„Die Zentralbankräte werden immer mehr Geld drucken“

18.5.2012 – Professor Dr. Thorsten Polleit im Interview mit misesinfo.

Herr Polleit, zu Beginn eine elementare Frage, die Ihnen sicherlich schon unzählige Male gestellt wurde und die Sie bestimmt auch „im Schlaf“ beantworten könnten. Die meisten Menschen wüssten hierauf aber wahrscheinlich keine Antwort. Was ist Geld?

Geld ist das allgemeine, universell akzeptierte Tauschmittel. Es ist das Gut, das sich am besten und einfachsten gegen andere Güter eintauschen lässt.

Prof. Dr. Thorsten Polleit

Sie unterscheiden in Ihren Veröffentlichungen immer wieder zwischen „Gutem Geld“ und „Schlechtem Geld“. Was ist darunter zu verstehen?

Gutes Geld ist Geld, dass sich im freien Wettbewerb, also durch das freie Angebot von und die freie Nachfrage nach Geld herausbildet. Es steht so im Einklang mit den ökonomischen und ethischen Prinzipien der Marktwirtschaft: also im Kern die Wahrung der Eigentumsrechte aller Marktteilnehmer. Schlechtes Geld ist Geld, das unter Verletzung der ökonomisch-ethischen Prinzipien der Marktwirtschaft in Umlauf gebracht wird. Das staatliche Papier- oder Fiat-Geld ist daher schlechtes Geld: Es ist Monopolgeld, wird mit Privilegien ausgestattet (wie dem Status „gesetzliches Zahlungsmittel“) und per Kreditvergabe „aus dem Nichts“ geschaffen, was ökonomisch gesehen einer „legalisierten Geldfälschung“ gleichkommt.

In Ihrem Buch „Geldreform“, das Sie gemeinsam mit Michael von Prollius verfasst haben, schreiben Sie, dass bei einem Übergang zu „Gutem Geld“ ein erheblicher Tauschverlust des Staatsgeldes zum Vorschein käme und bezeichnen diesen Tauschverlust als unwiderruflich aufgelaufen. Mit „unwiderruflich“ treffen Sie eine klare Aussage – was könnte Auslöser dafür sein, dass dieser Tauschverlust zu Tage tritt?

Vor allem zwei Auslöser sind denkbar. Zum einen, dass die Regierungen sich entscheiden, zur währungshistorischen Normalität zurückzukehren und die Papierwährungen wieder im Gold verankern. Zum anderen, dass die Geldnachfrage zurückgeht, weil die Geldhalter das Vertrauen in die Werthaltigkeit des Papiergeldes verlieren.

Wie hoch könnte dieser „Tauschverlust“ sein?

Das lässt sich a priori nicht exakt beantworten, aber ein Beispiel mag helfen, den Sachverhalt zu durchdenken. Würde zum Beispiel der US-Dollar zu 100% mit den offiziellen Goldbeständen der Fed bzw. des US-Schatzamtes gedeckt, so ergäbe sich ein Deckungsverhältnis in Höhe von derzeit mehr als 8000 US-Dollar pro Feinunze, bei 40% Deckung in Höhe von 3500 US-Dollar. Die Tauschkraft einer Feinunze Gold wäre folglich enorm hoch relativ zu anderen Gütern. Sie würde aber wohl nicht dauerhaft so hoch bleiben, weil sich vermutlich nachfolgend die „relativen Preise“ wieder anpassen würden. Und das bedeutet, andere Güterpreise werden dann relativ zum US-Dollar-Goldpreis ansteigen. In unserem Beispiel gedacht, wäre bei einer 100% Deckung mit einem Preisanstieg aller Güter in Höhe von 400% zu rechnen, bei 40% mit 150%. Das wäre beträchtlich: Allein eine Erhöhung der Preise um 150% beraubt die Kaufkraft einer Geldeinheit bereits um 60%!

Ludwig von Mises schreibt in seinem Werk „Nationalökonomie“: „Wenn ein Gut Geld bleiben soll, darf die öffentliche Meinung nicht glauben, dass mit einer schnellen und unaufhaltsamen Vermehrung seiner Menge zu rechnen ist.“ Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Öffentlichkeit genau das glaubt?

Die breite Öffentlichkeit scheint nach wie vor großes Vertrauen in die Werthaltigkeit des Papiergeldes zu haben. Der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise, die ja im Kern für eine Krise des Papiergeldes steht, hat daran nichts geändert. Ich fürchte, für viele wird es ein böses Erwachen geben.

Angenommen, die breite Öffentlichkeit würde die Schwere der Krise doch erkennen und das Vertrauen in das Papiergeld ginge schneller als erwartet verloren. Wie hätte man sich ein solches Szenario vorzustellen?

Die Geldnachfrage – also die Bereitschaft, Geld zu halten – nimmt zunächst ab. Im Markt steigt das Angebot von Geld, spiegelbildlich steigt die Nachfrage nach anderen Gütern wie zum Beispiel Aktien, Häuser, Gold- und Silbermünzen, Kunstwerken. Die Folge: Die Preise steigen, die Kaufkraft des Geldes schwindet. Wie weit die Preise steigen, hängt von der Erwartung der Marktakteure ab, wie stark die Zentralbank die Geldmenge ausweiten wird. Wird zum Beispiel eine hohe, aber letztlich begrenzte Geldmengenausweitung erwartet (z. B. eine Verdoppelung), so ist damit zu rechnen, dass die Geldentwertung auch stark ausfällt (die Kaufkraft des Geldes sich also halbiert), und die Geldnachfrage sich danach wieder normalisiert. Wenn jedoch erwartet wird, dass die Zentralbank die Geldmenge immer stärker und stärker ausweitet, käme es zu einer – wie Ludwig von Mises es nannte – „Katastrophen-Hausse“: einer Flucht aus dem Geld, bei der es sogar geschehen kann, dass Geld aufhört Geld zu sein. Letzteres geschah zum Beispiel im Deutschen Reich im Zuge der Hyperinflation 1923, durch die die Kaufkraft der Papier-Reichsmark nicht nur drastisch entwertet, sondern gänzlich zerstört wurde.

Wie würden die Notenbanken reagieren?

Die Zentralbankräte haben die Wahl, Staaten und Banken und Unternehmen und Konsumenten pleite gehen zu lassen, oder immer neues Geld zu drucken, um Pleiten von Staaten und Banken und Unternehmen und Konsumenten zumindest vorübergehend abzuwenden. Beides wird jedoch letztlich in eine Rezession-Depression münden. Wenn allerdings zunächst immer mehr Geld gedruckt wird, um der Depression zu entkommen, werden die Krisenkosten immer weiter in die Höhe getrieben, und auch der Geldwert wird immer stärker zerstört. Die Zentralbankräte werden immer mehr Geld drucken, befürchte ich.

Wenn der Geldwert zerstört würde, würden dann nicht auch globale Handelsbeziehungen oder die internationale Arbeitsteilung sofort in sich zusammenbrechen?

Sicher, Inflation schädigt die produktive Wirkung des Geldes, national wie international. Aktuell ist die Gefahr groß, dass es zwischen den großen Währungsräumen – USA, Euroraum, Japan und Großbritannien – zu einer „Inflationspolitik im Gleichschritt“ kommt. Die Regierenden wollen natürlich „Extremszenarien“ ausweichen, also Hyperinflation und Depression vermeiden. Die Geldentwertung soll durch weitreichende Markteingriffe – wie Zins- und Preiskontrollen, möglicherweise auch Handels- und Kapitalverkehrsrestriktionen – möglich gemacht werden. All das schädigt die internationale Arbeitsteilung und Prosperität.

Inwieweit könnte eine Privatisierung des Geldes oder in Friedrich A. Hayeks Worten gesprochen – eine „Entnationalisierung des Geldes“ – helfen, diese zu befürchtenden „Extremszenarien“ abzumildern?

Das Zulassen eines Währungswettbewerbs erscheint mir die produktivste Empfehlung in dieser Situation. Die Marktakteure hätten dann freie Wahl. Sie könnten dasjenige Geld, das sie als das relativ beste erachten, ob Euro, US-Dollar oder andere Papierwährungen, oder Edelmetalle oder was auch immer. Ein Währungswettbewerb würde zudem den disziplinierenden Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhen, keine zügellose Inflationspolitik zu betreiben. Denn eine inflationstreibende Politik würde den Euro für alle sichtbar gegenüber anderen Währungen im Wettbewerb abwerten und seine Verwendung unattraktiver machen. Ein Wettbewerb der Währungen würde folglich den Anreiz erhöhen, bei Überschuldung zu einem Schuldenerlass und nicht zu einer Inflationspolitik zu greifen, die absehbar mit sehr hohen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden wäre.

Papierwährungen gegen Edelmetalle – ein zweifellos ungleiches Duell. Dieser Wettbewerb dürfte einen klaren Sieger haben, oder?

Der Wettbewerb ist bekanntlich ein Entdeckungsverfahren, so dass sich vorab nicht mit Sicherheit sagen lässt, was sich als Geld etablieren wird. Aufgrund der physischen Eigenschaften, die ein Medium erfüllen muss, um als Geld akzeptiert zu werden, vermute ich, Gold und Silber würden präferiert. Man könnte nun auf den Gedanken kommen, dass in einer Welt des Währungswettbewerbs ungedecktes Papiergeld neben Sachgeld existieren könnte. Und das erschiene in der Tat mit Blick auf die Geldnachfrage zunächst denkbar. Doch eigentumsrechtliche Erwägungen sprechen dagegen: Ungedecktes Papiergeld, das im Bank-Teilreservesystem ausgegeben wird, ist de facto betrügerisch, es lässt sich in einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, in der das Privateigentum geschützt wird, nicht legitimieren und fortführen. Ein Währungswettbewerb führt die Gesundung des Geldwesens gewissermaßen evolutorisch herbei.

„…lässt sich nicht fortführen“ heißt in anderen Worten ausgedrückt, dass das Papiergeldsystem nicht überleben wird oder kann. Wie viel Zeit bleibt noch?

Ich weiß es nicht. Da aber der Zerfall des Papiergeldsystems in seiner jetzigen Form begonnen hat und sich beschleunigt immer weiter fortsetzt, kann ich mir vorstellen, dass sich bereits in 2 bis 3 Jahren die Weltgeldarchitektur drastisch verändert hat. Das Papiergeldsystem vor dem Absturz zu bewahren, wird immer weiter reichende Eingriffe in die privaten Freiheiten und Eigentumsrechte erforderlich machen. Zunächst wird wohl versucht, den weltweiten Währungswettbewerb zu reduzieren, indem die Geldpolitiken der unterschiedlichen Währungsräume vereinheitlicht werden. Das kann natürlich zunächst die reformerischen Kräfte des Marktes abbremsen.

Vielen Dank, Herr Polleit.

Thorsten Polleit, 44, ist Chefökonom der Degussa Goldhandel GmbH und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. In 2012 erhielt er den P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship. Seine Website ist: www.thorsten-polleit.com

Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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