Freiheit und Eigentum

von Friedrich A. Hayek

Friedrich A. Hayek

Bezeichnenderweise ist einer der häufigsten Vorwürfe, die dem Wettbewerbssystem gemacht werden, der, daß es „blind“ sei. Es ist kein Zufall, daß im Altertum die Blindheit ein Attribut der Göttin der Gerechtigkeit war. Konkurrenz und Gerechtig­keit mögen zwar sonst wenig gemeinsam haben, aber es emp­fiehlt die eine ebenso sehr wie die andere, daß beide ohne An­sehung der Person vorgehen. Es ist wichtig, daß eine Voraussa­ge darüber unmöglich sein muß, wer Erfolg und wer Mißerfolg haben wird, und daß Belohnungen und Strafen sich nicht nach der Privatansicht eines einzelnen über Würdigkeit und Unwür­digkeit der verschiedenen Personen richten, sondern von dem Können und dem Glück der Betreffenden abhängen müssen. Und ebenso wichtig ist es, daß man bei der Aufstellung recht­licher Normen außerstande sein muß, vorauszusagen, welche bestimmte Person einen Prozeß gewinnen und welche ihn ver­lieren wird. Und daran ändert auch der Umstand nichts, daß un­ter dem Wettbewerbssystem Zufall und Glück für das Schick­sal der verschiedenen Individuen oft eine ebenso wichtige Rol­le spielen wie Geschick und Voraussicht.

Wir haben die Wahl nicht zwischen einem System, in dem jeder erhält, was ihm nach irgendeinem absoluten und allge­mein gültigen Maßstab zusteht, und einem System, in dem die Anteile der Individuen zum Teil vom Zufall oder vom Glück oder Unglück bestimmt werden sollen. Vielmehr bleibt uns nur die Wahl zwischen einem System, in dem der Wille einiger Per­sonen darüber entscheidet, wer etwas bekommt und was er erhält, und einem solchen, in dem dies mindestens zum Teil von der Fähigkeit und dem Unternehmungsgeist der Betreffenden abhängt und zum anderen Teil von unvorhersehbaren Umstän­den. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß in einer freien Marktwirtschaft die Chancen ungleich sind, da ein solches Sy­stem notwendigerweise auf dem Privateigentum und (dies frei­lich nicht mit gleich unbedingter Notwendigkeit) auf dem Erb­recht beruht und auf der dadurch hervorgerufenen Ungleichheit der Startbedingungen. Das spricht in der Tat in hohem Grade dafür, diese zu vermindern, so weit das möglich ist, ohne den unpersönlichen Charakter jenes Prozesses aufzuheben, in dem jeder seines Glückes Schmied ist und in dem keine Privatan­sicht über das, was recht und wünschenswert ist, andere tyran­nisiert.

Die Tatsache, daß die Chancen, die dem Unbegüterten in ei­ner Marktwirtschaft offenstehen, weit geringer sind als die des Reichen, hat nicht den geringsten Einfluß darauf, daß der Arme in einer solchen Gesellschaft viel freier ist als ein Reicherer un­ter einem anderen Gesellschaftstypus. Gewiß ist in der Markt­wirtschaft die Wahrscheinlichkeit des Reichwerdens für einen Armen weit geringer als für jemanden, der Vermögen geerbt hat. Abgesehen davon aber, daß auch der Arme reich werden kann, ist die Marktwirtschaft das einzige Wirtschaftssystem, in dem dies lediglich von ihm und nicht von der Gunst der Mäch­tigen abhängt und in dem niemand ihn an dem Versuch hindern kann, reich zu werden. Nur weil wir nicht mehr wissen, was Un­freiheit ist, übersehen wir häufig die offenkundige Tatsache, daß ein schlecht bezahlter ungelernter Arbeiter in England in jeder Beziehung, auf die es ankommt, mehr Freiheit hat, sein Leben selbst zu gestalten, als mancher kleine Unternehmer in Deutsch­land oder ein weit besser bezahlter Ingenieur oder Fabrikdi­rektor in Rußland. Ob es sich für ihn darum handelt, seine Ar­beitsstelle oder seinen Wohnsitz zu wechseln, sich zu gewissen Anschauungen zu bekennen oder seine Freizeit in einer be­stimmten Weise zu verbringen, so ist vielleicht zuweilen der Preis, den er zahlen muß, um seinen Neigungen zu folgen, hoch, und vielen mag er sogar zu hoch erscheinen; indessen gibt es keine absoluten Hindernisse, keine Gefahren für seine Sicher­heit und Freiheit, die ihn durch rohe Gewalt an seine Arbeit und seine Umgebung fesselten, die ihm von einem Vorgesetzten zu­gewiesen sind.

Es ist wahr, daß dem Gerechtigkeitsideal der meisten So­zialisten bereits Genüge getan wäre, wenn lediglich das priva­te Kapitaleinkommen abgeschafft würde, ohne daß sich an den Unterschieden zwischen den Arbeitseinkommen etwas än­dert.[1]Diese Leute vergessen nur, daß sie durch Übertragung des gesamten Eigentums an den Produktionsmitteln auf den Staat diesen in eine Lage versetzen, in der seine Politik tatsächlich alle anderen Einkommen bestimmen muß. Die dem Staat überantwortete Macht und die Forderung ihrer „plan­gemäßen“ Verwendung bedeutet nichts anderes, als daß er sie im vollen Bewußtsein all dieser Wirkungen einsetzen soll.

Es wäre falsch, anzunehmen, daß es sich um eine bloße Ver­schiebung der Macht vom Individuum auf den Staat handelt. Es ist vielmehr Macht, die neu geschaffen wird und die in der Marktwirtschaft niemand besitzt. Solange das Eigentum sich auf viele Besitzer verteilt, hat – da jeder für sich handelt – keiner von ihnen die ausschließliche Macht, das Einkommen und die Stel­lung konkreter Individuen zu bestimmen; man ist nur insoweit an ihn gebunden, als er vielleicht bessere Löhne zahlt als ein an­derer Arbeitgeber.

Unsere Generation hat eben vergessen, daß das System des Pri­vateigentums die wichtigste Garantie für die Freiheit ist, und zwar nicht nur für diejenigen, die Eigentum besitzen, sondern auch fast ebenso sehr für die, die keines haben. Allein aus dem Grunde, weil die Herrschaft über die Produktionsmittel sich auf viele Menschen verteilt, die unabhängig voneinander handeln, sind wir niemand ausgeliefert, so daß wir als Individuen ent­scheiden können, was wir tun und lassen wollen. Befänden sich sämtliche Produktionsmittel in einer einzigen Hand – mag dies nun dem Namen nach die „Gesellschaft“ als Ganzes oder mag dies ein Diktator sein -, dann hätte derjenige, der gerade diese Herrschaft ausübt, uns vollständig in seiner Gewalt. Wer kann im Ernst daran zweifeln, daß ein Angehöriger einer kleinen ethni­schen oder konfessionellen Minderheit auch ohne Eigentum dann, wenn die übrigen Mitglieder seiner Gemeinschaft Eigen­tum besitzen und daher in der Lage sind, ihn zu beschäftigen, freier sein würde als dann, wenn das Privateigentum abgeschafft und er Eigentümer einer nominellen Quote des Gesamteigentums wäre? Und wer würde nicht einsehen, daß ein Multimillionär, der mein Nachbar und vielleicht mein Arbeitgeber ist, weit weniger Macht über mich hat als der kleinste Funktionär, der die Zwangs­gewalt des Staates ausübt und von dessen Belieben es abhängt, ob und unter welchen Bedingungen man mir zu leben und zu arbei­ten erlaubt? Und wer wird leugnen wollen, daß die Welt, in der die Reichen mächtig sind, immer noch besser ist als eine, in der allein die bereits Mächtigen zu Reichtum gelangen können?

Es ist rührend und doch tröstlich zugleich, wenn man sieht, wie ein so prominenter Exkommunist wie Max Eastman die fol­gende Wahrheit wiederentdeckt: „Wenn ich auch lange gebraucht habe, um zu diesem Schluß zu kommen, so ist es mir doch heute klar, daß die Institution des Privateigentums eine der Hauptvoraussetzungen für jenes be­grenzte Maß von Freiheit und Gleichheit ist, die Marx gerade durch Abschaffung dieser Einrichtung ins Ungemessene zu stei­gern hoffte. Seltsamerweise hat Marx dies am klarsten gesehen. Gerade er ist es, der uns im Hinblick auf die Vergangenheit dar­auf aufmerksam gemacht hat, daß die Entwicklung des Privat­kapitalismus und der freien Marktwirtschaft eine Vorbedingung für die Entwicklung aller unserer demokratischen Freiheiten ge­wesen ist. Es ist ihm, wenn er seinen Blick auf die Zukunft lenkte, jedoch nie in den Sinn gekommen, daß unter diesen Um­ständen jene anderen Freiheiten mit der Abschaffung des freien Marktes verschwinden könnten.[2]

[1] Wahrscheinlich überschätzen wir in der Regel den Umfang, in dem die Ungleichheit der Einkommen in der Hauptsache auf Kapital­einkommen zurückzuführen ist, und damit den Umfang, in dem die größten Ungleichheiten durch Abschaffung des Kapitaleinkommens beseitigt werden würden. Die wenigen Informationen, die wir über die Einkommensverteilung in Sowjetrußland besitzen, lassen nicht gerade darauf schließen, daß die Ungleichheit dort wesentlich geringer ist als in einer kapitalistischen Gesellschaft. Max Eastman (The End of Socialism in Russia, 1937, S. 30-34) macht Angaben nach offiziellen russischen Quellen, die vermuten lassen, daß der Unterschied zwischen den höchsten und den niedrigsten in Rußland gezahlten Gehältern sich in derselben Größenordnung bewegt (ungefähr 50: 1) wie in den Verei­nigten Staaten; und nach einem von James Burnham zitierten Artikel (The Managerial Revolution, 1941, S. 43) schätzte Trotzki noch 1939, daß „die obersten 11 oder 12 % der Sowjetbevölkerung jetzt etwa 50 % des Nationaleinkommens erhalten. Die Spanne ist größer als in den Vereinigten Staaten, wo auf die oberen 10 % der Bevölkerung ungefähr 35 % des Volkseinkommens entfallen.“

[2] Max Eastman in The Reader’s Digest, Juli 1941, S. 39

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Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des OLZOG Verlags.

aus „Der Weg zur Knechtschaft“ von Friedrich A. Hayek, erschienen im OLZOG Verlag, ISBN 978-3-7892-8362-8, €39,90


 

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