Die Papiergeldmisere

7.4.2012 – Währungspolitik: Die Hauptursache für die anhaltende internationale Finanz- und Wirtschaftskrise liegt in der Un-Ordnung des Geldwesens.

von Thorsten Polleit.

Thorsten Polleit

Die Ursachen für die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise sind nicht, wie oft diagnostiziert wird, ungezügelte Kapitalmärkte, überzogene Risikospekulation und Gier. Sie sind bestenfalls Symptome für die Ursache des Debakels, die in der (Un-)Ordnung des Geldwesens zu erblicken ist: dem „Papiergeld“, das auch als „Fiat“-Geld (lateinisch für: „es geschehe“) bezeichnet wird. Es zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: Staatliche Zentralbanken produzieren das Fiat-Geld, für das Annahmezwang besteht; es ist damit Staatszwangsgeld. Zweitens: Es ist innerlich wertloses Geld, meist in Form von beliebig vermehrbarem Papierzetteln und Einträgen auf Computerfestplatten. Drittens: Fiat-Geld entsteht durch „Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts“: Vergibt eine Bank einen Kredit, wird nicht etwa vorhandenes Geld vom Sparer zum Investor transferiert, sondern die Geldmenge ausgeweitet.

Kriegsfinanzierung mit der Druckerpresse

Das Fiat-Geld ist nicht durch die freien Marktkräfte entstanden, sondern handfeste interventionistische Motive standen Pate bei seiner Entstehung und Verbreitung. Es war am 15. August 1971, als Präsident Richard Nixon verkündete, der US-Dollar sei von nun an nicht mehr eintauschbar in physisches Gold. Wie kam es dazu? Die Amerikaner hatten ihre Kriegsführung in Korea und Vietnam mit dem Ausweiten der heimischen Papier-Dollar-Geldmenge finanziert. Die Furcht vor Inflation bewog nun immer mehr Ausländer, ihre Dollar in Gold einzutauschen und das Gold außer Landes zu schaffen. Der US-Goldvorrat schmolz daher wie Schnee in der Sonne. Um die eigene Zahlungsunfähigkeit in Gold abzuwenden, entschloß sich Amerika, die Goldeinlösepflicht ihrer Währung gänzlich aufzuheben.

Diese Maßnahme – der wohl größte monetäre Enteignungsakt der modernen Geldgeschichte – hatte weitreichende Folgen. Denn da damals im (1944 vereinbarten) „System von Bretton Woods“ alle anderen Währungen – wie D-Mark, Franc oder Pfund – mit einem festen Wechselkurs an den Greenback gebunden und in US-Dollar eintauschbar waren, wurde auch ihnen die Golddeckung entzogen. Dadurch wurden alle wichtigen Währungen zu ungedecktem Fiat-Geld. In vielen Ländern stieß das Ende der Goldbindung durchaus auf politische Zustimmung. Es war die Hochzeit des sozialdemokratischen Sozialismus: Konjunktursteuerung und Wohlfahrts- und Umverteilungsstaat standen hoch im Kurs, und ihrer Verwirklichung stand eine Goldbindung des Geldes, durch die sich die Geldmenge nicht beliebig manipulieren ließ, entgegen.

Es waren ideologisch-politische, nicht aber ökonomisch-ethische Argumente, die die Goldbindung der Währung diskreditierten und mit denen der Übergang zum Fiat-Geld legitimiert wurde. Das Fiat-Geld ist dabei nicht zuletzt ein Kind des demokratischen Wahlsystems. Bekanntlich gelangen hier diejenigen an die Macht, die die Stimmenmehrheit erlangen. Letzteres erfordert, Wählern Wohltaten zukommen zu lassen (die diese selbst nicht erarbeiten wollen oder können). Finanzieren läßt sich das am besten auf Pump, was besonders attraktiv ist, wenn die Regierenden Zugriff auf die Geldproduktion haben, und wenn das Geld per Kredit in Umlauf gebracht werden kann. Und so ist nicht verwunderlich, daß in allen demokratisch-parlamentarisch verfaßten Regimen mittlerweile das Sach- oder Waren-Geld (in Form von Gold und Silber) durch Fiat-Geld ersetzt wurde.

Wohl kein anderer Zweig der Volkswirtschaftslehre hat sich so intensiv mit dem Fiat-Geld, seiner Rolle für den Konjunkturzyklus, Inflation und politische Entwicklungen befaßt wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie, die verbunden ist mit Namen wie Carl Menger (1840–1921), Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914), Ludwig von Mises (1881–1973) und Friedrich August von Hayek (1899–1992). Insbesondere Mises zeigte, daß das Ausweiten der Fiat-Geldmenge durch Bankkreditgewährung im wahrsten Sinne des Wortes Geldproduzieren „aus dem Nichts“ ist, es ist ein inflationärer Vorgang, der zunächst in einen wirtschaftlichen (Schein-)Aufschwung führt.

Doch wenn die „Reichtums-Illusion“ des neuen Geldes verpufft, wenn also Unternehmer merken, daß sie durch das neue Geld und die niedrigen Zinsen zu falschen Entscheidungen verlockt wurden, kippt die Konjunktur. Droht der mit Fiat-Geld angestoßene „Boom“ in einen „Bust“ umzuschlagen, werden Rufe laut, die Zentralbank solle die drohende Rezession (die eigentlich eine Bereinigung ist) mit noch tieferen Zinsen „bekämpfen“. Unter dem öffentlichen Meinungs- und Politikdruck senkt die Zentralbank die Zinsen, und das Kredit- und Geldangebot steigt weiter an.

Zwar mag es das ein oder andere Mal gelingen, einen Abschwung auf diese Weise in einen neuen Aufschwung umzumünzen. Doch genau wie der Aufschwung zuvor muß auch der neue Scheinaufschwung früher oder später in sich zusammenfallen. Eine Geldpolitik, die mit noch mehr Fiat-Geldausweitung die Krise zu bekämpfen trachtet, die sie durch ein Ausweiten der Fiat-Geldmenge verursacht hat, läßt die Volkswirtschaften von Konjunkturhoch zu Konjunkturtief taumeln, von Krise zu Krise, von Boom zu Bust.

Doch nicht nur das. Das Fiat-Geld ebnet den Weg in die Überschuldung. Weil nicht alle kreditfinanzierten Investitionsobjekte ihre erwartete Rendite erwirtschaften können, steigt die Verschuldung stärker an, als die Einkommen zunehmen. Schließlich wurden die Investitionen ja aufgrund eines fehlerhaften Kalküls – des künstlich abgesenkten Marktzinses – ins Leben gerufen. Wenn sich herausstellt, daß sich die Investitionen nicht rechnen, werden sie nicht liquidiert, weil die Zinssenkungen der Zentralbanken es erlauben, fällige Kredite mit noch niedrigeren Zinsen zu refinanzieren.

Zudem werden neue Investitionen aufgrund des gesenkten Zinses angelockt, die wiederum nicht die an sie gestellten Gewinnerwartungen erfüllen werden. So wächst die Schuldenlast der Volkswirtschaft relativ zum Produktionserfolg immer weiter an.

Sind private Kreditgeber nicht mehr bereit, die Dauerschuldnerei weiter zu finanzieren, beginnt das Fiat-Geldsystem zu implodieren. Banken fordern eine Rückzahlung ihrer Kredite, und dadurch nimmt die umlaufende Fiat-Geldmenge ab. Das Schrumpfen der Kredit- und Fiat-Geldmengen bedeutet Deflation: sinkende Produktion, steigende Arbeitslosigkeit und Pleiten von Staaten, Banken, Unternehmen und Konsumenten. Nicht nur die Abfolge von „Boom and Bust“-Zyklen, sondern vor allem auch Kreditkrisen und Deflation untergraben das Vertrauen der Öffentlichkeit in ein freiheitliches Wirtschaftssystem, weil die Mißstände dem freien Marktsystem, nicht aber dem staatlich geführten Fiat-Geldsystem angelastet werden.

Schuldenbegleichung durch Inflationspolitik

Die Folge dieser Fehldeutung ist offensichtlich: Der Ausweg aus der Krise wird in noch mehr staatlicher Intervention erblickt, zu Lasten der verbliebenen Marktkräfte. Mehr Interventionen (Konjunktursteuerung) und Zwangsmaßnahmen (wie Regulierung, Verbote und Gebote und Bankenverstaatlichungen) werden gefordert und umgesetzt. Das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem wird zusehends in ein interventionistisch-sozialistisches Gemeinwesen überführt – und die Wurzel der Krise bleibt unangetastet. Die produktive Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft sinkt, und die Schuldenlast wird immer erdrückender. Am Ende steht dann das Entwerten des Fiat-Geldes durch eine bewußt herbeigeführte Inflations- oder gar Hyperinflationspolitik.

Das Nicht-loslassen-Wollen vom Fiat-Geld ist nicht nur ein Erkenntnisproblem, sondern vor allem ein handfestes ökonomisches Anreizproblem: Schließlich macht das Fiat-Geld rasch weite Teile der Bevölkerung geradezu abhängig: so etwa die direkt oder indirekt vom Staat Profitierenden (wie Staatsbedienstete, Transferempfänger und Auftragsnehmer aus dem Unternehmenssektor), aber auch Sparer und Rentner, die ihre Lebenseinkommen in Fiat-Geld denominierte Wertpapiere investiert haben.

Sie alle, vor die Wahl gestellt, entweder ein Ende des Fiat-Geldes zu akzeptieren mit der Folge von (Staats-)Pleiten und Zahlungsausfällen, oder aber die Zahlungsfähigkeit der (Staats-)Schuldner durch ein Geldmengenausweiten, auch zum Preis der (Hyper-)Inflation sicherzustellen, werden sich absehbar für letzteres und gegen ersteres entscheiden.

Der wirtschaftliche und soziale Schaden, den die Jahrzehnte währende weltweite Fiat-Geldmengenausweitung verursacht hat, ist unwiderruflich entstanden. Sie läßt sich nicht ungeschehen machen, das Kollektiv wird der aufgelaufenen Rechnung nicht entkommen können. Um so wichtiger ist daher das Verbreiten der Erkenntnisse über Wesen und Wirkung des Fiat-Geldes.

Zum einen, damit die Ursache der Misere in der Öffentlichkeit nicht dem System der freien Märkte angelastet wird und die Weichen für das Gemeinwesen weiter falsch gestellt werden. Zum anderen, weil nur so die Grundlage für den Übergang zu einem ökonomisch-ethisch akzeptablen Geldwesen geschaffen wird: eine vollständig entstaatlichte, also privatisierte Geldproduktion.

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Thorsten Polleit ist Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Der Beitrag ist am 23.12.2011 in der Wochenzeitung „JUNGE FREIHEIT“ erschienen.

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