Interview mit Thorsten Schulte: „Anleihenblase und financial repression“.

14.3.2012 – misesinfo: Vielen Dank, Herr Schulte, dass Sie Zeit für uns haben. Sie sind der Edelmetallexperte in Deutschland schlechthin, speziell zum Thema Silber, sind als Silberjunge bekannt. Sie sind aber ebenso ein Kenner der Anleihenmärkte und über die möchten wir heute mit Ihnen sprechen. Ihren Äußerungen in ihren Publikationen zufolge leben wir in der größten Rentenblase aller Zeiten. Beschreiben Sie uns doch bitte die Dimension dieser Blase.

Thorsten Schulte

Für mich leben wir in der Tat in der größten Anleihenblase und diese Blase übertrifft alle Übertreibungen, die die Menschen in den letzten Jahrzehnten auf unserem Globus kennengelernt haben. Die Blase ist gigantisch, das ist ablesbar an folgenden Zahlen: wir hatten Ende der 80er Jahre gerade mal rund 15 Billionen US $ Anleihen weltweit, das entsprach damals gerade einmal 78% der Weltwirtschaftsleistung. Inzwischen sind wir bei fast 100 Billionen US $ angekommen und wir reden über weit mehr als 150% der weltweiten Wirtschaftsleistung. Diese Kennziffern stellen die Aktienblase, die wir zur Jahrtausendwende in der westlichen Hemisphäre erlebt haben, bei weitem in den Schatten. Dieses Phänomen ist selbstverständlich auch in der Eurozone feststellbar und die Eurokrise kommt nicht von ungefähr. Ich darf Ihnen vor Augen führen, dass wir Ende 2011 alleine in der Eurozone für rund 16,5 Billionen von im Euroland ansässigen Wirtschaftsobjekten begebene Anleihen hatten, das sind rund 175% der Wirtschaftsleistung der Eurozone. Wenn wir das heutige Wirtschaftsgebiet der Eurozone nehmen und uns eine historische Datenreihe anschauen, die bis Ende 1991 zurückgeht, so stellen wir fest, dass wir damals gerade mal bei rund 69% der Wirtschaftskraft der heutigen Eurozone standen. Also auch in der Eurozone sehen wir eine gigantische Blasenbildung an den Anleihenmärkten, die den Menschen Sorge bereiten sollte.

misesinfo: Beim Stichwort „Eurozone“ kommen wir auch gleich zur Eurokrise. Es scheint ja so zu sein, dass man – und mit ‚man’ sind Politik und EZB gemeint – sich nicht mehr traut, Insolvenzen zuzulassen. Wovor hat man Angst?

Eigentlich hat gerade praktisch die Insolvenz Griechenlands stattgefunden. Doch die Menschen sollten sich auch da vor Augen führen, dass dahinter natürlich auch eine Strategie steht. Man kann der Bevölkerung vor Augen führen, dass hier den Spekulanten in griechischen Staatsanleihen auf die Finger geklopft wurde. Das findet zunächst allgemein Beifall. Es sei denn, sie haben als Bürger selbst griechische Staatsanleihen im Bestand. Vor diesem Hintergrund ist es doch jetzt sehr interessant, was hier abläuft. Man signalisiert, dass man gegen Spekulanten vorgeht; Staaten wie Italien und Spanien haben Sparpakete verkündet – zwar will Spanien sich jetzt nicht an die 4,4% Defizit-Grenze in diesem Jahr halten, sondern hat diese jetzt eigenmächtig von 4,4% auf 5,8% erhöht – aber man suggeriert dem Markt, dass die Staaten sparen wollen und im Hintergrund, unbemerkt für die breite Masse, hat die EZB ganz massiv Liquidität ins System gegeben, um einen Kollaps der Kreditmärkte und der Anleihenmärkte zu verhindern. Warum macht sie das? Das System hat den „point of no return“ schon längst überschritten. Wer sich dafür einsetzt, dass wir nun sparen, dass wir eine Askese an den Tag legen, dass wir den Gürtel enger schnallen, der verkennt die verheerenden Wirkungen, die das hätte. Dies wäre der deflationäre Zusammenbruch, eine deflationäre Katastrophe für unsere Volkswirtschaften wäre zu erwarten. Denken wir an die Zeit von 1929 bis 1933, gerade hier in Deutschland mit den verheerenden, auch politischen Folgen. Diese Angst ist es, die den Akteuren im Nacken sitzt. Besonders vor dem Hintergrund des Schockerlebnisses unserer politischen Kaste im Jahre 2008, als sich im September, Oktober, November 2008 ein Deflationsschock ausbreitete, mit dem noch wenige Monate zuvor niemand gerechnet hat. Die Angst vor der Wiederholung eines solchen Schockereignisses und die Erkenntnis, dass das System den „point of no return“ längst überschritten hat, führen dazu, dass man, das ist meine feste Überzeugung, in den nächsten Jahren- zwischen 2012 und 2016 – den Weg der Inflationierung gehen wird.

misesinfo: Inflationierung würde aber normalerweise auch bedeuten, dass die Anleihenrenditen steigen würden. Wenn bis dahin allerdings keine Entschuldung stattgefunden hat, wäre das doch gleichbedeutend mit massiv steigenden Zinslasten in den Staatshaushalten, in den Unternehmensbilanzen und bei den Privaten. Die endgültige Lösung wäre das doch auch nicht. Wir möchten darauf zu sprechen kommen, dass Sie einer der Ersten waren, der den Weg der ‚Financial Repression’ thematisiert hat. Was ist darunter zu verstehen?

In der Tat wäre es so, dass bei steigender Inflation letztlich die Kapitalmärkte einen höheren Zins verlangen, als Inflationsausgleich. Gerade das birgt natürlich in hochverschuldeten Volkswirtschaften die Gefahr eines Kollapses der Anleihenmärkte und genau das gilt es zu verhindern. Derzeit sind wir natürlich noch in einer Phase, in der wir gerade in Ländern wie Spanien und Italien in einer Rezension stecken. Wenn die derzeitigen Maßnahmen der EZB zur Abwendung eines deflationären Kollapses der Anleihenmärkte greifen, dann wird Inflation die Folge sein. Wenn Inflation für die Kapitalmarktteilnehmer, aber auch für die Bevölkerung insgesamt, spürbar wird, dann droht eine Fluchtbewegung aus den Anleihenmärkten, allerdings aus Angst vor dem Kaufkraftverlust des Papiergeldes, nicht aus Angst vor Bankrott von Banken und Staaten. Letzteres war das Motiv der Fluchtbewegung aus den Anleihenmärkten in den letzten 3 bis 4 Jahren. In den nächsten 2 bis 3 Jahren würde sich diese Fluchtbewegung jedoch speisen aus der Angst der Menschen um ihr Papiergeld, um den Charakter des Papiergeldes als Wertaufbewahrungsmittel. Dann droht aus meiner Sicht wirklich eine panikgetriebene Flucht, und die könnte man mit finanzieller Repression unterbinden. Die Amerikaner haben beispielsweise in der Zeit vor 1941 bis 1951 eine Zinsobergrenze von 2,5% für lang laufende Staatsanleihen festgelegt. Dies wurde begleitet von einer gesetzlich festgelegten Zinsobergrenze für alle Bankeinlagen in den USA, diese Grenze lag damals ebenfalls bei 2,5%. Die Inflation lag aber im Jahre 1947, nach Aufhebung diverser Preisstopps, nach dem 2.Weltkrieg bei über 20%, sodass die Halter von Bankeinlagen und Staatsanleihen real enorme Kaufkraftverluste ihres Vermögens in Kauf zu nehmen hatten. Natürlich war das eine andere Phase. Damals sorgte auch der Patriotismus nach dem errungenen Sieg im 2.Weltkrieg dafür, dass die Menschen hier wahrscheinlich viel mehr über sich haben ergehen lassen. Dennoch muss man auch herausstellen, dass Länder wie die USA und Großbritannien mit der Anwendung dieser sogenannten finanziellen Repression ihre Staatsdefizite, die aufgebläht waren durch den Weltkrieg, ganz massiv zurückfahren konnten. Und ich erinnere daran, dass wir selbst in Deutschland von 1937 bis weit in die 60er Jahre hinein Vorgaben von Habenzinsen und Sollzinsen für deutsche Kreditinstitute hatten. Ich beschreibe hier also kein Novum, sondern etwas, das in der Geschichte schon praktiziert wurde. Natürlich müssen sich die Anleger, sollte es zur finanziellen Repression kommen, was derzeit in der Politik noch kein Thema ist, mit historischen Lehren beschäftigen und sie müssen vor allem rechtzeitig handeln. Finanzielle Repression würde auch begleitet von der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, beispielsweise sind ebenfalls Verfügungsbeschränkungen von Konten denkbar. Denken Sie nur daran, dass während der Argentinienkrise in einer Woche nur 250 US $ bar abgehoben werden konnten. Es ist wichtig herauszustellen, dass es in einem Umfeld finanzieller Repression zwar nicht zu einer panikgetriebenen Flucht aus den Anleihenmärkten käme, für Aktien und Immobilien aber wären durchaus Preissteigerungen zu erwarten, das zeigen historische Erfahrungen. Was die Halter von Gold betrifft, so kann ich nur sagen, dass in einem solchen Szenario durchaus die Wahrscheinlichkeit eines Goldverbots steigen würde und schon sind wir bei meinem Lieblingsmetall, bei Silber, wo ich herausstelle, dass die Wahrscheinlichkeit eines Verbots – im Vergleich zu Gold – wesentlich geringer ist.

misesinfo: Das heißt, achtsam und wachsam bleiben. Herr Schulte, danke für das Gespräch.

Zu Thorsten Schulte:

Der Silberjunge ist der bekannte Finanzexperte Thorsten Schulte aus Deutschland, der über langjährige Erfahrung im Bankwesen verfügt.

Thorsten Schulte war von 1999 bis Mitte 2008 im Investmentbanking tätig, wobei er sich eine besondere Kompetenz im Bereich der Edelmetalle erworben hat. U.a. wirkte er als Vice President im Frankfurter Handel der Deutschen Bank sowie als stellvertretender Abteilungsdirektor der Deutschen-Zentral Genossenschaftsbank. Bei der DZ Bank hat er die allerersten Rohstoffinvestments deutscher Volksbanken initiiert und das Gold- und Silberthema seit 2003 besetzt. Seit Jahren rät er mit Entschiedenheit zu Gold- und Silberinvestments. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass immer mehr Bankvorstände die Systemfrage stellen und sich mit Edelmetallen absichern wollen gegen die kommenden Unbilden unseres US-zentrischen Weltfinanzsystems. Kontakte bestehen zu Rohstoffspezialisten, Edelmetallhändlern, Mitarbeitern in Ministerien, EZB, Volkswirten, Investmentbankern und natürlich zu einer Vielzahl von Journalisten. Er hat ein dichtes Informationsnetz gespannt, welches er zum Vorteil seiner Leser nutzt.
Er investiert in Silber seit 2002 und nutzt konsequent jede Marktschwäche zum weiteren Positionsaufbau. Erst wenn ihm die Taxifahrer, Sportfreunde etc. den todsicheren Tipp eines Edelmetallinvestments geben sollten, wird er Vorsicht walten lassen. Aber bis dahin ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg.

Thorsten Schulte ist Deutschlands Silberexperte Nummer 1 und ist gefragter Gesprächspartner für die führenden deutschsprachigen Wirtschaftsmedien in Europa. Aktuelle Interviews, Zeitungsartikel und Analysen von und mit dem Silberjungen finden Sie unter der Rubrik „In den Medien„.

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