Die seelisch-geistige Wurzel der konjunkturellen Verwerfungen – ein Versuch.

Gregor Hochreiter

17.3.2012 – von Gregor Hochreiter.

Die Tulpenmanie, die Amsterdam von 1634-1637 heimgesucht hat und die Preise für Tulpenzwiebel in astronomische Höhen hat schnellen lassen, stellt die Konjunkturtheorie der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ auf eine harte Probe. Wie Douglas French in seiner von Murray N. Rothbard betreuten Diplomarbeit „Early Speculative Bubbles and Increases in the Supply of Money“ nachweist, erhöhte sich damals die gedeckte Geldmenge und er macht diese Ausweitung für die Spekulationskrise verantwortlich: „Die Tulpenmanie wurde erzeugt und genährt durch einen enormen Zufluß von Hartgeld (specie) nach Amsterdam“ (French 1992). Diese Beobachtung steht jedoch in unaufhebbarem Widerspruch zu dem von Ludwig von Mises in seiner Habilitationsschrift „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ (1912) vorgestellten Ansatz, der in der Ausweitung der ungedeckten Geldmenge über den Kreditmarkt die Ursache für das konjunkturelle Auf und Ab sieht. Die in Umlaufbringung von Zirkulationskrediten, denen im Gegensatz zu den Sachkrediten keine reale Ersparnisbildung vorangeht, löst den künstlichen Boom aus, der in Ermangelung genügender realer Ersparnisse über kurz oder lang in sich zusammenbrechen muß. Und solange ernsthaft davon ausgegangen wird, daß nachhaltiger Wohlstand über inflationäre „Bankpolitik und nicht durch Kapitalbildung“ (Mises 1928) erreicht wird, werden die per Saldo wohlstandsmindernden Konjunkturwellen über die Wirtschaft hereinbrechen.

Douglas French, der seit 2009 als Präsident des amerikanischen Mises-Instituts fungiert, kommt in seiner Diplomarbeit zu dem überraschenden Schluß, daß die gesetzlich vorgeschriebene „freie Münzprägung“ schuld an der Tulpenkrise sei. Das Recht auf freie Münzprägung zwang die städtische „Amsterdamer Wechselbank“ das ihr präsentierte ungemünzte Währungsmetall auszuprägen. Deshalb sei mehr Geld in Umlauf gelangt „als der Markt nachgefragt hat“ (French 1992). Innerhalb von lediglich 10 Jahren verzwanzigfachte sich die Anzahl der von der Wechselbank geprägten Goldmünzen, die Silbermünzen legten um das Achtfache zu. Dies alles infolge der spanischen Entdeckung Amerikas, als Unmengen an Silber und Gold in die alte Welt strömten, zunächst nach Spanien und dann aufgrund der freien Münzprägung weiter in die Niederlande. Zudem nahmen von 1633 bis 1638 die Sichteinlagen der 1609 gegründeten „Amsterdamer Wechselbank“ um 60% zu, am Höhepunkt der Spekulationsblase erhöhten sich die – zu 100% gedeckten – Sichteinlagen innerhalb eines Jahres um beispiellose 42%. In seiner Arbeit stellt Doug French nicht in Abrede, daß Zirkulationskredite ebenfalls Spekulationsblasen hervorrufen. Er betont jedoch, daß auch die signifikante Ausweitung der gedeckten Geldmengen einen künstlichen Boom auslösen könne.

Eine erste Erweiterung – Guido Hülsmann

Eine erste Erweiterung der klassischen Konjunkturtheorie der „Österreichischen Schule“ hat Prof.Hülsmann im Artikel „Toward a General Theory of Error Cycles“ (1998) vorgenommen. Die Frage, warum der Unternehmer nach der erstmaligen Irreführung durch die künstliche Zinssenkung diesen Fehler erneut beginge, könne, so Hülsmann, von Mises nicht befriedigend beantworten. Dieser eklatante Erklärungsmangel sei auf den konsequentialistischen Zugang zurückzuführen. Anstatt die Folgen einer Handlung zu untersuchen, müsse das Wesen des Fehlers näher betrachtet werden. Gesucht sei eine Institution, die ihrer gesamten Struktur nach die Menschen dauerhaft dazu bringe, Fehler zu begehen. Eine allgemeine Theorie von Fehlerzyklen hat nicht den unausweichlichen Irrtum vereinzelter Menschen zum Untersuchungsgegenstand, sondern jene zwei Aspekte zu berücksichtigen hat, die der Spezialfall der Konjunkturtheorie ebenfalls behandelt: erstens, warum irren viele Menschen gleichzeitig und zweitens, so sehr irren menschlich ist, so sehr ist es auch menschlich, aus Fehlern zu lernen. Warum haben wir aus den bisherigen Konjunkturkrisen nicht gelernt? Dieses Nicht-erkennen-Können ist umso überraschender, als die ökonomischen, rechtlichen und moralischen Prinzipien, die gegen das Teilreservebankensystem vorzubringen sind, vergleichsweise einfach zu erschließen sind. An erster Stelle steht das bereits in der Antike bekannte Verbot für den Verwahrer, die hinterlegte Sache, die nicht sein Eigentum geworden ist, zu verleihen.

Prof.Hülsmann schließt seine tiefgreifende Ausführungen mit der These, daß nicht Geld, sondern staatlicher Interventionismus ursächlich für den Fehlerzyklus verantwortlich zeichnet. Bastiats bekanntes Diktum „Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben,“ faßt Hülsmanns Standpunkt kurz und bündig zusammen.

Eine Gesellschaft der Extreme

Die Argumentation von Prof.Hülsmann ist bestechend und dennoch dürfte sie am Wesentlichen vorbeizielen.[1] Heutzutage begegnen uns „Konjunkturzyklen“ in vielen Lebensbereichen. Sei es in der Politik, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Technologie und in der Wirtschaft, immer laufen sie nach demselben Muster ab: zunächst ergreift eine Stimmung überdrehter Begeisterung, die über kurz oder lang in das Jammertal der Niedergeschlagenheit stürzt: auf den Börseboom folgt die Rezession, auf die Obama-Manie, folgt die Obama-Depression, auf das euphorisierende Verliebtsein, die frustrierte Enttäuschung und der Partnerwechsel, neue Innovationen werden als Heilsbringer begrüßt, so als ob alle Probleme der Welt mit technischen Hilfsmitteln gelöst werden könnten. Jahre später stellt sich die Ernüchterung ein, doch dann kündigt sich am Horizont schon die nächste Neuerung an, die mit dem selben Versprechen lockt: die Armut der Welt werde in Bälde endgültig überwunden sein. So etwa der Tenor des „The Super-Cycle-Report“, der beim Weltwirtschaftsforum Davos 2011 präsentiert wurde.

Diese Polarisierung zeigt sich nicht nur bei einzelnen Menschen, sondern auch in der Gesellschaft als Ganzes: es leiden immer mehr Menschen an Übergewicht und gleichzeitig greift die Magersucht um sicht, das Lager der Technologiegegner und Technologiebefürworter stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber, ebenso die politischen Parteien sowie die Individualisten und Kollektivisten[2]. Das Verschwinden des Mittelstandes wird allgemein konstatiert, ebenso stehen die kleinen und mittleren Unternehmen massiv unter Druck, bei gleichzeitigem Gründungsboom von 1-Mann-Unternehmen und weiterem Wachstum der Großunternehmen.

Ein Kennzeichen der modernen Gesellschaft ist der „Verlust der Mitte“. Das Gewöhnliche wird verabscheut. Stattdessen glaubt der moderne Menschen, in den Amplituden des Extremen seine Glückseligkeit zu finden. Die Revolution wird zum Programm.

Innovatoren zweiter Realitäten – die seelisch-geistige Dimension

Den Kern der Problematik legt Alfred Müller-Armack in seiner äußerst lesenswerten „Genealogie der Wirtschaftsstile“ (1941) frei, in der er eine interessante Deutung der Tulpenmanie vorlegt: „Ihr [der Tulpenspekulation] tieferer Sinn liegt darin, daß damals ganze Schichten eines Volkes die vorhandenen Pflanzen- und Tierspezies nicht mehr für festgelegte göttliche Schöpfungsgedanken halten, sondern mit der Freude an der Veränderung und dem Eingriff des Menschen in die Natur spielen. […] Die Freude über neue Tulpensorten ist nicht nur ästhetische Freude, sondern Begeisterung an der Macht des Menschen über die Natur, vergleichbar jener heutigen Massenbegeisterung bei jeder Schnelligkeitssteigerung unserer Rennwagen und Flugzeuge.“ Der Kenner von Roland Baaders Schriften fühlt sich unweigerlich an den Titel seines prophetischen Buches „Geld, Gott, Gottspieler“ erinnert. Das Gottspielertum bezieht Baader allerdings nur auf die Zentralbanker. Müller-Armack weitet diese Urversuchung des Menschen, das „Ihr werdet sein wie Gott“ der Schlange (Gn 3,5), – vollkommen zu Recht – aus. Und in der Tat zeigt sich das Gottspielertum heutzutage in so gut wie allen Lebensbereichen: Rechtspositivismus, schöpferischer Kredit, PIS[3] und künstliche Befruchtung, Sozialingenieurswesen, Gender-Mainstreaming, …

In dieselbe Kerbe schlägt der österreichisch-amerikanische Philosoph Eric Voegelin, der zu den ständigen Mitgliedern des Mises-Privatseminars zu Wiener Zeiten zählte. In dem vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienen Essay „Realitätsfinsternis“ (im engl. Original „Eclipse of Reality“) findet sich einer seiner Hauptgedanken in kondensierter Form. Den modernen Menschen charakterisiert er dahingehend, daß er die Welt nicht mehr als Schöpfung Gottes und damit als gegeben annimmt, sondern sich als „Innovator“ die Welt erst schafft. Der moderne Mensch entwirft „zweite Realitäten“, die notwendigerweise im Widerspruch zur tatsächlichen Wirklichkeit stehen.[4] Das Begriffspaar System-Ordnung drückt Voegelins Gedanken ebenfalls aus. Die Ordnung ist dem Menschen nicht nur gegeben, der Mensch selber ist Teil dieser Ordnung. Die ideologischen Systeme haben dagegen ihren Ursprung im Menschen. Ihr typisches Merkmal ist die Überhöhung eines Aspektes der menschlichen Existenz, die Absolutsetzung dessen, das nicht absolut ist.[5] Und im Regelfall stellt sich der Konstrukteur eines Systems außerhalb des Systems.

Des weiteren verlegt der moderne Mensch das Paradies, im christlichen Sinne die ewig glückseligende Schau Gottes (lat. fruito Dei), in die Gegenwart hinein. In der Terminologie Voegelins: der moderne Mensch immanentisiert das Eschaton. Nicht erst der Verweis auf die gefallene Natur des Menschen, schon allein die unvoreingenommene Betrachtung der Mitmenschen und die Innenschau belegen, daß der Mensch diesen ewigen Zustand in der Vergänglichkeit des Irdischen nicht erreichen kann. Wir sind in unserer Erkenntnis begrenzt und wir geben unseren Schwächen nach, obwohl wir um die schlechten Folgen dieser Handlungen wissen. Zudem würde in diesem Endzustand die Freiheit des Menschen aufgehoben. Die Moral und die Institutionen, die das irdische Paradies kennzeichnen, dürfen sich nicht mehr ändern. Hier begegnet uns der jeder Ideologie eigene innere Widerspruch. Nur die Unterordnung der Freiheit unter die Wahrheit, unter das, was ist, schützt die Freiheit vor ihrer Selbstauflösung.

Fazit

Der moderne Mensch versucht das schlechthin Unmögliche. Er versucht die Realität nach seinem eigenen Bilde zu entwerfen. An diesem Unterfangen muß der Mensch scheitern. Wenn sich unsere Vorstellung von der Wirklichkeit und die Wirklichkeit nicht decken, sind wird dazu verdammt, den begangenen Fehler zu wiederholen. Weil der moderne Mensch das Unmögliche zu erreichen versucht, rennt er fortwährend gegen die Wirklichkeit an und „[schwankt] deshalb fortwährend zwischen Hochgestimmtheit und Verzweiflung, Zynismus und Vitalismus, „in eskapistischer Konversion“ mal hierhin mal dorthin sich drehend,“ weil „[d]er Mensch […] das Einfache nicht mehr [wagt]: zur Realität zurückzukehren.“ (Renzo Spielmann (DT, 9.10.2010)) Und nach Jahrhunderten der schrittweisen Entkernung der Realität hat sich der kollektive Realitätsverlust in unseren Institutionen des permanenten Wandels gefestigt. Was in Amsterdam mit einer ersten hysterischen Übertreibung begann, hat sich in den folgenden Jahrzehnten institutionell verfestigt. In einer Scheinwelt wird mit Scheingeld bezahlt. Unsere gegenwärtigen Institutionen spiegeln unser manisch-depressives Gemüt wider, das dann, und nur dann, zur Ruhe gelangt, wenn wir erneut die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit anzunehmen bereit sind. Dies bedeutet nicht, daß Institutionenreformen wie die gesetzliche Unterbindung des Teilreservebankensystems die Rückbesinnung nicht einleiten können. Ohne Wiedergewinnung der Realität werden die Reformen allerdings binnen kurzer Zeit zurückgenommen werden. So kommt auch die Ökonomie nicht umhin, sich ernsthaft die Frage nach der ersten Realität – der sichtbaren, wie unsichtbaren – zu stellen. Denn die Konjunkturzyklen im Allgemeinen und der ökonomischen Konjunkturzyklus im Speziellen ist nicht dem staatlichen Eingriff per se zuzuschreiben, sondern der Auflehnung des modernen Menschen gegen die Wirklichkeit, gegen den fleischgewordenen Logos.[6]

[1] U.a. deswegen, weil in der abendländischen Auffassung der Staat als für das friedliche Zusammenleben der Menschen unumgängliche aufgefaßt wird. Die Aufgaben des Staates sind stark begrenzt, sowohl vom Gemeinwohl als auch von den subsidiären Rechten der untergeordneten Einheiten wie auch der Würde des Menschen. Eine umfassende Begründung dieser Position würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. Zentraler anthropologischer Unterschied ist, daß die Tradition den Menschen nicht als sich selbst genügendes Individuum betrachtet, sondern als soziales Wesen, das in der Ausrichtung auf den anderen erst sein Mensch-sein vollständig verwirklicht.

[2] Die abendländischen Tradition versteht den Menschen als zoon politikon und vereint in sich die Individual- und Sozialnatur

[3] Präimplantationsselektion. Der Begriff beschreibt den eigentlichen Vorgang der Aussortierung unwerten Lebens treffender als die irreführende Bezeichnung Präimplantationsdiagnostik.

[4] An anderer Stelle führt Voegelin den Begriff der „Pneumopathologie“ ein, der die Erkrankung der Seele bezeichnet. Da in der abendländischen Tradition die Seele als das Lebensprinzip alles Lebendigen gilt, gleichsam der Motor, der den Menschen bewegt, ist das Anrennen gegen die Wirklichkeit ursächlich auf die Erkrankung der Seele zurückzuführen. Dieser pathologische Zustand bildet im Laufe der Zeit kranke Institutionen aus.

[5] Theologisch ist vom Götzendienst zu sprechen.

[6] Für eine politisch-theologische Untersuchung siehe das äußerst lesenswerte Buch: „The Jewish Revolutionary Spirit and its Impact on World History“ von E.Michael Jones.

Ein längere Fassung dieses Beitrages erschien in „eigentümlich frei“ im März 2011.

Mag. Gregor Hochreiter studierte Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien und  aufbauend European Studies in Aalborg, Dänemark. Danach Tätigkeit am Centre for European Studies in Brüssel. Gründer und ehemaliger Mitarbeiter des in Wien ansässigen „Institut für Wertewirtschaft“.

 

 

 

 


 

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