Die Entstehung des Geldes

16.9.2015 – von Murray N. Rothbard.

Murray N. Rothbard (1926 – 1995)

Es ist unmöglich, Geld und seine Funktionsweise zu verstehen, ohne sich mit der Logik vertraut zu machen, wie Geld und das Bank- und Zentralbankwesen entstanden sind. Erst hieraus wird ersichtlich, wie das US-amerikanische Zentralbanksystem der FED funktioniert. Der Grund hierfür ist, dass Geld eine historisch einzigartige Komponente aufweist. Der Bedarf und die Nachfrage nach jedem anderem Gut, ob Brot, Rechner, Konzerte, Flugzeuge, medizinische Versorgung etc., lassen sich leicht aus der augenblicklichen Wertschätzung der Dienstleistungen und Güter durch die Konsumenten erklären. All diese Güter werden um ihrer selbst willen wertgeschätzt und erworben. Aber „Geld“, ob Dollar, Franken, Lira, etc., wird nicht gekauft und im Handel akzeptiert wegen des eigentlichen Wertes der Papierscheine, sondern weil jeder davon ausgeht, dass jeder andere diese Scheine ebenfalls als Tauschmittel akzeptieren wird. Diese Erwartung wird zusätzlich dadurch gestützt, dass bereits in der nahen und fernen Vergangenheit diese Scheine zum Tauschen verwendet wurden. Daher ist eine Analyse der Geschichte des Geldes unabdingbar für das Verständnis, wie das heutige Geldsystem funktioniert.

Geld kann und ist nie durch einen abstrakten Gesellschaftsvertrag entstanden oder durch ein staatliches Dekret, wonach jedermann die ausgegebenen Scheine zu akzeptieren habe. Selbst der Einsatz von Zwangsmitteln konnte Menschen und Institutionen nicht dazu bewegen, wertlose Scheine zu akzeptieren, von denen sie nie zuvor gehört hatten oder die nicht in irgendeinem Zusammenhang mit dem zuvor existenten Geld standen. Geld entsteht auf dem freien Markt, bei dem Versuch, den unverzichtbaren Vorgang des Tauschens zu erleichtern. Der Markt ist ein Netzwerk, eine Verkettung von zwei Personen oder Institutionen, die zwei unterschiedliche Güter miteinander tauschen. Individuen spezialisieren sich auf die Produktion von unterschiedlichen Waren und Dienstleistungen und tauschen diese Güter zu Bedingungen ein, auf die sich beide einigen konnten. Jones produziert ein Fass Fisch und tauscht dieses mit Smith gegen einen Scheffel Weizen. Beide Parteien willigen in den Tausch ein, in der Erwartung von diesem Tausch zu profitieren. So setzt sich der freie Markt aus einem Geflecht von Tauschakten zusammen, die zu jedem Zeitpunkt von beiderseitigen Nutzen sind.

Aber die Methode des „direkten Tausches“ von Nutzen stiftenden Gütern, auch Tauschhandel genannt, weist starke Beschränkungen auf, so dass diese Ordnung schnell an ihre Grenzen stößt. Nehmen wir an Smith mag keinen Fisch, der Fischer Jones möchte aber Weizen kaufen. Jones versucht nun ein Produkt zu finden, beispielsweise Butter, nicht um es selber zu verwenden, sondern um es an Smith weiter zu verkaufen. Jones betreibt also „indirekten Tausch“: er kauft Butter nicht für sich selbst, sondern als ein „Mittel“ oder Zwischenprodukt zum Tauschen. In anderen Fällen sind die Güter „unteilbar“ und können nicht in unterschiedlich große Stücke zerteilt werden, um sie im direkten Tausch zu verwenden. Nehmen wir an, Robbins würde gerne einen Traktor verkaufen, um davon eine Unzahl an verschiedenen Gütern zu erwerben: Pferde, Weizen, Seile, Fässer, etc. Selbstverständlich kann er den Traktor nicht in sieben oder acht Stücke zerteilen und dann jedes Stück für ein Gut eintauschen, das ihm beliebt. Stattdessen muss er „indirekten Tausch“ betreiben. Er muss also seinen Traktor gegen ein gebräuchlicheres Handelsgut eintauschen, beispielsweise 100 Pfund Butter, und dann die Butter in teilbare Stücke zerschneiden, um jedes Stück gegen ein Gut einzutauschen, das er begehrt. Abermals verwendet Robbins die Butter als Tauschmittel.

Sobald einmal ein bestimmtes Gut als Tauschmittel eingesetzt wird, entwickelt sich dieser Prozess spiralförmig weiter und es entsteht eine Art Schneeballeffekt. Wenn beispielsweise mehrere Menschen in einer Gesellschaft beginnen, Butter als Tauschmittel zu verwenden, werden andere Menschen ziemlich schnell feststellen, dass in diesem Gebiet Butter besonders marktgängig geworden ist und werden ihrerseits wiederum damit beginnen, verstärkt Butter im Tausch nachzufragen, um sie als Tauschmittel zu verwenden. So wird nach und nach – da sich der Gebrauch des Tauschmittels fortwährend ausdehnt – die Verwendung des Tauschmittels immer selbstverständlicher, bis dieses Gut zusehends Eingang in den allgemeinen Gebrauch der Gesellschaft als Tauschmittel findet. Eine Ware, die allgemein als Tauschmittel verwendet wird, ist definiert als Geld.

Sobald ein Gut als Geld verwendet wird, dehnt sich der Markt rasant aus und die Wirtschaft blüht in bis dahin ungeahnter Art und Weise auf. Der Grund hierfür liegt in dem nun extrem vereinfachten Preissystem. Ein „Preis“ ist einfach die Kondition des Austausches, das Verhältnis der zwei Quantitäten der gehandelten Güter. Bei jedem Tausch werden x Einheiten eines Gutes gegen y Einheiten eines anderen Gutes getauscht. Als Beispiel soll wieder das Tauschgeschäft zwischen Smith und Jones dienen. Angenommen Jones tauscht je zwei Fässer Fisch gegen je ein Scheffel Weizen von Smith. Umgekehrt ist der „Preis“ des Fisches in Weizen ausgedrückt ein halber Scheffel je Fass. In einer auf Tauschhandel basierenden Ordnung würde es recht schnell unmöglich werden, alle relativen Preise für jedes Gut zu kennen: So läge der Preis für einen Hut vielleicht bei zehn Schokoriegeln oder bei sechs Laibern Brot oder bei einem Zehntel einer Fernsehanlage und so weiter und sofort. Sobald sich aber auf dem Markt der Gebrauch von Geld etabliert hat, umfasst jeder Tausch das Gut Geld als eines von beiden gehandelten Gütern. Jones wird seinen Fisch gegen die Ware, die die Geldfunktion übernommen hat, tauschen und „verkauft“ dann dieses Geld im Tausch gegen Weizen, Schuhe, Traktoren oder was auch immer. Smith wiederum wird seinen Weizen auf die gleiche Art und Weise verkaufen. Schlussendlich wird jeder Preis in seinem „Geldpreis“ ausgedrückt, seinem Preis in Bezug auf das allgemeingültige Geldgut.

Angenommen Butter habe sich in diesem marktwirtschaftlichen Prozess als Geld in der Gesellschaft etabliert. In diesem Fall würden die Preise aller Güter und Dienstleistungen in ihrem jeweiligen Geldpreis ausgedrückt werden. Ein Hut würde für 15 Unzen Butter getauscht werden, ein Schokoriegel für 1,5 Unzen Butter, ein Fernseher für 150 Unzen Butter usw. Will man den Marktpreis eines Hutes mit dem eines anderen Gutes vergleichen, muss nun nicht mehr jeder relative Preis miteinander verglichen werden. Alles was hierfür nötig ist, ist zu wissen, dass der Geldpreis eines Hutes 15 Unzen ist (bzw. eine Unze Gold oder was auch immer das Geldgut sein möge). Damit ist es einfach, die verschiedenen Waren im Hinblick auf ihre Geldpreise in Beziehung zu einander zu setzen.

Ein weiteres großes Problem in einer Welt, in der vorwiegend Tauschhandel praktiziert wird, ist, dass es Unternehmen darüber hinaus schwer fällt, mit Bestimmtheit einschätzen zu können, wie sie ökonomisch dastehen, ob sie Gewinne oder Verluste machen. Angenommen man möchte als Unternehmen die Einnahmen und Ausgaben der letzten Monate ermitteln. So ließe sich auf der Einkommensseite etwa wie folgt anführen: „Letzten Monat wurden 20 Yard Faden, drei Kabeljau, vier Cord Holz [ein Cord entspricht etwa 3,6m³, Anm. d. Übersetzers], drei Scheffeln Weizen, etc. eingenommen“ und „ausgegeben wurden: fünf leere Fässer, acht Pfund Baumwolle, 30 Ziegelsteine, fünf Pfund Rindfleisch.“ Wie um alles in der Welt soll es nun möglich sein, herauszufinden wie man sich unternehmerisch geschlagen hat? Sobald einmal Geld in die Wirtschaft eingeführt wurde, wird die Wirtschaftsrechnung einfach: „Letzen Monat wurden 500 Unzen Gold eingenommen und 450 Unzen Gold ausgegeben. Der Reingewinn betrug 50 Unzen Gold.“ Die Herausbildung eines allgemeinen Tauschmittels ist somit eine notwendige Bedingung, um überhaupt eine florierende Marktwirtschaft zu ermöglichen.

In der Menschheitsgeschichte bildete sich in jeder Gesellschaft, inklusive primitiver Stammesgesellschaften, auf die oben beschriebene Art Geld auf dem Markt heraus. Viele Waren wurden als Geld verwendet: Eisenhacken in Afrika, Salz in Westafrika, Zucker in der Karibik, Biberfelle in Kanada, zur Kolonialzeit Kabeljau in New England sowie Tabak in Maryland und Virginia. In deutschen Kriegsgefangenlager für britische Soldaten entwickelte sich aus dem kontinuierlichen Handel mit CARE-Paketen ein „Geld“, mit dem alle anderen Güter bepreist und veranschlagt wurden. In solchen Lagern wurden Zigaretten zu Geld, nicht weil es deutsche oder britische Offiziere so bestimmt hatten oder eine etwaige Vereinbarung getroffen wurde, sondern es entwickelte sich „organisch“ aus dem Tauschhandel auf den spontan entstandenen Märkten in den Lagern.

Über alle Gebiete und Gesellschaften hinweg übertrafen zwei Waren alle anderen, so sie denn die Gesellschaft überhaupt besaß, und setzten sich als die einzigen Gelder auf dem Markt durch. Es waren Gold und Silber.

Wieso Gold und Silber? (Und mit gewissen Abstrichen auch Kupfer, wenn Gold und Silber nicht verfügbar waren.) Weil Gold und Silber in verschiedenen Kategorien überlegen sind, die für die Qualität von Geld entscheidend sind und die ein Gut haben muss, um auf dem Markt als Geld gewählt zu werden. So besaßen Gold und Silber aufgrund ihrer Schönheit an sich schon einen hohen Stellenwert; ihr Vorkommen war begrenzt genug, um ihren Wert stabil zu halten, nicht aber so selten, dass sie nicht mehr für den alltäglichen Gebrauch in handliche Stücke aufgeteilt werden konnten (so wie es etwa bei Platin der Fall ist); die Nachfrage nach ihnen war groß und weiträumig und sie waren leicht zu transportieren; sie waren in hohem Maße teilbar, da sie in kleine Stücke geteilt werden konnten und ihren Wert anteilig behielten; sie konnten mit einfachen Mittel homogen gemacht werden und eine Unze glich der anderen; und sie waren extrem langlebig und konnten so ihren Wert auch in die unbestimmte Zukunft konservieren. (Mit einer kleinen Legierung vermischt, konnten Goldmünzen über tausende von Jahren ihre Form behalten.) Außerhalb der abgeriegelten Kriegsgefangenenlager, hätten es Zigaretten schwer gehabt, ihre Geldfunktion aufrecht zu erhalten, da sie zu leicht herzustellen sind. Außerhalb der Lager hätte sich das Zigarettenangebot rasant vervielfacht und der Wert jeder Zigarette wäre fast auf null gesunken. (Darüber hinaus sind Zigaretten nicht langlebig genug, um als Geld zu fungieren.)

Jedes Gut auf dem Markt wird in dem für ihn relevanten Einheitsmengen getauscht: wir tauschen Weizen in „Scheffeln“, 20 Zigaretten in „Päckchen“, Schnürsenkel in „Paaren“, sprechen von einer Fernsehanlage, etc. Diese Einheiten werden letztendlich nach ihrer Anzahl, ihrem Gewicht oder ihrem Volumen benannt. Metalle werden nach ihrem Gewicht bemessen und daher auch danach bepreist: Tonnen, Pfund, Unzen, etc. So wurde Geld traditionell über alle Gesellschaften und Sprachgrenzen hinweg meist in Gewichtseinheiten gehandelt. Daher entstammt jede moderne Währung einer Gewichtsbezeichnung von Gold oder Silber. Warum wird die britische Währung „das Pfund Sterling“ genannt? Weil es seinen Ursprung im Mittelalter genau daher hat: einem Gewicht von einem Pfund Silber. Der „Dollar“ beginnt seine Geschichte im 16. Jahrhundert in Böhmen, wo er als eine beliebte Ein-Unze-Silbermünze weit verbreitet war, die durch Graf von Schlick aus Joachimsthal geprägt wurde. Diese Münze wurde auch als Joachims- oder Schlichtenthaler bekannt, und wie es der menschlichen Natur entspricht, schnell als „Thaler“ abgekürzt. Später wurde daraus im Spanischen der „Dollar“. Als die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet wurden, löste man sich von dem britischen Pfund als Währung und wandte sich dem Dollar zu. Der Dollar entsprach etwa 1/20 einer Unze Gold oder 0,8 Unzen Silber.

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Aus „The Case Against the Fed“, Kapitel „The Genesis of Money“, Seite 12 – 17. Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker.

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Murray N. Rothbard wurde 1926 in New York geboren, wo er an der dortigen Universität Schüler von Ludwig von Mises wurde. Rothbard, der 1962 in seinem Werk Man, Economy, and State die Misesianische Theorie noch einmal grundlegend zusammenfasste, hat selbst diese letzte Aufgabe, die Mises dem Staat zubilligt, einer mehr als kritischen Überprüfung unterzogen.

 

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