Die Kultur der Inflation

18.9.2015 – von Andreas Tögel.

Andreas Tögel

Im Rahmen der heuer zum zehnten Mal in Bodrum über die Bühne gegangenen Konferenz der von Hans-Hermann Hoppe ins Leben gerufenen „Property and Freedom Society“, hielt der an der Universität von Angers lehrende Nationalökonom Guido Hülsmann einen Vortrag zu obigem Thema.

Wie er bereits in seinem Buch „Krise der Inflationskultur“ ausführt, übt Geldinflation einen maßgeblichen Einfluss auf die politische und kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft aus. Kultur versteht sich in diesem Zusammenhang als „die Gesamtheit dessen, wie wir Dinge tun“. Diese wird durch Inflation verändert – etwa in Richtung einer zunehmenden Zeitpräferenz.

Hier eine Zusammenfassung seiner Ausführungen:

Hülsmann stellt zunächst die Definition der Inflation klar. Diese definiert sich als eine Zunahme der Geldmenge. Der von der Hauptstromökonomie als Inflation bezeichnete Anstieg des allgemeinen Preisniveaus dagegen ist lediglich eine Konsequenz aus der Steigerung des Geldangebots. Die durch den Geldmonopolisten betriebene Geldmengenausweitung hat drei Hauptkonsequenzen:

Erstens – durch den Cantillon-Effekt – die Schaffung einer Klasse von Profiteuren. Jene, die „an der Quelle“ sitzen und als erste über die neu geschaffene Liquidität verfügen, sind die Gewinner. Jene staatsfernen Kreise, zu denen das frische Geld zuletzt „durchsickert“, zahlen den Preis dafür: Ein unübersehbarer Redistributionseffekt – und zwar von unten nach oben (und/oder von der Peripherie ins Zentrum). Die Klasse der Profiteure steht von Vornherein fest. Solange es sich beim Geld um Warengeld (Edelmetalle) handelt, sind das die Regierungen und die in ihrem Auftrag tätigen Münzpräger. Inflation wird zu dieser Zeit über die Verringerung des Edelmetallgehalts der Münzen ins Werk gesetzt.

In der Zeit der aufkommenden Teilreservehaltung der Geschäftsbanken (Fractional-reserve-banking), die zunächst noch auf einer Edelmetallbasis beruht, gewinnt „Fiat-money“ zunehmend an Bedeutung. Damals (im 19. Jahrhundert) explodiert die Zahl der Bankenneugründungen und eine neue Klasse von Profiteuren tritt auf den Plan: Die Banker. Die staatsprivilegierte Klasse der Rechtsanwälte, Mediziner und Banker gewinnt entscheidenden Einfluss, sodass von einer von diesen gebildeten „Schattenregierung“ gesprochen werden kann. Regierungen wechseln (durch Wahlen oder Erbfolge), die neue Schattenregierung indes hat dauerhaft Bestand…

Die zweite Konsequenz inflationärer Geldpolitik, ist die Schaffung einer „Schuldenkultur“. Durch die Zunahme der (durch Verschuldung in die Welt tretenden) Geldmenge, kommt es zu einer drastischen Steigerung der wirtschaftlichen Instabilität. Bankenzusammenbrüche häufen sich. Eine Pleite von Bank A kann sehr leicht auch die Banken B und C in den Abgrund reißen. „Dominoeffekte“ treten gehäuft auf. Erstmals tritt das zuvor unbekannte Phänomen der „Bankenkrise“ auf.

Als Reaktion darauf finden Bankenfusionen oder Interventionen der Zentralbanken statt – mit dem Ziel, Bankenpleiten zu verhindern. Mit staatlich orchestrierten „Rettungsmaßahmen“ geht eine immer stärkere (staatliche) Regulierung des Bankensektors einher.

Die Auswirkungen krisenhafter Entwicklungen des Geldsektors gehen bis zum Zweiten Weltkrieg allerdings nicht über den Bereich der Geldwirtschaft hinaus. Die „Realwirtschaft“ bleibt durch deren Krisen bis dahin noch unbeeindruckt.

Danach jedoch beginnen turbulente Ereignisse im Bereich des Finanzwesens und insbesondere die fortwährende Inflationierung der Geldmenge, auch die Betriebe der produzierenden Wirtschaft zunehmend in Mitleidenschaft zu ziehen.

Zeigt das allgemeine Preisniveau bis dahin über einen Zeitraum von rund 150 Jahren hinweg eine fallende Tendenz (Preisdeflation), kehrt sich dieser Trend nun um. Ist bis dahin die Bildung von Ersparnissen attraktiv (die Kaufkraft des Geldes nimmt ja über die Zeit hinweg ständig zu), wird nun das Schuldenmachen als die intelligentere Strategie erkannt. Eine regelrechte „Schuldenkultur“ bildet sich aus. Die Anreize der Schuldenmacherei durchdringen jetzt alle Lebensbereiche und bestimmen insbesondere die Politik der (demokratischen) Regierungen. Die „Finanzialisierung der Wirtschaft“ ist die Folge. Selbst produzierende Unternehmen investieren mittlerweile einen immer größeren Teil ihrer liquiden Mittel nicht mehr länger in die Entwicklung des eigenen Betriebes, sondern in Finanzprodukte – in den USA zu etwa 40 Prozent.

Die starke Zunahme der Interdependenzen führt zu einer weiter steigenden Fragilität der Wirtschaft. „Ansteckungsgefahren“ nehmen drastisch zu.

Die zunehmende Unsicherheit der Wirtschaftsakteure hat zahlreiche Folgen. Eine davon ist die noch schneller verlaufende Urbanisierung. Sicherheit wird zunehmend in Ballungszentren erwartet, nicht mehr auf dem flachen Lande.

Die Feminisierung der Wirtschaftswelt ist eine weitere Konsequenz: Die bei Frauen im Vergleich zu Männern stärker ausgeprägte Risikoaversion veranlasst viele auf der Suche nach mehr Sicherheit befindliche Großunternehmen zu deren verstärkter Promotion an Spitzenpositionen.

Eine selten beachtete Begleiterscheinung der Zunahme allgemeiner Unsicherheit ist die unübersehbare „Verhässlichung“ der Architektur. Wer infolge vermehrter Instabilität seine Zeitpräferenz erhöht, legt eben weniger Wert auf (optische) Qualität. Da alle Vermögenwerte so flüssig wie möglich gehalten werden müssen, steht schöne (und entsprechend teure) Architektur diesem Ziel im Wege.

Dritte Konsequenz permanenter Inflation – und deren folgenschwerste – ist die Zerstörung der Moral. Es gibt nun keine Sparanreize mehr. Die einst den heute existierenden Wohlstand begründende Sparkultur wird systematisch unterminiert. An ihre Stelle tritt eine laufend zunehmende Konsumneigung. Damit einher geht ein immer größerer Verlust an Unabhängigkeit. Schuldner stehen letztlich in der „Knechtschaft“ ihrer Kreditoren. Das wiederum führt zum immer lauter ertönenden Ruf nach „hilfreichen“ Interventionen der Regierungen, der diese nur allzu gerne nachkommen, um ihre Macht bei dieser Gelegenheit noch weiter auszudehnen. Ergebnis ist die „kollektive Korruption“ der Gesellschaft. „Rationalitätsfallen“ führen demnach zu immer stärkeren Anreizen, sich nicht länger mit produktiver Arbeit abzumühen, sondern lieber im Finanzsektor das Glück zu suchen.

Dadurch werden sämtliche überkommenen Moralvorstellungen auf den Kopf gestellt. Es kommt zum unauflöslichen Konflikt zwischen dem Bewusstsein, was eigentlich getan werden soll und dem, was man – aus rationalen Gründen – tatsächlich tut. Diese in der Inflation wurzelnden, offensichtlichen Widersprüche führen am Ende zur völligen Demoralisierung der Gesellschaft.

Geld gegen Souveränität – das ist der gegenwärtig laufende Deal. Das “Kreditkartenhaus“ kann indes nicht dauerhaft bestehen, weil die Zunahme der neu geschaffenen Werte mit der Aufblähung der Schuldensumme niemals schritthält…

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Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter “Austrian”.

 

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