Im Abwärtsstrudel des Kulturmarxismus

21. November 2018 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Seit den 1960er Jahren hat die neomarxistische Strömung des „kulturellen Marxismus“ immer mehr an Einfluss gewonnen. Zuerst mit viel Fanfaren während der Studentenrebellion verbreitet, hat sich die Bewegung seither auf den „Marsch durch die Institutionen“ gemacht. Heute sind Teile der Medien, der Universitäten und selbst des Justizsystems in der Hand der Kulturmarxisten. Die Übernahme vollzog sich sanft und schrittweise, so dass der Vorgang kaum große Beachtung fand. Erst in jüngerer Zeit – nicht zuletzt seit Beginn der Flüchtlingskrise – ist die meinungsbildende Macht der Kulturmarxisten unübersehbar geworden. 

Neomarxismus

Ein anderer Name für kulturellen Marxismus ist Neomarxismus. Diese Theorie besagt, dass die treibende Kraft für die sozialistische Revolution nicht das Proletariat sei, sondern die Intellektuellen. Während der Marxismus weitgehend aus der Arbeiterbewegung verschwunden ist, blüht die marxistische Theorie heute in der Kultur, in der akademischen Welt und in den Massenmedien. Dieser „Kulturmarxismus“ geht auf Antonio Gramsci (1891-1937) und die Frankfurter Schule zurück.

Die Theoretiker des Marxismus erkannten, dass das Proletariat nicht die erwartete historische Rolle als „revolutionäres Subjekt“ spielen würde. Damit die Revolution trotzdem stattfinden kann, muss die Bewegung von den Kulturschaffenden geleitet werden. Die Aufgabe dieser Revolutionsführer ist nicht der gewaltsame Umsturz, sondern der kulturelle Wandel. Wenn dieser bewerkstelligt ist, fällt die Macht gleichsam wie ein reifer Apfel in die Hände dieser Kulturelite.

Auf dem Weg zur Machtübernahme durch die Linksintellektuellen müssen die alten Kulturträger beseitigt werden. Dies bedeutet einen langanhaltenden Kampf gegen die bestehende, hauptsächlich christliche Kultur und Moral. Diese gilt es zu zerstören, um dann die orientierungslosen Massen zum Kommunismus als ihr neues Glaubensbekenntnis zu treiben. Ziel dieser Bewegung ist es, eine Weltregierung zu etablieren, in der die marxistischen Intellektuellen das Sagen haben. In diesem Sinne sind die kulturellen Marxisten die Fortsetzung dessen, was mit der russischen Revolution begann. Urvater der Kulturmarxisten ist Wladimir Lenin. Wie kein anderer vor ihm verkörpert Lenin den Geist dieser Bewegung.

Unter der Führung Lenins betrachteten die Revolutionsführer ihren Sieg als den ersten Schritt zur Weltrevolution. Die russische Revolution war weder russisch noch proletarisch. Im Jahr 1917 stellten die Industriearbeiter in Russland nur einen kleinen Teil der Arbeitskräfte. Die große Mehrheit bestand aus abhängigen Bauern. Die russische Revolution war nicht das Ergebnis einer Arbeiterbewegung, sondern einer Gruppe professioneller Revolutionäre. Ein Blick auf die Zusammensetzung der bolschewistischen Partei und der ersten Regierungen des Sowjetstaates und seines Repressionsapparates offenbart den wahren Charakter der Sowjetrevolution als ein Projekt, das nicht darauf abzielte, das russische Volk vom zaristischen Joch zu befreien, sondern als Startrampe für die Weltrevolution zu dienen.

Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und seiner Nachwirkungen zeigten, dass das marxistische Konzept des „Proletariats“ als revolutionäre Kraft eine Illusion war. Am Beispiel der Sowjetunion konnte man auch sehen, dass der Sozialismus ohne Diktatur nicht funktionieren kann. Diese Überlegungen brachten führende marxistische Denker zu dem Schluss, dass eine andere Strategie erforderlich sei, um den Sozialismus zu etablieren. Diese kommunistischen Autoren erarbeiteten die These, dass die sozialistische Bewegung getarnt werden müsse, um erfolgreich zu sein. Bevor der Sozialismus erfolgreich sein kann, muss man die bestehende Kultur ändern. Gedankenkontrolle muss der politischen Kontrolle vorausgehen. Dieser Vorgang erfordert eine bürgerliche Tarnung, denn offen vorgetragen würde sich die Masse nicht dem Kulturmarxismus beugen. Aber zureichend verschleiert und mit der entsprechenden Zielstrebigkeit verfolgt, würde sich das Ziel erreichen lassen.

Der Aufstieg des Neo-Marxismus zur neuen politischen Kultur des Westens geschah parallel zum Eingriff des Staates in die individuellen Freiheiten. Während der letzten Jahrzehnte, in denen die Diktatur der politischen Korrektheit zugenommen hat, haben die Regierungen auch ein riesiges Arsenal an repressiven Instrumenten erhalten. In dem Ausmaß wie die Meinungsfreiheit eingeschränkt wurde, hat der Überwachungsstaat aufgerüstet.

Opium der Intellektuellen

Marxgläubige finden sich typischerweise vor allem in den Universitäten. Denn die Arbeiter sind schließlich ein Teil der wirtschaftlichen Realität des Produktionsprozesses und so wissen die meisten, dass die sozialistischen Versprechen Hirngespinste sind. Nirgends hat sich der Sozialismus als Ergebnis einer Arbeiterbewegung etabliert. Die Arbeiter waren nie die Täter des Sozialismus, sondern immer seine Opfer. Die Führer der Revolution waren intellektuelle Parteipolitiker und Militärs. Es lag an den Schriftstellern und Künstlern, die Brutalität der sozialistischen Regime durch Artikel, Bücher und durch Filme, Lieder und Gemälde zu verbergen und dem Sozialismus einen wissenschaftlich-intellektuellen, ästhetischen und moralischen Anstrich zu geben.

In der sozialistischen Propaganda scheint das neue System fair und produktiv zu sein. Die kulturellen Marxisten glauben, dass sie eines Tages die alleinigen Machthaber sein werden und in der Lage sein werden, den Massen das Leben und das Denken zu diktieren.

Doch die neomarxistischen Intellektuellen stehen vor einer großen Überraschung. Wenn der Sozialismus tatsächlich kommen sollte, wird die „Diktatur der Intellektuellen“ alles andere als gutartig sein. Nicht viel anders als nach der Machtergreifung der Sowjets werden die Intellektuellen eines der Hauptopfer sein – so wie es in der französischen Revolution geschehen ist, die der erste Versuch einer Revolution der Intellektuellen war. Es dauerte nicht lange und die Dämonen der Macht eroberten das Projekt. Die Guillotine hörte jahrelang nicht auf, ihren Job zu machen, und viele der Opfer waren prominente Intellektuelle (unter ihnen Robespierre).

Anders als Marx behauptete, ist die Geschichte nicht vorherbestimmt. Der Marsch durch die Institutionen ist weit gegangen, aber es gibt noch keine vollständige Übernahme der Macht. Es ist noch Zeit, den Kurs zu ändern. Um der Bewegung entgegenzuwirken, muss man die inhärente Schwäche des kulturellen Marxismus beachten. In dem Maße, in dem die Neomarxisten den klassischen Marxismus veränderten und seine Grundprinzipien (Vertiefung der Proletarisierung, historischer Determinismus, totaler Zusammenbruch des Kapitalismus) zu überwinden suchten, wurde die Bewegung noch utopischer als der Sozialismus zuvor war. Als Teil der Neuen Linken propagieren die „demokratischen Sozialisten“ der Gegenwart ein Durcheinander widersprüchlicher Positionen. Wegen des Charakters dieser Bewegung als Förderer permanenter Gruppenkonflikte ist der Neomarxismus zur Herrschaft untauglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bewegung keine Auswirkungen hat. Im Gegenteil: Wegen ihrer inhärenten Widersprüche ist die Ideologie der Neomarxisten die Hauptursache für die tiefgreifende Verwirrung, die fast jeden Teil der modernen westlichen Gesellschaften erfasst hat und die inzwischen psychotische Dimension erreicht hat.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

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Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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