Die Gesellschaft und ihre Reichen: Vorurteile über eine beneidete Minderheit

18. März 2019 – Im Februar ist im FinanzBuchVerlag das Buch Die Gesellschaft und ihre Reichen: Vorurteile über eine beneidete Minderheit, eine internationalen Studie zu Vorurteilen über Reiche, von Rainer Zitelmann erschienen.

Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist promovierter Historiker und Soziologe. Er arbeitete Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin. Danach war er Ressortleiter bei der Tageszeitung „Die Welt“. Im Jahr 2000 gründete er ein Unternehmen zur Kommunikationsberatung in der Immobilienwirtschaft, das er zum Marktführer machte und 2016 verkaufte. Zitelmann hat 22 Bücher geschrieben, die weltweit in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Mit seiner Studie über die „Psychologie der Superreichen“, die vor allem in den USA, Großbritannien und China große Beachtung fand, machte er sich international einen Namen als Reichtumsforscher.

Andreas Marquart hat mit dem Autor über sein Buch gesprochen. Noch mehr Informationen gibt es auf der Internetseite Die Gesellschaft und ihre Reichen.

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Herr Zitelmann, ich möchte mit einem Zitat aus Ludwig von Mises‘ Buch Die Wurzeln des Antikapitalismus starten: „Der Mensch, so sagen sie [die Intellektuellen], war einst glücklich und wohlhabend während der guten, alten Zeit, die der „industriellen Revolution“ vorausging. Jetzt aber, unter dem Kapitalismus, bestehe die weitaus überwiegende Mehrzahl aus hungerleidenden Bettlern, die von rohen Individualisten unbarmherzig ausgebeutet werden.“ Das Zitat hätte gut in Ihr Buch gepasst, oder?

Rainer Zitelmann

Ja, ich bin ohnehin ein großer Anhänger von Mises. In meinem Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ gibt es ein Kapitel „Warum die Intellektuellen den Kapitalismus nicht mögen“. Von Mises und Hayek haben sich beide auch mit diesem Thema befasst und ich habe beide dort ausführlich zitiert. Ich hatte neulich in Tübingen eine Diskussion mit der Kapitalismuskritikerin und taz-Redakteurin Ulrike Herrmann. Im Literaturverzeichnis ihres Buches, das sich mit Wirtschaftsdenken im 20. Jahrhundert befasst, werden 13 Werke von Marx und Engels aufgeführt, aber keines einziges von Mises und auch keines von Hayek. Sie rechtfertigte das damit, Hayek sei ja ein Philosoph, aber kein Ökonom gewesen. Daraufhin meinte ich, mit der gleichen Begründung hätte sie auch Marx weglassen können und fragte dann, wofür Hayek den Nobelpreis bekommen hat.

Welche Rolle spielt bei den Vorurteilen über Reiche eine falsche Vorstellung darüber, wie Wirtschaft funktioniert – Stichwort: Nullsummenglaube?

Der Nullsummenglaube ist die Basis für Neid und für Ressentiments gegen reiche Menschen: Glaubt jemand, eine Zunahme des Reichtums der Reichen führe automatisch dazu, dass es den Nicht-Reichen schlechter gehe, dann empfindet er den Kampf gegen die Armut als gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die Reichen bzw. für eine „Umverteilung“. In unserer Umfrage haben wir das bestätigt: In Deutschland stimmt eine relative Mehrheit (48 Prozent gegen 44 Prozent) der Aussage zu: „Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen übrig.“ In Ostdeutschland stimmen dem sogar 60 Prozent zu und nur 29 Prozent lehnen diesen Nullsummenglauben ab.

Wieviel Schuld geben Sie in diesem Zusammenhang den meinungsbildenden Ökonomen?

Unter den meinungsbildenden Ökonomen sind nicht wenige, die dem Kapitalismus sehr kritisch gegenüberstehen. Regelmäßig betonen diese Ökonomen zwar, sie seien angeblich keine Antikapitalisten. Das behauptet sogar ein so strammer Antikapitalist wie Thomas Picketty von sich, der die Reichen mit exorbitanten Steuern schröpfen möchte. Diese Leute sind unbelehrbar, weil sie von starken Ressentiments geleitet werden. Sogar die zwingende Evidenz historischer Erfahrung ist für die Kapitalismuskritiker unter den Ökonomen kein Argument. Ein Beispiel dafür ist der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und seine Empfehlungen für China. Nachdem China über drei Jahrzehnte erfolgreich war, weil zunehmend der Einfluss des Staates zugunsten der Marktkräfte zurückgedrängt wurde, empfiehlt Stiglitz den Chinesen nun, in Zukunft genau das Gegenteil zu tun, nämlich den Staatseinfluss auszuweiten, den Markt zurückzudrängen und auf mehr Umverteilung zu setzen. Zwar kann auch Stiglitz nicht leugnen: „In der gesamten bisherigen Geschichte ist noch kein Land so schnell gewachsen – und hat so viele Menschen aus der Armut befreit – wie China in den letzten dreißig Jahren.“ Er fügt jedoch hinzu: „…aber wenn China den verschwenderischen materialistischen Lebensstil der USA übernehmen würde, wäre das eine Katastrophe für das Land – und für den Planeten.“

Welche Rolle spielt Neid bei den Vorurteilen über die Reichen?

Zunächst einmal: Kaum jemand gibt zu, dass er neidisch ist. Neidisch sind immer nur die anderen. Deshalb hat es wenig Sinn, in Umfragen direkt zu fragen: „Sind Sie neidisch?“ Die wissenschaftliche Neidforschung sagt, dass der Kern des Neides ist: Man will, dass es dem anderen schlechter geht, auch wenn man selbst keinen Vorteil davon hat. Deshalb gibt es übrigens auch keinen „gutartigen“, anspornenden Neid, wie manchmal behauptet wird. Wir haben den Befragten Dutzende Aussagen vorgelegt, aber insbesondere die Beantwortung von drei unserer Fragen zeigte, wie neidisch die Menschen sind.

Welche Fragen waren das?

Die ersten beiden Fragen zielten darauf, dass reichen Menschen etwas weggenommen wird, auch wenn man selbst oder andere keinen Vorteil davon haben: „Ich fände es gerecht, wenn die Steuern für Millionäre stark erhöht würden, auch wenn ich dadurch persönlich keinen Vorteil hätte“ und: „Ich wäre dafür, die Gehälter von Managern, die sehr viel verdienen, drastisch zu kürzen und das Geld an die Angestellten der Unternehmen zu verteilen, auch wenn diese dadurch vielleicht nur ein paar Euro im Monat mehr bekämen“. Die dritte Frage zielt auf Schadenfreude, da Schadenfreude und Neid eng verknüpft sind: „Wenn ich höre, dass ein Millionär mal durch ein riskantes Geschäft viel Geld verloren hat, denke ich: das geschieht dem Recht.“ Wer zwei oder drei dieser Aussagen unterstützt, gehört zur Gruppe der „Neider“. Das wird auch dadurch belegt, dass diese Personen bei allen anderen Fragen ganz ähnlich antworten. Vom harten Kern der Neider sagen zum Beispiel in Deutschland 71 Prozent, Reiche seien zwar gut im Geldverdienen, aber in der Regel keine anständigen Menschen. Dagegen stimmen bei Nicht-Neidern (also von Personen, die alle drei Aussagen verneint haben) nur 13 Prozent dieser Aussage zu.

Konnten Sie feststellen, ob ein stark oder weniger stark ausgebauter Wohlfahrtsstaat zu Unterschieden beim Blick auf Reiche führt?

Wir haben einen Sozialneidkoeffizienten entwickelt, der zeigt, wie das Verhältnis von Neidern zu Nicht-Neidern in einer Gesellschaft ist bzw., vereinfacht ausgedrückt: Wie neidisch die Bevölkerung eines Landes ist. Am stärksten ausgeprägt ist der Sozialneid gegen Reiche in Frankreich, gefolgt von Deutschland. Dagegen gehören in Großbritannien und den USA etwa die Hälfte der Menschen zu den „Nicht-Neidern“ und nur jeder fünfte gehört in diesen beiden Ländern zur Gruppe der Neider. Zumindest für diese vier Länder kann man feststellen, dass Vorurteile gegen Reiche und der Sozialneid in den Ländern mit stark ausgebautem Wohlfahrtsstaat stärker ausgeprägt sind.

Welchen Eindruck haben Sie persönlich aufgrund Ihrer Untersuchungen gewonnen, inwieweit die Politik die Vorurteile der Menschen gegenüber Reichen für ihre Zwecke nutzt?

Unsere Umfrage zeigt, dass Sozialneid besonders bei Anhängern von Linken, SPD und AfD stark ausgeprägt ist. Ein Beispiel: Dem Nullsummenglauben („Je mehr die Reichen haben, desto weniger bleibt für die Armen“) hängen 72 Prozent der Anhänger der Linken an, 59 Prozent der AfD-Anhänger und 55 Prozent der SPD-Anhänger. Unter den Anhängern der CDU/CSU und der FDP sind dagegen nur 36 bzw. 37 Prozent Nullsummengläubige.

Heizt die Politik die Stimmung vielleicht sogar noch an?

Im dritten Teil des Buches analysiere ich die Darstellung von Reichen in den Medien. Dieser Teil des Buches ist besonders interessant. Aber obwohl alle Medien über die Umfragen dieses Buches sehr ausführlich berichtet haben, fand dieser Teil (aus nachvollziehbaren Gründen) keinerlei Beachtung in der medialen Berichterstattung. Forscher haben Beiträge aus führenden überregionalen und regionalen Medien ausgewertet, und 83 Prozent der Berichte über Reiche hatten eine negative Tendenz. Wenn Politiker in Artikeln zitiert wurden, fielen sogar 90 Prozent der Äußerungen über Reiche negativ aus. Besonders nach der Finanzkrise heizten Politiker mit Parolen gegen „gierige Manager“, „gierige Banker“ und allgemein gegen „die Superreichen“ die Stimmung an.

Reiche werden ja oft zu Sündenböcken für Fehlentwicklungen gemacht…

Ja, und dies ist in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Der Aussage „Superreiche, die immer mehr Macht wollen, sind schuld an vielen Problemen auf der Welt, z.B. an Finanzkrisen oder humanitären Krisen“ stimmen in Deutschland 50 Prozent der Befragten zu. In den USA sind es nur 25 Prozent und in Großbritannien sogar nur 21 Prozent. In Frankreich stimmen 33 Prozent zu. Ich sehe die Gefahr, dass bei einem erneuten Aufflackern der Finanz- und Eurokrise (beide sind ja keineswegs vorbei) in Deutschland die Bereitschaft der Politik am größten ist, Reiche als Sündenbock an den Pranger zu stellen. In der Geschichte war es ja schon immer so, dass Menschen für komplexe negative Ereignisse, die sie sich nicht erklären konnten, Minderheiten als Sündenbock gesucht haben…

… weshalb sich der Publizist Rudolf Augstein sogar berechtigt sah, einen Artikel mit der Überschrift „Zur Hölle mit den Reichen“ zu verfassen …

Ich stelle mir bei so etwas immer vor: Was wäre, wenn in einem führenden Nachrichtenmagazin oder einer führenden Tageszeitung ein Artikel mit Überschriften wie diesen erschienen wäre?: „Zur Hölle mit den Moslems“ oder „Zur Hölle mit den Schwarzen“. Zum Glück völlig undenkbar. Aber Reiche sind die einzige Minderheit in der Gesellschaft, gegen die man hetzen kann und die man diffamieren darf, ohne befürchten zu müssen, dass sich jemand darüber aufregt. Daran will ich etwas ändern. Die Reichen sind jedoch auch selbst schuld, weil sie sich abkapseln, weil sie zu defensiv sind und sich nicht wehren. Auch das hatte bekanntlich bereits von Mises kritisiert.

Vielen Dank, Herr Zitelmann.

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Hier sehen Sie den Vortrag von Rainer Zitelmann auf dem diesjährigen Roland-Baader-Treffen.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © fergregory – Fotolia.com

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