Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 1)

26.8.2015 – Der folgende Beitrag Die Intellektuellen und der Sozialismus von Friedrich A. von Hayek aus dem Jahr 1949 wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Er ist entnommen aus The University of Chicago Law Review (Spring 1949) – hier finden Sie den englisch-sprachigen Originalbeitrag Intellectuals and SocialismDie Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 2) wird am 2.9.2015 veröffentlicht.

—————————————————————————————————————————————————————————

Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 1)

Friedrich August von Hayek (1899 – 1992)

In allen demokratischen Ländern herrscht der starke Glaube vor, der Einfluss der Intellektuellen auf die Politik sei vernachlässigbar, in den Vereinigten Staaten sogar noch mehr als anderswo. Dies ist ohne Zweifel wahr in Bezug auf die Macht der Intellektuellen, mit ihren momentanen speziellen Meinungen Entscheidungen zu beeinflussen, und in Bezug auf ihre Macht, das Wahlverhalten der Menschen dort zu beeinflussen, wo ihre Ansichten von denen der Massen abweichen. Und trotzdem hatten sie vermutlich nie einen größeren Einfluss über etwas längere Zeiträume, als sie es heute in diesen Ländern haben. Sie üben diese Macht aus, in dem sie die öffentliche Meinung beeinflussen.

Im Lichte der jüngeren Geschichte ist es etwas seltsam, dass diese entscheidende Macht der gewerbsmäßigen Händler von Ideen aus zweiter Hand noch nicht in weiteren Kreisen erkannt worden ist. Die politische Entwicklung der westlichen Welt während der letzten hundert Jahre veranschaulicht dies überdeutlich. Der Sozialismus war niemals und nirgendwo zuerst eine Arbeiterbewegung. Er ist keineswegs ein offensichtliches Mittel gegen das offensichtliche Übel, das die Interessen dieser Klasse notwendigerweise verlangen werden. Er ist eine Konstruktion von Theoretikern, herrührend aus gewissen Tendenzen abstrakten Denkens, die eine lange Zeit nur Intellektuellen geläufig waren; und er erforderte lange Bemühungen der Intellektuellen, bevor die Arbeiterklasse überzeugt werden konnte, ihn als ihr Programm anzunehmen.

In jedem sich auf den Sozialismus zubewegenden Land ist der Phase der Entwicklung, in der der Sozialismus der bestimmende Einfluss auf die Politik wird, über lange Jahre eine Phase vorausgegangen, während der sozialistische Ideale das Denken der aktiveren Intellektuellen bestimmten. In Deutschland wurde diese Phase gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreicht; in England und Frankreich etwa um die Zeit des Ersten Weltkriegs. Dem oberflächlichen Betrachter mag es erscheinen, als hätten die Vereinigten Staaten diese Phase nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht, und dass die Anziehungskraft eines geplanten und gelenkten Wirtschaftssystems unter den amerikanischen Intellektuellen heutzutage genau so stark ist, wie sie jeher unter ihren deutschen und englischen Kollegen war. Nach Erreichen dieser Phase ist es erfahrungsgemäß nur noch eine Frage der Zeit, bis die Ansichten der heutigen Intellektuellen zur bestimmenden Kraft der Politik werden.

Das Wesen des Prozesses, durch den die Ansichten der Intellektuellen die Politik von morgen beeinflussen, ist deswegen von weit mehr als nur akademischem Interesse. Es ist ein Faktor von weit größerer Wichtigkeit als allgemein angenommen wird, egal ob wir versuchen wollen, den Lauf der Dinge zu beeinflussen oder ihn nur voraussehen wollen. Was auf den zeitgenössischen Beobachter wie ein Konflikt gegensätzlicher Interessen wirkt, ist in der Tat oft schon lange vorher im Kampf der Ideen in kleinen Zirkeln entschieden worden. Paradoxerweise haben meistens nur die Parteien der Linken viel dazu beigetragen, den Glauben zu verbreiten, dass es die zahlenmäßige Stärke der gegnerischen materiellen Interessen war, die politische Fragen entschieden hat, wohingegen in Wirklichkeit diese selben Parteien regelmäßig und erfolgreich die Schlüsselposition der Intellektuellen verstanden und entsprechend gehandelt haben. Ob mit Absicht oder nur den Umständen geschuldet, haben sie ihre Hauptanstrengungen immer darauf gerichtet, die Unterstützung dieser „Elite“ zu gewinnen, während eher konservative Gruppen genauso regelmäßig wie erfolglos einem naiveren Verständnis der Massendemokratie folgend gehandelt haben, und üblicherweise vergeblich versucht haben, den individuellen Wähler direkt zu erreichen und zu überzeugen.

Der Begriff „Intellektuelle“ allerdings vermittelt nicht sofort ein wahres Bild der großen Klasse, die wir meinen, und die Tatsache, dass wir keinen besseren Namen haben, um diejenigen, die wir Händler von Ideen aus zweiter Hand genannt haben, zu bezeichnen, ist nicht der unwichtigste Grund, warum ihre Macht nicht verstanden wird. Selbst diejenigen, die den Begriff „Intellektueller“ größtenteils als Schimpfwort verwenden, sind trotzdem geneigt, diese Bezeichnung vielen zu verweigern, die zweifellos diese charakteristische Tätigkeit leisten. Dies ist weder originäre Denkertätigkeit, noch Gelehrten- oder Expertentätigkeit auf dem Gebiet einer bestimmten Geisteswissenschaft. Der typische Intellektuelle muss keines von beidem sein: er muss weder spezielles Wissen auf irgendeinem bestimmten Gebiet besitzen, noch muss er besonders intelligent sein, um seine Rolle als Mittelsmann bei der Verbreitung von Ideen zu erfüllen. Was ihn für diese Arbeit qualifiziert, ist die breite Palette an Themen, über die er ohne weiteres reden und schreiben kann, und eine Position oder Gewohnheiten, durch die er früher mit neuen Ideen in Kontakt kommt als sein Publikum.

Es ist schwierig, sich klar zu machen, wie groß diese Klasse von Menschen ist, bis man anfängt, all die Berufe und Aktivitäten aufzulisten, die ihre Mitglieder ausüben; wie ihre Tätigkeitsbereiche sich in der modernen Gesellschaft ständig ausdehnen, und wie abhängig wir alle von ihnen geworden sind. Diese Klasse besteht nicht nur aus Journalisten, Lehrern, Geistlichen, Dozenten, Publizisten, Radioreportern, Belletristikautoren, Cartoonzeichnern und Künstlern, die alle Meister im Vermitteln von Ideen sein mögen, die aber normalerweise Amateure in Bezug auf die Substanz der Ideen sind, die sie vermitteln. Diese Klasse umfasst auch viele Fachleute und Techniker, wie Wissenschaftler und Ärzte, die durch ihren gewohnten Umgang mit dem geschriebenen Wort zu Trägern von Ideen außerhalb ihres eigenen Tätigkeitsbereichs werden, und denen wegen ihres Expertenwissens innerhalb ihres eigenen Berufes auch bei anderen Themen mit Respekt zugehört wird.

Es gibt wenig, was der normale Mensch von heute über Ereignisse oder Ideen nicht vermittels dieser Klasse von Menschen erfährt; und außerhalb unseres speziellen Berufsfeldes sind wir in dieser Hinsicht fast alle normale Menschen, was unsere Informationen und Anleitungen angeht; abhängig von denen, die es zu ihrem Beruf machen, sich immer über die neuesten Meinungen auf dem Laufenden zu halten. Es sind die Intellektuellen in diesem Sinne, die entscheiden, welche Ansichten und Meinungen uns erreichen dürfen, welche Fakten wichtig genug sind, uns mitgeteilt zu werden, und in welcher Form und von welchem Standpunkt aus sie uns präsentiert werden. Ob wir jemals von den Ergebnissen der Arbeit des Experten und des originären Denkers erfahren, hängt hauptsächlich von ihrer Entscheidung ab.

Dem Laien ist vermutlich nicht vollständig bewusst, in welchem Ausmaß diese Klasse Macht selbst über den Ruf von bekannten Wissenschaftlern und Gelehrten hat, und in welchem Ausmaß er zwangsläufig von ihren Ansichten über Dinge beeinflusst wird, die mit dem Wert der echten Errungenschaften wenig zu tun haben. Und es ist besonders bezeichnend für unser Problem, dass jeder Wissenschaftler vermutliche einige Fälle aus seinem Bereich kennt, in denen Leute unverdienterweise in der Öffentlichkeit einen Ruf als große Wissenschaftler einzig und alleine deswegen erlangt haben, weil sie politische Ansichten teilen, die die Intellektuellen als „progressiv“ betrachten; es ist mir allerdings noch kein Fall bekannt geworden, in dem solch ein wissenschaftlicher Pseudo-Ruf einem Gelehrten mit eher konservativen Ansichten zuteil geworden ist. Diese Macht der Intellektuellen über den Ruf ist auf den Gebieten besonders wichtig, auf denen die Arbeitsergebnisse der Experten nicht von anderen Spezialisten verwendet werden, sondern von der politischen Entscheidung der breiten Öffentlichkeit abhängen.

Es gibt in der Tat kaum ein besseres Beispiel dafür als die Haltung, die Ökonomen gegenüber dem Erstarken solcher Lehren wie dem Sozialismus und dem Protektionismus eingenommen haben. Es gab vermutlich zu keiner Zeit eine Mehrheit unter den Ökonomen, die von ihres gleichen als solche angesehen wurden, die den Sozialismus favorisierten (oder den Protektionismus, was das angeht). Im Gegenteil, vermutlich enthält keine andere vergleichbare Gruppe von Gelehrten einen so hohen Anteil an entschiedenen Sozialismus- (oder Protektionismus)gegnern. Dies ist umso bedeutender, da seit kurzem genau so wahrscheinlich ein frühes Interesse an sozialistischen Reformplänen wie etwas anderes einen Mann die Ökonomie als Beruf hat ergreifen lassen. Und trotzdem sind es nicht die vorherrschenden Ansichten der Experten, sondern die Ansichten einer Minderheit, mit größtenteils eher zweifelhaftem Ansehen in ihrem Beruf, die von den Intellektuellen aufgenommen und verbreitet werden.

Der allumfassende Einfluss der Intellektuellen in der heutigen Gesellschaft wird noch weiter durch die wachsende Bedeutung von „Organisation“ vergrößert. Es ist ein verbreiteter aber vermutlich fehlgeleiteter Glaube, dass die Zunahme von Organisation den Einfluss des Experten oder Spezialisten vergrößert. Dies mag wahr sein für den professionellen Verwalter oder Organisator, falls es so etwas gibt, aber kaum für den Experten auf irgendeinem anderen Gebiet. Es wird eher die Macht der Person vergrößert, deren Allgemeinbildung sie dafür qualifizieren soll, Expertenurteile zu verstehen und zwischen den Experten auf verschiedenen Gebieten zu urteilen. Der für uns wichtige Punkt ist, dass der Gelehrte, der zum Universitätspräsidenten wird und der Wissenschaftler, der ein Institut oder eine Stiftung übernimmt und der Gelehrte, der Editor oder aktiver Vertreter einer Organisation für einen bestimmten Zweck wird, sofort aufhört, ein Gelehrter oder Wissenschaftler zu sein, und zum Intellektuellen wird, alleine im Lichte gewisser modischer allgemeiner Ideen. Die Anzahl solcher Institute, die Intellektuelle heranzüchten und ihre Zahl und Macht vergrößern, wächst jeden Tag. Fast alle „Experten“ alleine in der Technik, Wissen zu erlangen, sind in Bezug auf das Thema, welches sie behandeln, Intellektuelle und keine Experten.

In dem Sinn, in dem wir den Begriff benutzen, sind die Intellektuellen in der Tat ein relativ neues Phänomen in der Geschichte. Obwohl niemand bedauern wird, dass Bildung nicht länger ein Privileg der Vermögenden ist, ist es wichtig für das Verständnis der Rolle der Intellektuellen, dass die Vermögenden nicht länger die am besten Gebildeten sind und die große Anzahl an Menschen, die ihre Position einzig und alleine ihrer Allgemeinbildung verdanken, nicht länger das Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge besitzen, welches die Verwaltung von Vermögen vermittelt. Professor Schumpeter, der ein erhellendes Kapitel seines Buches „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ einigen Aspekten unseres Problems gewidmet hat, hat nicht ungerechtfertigterweise betont, dass es die Abwesenheit von direkter Verantwortung für praktische Angelegenheiten und die daraus folgende Abwesenheit von Wissen aus erster Hand darüber ist, welches den typischen Intellektuellen von anderen ebenfalls rede- und schreibgewandten Leuten unterscheidet. Es würde allerdings zu weit führen, hier weiter die Entwicklung dieser Klasse und die merkwürdige Behauptung eines ihrer Mitglieder zu untersuchen, sie seien die einzigen ohne entschieden von den eigenen wirtschaftlichen Interessen geprägten Ansichten. Einer der wichtigen in einer solchen Diskussion zu untersuchenden Punkten wäre, inwieweit das Wachstum dieser Klasse künstlich durch Urheberrechtsgesetze gefördert wurde.

Die Verachtung, die der wahre Gelehrte oder Experte und der Mann der Praxis dem Intellektuellen oft entgegenbringen, überrascht nicht; auch nicht die Abneigung, seine Macht anzuerkennen und die Empörung, wenn sie sie entdecken. Sie finden, dass die Intellektuellen meistens Leute sind, die nichts wirklich gut verstehen und in deren Urteilen sie selbst wenig Anzeichen von Klugheit erkennen. Aber es wäre ein entscheidender Fehler, deswegen ihre Macht zu unterschätzen. Obwohl ihr Wissen oft nur oberflächlich und ihre Intelligenz beschränkt ist, ändert dies nichts daran, dass ihr Urteil vor allem die Ansichten prägt, nach denen die Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft handeln wird. Ohne zu übertreiben kann man sagen: Der Prozess, durch den Ideen generell Akzeptanz gewinnen, wird nahezu automatisch und unaufhaltsam, sobald der aktivere Teil der Intellektuellen zu diesen Ideen bekehrt wurde. Diese Intellektuellen sind die Organe, die die moderne Gesellschaft entwickelt hat, um Wissen und Ideen zu verbreiten, und es sind ihre Überzeugungen und Meinungen, die als Sieb fungieren, durch das alle neuen Konzepte hindurch müssen, bevor sie die Massen erreichen können.

Es gehört zur Natur der Tätigkeit des Intellektuellen, bei seiner täglichen Arbeit auf sein eigenes Wissen und seine Meinung angewiesen zu sein. Er hat seine Position inne, weil er Wissen besitzt, beziehungsweise täglich mit ihm umgehen muss, welches die Allgemeinheit als sein Auftraggeber nicht besitzt, und deswegen können seine Aktivitäten von anderen nur in begrenztem Umfang beeinflusst werden. Und nur weil die Intellektuellen größtenteils intellektuell ehrlich sind, folgen sie unausweichlich wann immer möglich ihrer eigenen Überzeugung und geben allem, was durch ihre Hände geht, einen entsprechende Tendenz. Selbst wo die Richtung der Politik in den Händen von Leuten mit anderen Ansichten liegt, wird die Umsetzung von Politik generell in den Händen der Intellektuellen liegen, und es ist regelmäßig die Entscheidung über Details, die die Gesamtauswirkung bestimmt. Wir können dies in allen Bereichen der heutigen Gesellschaft erkennen. Es ist allgemein bekannt, dass Zeitungen im Besitz von „Kapitalisten“, Universitäten mit „reaktionären“ Leitungsgremien und Sendeanstalten im Besitz von konservativen Regierungen die öffentliche Meinung in Richtung Sozialismus beeinflusst haben, weil dies die Überzeugung der entsprechenden Leute war. Dies ist oft nicht trotz, sondern möglicherweise gerade wegen der Versuche der Leute an der Spitze, die Meinung zu kontrollieren und orthodoxe Prinzipien durchzusetzen, passiert.

Der Effekt, dass Ideen durch die Überzeugungen einer bestimmten Ansichten zugeneigten Klasse gefiltert werden, beschränkt sich nicht nur auf die Massen. Außerhalb seines Spezialgebietes ist der Experte generell nicht weniger abhängig von dieser Klasse, und selten weniger durch ihre Auswahl beeinflusst. Die Folge davon ist, dass heutzutage in den meisten Teilen der westlichen Welt selbst die entschlossensten Gegner des Sozialismus ihr Wissen über Dinge, die sie nicht aus erster Hand kennen, aus sozialistischen Quellen beziehen. Die Verbindung zwischen vielen der allgemeineren Vorurteile der sozialistischen Lehre und ihren eher praktischen Vorschlägen ist keinesfalls sofort offensichtlich; als Folge davon werden sie de facto Verbreiter der Gedanken dieser Lehre. Wer kennt nicht den Praktiker, der in seinem eigenen Bereich Sozialismus als „gefährlichen Blödsinn“ anprangert, aber außerhalb davon Sozialismus genau so verbreitet wie jeder linke Journalist? In keinem anderen Bereich ist der vorherrschende Einfluss der sozialistischen Intellektuellen während der letzten hundert Jahre stärker zu spüren gewesen, als im Kontakt der verschiedenen nationalen Zivilisationen.

Es würde für diesen Artikel viel zu weit gehen, den Grund und die Bedeutung der hochwichtigen Tatsache zu untersuchen, dass die Intellektuellen in der modernen Welt fast den einzigen Ansatz hin zu einer internationalen Gemeinschaft liefern. Diese Tatsache ist für das außergewöhnliche Schauspiel verantwortlich, dass seit Generationen der angeblich „kapitalistische“ Westen seine materielle und moralische Unterstützung fast ausschließlich denjenigen ideologischen Bewegungen in Ländern weiter östlich zur Verfügung gestellt hat, die darauf abzielten, die westliche Zivilisation zu schwächen und dass zur selben Zeit die Informationen, die die westliche Öffentlichkeit über Ereignisse in Zentral- und Osteuropa erhalten hat, fast unvermeidlich von sozialistischen Tendenzen gefärbt waren. Viele der „erzieherischen“ Aktivitäten der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland liefern offensichtliche und aktuelle Beispiele dieser Tendenz.

Das richtige Verständnis der Gründe, die so viele Intellektuelle zum Sozialismus tendieren lassen, ist deshalb sehr wichtig. Der erste Punkt hier, den diejenigen, die diese Tendenz nicht teilen, sich vor Augen halten müssen, ist der, dass es weder eigennützige noch bösartige Gründe, sondern meist ehrliche Überzeugungen und gute Absichten sind, die die Sicht des Intellektuellen bestimmen. In der Tat ist es notwendig, zu erkennen, dass heutzutage der typische Intellektuelle im allgemeinen um so wahrscheinlicher Sozialist ist, um so eher er von guten Absichten und Intelligenz geleitet wird, und er auf der Ebene des reinen intellektuellen Arguments seinen Standpunkt besser als die Mehrzahl seiner Gegner innerhalb seiner Klasse vertreten kann. Falls wir immer noch glauben, er habe unrecht, müssen wir anerkennen, dass es sich um echte Fehler handeln könnte, die wohlmeinende und intelligente Leute in Schlüsselpositionen in unserer Gesellschaft dazu bringen, Ansichten zu vertreten, die uns als Bedrohung der Zivilisation erscheinen. Nichts könnte wichtiger sein, als zu versuchen, die Quellen dieser Fehler zu verstehen, um ihnen begegnen zu können. Und trotzdem sind die, die generell als Vertreter der herrschenden Ordnung angesehen werden und die glauben, die Gefahren des Sozialismus zu verstehen, üblicherweise weit von dessen Verständnis entfernt. Sie neigen dazu, die sozialistischen Intellektuellen als nichts weiter als einen üblen Haufen möchtegernintellektueller Radikaler zu betrachten, ohne ihren Einfluss zu erkennen, und sie neigen durch ihre ganze Einstellung ihnen gegenüber dazu, sie weiter in die Opposition zur herrschenden Ordnung zu treiben.

Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 2) wird am 2.9.2015 veröffentlicht.

*****

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne.

————————————————————————————————————————————————————————

Friedrich A. Hayek absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften sowie der Staatswissenschaften. 1929 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien. Sein Lebensweg führte ihn an verschiedene Universitäten in London, New York, Chicago, Freiburg sowie Salzburg. In den Dreißigerjahren wurde Hayek zu einem Hauptkritiker des Sozialismus. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Als sein berühmtestes Werk gilt das 1944 zunächst in englischer Sprache erschienene “The Road to Serfdom” – “Der Weg zur Knechtschaft”.

 

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search