispiel für den mit öffentlichen Geldern geförderten Bau von Wohnungen für Per­sonen mit geringem Einkommen. Hier geschieht nichts anderes, als daß über die Steuern Familien mit höherem Einkommen Geld abgenommen wird (und zum Teil vielleicht sogar auch Familien mit noch geringerem Einkommen). Sie sollen auf diese Weise gezwungen werden, diese minderbemittelten Familien zu unterstützen, und es ihnen ermöglichen, für die gleiche oder weniger Miete als bisher wohnen zu können.

Ich beabsichtige hier nicht, das Für und Wider des öffentlich geförderten Wohnungsbaus zu diskutieren. Mir geht es lediglich darum, auf den Trugschluss zweier Gedankengänge hinzuweisen, die am häufigsten zugunsten des öffentlich geförderten Woh­nungsbaus ins Spiel gebracht werden. Es ist zum einen das Argu­ment, er „schafft Arbeitsplätze“, zum anderen das, er schafft Wohlstand, der andernfalls nicht entstanden wäre. Beide Argu­mente sind falsch, denn sie übersehen, was durch die Besteue­rung verlorengeht. Zugunsten des öffentlichen Wohnungsbaus erhobene Steuern vernichten in anderen Branchen ebensoviele Arbeitsplätze, wie sie in der Bauwirtschaft schaffen. Andere Folgen sind nicht gebaute privat finanzierte Wohnungen, nicht produzierte Waschmaschinen und Kühlschränke und das Fehlen zahlloser anderer Waren und Dienstleistungen.

Und Gegenargumente, dass beispielsweise der öffentliche Wohnungsbau nicht durch Pauschalzuweisungen finanziert wer­den müsse, sondern nur durch jährliche Mietzuschüsse, werden dadurch nicht stichhaltiger. Das heißt nur, dass die Kosten für den Steuerzahler auf mehrere Jahre verteilt werden und nicht auf einmal anfallen. Aber für die eigentliche Frage sind solche tech­nischen Einzelheiten unerheblich.

Der große psychologische Vorteil, den die Befürworter des öffentlichen Wohnungsbaus haben, besteht darin, dass man die Bauarbeiter bei ihrer Tätigkeit sieht und auch die Häuser, wenn sie fertig sind. Sie werden von Menschen bewohnt, die ihre Freunde stolz durch die Räume führen. Die Arbeitsplätze, die durch die für den Wohnungsbau verwendeten Steuergelder ver­nichtet wurden, werden nicht gesehen, genausowenig wie die Waren und Dienstleistungen, die nie erzeugt werden. Es bedarf schon einer besonderen gedanklichen Anstrengung, und ganz sicher vor allem dann, wenn man die Häuser und die glücklichen Menschen darin sieht, um an den Wohlstand zu denken, der statt dessen nicht geschaffen wurde. Ist es überraschend, wenn die Verfechter des öffentlich geförderten Wohnungsbaus, sobald sie darauf angesprochen werden, solche Einwände als Phantasie­gebilde oder reine Theorie abtun, wo sie doch auf die mit öffent­lichen Mitteln geförderten Häuser zeigen können, die tatsächlich existieren? Das erinnert an eine der Gestalten aus George Ber­nard Shaws Die heilige Johanna, die antwortet, als sie von der pythagoreischen Theorie hört, dass die Erde rund sei und sich um die Sonne drehe: „Was für ein Narr! Hat er denn keine Augen im Kopf?“

Die gleiche Überlegung müssen wir noch einmal auf Groß­projekte anwenden, wie etwa die Tennessee Valley Authority (Staatsprojekt zur allgemeinen Entwicklung des Tennessee-Tals). In diesem Fall ist die Gefahr einer optischen Täuschung allein in­folge der ungeheuren Ausmaße größer als sonst.

Da steht ein mächtiger Staudamm, ein überwältigender Bogen aus Stahl und Beton, „größer als alles, was privates Kapital hätte errichten können“, das goldene Kalb der Photographen, das Paradies der Sozialisten, das am häufigsten verwendete Symbol der Wunder staatlicher Bautätigkeit, staatlichen Besitzes und Wirkens. Da gibt es gewaltige Generatoren und Kraftwerke. Es handelt sich, wie es heißt, um ein ganzes Gebiet, das auf ein höheres wirtschaftliches Niveau gehoben wurde und Industrie- und Gewerbebetriebe anzieht, die andernfalls überhaupt nicht existieren könnten. Und all das wird in den Lobgesängen der Apologeten als ein wirtschaftlicher Reingewinn ohne Gegenpo­sten dargestellt.

Wir müssen an dieser Stelle die Verdienste der Tennessee Valley Authority oder ähnlicher öffentlicher Großprojekte nicht näher beleuchten. Aber diesmal brauchen wir ganz besonders viel Vorstellungskraft, wenn wir uns die Sollseite des Hauptbuchs ansehen. Wenn Einzelpersonen und Gesellschaften Steuern ab­verlangt und diese in einer bestimmten Region des Landes aus­gegeben werden, warum sollte es dann überraschen und als ein Wunder angesehen werden, wenn diese Region vergleichsweise reicher wird? Wir sollten uns daran erinnern, dass dann andere Landesteile entsprechend ärmer werden. Das Projekt, das so groß ist, dass „privates Kapital es nicht hätte errichten können“, ist sehr wohl mit privatem Kapital gebaut worden – dem Kapital näm­lich, das in Form von Steuern enteignet wurde (und falls man sich das Geld geliehen hat, muss man es sich letztlich auch wieder über die Enteignung in Form von Steuern beschaffen). Wieder müssen wir unsere Vorstellungskraft bemühen, um die privaten Kraftwerke zu sehen, die privaten Wohnungen, Schreibmaschi­nen und Fernsehapparate, die nie die Chance hatten, gebaut zu werden, weil den Menschen überall im Land Geld abgenommen wurde, um den photogenen Norris-Damm zu errichten.

Ich habe bewusst die günstigsten Beispiele für Ausgaben der öffentlichen Hand ausgewählt, also diejenigen, die von den staat­lichen Investoren am häufigsten und inbrünstigsten als so drin­gend bezeichnet werden und in der Gunst der Öffentlichkeit ganz oben stehen. Ich habe nicht von den Hunderten von Projekten gesprochen, mit denen Zeit verplempert wird und auf die man sich zwangsläufig in dem Moment einlässt, wo es das Hauptziel ist, „Arbeitsplätze zu schaffen“ und „die Menschen in Brot und Arbeit zu setzen“. Denn dann wird, wie wir gesehen haben, der Nutzen des Projekts selbst unweigerlich zu einer zweitrangigen Frage. Außerdem, je verschwenderischer das Vorhaben und je aufwendiger der Einsatz von Arbeitskräften ist, desto besser eig­net es sich für den Zweck, mehr Beschäftigung zu schaffen. Unter diesen Umständen ist es höchst unwahrscheinlich, dass die von den Bürokraten ausgesuchten Pläne pro ausgegebener Mark den gleichen Nettozuwachs an Reichtum und Wohlfahrt erbringen, wie er von den Steuerzahlern selbst erwirtschaftet worden wäre, wenn man jedem einzelnen von ihnen erlaubt hätte, zu kaufen oder zu tun, was sie gewollt hätten, anstatt sie zu zwingen, Teile ihres Einkommens an den Staat abzutreten.

Auszug aus „Economics“ von Henry Hazlitt – Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des „Olzog-Verlages„.

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Henry Hazlitt (1894 – 1993) war vertraut mit nahezu allen relevanten Denkern im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und gilt als der populärste Intellektuelle und prinzipientreueste Vertreter der Österreichischen Tradition von Ludwig von Mises, F. A. Hayek und Murray N. Rothbard – all jenen, die als die Vordenker ihrer Zeit angesehen werden.

Detmar Doering schreibt in der Einleitung des Buches: Das Buch „Economics“ kann als eine Hommage an Frédéric Bastiat – Hazlitt großes Vorbild – angesehen werden oder wenigstens als eine Aktualisierung. Bastiat hatte die These verfochten, dass man einen guten Ökonomen von einem schlechten dadurch unterscheiden könne, dass Letzterer nur das offenkundig Sichtbare, aber nie die verborgenen Wirkungen sehe. Dies sei der Grund, warum ökonomische Fehlschlüsse bisweilen so populär verbreitet seien.

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