Über die „Natürliche Ordnung“.

von Roland Baader.

Roland Baader

Beim Kapitalismus ist die Frage „wer hat ihn erfunden, erdacht oder konstruiert?“ völlig abwegig. Sie stellt sich nicht. Beim Kapitalismus oder bei der Marktwirtschaft handelt es sich keinesfalls um etwas, das man sich ausdenken müsste – und deshalb gibt es auch niemanden, der das unternommen hätte. Es hat in den vergangenen Jahrhunderten Theologen und Moralphilosophen gegeben, die durch Nachdenken über die Vorgänge, die sich um sie herum abgespielt haben, sowie durch Beobachung der bestehenden Realität entdeckt haben, dass es da etwas geben muss, das funktioniert, ohne dass irgend jemand es „eingerichtet“ hätte. Diese Denker sagten sich: Da tummeln sich Menschen, die arbeiten, etwas herstellen, das Hergestellte dann gegen andere Dinge tauschen, Dienste erbringen, sparen, verhandeln, Verträge schließen, Geld als Tauschmittel benutzen, essen, wohnen, Ideen haben, Werkzeuge benutzen, neue Wege beschreiten, einige Dinge besser machen, andere Versuche wieder aufgeben, voneinander lernen, zusammenarbeiten, Informationen austauschen und gelegentlich weite Reisen unternehmen, um Produkte und Erfahrungen heimzubringen, die man bisher nicht kannte. Jene Philosophen haben erkannt, dass sich die Lebensbedingungen auf wundersame Weise verbesserten, dass viele Leute wohlhabend wurden, andere nur weniger arm als vorher, dass alle Menschen ständig bestrebt waren, etwas herzustellen oder zu leisten, was andere haben wollten oder dringend brauchten, um es dann gegen Geld oder andere Waren und Dienste zu tauschen, die ihnen selber nützlich waren.

Das ist der tiefere Sinn des Bildes von der „unsichtbaren Hand“, über die Adam Smith nachgedacht hat, jener tiefe Denker, der die Funktionsmechanismen des Marktes und des arbeitsteiligen Gewerbefleißes und des Wettbewerbs als erster bis in die feinsten Details systematisch durchdacht und niedergeschrieben hat. Die „unsichtbare Hand“ war für ihn kein Synonym für Gott oder für eine schicksalhafte Instanz, sondern der Inbegriff für die Vorgänge gesellschaftlicher Selbstregulierung. Sie ist die Metapher für ein Staunen vor der Tatsache, dass die ganz und gar verschiedenen und vielfach sogar in Konflikt stehenden Ziele der Menschen ständig irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, dass die Leute auf Einrichtungen stoßen oder spontan und vielfach unbewusst Institutionen entwicklen (wie Märkte und Vertragsriten, Handelssitten und allgemein akzeptierte Tauschmittel), die vielfach zweckmässiger sind als sie selber es sich hätten vorstellen oder bewusst hätten ausdenken können.

Um es abzukürzen: Adam Smith und andere Denker der sogennanten Klassischen Nationalökonomie entdeckten die Existenz des Marktes und der Marktwirtschaft als natürliche Ordnung. Der Markt musste nicht erfunden werden. Er entstand und entsteht überall spontan, wo man die Menschen nicht in ein Zwangs- und Befehlssystem presst, sondern sie frei entscheiden lässt, was sie tun oder lassen wollen. Der Markt – oder das grosse Gesamtgefüge aller Märkte und allen Marktgeschehens: die Marktwirtschaft  – ist die natürliche Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der artbeitsteiligen Kooperation aller menschlichen Wesen. Wer in diese gewaltfreie und auf Einvernehmen und freiwilligen Vertragsschlüssen beruhende Ordnung mit Herrschaftsbefehlen eingreift, stört und zerstört sie – und zwar auch dann, wenn es in der vermeintlich guten Absicht geschieht, die Abläufe zu „verbessern“, „gerechter“ zu gestalten oder bestimmten „höheren“ Zwecken dienlich zu machen.

aus „Das Kapital am Pranger – Ein Kompaß durch den politischen Begriffsnebel“ von Roland Baader

…mit freundlicher Genehmigung des Resch-Verlages.

 

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